Wenn man den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht:
Googles Social Network heißt YouTube

Google will seine Dienste mit einer sozialen Ebene ausstatten, um endlich Facebook Paroli bieten zu können. Der Internetriese scheint zu übersehen, dass er mit YouTube bereits ein populäres Social Network besitzt.

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Google arbeitet bekanntlich gerade fleißig an einem Projekt, das es mit Facebook aufnehmen soll. Das unter dem Arbeitstitel “Google Me” bekannt gewordene Vorhaben wurde zu Beginn als vollwertiges neues Social Network ins Gespräch gebracht. Kürzlich deutete Google-CEO Eric Schmidt jedoch an, dass es sich nicht um einen eigenständigen Dienst sondern eher um einen “Social Layer” handelt, also eine zusätzliche soziale Ebene, die über existierende Google-Angebote gestülpt wird.

Diese Idee klingt nicht nur weit weniger aufregend als der Gedanke eines völlig neuen sozialen Netzwerks aus dem Hause Google, sondern ignoriert auch die Tatsache, dass Social-Web-Dienste stets dann die größten Erfolgschancen hatten, wenn sie von Anfang an darauf ausgelegt waren, Kommunikation und Interaktion zwischen Usern zu ermöglichen.

Google hingegen versucht, vollkommen andere Intentionen seiner Anwender dazu einzusetzen, diese miteinander in Kontakt zu bringen. Kritik für diesen Plan folgte auf dem Fuße. Auch Facebook-CEO Mark Zuckerberg hält einen solchen Ansatz (wenig überraschend) für fragwürdig, wie er kürzlich im Interview mit TechCrunch verriet (“I still think a lot of them are only thinking about it on a surface layer, where it’s like “OK, I have my product, maybe I’ll add two or three social features and we’ll check that box”. That’s not what social is.”)

Nun darf man Google trotz wiederholter Fehlversuche im Social-Web-Bereich nicht unterschätzen. Immerhin hat der Webgigant für Google Me eine Reihe von ausgewiesenen Social-Networking-Experten eingestellt, und selbst ein (im Hinblick auf die soziale Komponente) blindes Huhn findet irgendwann ein Korn.

Dennoch lässt mich das Gefühl nicht los, dass Google einen wichtigen Punkt übersehen könnte: Es besitzt bereits ein Social Network, das zu den größten Websites dieser Welt gehört, das mindestens den gleichen Bekanntheitsgrad wie Facebook hat und das Nutzern Funktionen bietet, mit denen kein anderer Netzwerkdienst mithalten kann. Nein, ich meine nicht Orkut, und ich meine auch nicht Gmail, sondern YouTube!

Zu Gedankenspielen über das Potenzial von YouTube wurde ich nach dem Lesen dieses Beitrags von All Facebook inspiriert, der die Bedeutung von Fotos für das blau-weiße Social Network unterstreicht (neben Spielen sind Fotos das am meisten genutzte Facebook-Feature) und die Frage stellt, was Google Facebooks Foto-Funktionen entgegenzusetzen hat. Die von All Facebook im Ansatz gegebene Antwort ist genau die, die mir auch vorschwebte: Videos!

Genau wie für Benutzer von sozialen Netzwerken Fotos einen hohen Stellenwert und Unterhaltungsfaktor besitzen, gilt dies ebenfalls für Videos. Und obwohl Facebook mittlerweile die drittgrößte Videosite in den USA ist, kann der Dienst aus Palo Alto bei weitem nicht mit YouTube mithalten, was die Anzahl an verfügbaren Clips und konsumierten Videos betrifft.

YouTube bietet bereits heute grundlegende Social-Networking-Funktionen. Allerdings würde sicher niemand auf die Idee kommen, YouTube als Plattform zu verwenden, um mit Freunden, Bekannten und Familie in Kontakt zu bleiben. Weil YouTube sich bisher nicht in diese Richtung positioniert hat. Und obwohl der Gedanke, YouTube sukzessive in ein ernstzunehmendes Social Network zu transformieren, anfänglich seltsam anmuten mag, so gibt es eine Reihe von Argumenten, die dafür sprechen:

