Stayalive:
“Mit Verstorbenen
in Verbindung bleiben”

Stayalive ist ein neuer, prominent unterstützter Dienst aus Taufkirchen bei München, bei dem Nutzer sich gegen Bezahlung ein virtuelles Denkmal setzen können.

Es ist aus Gründersicht wahrscheinlich nicht die erwünschte Reaktion, wenn Nutzer beim Betrachten eines neuen Onlinedienstes zu Anfang nicht erkennen, ob es sich um ein ernsthaftes Projekt oder um einen Scherz handelt. Noch bedenklicher wird es, wenn diese Unklarheit selbst nach dem Lesen eines ausführlichen Zeitungsartikels über das Vorhaben nicht verschwunden ist.

Ungefähr so erging es mir, als ich diesen Artikel bei FOCUS Online über das neue Startup Stayalive las, ein “Portal für die digitale Unsterblichkeit”. Das junge Unternehmen aus Taufkirchen bei München will Menschen eine Möglichkeit bieten, sich auch nach ihrem Ableben in virtueller Form darzustellen. Nun sind Plattformen, auf der Personen ihr Onlineleben für einen Zeitpunkt nach dem Tod verwalten können, nichts Ungewöhnliches mehr – Dienste wie Legacy Locker oder Entrustet gehen zum Beispiel in diese Richtung.

Dennoch gelang es Stayalive (und FOCUS Online), mich einige Minuten lang im Dunkeln darüber zu lassen, inwieweit es sich bei dem Projekt nicht am Ende doch um eine virale Marketingaktion oder eine Protestaktion gegen die zunehmende Digitalisierung unserer sozialen Beziehungen handelt. Bei den sich gerne als Mahner und Web-Kritiker präsentierenden deutschen Massenmedien wäre alles möglich.

Stayalive möchte Menschen dazu animieren, sich ein digitales Denkmal zu setzen, welches nach ihrem Tod für alle Zeit an sie erinnert. Nutzer können sich über ihren Tod hinaus untereinander vernetzen, Fotos und Videos importieren und diese nach ihrem Ableben für ausgewählte Hinterbliebene verfügbar machen. Auf einer Google Map lässt sich einsehen, wo andere Familienmitglieder und Freunde begraben sind. In einem “virtuellen Safe” kann man beispielsweise Informationen ablegen, die erst nach dem Falle eines Todes für andere zugänglich werden sollen.

Dass ein grundsätzlicher Bedarf für einen Internetfriedhof besteht, kann man sicher nicht ausschließen (auch wenn ich der Idee wenig abgewinnen kann). Dennoch fiel es mir zu Beginn schwer, das Vorhaben ernst zu nehmen. Sowohl ein Slogan wie “Bleiben Sie mit Verstorbenen in Verbindung” als auch die Anmerkung im FOCUS-Artikel, nach dem Tod könne man automatisch eine Nachricht an alle Mitglieder des eigenen Netzwerkes schicken und diese sogar bei Facebook als Status-Update publizieren lassen, trugen zu meiner Verwirrung bei.

Selbst die im Stayalive-Porträt bei FOCUS Online erwähnte Beteiligung von FOCUS-Herausgeber Helmut Markwort (Zitat: “Ich mache hier mit als Business-Angel und Prophet.”) konnte nicht alle meine Zweifel beseitigen. Erst eine weitere Webrecherche und der Versuch einer Anmeldung bei dem Dienst gaben mir die Sicherheit, dass Stayalive wirklich das ist, was es vorgibt zu sein. Ein seltsames Gefühl ist dennoch bis jetzt geblieben.

Womöglich deshalb, weil hier mit prominenter Unterstützung nicht etwa eine echte Innovation im Web entsteht, sondern ein funktionell und technisch wenig herausfordernder Dienst, der selbst begeisterte Social-Web-Freunde wie mich vor die Frage stellt, ob hier der Bogen nicht überspannt wird. Die Tatsache, dass für die Nutzung von Stayalive abgesehen von einer kostenlosen Probierphase (Details über deren Laufzeit habe ich nicht gefunden) 19,90 Euro für ein Jahr, rund 100 Euro für zehn Jahre oder 500 Euro für eine lebenslange Mitgliedschaft anfallen, sorgt bei mir für den Eindruck, dass hier vor allem das schnelle Geld im Vordergrund steht. Mal sehen, ob es funktioniert.

