Digitale Welt:
Abhängig von den Launen der Natur

Die Digitalisierung bietet der Menschheit unzählige Chancen. Sie macht uns aber auch noch abhängiger von den Launen der Natur.

Viele der Webdienste, über die wir bei netzwertig.com berichten, erleichtern den Alltag von Menschen, machen sie produktiver, bringen sie einander näher und bieten ihnen ein umfangreiches Angebot an neuen Services zur persönlichen Unterhaltung. Doch während dies alles feine Unterfangen sind, die sich positiv auf das persönliche Wohlbefinden von Individuen auswirken, setzen sie voraus, dass die Grundbedürfnisse von Menschen sowie einige externe Faktoren erfüllt sind. Ist dies nicht der Fall, hat auch der beste Streamingdienst für Musik oder das coolste Facebook-Spiel keinerlei Bedeutung.

Ich befinde mich gerade auf der thailändischen Insel Koh Samui, und wie weite Teile Thailands steht auch diese seit gestern unter Wasser. Nach zwei Tagen mit fast ununterbrochenem Regen, kombiniert mit Sturm und Gewitter, wurde sowohl für die Insel als auch für zahlreiche andere Regionen in Thailand der Notstand ausgerufen. Und meine Freundin und ich sind mitten drin.

Direkt von dem Hochwasser betroffen sind wir zwar nicht, da sich unser Appartment glücklicherweise etwas weiter oben an einem Hang befindet. Dem über siebenstündigen Strom- und ganztägigen Breitbandausfall konnten wir damit dennoch nicht entgehen.

Gestern Nachmittag wollten wir irgendwo eine Mahlzeit zu uns nehmen, kamen allerdings nur einige hundert Meter, weil die Hauptstraße unter Wasser stand und viele Geschäfte und Restaurants notgedrungen schließen mussten.

Für mich war dies das erste Hochwasser in meinem Leben. In meiner Heimatstadt Berlin sind derartige Zustände glücklicherweise selten. Anderswo in Deutschland sieht die Lage bekanntlich etwas anders aus.

So traurig Erlebnisse wie diese für die Tausenden von Menschen sind, deren Häuser, Wohnungen und Geschäfte unter Wasser stehen, so lehrreich und erhellend sind sie für die eigene Sichtweise auf den technischen Fortschritt:

All die spannenden Themen, mit denen wir Freunde der Digitalisierung uns täglich beschäftigen, von Social Networking bis virtuelle Güter, von Microblogging bis Videostreaming, von VoIP bis Microblogging usw – all das ist abhängig von den Launen der Natur. Wenn das Wetter nicht mitspielt, wenn Unwetter, Vulkanausbrüche, Erdbeben o.ä. für Ausfälle der Netze sorgen, dann bleiben die von uns geliebten Kanäle stumm.

Plötzlich sehen wir uns mit viel grundlegenderen Fragen konfrontiert als der, wie man aus dem Ausland am besten Zugang zu Hulu bekommt: Wie stelle ich sicher, dass nicht irgendwo Wasser ins Haus eindringt? Was mache ich, wenn wegen eines Stromausfalls das Essen im Kühlschrank schlecht wird, oder wenn kein Wasser mehr aus der Leitung kommt? Wie besorge ich Lebensmittel, wenn Straßen und Geschäfte unter Wasser stehen? Wie verhalte ich mich, wenn plötzlich ein Notfall eintritt, aber der Weg ins Krankenhaus versperrt ist?

Als passionierter Blogger habe ich selbstverständlich für Krisenfälle vorgesorgt: Mein iPhone verwende ich (dank Jailbreak) als WiFi-Hotspot (die langsame EDGE-Verbindung erwies sich bisher als extrem zuverlässig, selbst als auf der gesamten Insel der Strom weg war), zudem trage ich einen externen Akku (Affiliate-Link)mit mir herum, mit dem ich Smartphones oder andere USB-Geräte bis zu dreimal aufladen kann. Aber natürlich ist selbst mit diesem “mobilen Büro” nur ein eingeschränktes Arbeiten möglich.

Beim zu VentureBeat gehörenden Green-Tech-Blog GreenBeat bin ich heute auf einen Artikel gestoßen, der mit der Schlagzeile “Warum Wetterdaten das nächste große Ding im Energietechnologie-Sektor sind” eröffnet. Zwar steht in dem Beitrag das Potenzial von besseren, algorithmen-gestützten Systemen zur Wettervorhersage für das Energiemanagement in intelligenten Stromnetzen im Vordergrund, aber natürlich spielen neuartige Technologien zur Prognose von Wetter- und Unwetterentwicklungen auch für Präventiv- und Rettungsmaßnahmen eine große Rolle – sowohl, was die rechtzeitige Warnung der Bevölkerung betrifft, aber auch in Hinsicht auf die Planung von Krankenhäusern, Feuerwehr, Rettungsorganisationen, Geschäften, Tankstellen und Telekommunikationsanbietern. Im Falle der aktuellen Flut in Südthailand geben sich Behörden und Rettungskräfte vollkommen überrascht.

Die digitale Welt bietet millionenfache Chancen für die Menschheit, was Austausch, Kommunikation und Zusammenarbeit betrifft. Aber sie macht uns auch noch abhängiger von den Launen der Natur – die, sofern man Forschern glauben darf, in den nächsten Jahren und Jahrzehnten noch unberechenbarer und zerstörerischer werden.

