NewsBlur:
Konkurrenz für den Google Reader

NewsBlur ist ein webbasierter RSS-Reader, der zu einer echten Konkurrenz für den Google Reader werden könnte.

Die Frage, welche Bedeutung RSS in Zeiten des Echtzeitwebs hat und inwieweit das Format zum Abonnieren von Websites durch Twitter, Facebook und andere Social-Web-Kanäle noch zeitgemäß ist, wurde mittlerweile beantwortet. Fazit: RSS ist relevanter denn je. Zu dieser Erkenntnis im Widerspruch steht jedoch der Mangel an klassischen browserbasierten RSS-Readern.

Während es verschiedenste Wege gibt, RSS-Feeds zu konsumieren – von lokal zu installierenden Desktop-Tools wie FeedDemon über selbst gehostete RSS-Clients (z.B. Fever) bis hin zu alternativen Readern wie Feedly, RockMelt oder Twingly Channels, welche mit neuartigen Darstellungen und sozialeren Ansätzen experimentieren, sind browserbasierte Reader im traditionellen Zwei- oder Drei-Spalten-Layout in der Regel die unkomplizierteste Form, um von jedem Ort mit Internetanschluss auf die eigenen RSS-Abos zugreifen zu können.

Leider gibt es im Bereich der klassischen browserbasierten Feedreader lediglich einen ernstzunehmenden Anbieter, nämlich den Google Reader. Während Googles RSS-Tool für viele Freunde dieser effizienten und effektiven Art des Informations- und Nachrichtenbezugs eine zufriedenstellende Lösung ist, wäre etwas mehr Konkurrenz durchaus wünschenswert.

Denn Google Reader gehört definitiv nicht zu den von Google am höchsten priorisierten Diensten, was einerseits mit dem fehlenden Massenanreiz von RSS zu tun haben könnte, aber womöglich auch damit, dass es an Herausforderern fehlt – Bloglines, der ehemalige Krösus under den RSS-Readern im Browser, wird nun zwar doch nicht geschlossen sondern stattdessen verkauft und angeblich weiterbetrieben, aber echte Impulse erwarte ich mir von dem seit Jahren vernachlässigten Tool vorerst dennoch nicht.

Sehr erfreut war ich daher, als ich auf einen Artikel bei Lifehacker stieß, der einen neuen im Browser laufenden RSS-Reader vorstellte: NewsBlur heißt der Service, der sich anschickt, Google Reader Konkurrenz zu machen.

Die grundsätzliche Funktionsweise des vom New Yorker Entwickler Samuel Clay zusammengebastelten RSS-Readers unterscheidet sich nur wenig vom Google Reader oder von Bloglines: In der linken Spalte befinden sich die abonnierten und auf Wunsch in Ordnern abgelegten Feeds, im Hauptbereich rechts erscheinen die Artikel des jeweiligen Feeds. Im Gegensatz zum Google Reader ist dieser Bereich nochmals unterteilt, da unterhalb der dargestellten Inhalte eine verschiebbare Navigationsleiste für den jeweiligen Feed platziert ist.

Abgesehen von kleineren Unterscheidungen, was Teilfunktionen und Einstellungsmöglichkeiten betrifft, zeichnet sich NewsBlur im Vergleich zum Google Reader vor allem dadurch aus, dass es Feed-Inhalte auf Wunsch im Originallayout der Quellseite darstellt. Nutzer können selbst auswählen, ob sie Artikel RSS-typisch im grafischen Erscheinungsbild des Readers oder in dem der jeweiligen Website beziehen möchten. Es soll User geben, die speziell aufgrund der fehlenden optischen Differenzierung zwischen Feeds unterschiedlicher Quellen ein Problem mit dem RSS-Format haben – NewsBlur könnte dabei helfen, eine Brücke zu bauen.

Eine andere Eigenheit von NewsBlur ist der Intelligenztrainer: Zu jedem Feed-Artikel lassen sich einzelne Elemente wie Autor, Tags, Überschrift und Quellseite mit einem Daumen nach oben oder nach unten versehen. Auf Basis dieser Indikation der persönlichen Präferenzen bietet NewsBlur die Möglichkeit, sich über einen Schieberegler nur die Beiträge in einem Feed darstellen zu lassen, die den persönlichen Vorlieben entsprechen. Auf diese Weise kann man bei einem Team-Blog beispielsweise nur die Beiträge von Autoren einblenden, die man mit einem “Daumen hoch” versehen hat – ein Feature, das garantiert Fans finden wird.

NewsBlur wird sicherlich nicht auf einen Schlag eine Wechselwelle vom Google Reader anstoßen können: Der Funktionsumfang ist deutlich geringer – ich habe zum Beispiel keinen Weg gefunden, gelesene Artikel wie bei Googles RSS-Tool mit einem Stern zu versehen, um sie später leichter wiederzufinden. Auch wirkt die Oberfläche deutlich schwerfälliger und weniger flüssig als beim großen Vorbild, was allerdings auch ganz einfach auf einen großen Benutzerandrang zurückzuführen sein kann. Wahrscheinlich wird auch die Begrenzung auf 64 Feeds in der Gratis-Version von NewsBlur einige Anwender abschrecken – wer mehr will, muss 12 Dollar pro Jahr zahlen. Das wiederum ist für RSS-Fans ein sehr verträglicher Preis, immerhin stellt der RSS-Reader für viele Anhänger des Formats das Herz der täglichen Internetnutzung dar.

