Chrome Web Store:
Aus Webanwendungen werden Apps

Google hat mit dem Chrome Web Store seinen App Store für den Browser gestartet. Dessen größtes Potenzial könnte in kostenpflichtigen Anwendungen liegen.

Am Dienstagabend hat Google wie bereits in Linkwertig erwähnt seinen Chrome Web Store scharf geschaltet. Über die Plattform für den Chrome-Browser (der mittlerweile von 120 Millionen Menschen genutzt wird) und das im kommenden Jahr marktreife Chrome OS können Nutzer in HTML5 und anderen gängigen Browser-Programmiersprachen geschriebene Apps installieren. Wir hatten hier und hier die Hintergründe des Chrome Web Store beleuchtet.

Als ich die offizielle Meldung zum Chrome Web Store im Google-Blog las, war ich anfänglich enttäuscht: Der Mitteilung zufolge sei das neue Feature nämlich vorerst nur für US-Nutzer verfügbar. Anfang 2011 sollen weitere Länder hinzukommen.

Diese leicht frustrierende Anmerkung hinderte mich jedoch nicht daran, den Link zum Web Store trotzdem anzusteuern: Zu meiner Überraschung erhielt ich nicht den erwarteten Hinweis, dass die aufgerufene Seite in meiner Region noch nicht zugänglich sei, sondern ungehinderten Zugang zur Store-Oberfläche. Auch die Installation einzelner Applikationen lief problemlos ab. Warum dies entgegen Googles Ankündigung funktioniert, ist mir nicht klar – ich bin jedenfalls nicht der Einzige, bei dem der Zugriff auf den Store möglich ist. Probiert es aus, solange es klappt!

Rund 500 Applikationen sind zum Start im Store erhältlich, die meisten davon kostenlos. Zu den bekannteren Anwendungen gehören beispielsweise die Twitter-/Social-Web-Clients TweetDeck und HootSuite, der Speicherdienst Fiabee (unser Review) und die Flugsuchmaschine Hipmunk (unser Review). Jede App besitzt eine Profilseite mit Screenshots, einer Beschreibung, Benutzerbewertungen sowie Angaben zur Zahl wöchentlicher Installationen und aktiver Anwender.

Ein Klick auf “Install” lädt die notwendigen Dateien für die App herunter. Alle installierten Anwendungen werden auf der beim Öffnen neuer Tabs oder Fenster erscheinenden Chrome-Startseite aufgelistet und können von dort initiiert werden.

Der Unterschied zwischen einer herkömmlichen Browseranwendung, welche über die Eingabe einer URL angesteuert wird, und einer Chrome-App liegt in der engeren Integration mit dem Browser sowie in weitreichenderen Befugnissen für Chrome Apps, wodurch zum Beispiel Popup-Benachrichtigungen möglich werden, selbst wenn Chrome lediglich im Hintergrund geöffnet ist. Chrome Apps können jedoch theoretisch auch in anderen Browsern genutzt werden, selbst wenn dann eventuell einige spezielle Features nicht zur Verfügung stehen.

Viele der präsentierten Anwendungen sind ihren herkömmlichen Browseroberflächen sehr ähnlich – manche wie beispielsweise der zu Google gehörende Fotoeditor Picnik schicken User auch einfach zu ihrer herkömmlichen Website. Sehr ansprechend und komplett anders als die Standard-Oberfläche präsentiert sich hingegen die App der New York Times (Direktlink). Auch USA Today hat sich für seine Applikation ein neues Antlitz verliehen.

NYT (oben) vs NYT Chrome App (unten)

In der Kategorie kostenpflichtiger Anwendungen finden sich zum aktuellen Zeitpunk hauptsächlich Spiele. Ein Klick auf “Buy and Install” leitet Nutzer zu Googles Zahlungsdienst Checkout weiter, bei dem eine einmalige Eingabe der Kontodaten erforderlich ist. Sehr erfreulich ist die Option, jeden Kauf innerhalb von 30 Minuten nach dem Erwerb rückgängig machen zu können (in der Praxis bedeutet dies, dass Kartenzahlungen von Google erst nach Ablauf der 30 Minuten veranlasst werden).

Entwickler können neben einer kostenpflichtigen Variante auch eine zeitlich begrenzte Testversion anbieten, die über die selbe App-Profilseite angepriesen wird. Apps lassen sich sowohl gegen eine einmalige Gebühr als auch in Form eines monatlichen/jährlichen Abonnements anbieten (z.B. hier). Die Möglichkeit zu In-App-Käufen soll 2011 kommen.

