Location Based Services:
Wieso mich eine deutsche
foursquare-Version kalt lässt

foursquare will noch 2010 eine an den deutschen Markt angepasste Version veröffentlichen – ein Schritt, der foursquare hierzulande nur wenig helfen wird.

Ich erinnere mich noch, mit welcher Spannung ich Anfang 2008 auf den damals bevorstehenden Launch einer deutschsprachigen Facebook-Version gewartet habe. Einerseits wollte ich natürlich der Erste sein, der die Kunde von der Liveschaltung von facebook.de verbreiten konnte. Andererseits war ich aber auch überzeugt davon, dass das zu diesem Zeitpunkt hierzulande etwas mehr als eine halbe Million Mitglieder zählende Social Network erst mit einer deutschen Sprachversion so richtig ins Rollen kommen würde. Ungefähr so kam es dann ja auch.

Etwas weniger aufgeregt aber immerhin noch durchaus neugierig war ich, wie es wohl LinkedIn mit der im Februar 2009 gestarteten deutschsprachigen Version ergehen und welche Auswirkungen dieser Schritt auf den hiesigen Marktführer Xing haben würde.

Gestern nun verkündete das ZDF-Blog Hypeland nach einem Gespräch mit foursquare-Mitgründer Dennis Crowley, dass der Check-in-Pionier noch in diesem Jahr mit Hilfe der User eine explizit an den deutschen Markt angepassten Variante lancieren möchte.

Meine Reaktion? Schulterzucken.

Geschätzte 40.000 aktive Nutzer hat foursquare in Deutschland (rund vier Millionen weltweit), also eine verschwindend geringe Zahl. Der Grund dafür liegt nicht primär in den fehlenden Englischkenntnissen der restlichen User (Facebook hatte immerhin bis zu 700.000 Mitglieder in Deutschland, bevor es ins Deutsche übersetzt wurde), sondern in der Tatsache, dass mobile Location Based Services mit Check-In-Features bisher lediglich ein Nischenkonzept darstellen, das von einer kleinen Zahl begeisterter und experimentierfreudiger Social-Web-Liebhaber angenommen wird.

Es besteht kein Zweifel, dass Funktionen wie der Check-In an einem Ort in Zukunft auch bei sich weniger intensiv und bewusst im Netz aufhaltenden Anwendern an Popularität zulegen werden. Doch der Nutznießer dessen wird nicht etwa foursquare heißen, sondern Facebook. Mit dem kürzlich gestarteten Facebook-Orte bietet das in Deutschland über elf Millionen User zählende blau-weiße Social Network ähnliche Features wie foursquare (ok, Badges und “Mayorships” fehlen) und wird diese demnächst mit allerlei Sonderangeboten und Rabatten von Kooperationspartnern in den Markt drücken. Dass foursquare in seiner aktuellen Ausrichtung im Kampf David gegen Goliath in Deutschland bestehen können wird, wäre sehr verwunderlich.

Zudem gibt es mit friendticker und Qype bereits zwei heimische Anbieter, die ebenfalls auf Check-Ins setzen und deutlich engere Beziehungen zu Gastronomen und Einzelhändlern besitzen (und damit eher mit Facebook konkurrieren können) als das bisher überhaupt nicht in Deutschland präsente foursquare.

Fairerweise sei gesagt, dass sich foursquare der prekären Lage durchaus bewusst ist und Bereitschaft zeigt, in neue Gefilde vorzustoßen und sich stärker von Facebook-Orte zu differenzieren. Das kann sicher funktionieren. Dass allerdings mit einer deutschsprachigen Version große Würfe zu machen sind, glaube ich nicht.

Was das New Yorker Startup natürlich machen könnte, wenn ihm der hiesige Markt wirklich wichtig ist: friendticker kaufen.

Was glaubt ihr – hat foursquare in Deutschland mit einer lokalisierten Version eine Chance, den großen Durchbruch zu erzielen?

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12 Kommentare

  1. Jan
    schrieb am 12. November 2010 um 16:16 Uhr (#)

    Was heißt schon großer Durchbruch? Ich glaube, dass Foursquare deutlich intelligentere Monetarisierungsstrategien und -möglichkeiten haben wird, als z.B. Twitter. Und das ist doch immerhin was.

    1. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
      schrieb am 12. November 2010 um 18:01 Uhr (#)

      Mag sein. Ohne viele Nutzer bringen aber selbst die besten Monetarisierungsstrategien wenig ;)

  2. Mike Schnoor
    schrieb am 12. November 2010 um 16:17 Uhr (#)

    Nach sechsmonatiger Nutzung von Foursquare war ich bereits enttäuscht. Da hilft auch keine lokalisierte Variante, wenn das Spielprinzip langweilig wird. Außerdem zeigen die 40.000 User in DE doch nur, dass Foursquare auf dem verhältnismäßig wenig verbreiteten iPhone und Android genutzt wird. Der breiten Masse bleibt nur der umständliche Weg über die Web-Version. Und die Tatsache, dass doppelte, teils zehnfache Venues für den gleichen Ort angelegt sind, reduziert den Nutzwert von foursquare gewaltig.

