Google TV und die Fernsehsender:
Bremsklotz für die Medienkonvergenz

Google TV soll das Fernsehen revolutionieren. Solange sich aber die Sender gegen das Vorhaben sperren, ist dieses Ziel kaum zu erreichen.

Seit einigen Wochen gibt es in den USA erste Hardware mit Googles in Kooperation mit Sony, Logitech und Intel lancierter Fernsehplattform Google TV. Die auf Android basierende Software, die sowohl in Form von Set-Top-Boxen als auch vorinstalliert auf internetfähigen Fernsehgeräten vertrieben wird, möchte nichts Geringes erreichen, als Fernsehen zu revolutionieren und zeitunabhängiges, vom Zuschauer bestimmtes Betrachten von Wunschinhalten endlich Realität werden zu lassen. Europäer sollen in der ersten Hälfte des kommenden Jahres Geräte mit Google TV erwerben können.

Leider scheint der Start des ambitionierten Vorhabens nun doch weniger geschmeidig zu verlaufen, als sich Google und seine Partner dies erhofft haben: Denn dummerweise spielen diejenigen bei dem Projekt nicht mit, die eine wichtige Zutat mitliefern: Inhalte. Alle vier großen TV-Stationen in den USA hindern den in Google TV integrierten Browser mittlerweile daran, auf ihren Websites angebotene Videos abzuspielen.

Während US-Nutzer also über das Notebook problemlos auf Serien und Shows zugreifen können, die auf den Websites von ABC, CBS, NBC und Fox zu finden sind, ist dies über Google-TV-Geräte nicht möglich. Auch die beliebte Videosite Hulu, ein Joint-Venture von NBC, Fox-Eigentümerin News Corp sowie Disney, ist offiziell nicht Google-TV-fähig (inoffiziell gibt es Wege).

Die Folge: Google TV bietet zur Zeit für Anwender weniger, als dies bei einer Verkabelung des heimischen Rechners mit einem Fernsehapparat der Fall ist – kostet dafür aber in Form der entsprechenden Hardware einige Hundert Dollar zusätzlich.

Für den anstehenden Verkaufsstart in Deutschland sehen die Aussichten kaum besser aus. “Die deutschen Privatsender blicken mit Sorge auf Google TV”, so berichtete es heise am Freitag. In bekannter Rhetorik deutscher Medienmanager heißt es vom Vizepräsident des Verbandes Privater Rundfunk und Telemedien (VPRT) Tobias Schmid: “Inhalte abgreifen und Geld machen, das geht nicht.”

Wie so oft bei Aussagen hiesiger Medienvertreter zu neuen digitalen Diensten außerhalb ihres Einflussbereiches ist dies eine unangemessene Simplifizierung der Situation: Wer als Google-TV-Nutzer über die Website einer TV-Station oder über eine eventuell in die Software integrierte Suchefunktion ein Programm ansteuert, bekommt nach wie vor die vom jeweiligen Sender mitgelieferten Anzeigen und Spots zu Gesicht.

Dennoch benötigt man nicht sonderlich viel Empathie, um die Besorgnis der Privatsender nachvollziehen zu können: Natürlich besteht die Gefahr, dass Google TV und vergleichbare Ansätze wie z.B. Boxee langfristig das Zuschauerverhalten auf eine Art verändern, die dem Geschäftsmodell der Privatsender nicht dienlich ist. Der aktive, unberechenbare Nutzer, der sich mit einigen Klicks die Rosinen aus dem Programm diverser Kanäle sowie aus den Angeboten zahlreicher Videosites im Web herauspicken kann, stimmt nicht wirklich mit dem passiven Zuschauer überein, den die Privaten sich idealerweise wünschen, und der sich möglichst lange von dem ihm vorgesetzten Programm (sowie den dazu ausgelieferten Werbespots) berieseln lässt.

Trotz dessen bin ich geneigt festzustellen: Wenn die privaten Fernsehsender selbst keine Innovationen zum Erreichen einer Verschmelzung von Fernsehen und Internet auf den Weg bringen, dann macht es eben ein anderer (in diesem Kontext bin ich extrem gespannt auf die geplante gemeinsame TV-Plattform von RTL und ProSiebenSat.1). Und selbst wenn sie Google TV blockieren, sorgt dies maximal für eine Verzögerung der Entwicklung, nicht aber für eine Rückkehr zu alten Rahmenbedingungen (oder “Normalität”, wie es die Privaten vielleicht selbst bezeichnen würden). Aufzuhalten ist die Medienkonvergenz nicht mehr.

Insofern empfiehlt es sich für die deutschen Sender, offen mit Google über Möglichkeiten der Integration zu sprechen, die sowohl die finanziellen Interessen der beteiligten Parteien berücksichtigen, als auch (und speziell) für die Zuschauer Mehrwert bringen. Die Notwendigkeit, extra den Browser öffnen zu müssen und “händisch” auf den Sender-Websites nach Clips zu suchen – selbst wenn diese nicht blockiert werden – ist nämlich auch nicht gerade das, was man sich von einer bequemen, ans Netz angebundenen TV-Plattform auf dem heimischen Fernseher erwartet. Google TV bietet Möglichkeiten zur Integration speziell angepasster Apps. Damit könnten und sollten die Sender punkten!

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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4 Kommentare

  1. sehe ich nicht so. inhaltelieferanten tun gut daran, sich nach möglichkeit nicht einer distributionsplattform einer fremden firma auszuliefern. und zwar solange es irgendwie zu vermeiden ist und nicht eigene komparative wirtschaftliche nachteile beinhaltet. deshalb ist es für die sender als content-anbieter sinnvoll, gerade in diesem anfangsstadium die inhalte geschlossen zu blockieren. denn wenn google-tv erstmal nennenswerte inhalte besitzt und somit für den user attraktiv wird, ist es zu spät.

    selbiges gilt übrigens für alle individuellen daten, die man an fremde kommerzielle entitäten übergibt, z.b. die eigenen userdaten auf facebook. man muss in diesen fällen immer abwägen, ob es genug mehrwert für einen ergibt, damit sich der deal lohnt.

  2. Augen zu, Blockadehaltung und hoffen, dass alles von alleine vorübergeht. Diese von dir gemachte Empfehlung hat ja schon für die Musikindustrie gut funktioniert ;)

  3. in diesem fall erscheint mir die blockadehaltung der sender durchaus sinnig, da google kaum eigene inhalte zu bieten hat und abhängig von den großen content-lieferanten ist. aber wo kein content, da keine user.
    google kriegt die kritische masse an inhalten ja immer nur bei geschicktem ausnutzen des opt-out prinzips und gleichzeitig ausreichend großer diversität der content-zulieferer. siehe suchmaschine, siehe news, siehe streetview.

  4. Ob Google TV die Lösung ist … Es scheint für den Nutzer enorm attraktiv. Allerdings werde ich mein Glück nun mit Boxee versuchen.
    Die “Kopf in den Sand”-Methode ist auch dem ein oder anderen Verlag nicht bekommen. Die User verlangen laut nach besseren, flexibleren Angeboten und die werden sich entwickeln. So oder so.

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