Link: Stayalive

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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14 Kommentare

  1. Und was ist, wenn es irgendwann das Internet in der Form nicht mehr gibt – die garantieren es einem bis darüber hinaus?!

  2. Mir ging es auch so als ich zum ersten Mal von dem Projekt erfahren hatte. Und das einzige was mir damals dazu in den Sinn kam war: Davon habe ich jetzt einzig und allein gehört, weil ein (offenbar) bekannter Typ seine Finger im Spiel hat…

    Ansonsten schien mir die Sache vollkommen uninteressant. Zum einen weil es schon diverse ähnliche Angebote gab und zum anderen weil es sich damals noch nach einer Idee anhörte. Und für Ideen interessiert sich im Internet schliesslich niemand mehr. Heute muss ein fertiges Produkt dastehen.

    Aber gut… Mal sehen ob daraus etwas wird. Bei den Preisen denke ich aber nicht, dass das besonders gut laufen wird.

  3. Ich bin auch etwas skeptisch, was dieses Angebot angeht. Die Idee selbst kam mir schon vor zwei Jahren (und war damals schon nicht mehr neu). Trotzdem habe ich versucht das umzusetzen (siehe http://www.life-after.me), da es bisher keine Umsetzung gab, die mir gefiel.
    Leider fanden mögliche Investoren das nicht sehr interessant (wie es eben so ist, wenn etwas komplett neues gemacht werden soll und es noch keine Vergleichbaren Angebote gibt – das nötige Netzwerk hat uns gefehlt).
    Die Zeit war aber wohl auch noch nicht reif für ein solches Projekt.

    Es scheint mir aber so, dass der Tod mittlerweile ein nicht mehr ganz so großes Tabuthema ist. Vor allem junge Leute sind offensichtlich bereit sich damit auseinanderzusetzen und stehen dem Ganzen recht aufgeschlossen gegenüber.

    Von stayalive.de bin ich aber sehr enttäuscht. Die Abgrenzung zu anderen Portalen (Facebook und Co) ist nur durch das Thema gelungen. Wirklich neue Sachen und Funktionen habe ich auf den ersten Blick leider nicht erkennen können (mal abgesehen vom Tresor).
    Bei dem Background der Macher, hätte ich mehr erwartet…

  4. 500 Euro für eine lebenslange Mitgliedschaft

    ist gut… Schließlich soll es ja erst nach dem Tod eine Gegenleistung geben…

  5. Ich finde, dass es gut ist, dass das Projekt erst einmal wieder in der Schublade verschwunden ist. Über Geschmacklosigkeiten lässt sich sicherlich diskutieren. In dem Zusammenhang habe ich übrigens gelesen, dass die Mormonen in Utah mit ihrem Family History Center ähnliche Gedankenspiele hatten, diese aber wieder aufgegeben haben.

    • Nun, Gott sei Dank haben wir ja alle einen freien Willen und können selbst entscheiden, welche Angebote wir nutzen und welche nicht. Von daher finde ich es schade, dass es bisher noch keine gelungene Umsetzung der Idee für die gibt, die daran interessiert sind. Was daran geschmacklos sein soll, verstehe ich nicht.
      Wo genau ist der Unterschied zu Biografien von Promis und anderen bekannten Menschen? Was ist anders, wenn es Ausstellungen, Filme, Webseiten etc. von und über solche Menschen gibt?
      Was bitte ist daran verwerflich, wenn auch der Otto-Normalbürger der Nachwelt (egal ob eigene Familie oder nicht) etwas von sich hinterlassen möchte? Steht es ihm nicht zu, weil er niemals im Rampenlicht stand oder der Bekanntheitsgrad zu niedrig ist? Haben es nicht alle Menschen verdient, dass man sich an sie erinnert? Warum sollten wir also nicht die uns zur Verfügung stehende Technik nutzen, um genau dies zu erreichen?
      Ich finde es schade, wenn hier mit zweierlei Maß gemessen wird und dass das Thema Tod immer noch so stark tabuisiert wird. Schließlich gehört der Tod zum Leben dazu. Er verschwindet nicht, nur weil man ihn verschweigt. Eine offene Auseinandersetzung mit dem Thema nimmt ihm vielleicht auch etwas von seiner Bedrohlichkeit…