Fazit
Der Chrome Web Store ist sicherlich (noch) keine Revolution. Stattdessen gibt er momentan eher den Anschein eines (unvollständigen) Verzeichnisses von Onlinediensten mit der zusätzlichen Option, diese separat von herkömmlichen Bookmarks abspeichern zu können. Je mehr Apps jedoch hinzukommen, je stärker sie von den Freiräumen Gebrauch machen, die ihnen die enge Verzahnung mit Chrome erlaubt, und je größer der Erfolg von Chrome OS ausfällt, desto eher wird sich der Store seine Existenzberechtigung verdienen.

Als herausragendstes Feature könnte sich am Ende die Möglichkeit erweisen, von Anwendern für die Nutzung einzelner Apps Geld zu verlangen. Google bietet Anbietern von Dienstleistungen und Inhalten einen neuen Weg der Monetarisierung und zweigt sich mit 5 Prozent plus einmalig 30 US-Cent weniger Umsatzbeteiligung ab, als Developer dies von Android- und iOS-Apps gewöhnt sind (dort müssen 30 Prozent der Umsätze abgetreten werden).

Wenn es am Ende auch nur einen Grund gibt, warum es überhaupt sinnvoll sein sollte, Browseranwendungen in App-Form anzubieten, dann womöglich, weil sich dadurch Inhalte und Services besser verkaufen lassen.

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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15 Kommentare

  1. Erstmal danke für deinen Trackback.
    Ich kam erst über deinen Artikel darauf, dass es eigentlich seltsam ist, dass ich auf den Store zugreifen kann. Vermutlich liegt das aber daran, dass ich einen amerikanischen Google-Account habe…?

  2. Ich dachte auch, dass das bei mir der Grund wäre. Aber auch nach einer Umstellung der Suchsprache auf DE ändert sich nichts (eine andere, zentrale Länderumstellung ist mir nicht bekannt – dir?), und auch meine Freundin konnte problemlos auf den Store zugreifen – obwohl sie ebenfalls keinen US-Account hat.

  3. Kann ebenfalls auf den Store zugreifen, ohne US-Account.

  4. Ich bin mir nicht sicher, dass der Chrome App-Store KEINE Revolution ist. Er ist an sich sicherlich nicht spektakulär, da das Prinzip inzwischen gut eingeführt ist. Andererseits gab es dieses Prinzip eben für Web-Anwendungen bislang nicht, was durchaus eine zumindest kleine Revolution ist. Was mit dem Chrome Store ja nun auch erstmalig möglich ist, ist eine (für Anwender und Entwickler) einfache und komfortable Monetarisierung. Da steckt Musik drin. Bei Dir klingt wie ein Nebenkriegsschauplatz. Ich denke, es ist ein sehr wichtiger. Viele der besten Apps speziell für iOS kommen von kleinen, jungen Entwicklungshäusern. Die finden die Entwicklung mobiler Apps auch deshalb so spannend, weil der App-Store und die In-App-Verkäufe mühelos Einnahmen generieren – wenn die App denn gut und erfolgreich ist. Dieses Modell auf Web-Apps zu übertragen, macht Sinn und wird nicht ohne Folgen bleiben. Genauso wie Apple’s App-Store für Desktop-Anwendungen vielen kleinen Entwicklungshäusern neue Chancen bieten wird.

    Aber selbst abseits dieses Aspekts scheinen Apps den Nerv der Anwender zu treffen. Sie sind aus vielerlei Gründen bei Anwendern extrem beliebt. Es wäre ein Wunder, wenn das im Browser anders wäre.

    Zudem: Die Apps im Chrome Web Store sind keine Chrome Apps. Es sind Web Apps. Sie können, wie Du auch schon gesagt hast, ggf mit wenigen Einschränkungen in allen modernen Browsern funktionieren. Tatsächlich tun das einige auch, die ich im Safari auf dem iPad getestet habe. Und die User-Experience ist in einigen Fällen sehr gut. Selbst Touch und Swipe wird manchmal unterstützt.

    Ich sehe hier deshalb einen Trend sich fortsetzen: weg von prinzipiell statischen, der Seitenmetapher verhafteten Web-Angeboten und hin zu interaktiven Applikationen (auch, wenn es sich mal um seitenbasierte Magazine handelt). Diese Applikationen sind nun aber wieder web-basiert, im Gegensatz zu denen vom iPhone, Android, Nokia oder Samsung. Sie können die Vernetzungen über das Social Web viel einfacher und eleganter unterstützen als diese native Apps auf den mobilen Plattformen tun.