  • Medieninhalte sind ein zentraler Aspekt für Social Networks. YouTube als mit Abstand größte Videoplattform besitzt hier ein Alleinstellungsmerkmal gegenüber sämtliche Konkurrenten aus dem Netzwerkbereich.
  • Jeder Nutzer mit einem Google-Konto kann sich bei YouTube einloggen – für viele hundert Millionen Internetanwender ist somit keine Neuregistrierung notwendig.
  • Das Anschauen von Videos ist ein soziales Erlebnis, welches gemeinsam mit anderen mehr Spaß macht als alleine – externe Dienste wie synchtube oder YouTubeSocial tragen dem Rechnung.
  • YouTube bietet mittlerweile auch komplette Filme zum Abruf – dieses Angebot könnte deutlich erweitert und Anwendern als Anreiz geboten werden, sich bei YouTube einzuloggen, statt ohne Login auf dem Portal herumzusurfen.
  • Die Websuche ist nicht selten eine intime, private Angelegenheit, die Nutzer nur ungern mit anderen Personen teilen. Wie oben beschrieben fehlt die Intention der User, Suche zu einem gemeinsamen Erlebnis zu machen (selbst wenn “Social Search” in Hinblick auf die Ergebnisse der Resultate Potenzial hat). Die Gründe, warum Benutzer ein Videoportal wie YouTube besuchen, lassen sich sehr viel besser mit dem sozialen Kontext vereinen (Spaß, Unterhaltung, Weiterempfehlen etc.).

Heißt das, Google sollte YouTube mit einem Schlag in einen Facebook-Wettbewerber umbauen? Nein! Denn die Welt braucht nicht ein zweites Facebook. Wenn ein Netzwerk gegen das aus heutiger Sicht fast unbesiegbar erscheinende Facebook ankommen soll, dann muss es in einem entscheidenden Punkt anders sein. Oder besser. Eine Differenzierungsoption wären Datenschutz und Privatsphäre. Ein anderer sind Inhalte. Bei dieser punktet YouTube.

Google müsste das YouTube-Erlebnis deutlich sozialer zu gestalten. Ein guter Anfang wäre ein ausgereifter Newsfeed mit den Aktivitäten von Freunden, eine Integration von Twitter und Facebook, überarbeitete Profilseiten sowie Features, die in Richtung der oben erwähnten Services gehen und das gemeinsame Echtzeit-Betrachten von Clips erlauben.

Auch könnte eine virtuelle Währung eingeführt werden, die man sich durch Aktivitäten auf der Site erwerben kann und mit der man Zugang zu Premium-Content erhält. Das wäre für YouTube zwar mit einem gewissen Investment verbunden, das die Lizenzzahlungen für das Streaming aus eigener Tasche berappen müsste, aber Geld ist ja nicht gerade das, woran es der YouTube-Mutter Google mangelt.

Google scheint den Wald vor lauter Bäumen nicht zu sehen. YouTube ist Googles bisher aus wirtschaftlichen Gesichtspunkten relativ blass gebliebenes, aber dafür umso bekannteres Social Network. Ein Social Network, dessen soziales Potenzial bisher ungenutzt bliebt.

Der von Eric Schmidt angesprochene “Social Layer” soll auch Video (womit wohl YouTube gemeint ist) umfassen und als Herzstück einen Stream beinhalten, der Aktivitäten der Google-Kontakte anzeigt. Das Problem ist, dass für viele User Google-Kontakte nicht die gleiche Bedeutung haben wie Facebook-Kontakte, da sie sich häufig aus dem Gmail-Adressbuch rekrutieren und sich somit unter ihnen sowohl Freunde als auch (ehemalige) Kollegen oder Geschäftspartner befinden. Kombiniert man dies mit der Vorstellung, von Personen, die einem mitunter vollkommen egal sind, die jüngsten Aktivitäten bei Google Maps oder der Google-Suche zu sehen, klingt “Google Me” alles andere als erstrebenswert.

Ein Fokus auf YouTube, bei dem nicht die bestehenden Google-Kontakte als Grundlage genommen, sondern digitale Freundschaften neu geschlossen (aber durch die Integration von anderen Social-Web-Services unterstützt) werden, garantiert auch keinen Erfolg. Aber eine Garantie für das Gelingen existiert im Social-Networking-Bereich sowieso nicht. Netzwerk- und Lock-In-Effekte folgen ihren eigenen Gesetzen. Viele etablierte, mit tiefen Tasche ausgestattete Anbieter mussten dies bereits erfahren (man denke nur an MySpace aus dem Hauser News Corp oder Bebo von AOL).