Lösungen für dieses sich anbahnende Spannungsfeld sind bessere Systeme zur Erkennung von und Warnung vor bevorstehenden Wetterkapriolen, Geräte, die effizienter mit Energie umgehen, signifikant größere Speicherkapazitäten für Batterien und Akkus und natürlich schnelle mobile Datenverbindungen, die nach meinen aktuellen Erfahrungen offenbar deutlich weniger störanfällig sind als stationäre Breitbandanschlüsse (ich nehme an, die Mobilfunkmasten hier haben eigene Stromgeneratoren).

Ich bin nicht informiert über den aktuellen Forschungs- und Entwicklungstand in diesen Bereichen. Ich hoffe aber, dass diese entsprechende Aufmerksamkeit und Ressourcen erhalten. Nicht nur eine globale Industrie ist von Fortschritten in den genannten Sektoren abhängig. Ein stetig größer werdender Teil der Menschheit ist es auch.

(Foto: stock.xchng)

Mehr lesen

Reform des Urheberrechts: Je schneller Pinterest wächst,  desto besser

13.2.2012, 48 KommentareReform des Urheberrechts:
Je schneller Pinterest wächst, desto besser

Mit Pinterest erlebt gerade ein Webdienst einen kometenhaften Aufstieg, bei dem Nutzer tagtäglich millionenfach und in vielen Fällen unwissend gegen das Urheberrecht verstoßen. Genau ein derartiges Phänomen benötigt die Urheberrechtsdebatte.

Unveränderliche Veränderung: Für mehr Pragmatismus in der Urheberrechtsdebatte

23.1.2012, 14 KommentareUnveränderliche Veränderung:
Für mehr Pragmatismus in der Urheberrechtsdebatte

Die Urheberrechtsdebatte führt im digitalen Zeitalter zu immer neuen, größeren Konfliktherden. Es ist Zeit für einen pragmatischen Blick auf die Folgen einer unveränderlichen Veränderung.

Wertschöpfung bei Medienproduktionen: Die Spielregeln verändern sich

23.12.2011, 16 KommentareWertschöpfung bei Medienproduktionen:
Die Spielregeln verändern sich

Die Spielregeln, nach denen Medienproduktionen finanziert und monetarisiert werden, verändern sich rasant. Drei aktuelle Beispiele illustrieren dies.

Internetstandort Berlin: Bürgermeister Klaus Wowereit will nicht mit Startups sprechen

21.2.2012, 70 KommentareInternetstandort Berlin:
Bürgermeister Klaus Wowereit will nicht mit Startups sprechen

Berlins Internetbranche boomt. Grund genug, um mit dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit über das künftige Potenzial dieses Wirtschaftszweigs zu sprechen, fand 6Wunderkinder-CEO Christian Reber - und erhielt eine Absage.

\

20.1.2012, 7 Kommentare"Startups schaffen Arbeitsplätze":
Wie sich die Internetdebatte konstruktiv beeinflussen lässt

Startups und etablierte Internetfirmen schaffen viele Arbeitsplätze. Fände diese zentrale Botschaft in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft stärker Gehör, verliefen das Digitale tangierende Diskussionen zum Urheberrecht und Datenschutz womöglich ganz anders.

Das Digital-Jahr 2011: Was mich erfreut und genervt hat

14.12.2011, 0 KommentareDas Digital-Jahr 2011:
Was mich erfreut und genervt hat

Das zu Ende gehende Internetjahr bot viele Anlässe zu Freude und Irritation. Folgende Entwicklungen und Aspekte bewegten mich 2011.

Aus Eeve wird Popset: Y Combinator unterstützt  deutsches Startup

16.2.2012, 5 KommentareAus Eeve wird Popset:
Y Combinator unterstützt deutsches Startup

Vier Deutsche haben in London eine mobile Foto-Sharing-App für Gruppen entwickelt. Jetzt werden sie vom renommierten US-Inkubator Y Combinator unterstützt.

DidThis: Eine mobile App  will die Masse mobilisieren

13.2.2012, 7 KommentareDidThis:
Eine mobile App will die Masse mobilisieren

Die für iPhone und Android angebotene App des Schweizer Startups DidThis ermöglicht es Nutzern, Aktionen aus ihrem Alltag in digitaler Form festzuhalten und sich gegenseitig anzuspornen.

Nach dem Path-Fehltritt: Das merkwürdige Verhalten vernetzungswilliger iPhone-Apps  zur Wachstumszeit

9.2.2012, 2 KommentareNach dem Path-Fehltritt:
Das merkwürdige Verhalten vernetzungswilliger iPhone-Apps zur Wachstumszeit

Nachdem bekannt wurde, dass Path heimlich auf die iPhone-Adressbücher seiner Nutzer zugreift, geraten auch die Praktiken anderer Apps in die Kritik.

2 Kommentare

  1. seba
    schrieb am 3. November 2010 um 10:43 Uhr (#)

    Na ich hoffe es passieren keine weiteren schlimmen dinge dort unten. Ich bin auch auf dem Weg, allerdings Westküste um Krabi und hoffe das dort die sintflutartigen Regengüsse eher ausbleiben und die Menschen nicht ihr Hab und Gut verlieren.

  2. Ugur Özdemir
    schrieb am 10. November 2010 um 09:48 Uhr (#)

    Sehr paradoxer Titel, hat mich erwägt deinen Artikel zu lesen, sehr schön geschrieben, herzlichen Danke.

Pingbacks

Pingbacks anzeigen...

Diesen Artikel kommentieren

Wir sind sehr an einer offenen Diskussion interessiert, behalten uns aber vor, beleidigende Kommentare sowie solche, die offensichtlich zwecks Suchmaschinenoptimierung abgegeben werden, zu editieren oder zu löschen. Mehr dazu in unseren Kommentarregeln.

 
vgwort