    Vielleicht sind solche Web-Apps deshalb ein fast idealer Kompromiss: sie verbinden die (zumindest potentiell vorhandene) Benutzerfreundlichkeit der Apps mit den Vorzügen des vernetzten Webs. Zumindest können sie das tun …

  5. Markus du hast doch wohl das kleine “(noch)” nicht übersehen? ;)

    Ich sehe durchaus revolutionäres Potenzial, genau wie du speziell in Hinsicht Monetarisierung.

  6. Die Webseiten sind Tot und werden zu Bezahl Apps, so könnte man die Idee wohl Beschreiben.
    Der Zugang zu Webseiten und Internet-Angeboten soll wohl künftig nicht mehr über eine URL erfolgen sondern über eine App auch auf dem Desktop.

    Ob dies nun das Internetangebot Revolutionieren wird wage ich zu Bezweifeln aber zumindest die Pay-Content Verfechter weden hier in Jubel ausbrechen.
    Der gebeutelte Nutzer muss sich wohl eher auf weitere Kosten neben der seines Internetanschlusses einstellen.
    Wieviel wird in Zukunft die Flatrade seines Providers noch Wert sein wenn er jede zweite Internetseite nur noch über eine Bezahl App erreichen kann und dank Aufkündigung der Netzneutralität dann noch für viele Traffic etxra zahlen muß?
    Früher sprach man vom Autofahrer als Melkkuh der Nation, zukünftig soll es wohl der Internetnutzer werden ?

    Es könnte auch Gutes bringen , denn dadurch wird vielleicht die Offline Welt wieder Interessannter …..

    • Der gebeutelte Nutzer

      Achje

    • Kommentare wie dieser machen mich traurig. Sie bestätigen Laien gegenüber leider immer wieder das – falsche – Bild von den Internetnutzern, die Alles, Jetzt Gleich und Für Umme haben wollen und das für eine Art Menschenrecht halten.

      @Mika: willkommen im realen Leben, in dem Menschen, die viel Zeit und Geld in etwas investieren und es dann anderen geben, dafür gerne auch etwas zurückbekommen. Was sie zurück bekommen wollen, ist unterschiedlich. Manche hätten gerne Geld. Wollen wir ihnen nicht die Entscheidung überlassen? Es muss ja keiner diese Angebote annehmen … :)

    • Wieso kostet Essen im Supermarkt etwas? Unglaublich. Autos kosten auch Geld? Ach wie. Miete zahlen? Was für Anfänger. Ich könnte das weiter schreiben bis Martin’s Blog platzt. @Mika, das Leben kostet Geld. Auch im Internet. Und wir Softwarefuzzies haben nichts von der Flatrate, die bekommt ganz alleine dein Provider. Vielleicht denkst du mal drüber nach, wovon wir Programmierer leben sollen, wenn uns keiner was gibt. Das würde mich freuen.

  7. Und bevor ich’s vergesse: Auch ich kann auf den Store zugreifen! :) Sowohl von einem uralten GMail-Account aus, als auch von drei frischen Googlemail-Accounts aus den letzten 5 Jahren … Scheint nicht so, als wollten die wirklich bis zum neuen Jahr warten.

  8. Hallo Martin,
    ich habe jetzt auch noch Zugriff zum Store und habe meinen Chrome Browser mal richtig gepimpt. Schade, dass es mit dem Betriebssystem noch nicht klappt und Google Voice in Deutschland auch noch nicht so geht. Google wird aber alsbald gaaaanz weit oben stehen. Ich liebe es.

  9. Also ich fand die User Experience mit den neuen Web Apps schon ziemlich revolutionär. Es fühlt sich ganz anders an, z.B. die NYT als App zu lesen als in Form einer klassischen Website.

    • Stimmt! Und das schöne an dieser User-Experience ist, dass Sie auf HTML (5) basiert und die Unternehmen, die diese Apps bauen, den Aufwand auf vielen anderen Plattformen einsetzen können. Der News-Reader Flipboard ist beispielsweise Partnerschaften mit einigen wichtigen Publishern in den USA eingegangen und diese haben daraufhin ihre Sites leicht modifiziert. Im Endeffekt kann man nun auf dem iPad (innerhalb von Flipboard) die entsprechenden Publikationen genauso lesen, wie die “NY Times for Chrome”. Und ich möchte wetten, dass die entsprechenden Anpassungsmaßnahmen in beiden Fällen nahezu identisch sind. HTML5 rulez!

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  1. [...] können heute schon im Chrome Browser ausprobiert werden. So ist vor einigen Wochen beispielsweise der Chrome Web Store gelauncht worden, über den sich Applikationen im Browser “installieren” lassen. Die Apps und [...]

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