Der gewählte Ansatz für Googles Vorhaben kann funktionieren. Auf Papier allein klingt er jedoch äußerst unsexy. Im Gegensatz zu YouTube, dem angesichts der zunehmenden Beliebtheit von Onlinevideo die Welt zu Füßen liegt. Bald werden wir wissen, welche Rolle das Videoportal in Googles nächstem Versuch spielt, endlich eine soziale DNA zu entwickeln und in das eigene Produkt zu implementieren.

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15 Kommentare

  1. Andreas
    schrieb am 24. September 2010 um 07:49 Uhr (#)

    Interessanter Aspekt!

    “Und obwohl Facebook mittlerweile die drittgrößte Videosite in den USA ist”

    Aber doch nur, weil die sich indirekt vom Content der größten Videosites (wie z.B. Youtube) bedienen, oder? ;)

  2. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 25. September 2010 um 04:21 Uhr (#)

    Ich weiß es nicht genau, aber ich vermute fast, da zählen nur selbst gehostete Videos…

  3. esbstyle
    schrieb am 25. September 2010 um 17:32 Uhr (#)

    da bin ich ja mal gespannt, obwohl es mittlerweile viel zu viele social networks gibt…wer blickt denn dort noch durch?!

  4. Marcus
    schrieb am 25. September 2010 um 22:28 Uhr (#)

    ich bin sehr gespannt ob es Google mit Youtube gelingt! Sehr guter Bericht.
    LG
    Marcus

  5. Andreas
    schrieb am 25. September 2010 um 22:59 Uhr (#)

    “Die von All Facebook im Ansatz gegebene Antwort ist genau die, die mir auch vorschwebte: Videos!”

    Mir schwebt noch was ganz anderes vor: Musik!

    Neben Videos ein weiterer Bereich, in dem Youtube als On-Demand-Streaming-Service sehr stark ist und der derzeit funktional immer mehr erweitert wird.

    Und Musik ist für viele fast noch wichtiger als Videos!

    Bin mal gespannt, ob Google von alleine drauf kommt… ;)

  6. Andreas
    schrieb am 26. September 2010 um 12:29 Uhr (#)

    Vielleicht auch noch interessant:

    http://upload-magazin.de/…-zum-social-network/

    Weiß jemand, was aus diesem “Youtube Realtime” geworden ist?

  7. Thomas Matterne
    schrieb am 26. September 2010 um 13:12 Uhr (#)

    Sehe ich ehrlich gesagt nicht so. Klar, sind die Social Network-Aspekte und auch -Möglichkeiten bei YouTube gegeben, aber der Erfolg hängt eben nicht allein von einer zunehmenden Beliebtheit von Videos ab. Nicht mal von der Möglichkeit, dass heute Webcams keine Seltenheit mehr sind und oft schon zur Grundausstattung gehören. Es hängt vor allem davon ab, dass viel mehr Menschen bereit sind sich auch vor eine Kamera zu setzen. (Und als jemand der beim Fernsehen arbeitet, kann ich sagen, dass viele Leute die Flucht ergreifen, wenn sie eine Kamera nur riechen.) Sprich, die Interaktion wird recht einseitig sein.

    Wenn YouTube also Googles Social Network werden soll, muss es weniger YouTube sein und – na ja, eben doch mehr Facebook.

  8. Daniel Niklaus
    schrieb am 26. September 2010 um 15:03 Uhr (#)

    Es geht einzig um die Wahrheit im Kopf und da ist Facebook allein als Freundesnetzwerk positioniert. Es geht nie um Funktionen, sondern immer darum, was die Wahrheit in den Köpfen der Leute ist. Youtube ist als Videoseite positioniert, eine Re-Positionierung ist da fast nicht möglich.