Gerade auch wenn man bedenkt, dass NewsBlur das Werk eines einzelnen Programmierers ist, so kann sich der Dienst schon in seinem Anfangsstadium sehen lassen. Die Fähigkeit, Feed-Artikel im Layout der Quellseite darzustellen, sowie die Möglichkeit zum Filtern eines Feeds nach Autoren und Tags fehlen dem Google Reader (natürlich gibt es Workarounds) und sind Grund genug, sich NewsBlur einmal anzuschauen.

Speziell für Google-Reader-Anwender macht NewsBlur-Macher Samuel Clay das Ausprobieren seines Tools leicht: Sie können via OAuth ihre RSS-Abos aus dem Google Reader importieren. Für Nutzer anderer RSS-Reader wird ein Import der alle Feeds enthaltenden OMPL-Datei angeboten.

Was haltet ihr von NewsBlur?

Link: NewsBlur

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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11 Kommentare

  1. Von Bloglines verstoßen. Von Google Reader genervt. Da hab ich natürlich gleich euren Tipp ausprobiert.

    “You have a Standard Account, which can follow up to 64 sites at a time”

    Hatte ich oben beim Überfliegen eures Eintrags nicht gelesen. Richtig geraten: Experiment sofort abgebrochen.

  2. Ohne den Reader getestet zu haben sehe ich jetzt schon ein Problem, an dem sich alle Konkurrenzprodukte im Vergleich zum Google Reader messen müssen: Syncing.

    Ich habe an die 200 Feeds im Reader, wäre locker bereit 12 Euro oder mehr im Jahr zu zahlen. Aber ohne Syncing keine Nutzung. Es sei denn, der Dienst bietet eine ordentliche angepasste iPhone/iPad bzw. mobile Version.

    Ich finde es klasse, dass die Feeds im Originallayout der Seite angezeigt werden, oftmals findet man so ja echt super gemachte Seiten. Auch sonst finde ich die Features toll und hoffe einfach mal, dass da Tools kommen, die auch eine vernünftige, mobile Nutzung erlauben. Bis dahin muss der Google Reader weiterhin seinen Dienst tun, was er ja eigentlich auch ordentlich macht, dagegen kann man ja nur schwerlich was sagen.

  3. Von über 200 Feeds nur 64 auszuwählen beendet das neuartige Erlebnis leider vorschnell. Schade!

  4. > Bis dahin muss der Google Reader
    > weiterhin seinen Dienst tun,
    > was er ja eigentlich auch ordentlich macht,

    - Ich mag es nicht so sehr, permanent bei Google eingeloggt zu sein (nutze auch Google Mail nicht für Standardkommunikation, sondern nur für Mailinglisten, Blogkommentare etc.), und das Ausloggen nach dem Lesen vergisst man bei dauernder Benutzung halt immer öfter…

    - Mich nervt die “Als-Gelesen-Markieren”-Funktion beim Google Reader, denn mir werden alle naslang wieder Beiträge als frisch verkauft, die ich schon als gelesen markiert hatte. Vielleicht sitzt das Problem vor dem Monitor, aber mit Bloglines kam ich einfach deutlich besser zurecht.

    - Aber ansonsten und für lau kann man mit dem Google Reader leben.

    Und noch mal zu NewsBlur: 64 Feeds ist wirklich selbst zum Testen/ private Nutzung lächerlich.

  5. Das steht und fällt mit einer vernüftigen iPad App. Seit dem Reeder auf dem iPad nutzte ich nichts anderes mehr zum Feedlesen.

  6. Marcel: für dich vielleicht.

  7. Mir fehlt auch die Möglichkeit die Feeds mit meinem Android-Handy synchron zu halten, ich lese gerne Feeds wenn ich unterwegs bin.
    Synchronisation war für mich der Grund warum ich überhaupt von meinem KDE-Desktop-Tool hin zum Google Reader gewechselt bin.
    Die 12$ würde ich gerne zahlen im Jahr, so wie der $ zur Zeit mal wieder steht kann man sich das echt leisten, denn Google Einblick zu geben passt mir garnicht.

    Werde NewsBlur im Auge behalten und schauen was sich da entwickelt.

  8. Habe leider auch zu viele Feeds, dabei suche ich seit längerem genau so eine Alternative zum Google Reader. Schade.

  9. Ich verwende http://www.netvibes.com und bin damit sehr zufrieden.

  10. Einfach mal http://eicker.at/Fever ausprobieren. Aktuell zweifelsohne die beste serverseitige Lösung. Sehr gut auch auf dem iPhone/iPod Touch.

2 Pingbacks

  1. [...] RSS-Reader-Geschäft ist wohl noch lebendig und es gibt anscheinend noch einige ernsthafte Anbieter. Trotzdem [...]

  2. [...] als handfeste Alternative zum Google Reader zu positionieren. Diese existiert bisher nicht einmal (wobei es mit NewsBlur zumindest den Versuch gibt). Rizzi hätte somit leichtes Spiel und würde angesichts der Loyalität seiner Nutzer und der [...]