  6. Ich sehe hier keine Tabuisierung.

    • Nein, nicht auf dieser Seite. Das ist richtig. Das war eher allgemein gemeint :-)
      Wir haben damals für das Projekt mit sehr vielen Leuten gesprochen und mussten leider feststellen, dass das Thema vielen Menschen unangenehm war. In unseren Breitengraden scheint man sich nicht so gern damit zu beschäftigen. Allerdings mussten wir auch feststellen, dass jüngere Menschen dem Ganzen sehr offen gegenüberstehen. Interessant wäre, ob sich dies mit dem Alter noch verändert, also je näher man dem Unausweichlichen kommt.
      Vielleicht ist das vermehrte Auftreten entsprechender Webseiten aber auch ein Indiz dafür, dass hier generell ein Umdenken stattfindet.

  7. Gemeinsam mit Verwandten und Freunden einem geliebten Menschen gedenken und sich mit Freude an ihn erinnern kann man jetzt auch auf emembering.de .
    Unsere bewußt nicht direkt oder nur auf die Phase der Trauer ausgelegte Seite (Kerze anzünden für 99 Cent und so…) ist zudem kostenlos nutzbar (vgl. http://meinstudibuch.de). Und Unendlichkeit für 499€ zu verkaufen…
    Gruß,
    Miguel

    • Interessante Frage, ob es sich um ein ernsthaftes Projekt oder einen Scherz handelt. Mir war klar, dass stayalive ernst gemeint ist – es ist die Zusammenführung verschiedener Angebote (Datensafe, Community, Friedhof auf Maps, Gedenkseite), die zu erwarten war. Obwohl ich viel Seiten in dem Bereich kenne, war mir life-after.me neu. Vielleicht war life-after einfach zu früh. Geldgeber von einem neuen Projekt zu überzeugen ist nicht einfach. Vielleicht braucht es so einen Medienprofi wie Markwort, der den nötigen Medienwirbel auslösen kann.

      Mich stört an stayalive, dass hier “Unsterblichkeit” und “Ewigkeit” vorgegaukelt wird. Das ist die Fortsetzung der Anti-Aging-Welle ins Internet. Wer nicht alt werden will, will auch nicht sterben. Aber “Gedenkseiten-Community”, das klingt ja viel langweiliger als “digitale Unsterblichkeit”.

    • Hi, ich glaube auch, dass wir zu früh waren. Alle Investoren waren zwar von der Idee und den Möglichkeiten begeistert, haben uns aber ganz klar gesagt, dass sie nicht die Ersten sein wollen (VCs etc handeln in Deutschland eben ganz anders als in anderen Ländern). 5 Jahre würde man wohl noch warten müssen, bis das ganze gesellschaftsfähig würde. So lange hat es nun nicht gedauert…
      Sicherlich haben wir aber auch selbst nicht alles richtig gemacht und vielleicht nicht das richtige Team präsentiert, was ein enormer Faktor bei einem solchen Vorhaben ist.
      Über die Ewigkeit haben auch wir uns Gedanken gemacht. Bis ans Ende der Welt wird sie sicher nicht gehen. Aber dennoch wäre eine dauerhafte und sehr lange Zeitspanne denkbar. Wichtig ist dabei, dass man das von Anfang an mit einplant. So haben wir geplant eine Stiftung aufzubauen, die die dauerhafte Speicherung der Hinterlassenschaften sicherstellen sollte – soweit dies eben möglich ist. Das kostet Geld. Aber es ist ja nichts dagegen einzuwenden, dass ein solches Angebot kostenpflichtig ist.

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  1. [...] hätte für DRadio Wissen etwas zum Thema “Der Tod und das Netz” zu sagen. Er ist auf netzwertig.de auf mich aufmerksam geworden und hat dort von meinem ersten Projekt life-after.me erfahren. Da mich [...]