    Neben Spielen sind Fotos das am meisten genutzte Facebook-Feature

    Das ist falsch. Die mit Abstand wichtigste Funktion, ist die Freunde treffen/sehen/was passiert Funktion. Darum melden sich die Leute bei Facebook an. Und darum kann es sich nicht einmal das grösste Fotoalbum Flickr leisten, einen Angriff auf Facebooks Position zu starten. Dieser Zug ist für alle Mitbewerber abgefahren.

    Erst mit einem neuen Ansatz, kann man Facebooks Position als beliebteste Website angreifen. Dafür muss aber erst eine neue Kategorie von Anwendungen entstehen. So wie einst der PC (Microsoft) die Grossrechner (IBM) ablöste. Suchmaschinen (Google) wichtiger wurden als das Betriebssystem (Microsoft). Und soziale Netzwerke (Facebook) beliebter wurden als Suchmaschinen (Google).

  9. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 26. September 2010 um 15:47 Uhr (#)

    @ Andreas
    Stimmt, und im Musikbereich plant Google mit Google Music ja ohnehin etwas…

    @ Thomas

    Wenn YouTube also Googles Social Network werden soll, muss es weniger YouTube sein und – na ja, eben doch mehr Facebook.

    Jo, sag ich ja:

    Google müsste das YouTube-Erlebnis deutlich sozialer zu gestalten

    @ Daniel

    eine Re-Positionierung ist da fast nicht möglich.

    Es ist nicht leicht, aber nicht unmöglich.

    Flickr ist ein Klacks im Vergleich zu Facebook.

    1. Daniel Niklaus
      schrieb am 26. September 2010 um 18:42 Uhr (#)

      Aus Brandsicht wäre die Investition viel zu teuer und würde dem Brand youtube zu grossen Schaden zufügen. Aber das weiss man bei Google.

  10. Andreas
    schrieb am 26. September 2010 um 23:36 Uhr (#)

    Ist zwar leicht offtopic, aber hat auch was mit Social Network zu tun:

    Kann es sein, das ihr euren Facebook-Auftritt ziemlich vernachlässigt?

    Neue Artikel tauchen gar nicht auf, und die die da sind lassen sich nur miserabel formatiert innerhalb von Facebook lesen, statt direkt auf eure Website zu verlinken. Außerdem gibt es so gut wie keine Kommunikation mit den Facebook FANS.

    Ihr berichtet so viel über Social Networks, da solltet ihr eigentlich mit gutem Beispiel voran gehen.

    Oder?

  11. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 27. September 2010 um 02:44 Uhr (#)

    @ Andreas

    Ja da gibt es leider einige technische Probleme, die bekannt aber gar nicht so einfach zu lösen sind.

    Davon abgesehen denke ich, sollte man zwischen journalistischen Onlinemedien und “herkömmlichen” Unternehmen unterscheiden, was die Bedeutung von Dialog über Facebook betrifft – denn der Dialog bei uns im Blog (Blog heißt im Prinzip per Definition “Dialog mit Lesern”) könnte intensiver kaum sein (wie bei vielen anderen Blogs auch). Das hat für uns höchste Priorität, und darin erfüllen wir (meiner Meinung nach) eine Vorbildfunktion.

    Davon abgesehen: Interessant, wie durch die Dominanz von Facebook ein echter Druck auf Organisationen aufgebaut wird. ;)

  12. Andreas
    schrieb am 27. September 2010 um 09:41 Uhr (#)

    “Davon abgesehen: Interessant, wie durch die Dominanz von Facebook ein echter Druck auf Organisationen aufgebaut wird. ;)”

    Das wäre ja fast ein Thema für einen neuen Artikel. ;)

    Den Druck habt ihr euch übrigens selbst auferlegt. Hat euch bestimmt keiner zu einer Facebook-Fanpage gezwungen, oder? Und wenn so ein zusätzliches (Kommunikations-)Medium aufgebaut wurde, dann solltet ihr das auch entsprechend pflegen.

    Oder ist euer Motto hier “Dabei sein ist alles”? Wäre schade.

    Nur meine Meinung, vielleicht sehen es die anderen ja anders….

    1. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
      schrieb am 27. September 2010 um 10:53 Uhr (#)

      Du hast sicherlich nicht unrecht.

  13. Christian
    schrieb am 30. November 2010 um 00:21 Uhr (#)

    Sehr interessante Artikel auf netzwertig.com
    Bitte weiter so!

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