  3. thomas wunsch
    schrieb am 12. November 2010 um 18:26 Uhr (#)

    alles richtig was sie schreiben. aber zwei dinge sind vlt. zu bedenken.
    immer mehr unternehmen werden solche dienste für ihr marketing verwenden, etwa dadurch, dass man virales marketing an den aufenthaltsort koppelt. denken sie bitte an den facebook-dienst “deals”, der in usa gestartet ist und genau dieses tut.
    zum anderen bin ich der ansicht, dass solche standortabhängigen dienste ein enormes potenzial hinsichtlich klassischer werbung haben. stellen sie sich vor, sie sind in der königstraße in stuttgart und lassen zu, dass sie (für eine bestimmte zeit) werbung von geschäften aus ihrer umgebung erhalten wollen.

    mfg
    th. wunsch

    1. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
      schrieb am 13. November 2010 um 03:18 Uhr (#)

      Klar, die Möglichkeiten sind enorm. Imo jedoch in De primär für Facebool und sekundär für friendticker, das bereits diverse Vergünstigungen und Freebies für Check-Ins anbietet.

      (Deals ist im Artikel auch erwähnt, allerdings nicht namentlich)

  4. Sven Frauen
    schrieb am 13. November 2010 um 13:38 Uhr (#)

    Nach 10 monatiger Nutzung von foursquare und einigen Diskussionen mit Freunden, warum man foursquare nutzen sollte, fällt meine Bilanz recht ernüchternd aus. Viele habe ich nicht überzeugt, foursquare mal auszuprobieren oder regelmäßig zu nutzen. Die Gründe waren meist ähnlich: kein Nutzen, Datenschutzbedenken, Eingriff in die Privatsphäre, viel zu viel Aufwand. Und ohne einen großen Freundeskreis in foursquare ist der Nutzen des Services doch recht beschränkt. Ich denke Location Based Services haben es vor allem in Deutschland recht schwer zu überzeugen, man muss ja nur mal sehen für wie viel Aufschrei Google StreetView sorgt. Insofern stimme ich zu, dass da eine deutsche Version nicht viel mehr hilft.

    Was helfen würde, wäre eine viel größere Auswahl an Deals. Die Deutschen sind ja bekannt als Schnäppchenjäger und stellen dafür dann auch wieder bereitwillig ihre Daten zur Verfügung.

    Facebook dürfte allein durch die Verbreitung in Deutschland und den eigebauten Service in ihrer App schnell eine viel bessere Verbreitung finden. Ich sehe da in meinem Freundeskreis bereits jetzt eine häufigere Nutzung als bei foursquare. Wenn sich Facebook in Deutschland dann auch noch mit den Deals beeilt, dürfte foursquare leider kaum eine große Chance haben.

  5. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 14. November 2010 um 02:15 Uhr (#)

    Ja, Deals dürften das Zugpferd werden. Und ich sehe das wie du – hier wird Facebook abräumen, sobald das Deal-Feature hierzulande startet und aktiv bei Unternehmen beworben wird.

  6. ortho
    schrieb am 14. November 2010 um 21:09 Uhr (#)

    Sorry, aber geht es hier nur um Gastronomen und Einzelhändler?

    1. thomas wunsch
      schrieb am 15. November 2010 um 10:37 Uhr (#)

      nein, es geht nicht nur um gastro oder einzelhandel, es geht um alle sog. “komm-geschäfte”, also geschäftsmodelle, bei denen der kunde in die geschäftsräume kommt. imo ist das aber nur der sanfte anfang – wir werden erleben, dass deals (und hier beziehe ich mich auf den gleichnamigen facebook-dienst) von ort und zeit abhängig gemacht werden. wer sich zu einer bestimmten zeit in der kölner innenstadt einloggt wird in den geschäften rund um die domplatte einen discount bekommen – egal wann dieser in anspruch genommen wird.
      oder wer sich am deutschen weiterbildungstag in der innenstadt einloggt wird bei der örtlichen volkshochschule für den nächsten kurs blablabl – ihr sehr wohin das gehen kann und wird.

      und – jaaaaa!! – wir deutschen sind schnäppchenjäger ;-))

  7. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 15. November 2010 um 01:55 Uhr (#)

    Kannst diese Frage noch etwas weiter ausführen?

  8. Tobias Schwarz
    schrieb am 15. November 2010 um 23:25 Uhr (#)

    Foursquare wird wahrscheinlich aufgrund der hohen Mitgliederzahlen von Facebook eindeutig den Kürzeren ziehen, aber momentan halte ich Foursquare noch für attraktiver als Facebook Local. Und Rabatte gibt es bis jetzt ja kaum in Deutschland mit Foursquare, trotzdem macht es mehr Spass. Vielleicht kann es überleben, wenn auch nicht als Marktführer.

  9. Thomas
    schrieb am 2. Dezember 2010 um 16:13 Uhr (#)

    Hm, oder Google kauft Groupon, verknüpft es mit Latitude und liefert jedes Android-Phone mit vorinstallierter App aus… dann bleibt glaube ich nur noch Facebook als ernsthafter Konkurrent. Foursquare und Gowalla ebenso wie Friendticker werden es dann sehr schwer haben, über eine kritische Masse an Usern bzw. Kooperationspartner für Rewards hinauszukommen. Auch Foursquare wird sich vom reinen Badge/Mayor Konzept glaube ich verabschieden müssen wenn sie hier erfolgreich sein wollen.

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