Facebook Places:
Warum Facebook zu einer Kontaktbörse werden könnte

Spätestens seit Facebook im Jahr 2006 seinen studentischen Fokus abgelegt hat, dreht sich bei dem Dienst alles um die Vernetzung mit Freunden, Bekannten und Familie. Mit dem neuen Location-Feature Places könnte Facebook aber ungewollt zu einer Kontakt- und Flirtbörse werden.

Facebook war niemals als Dienst ausgelegt, um neue Menschen kennenzulernen – zumindest nicht, seit es im Jahr 2006 seinen Fokus auf US-Studenten hinter sich gelassen hat. Ab diesem Zeitpunkt ging es Gründer und CEO Mark Zuckerberg darum, bestehende Kontakte aus dem realen Leben online zusammenzubringen. Wenn User Facebook als Kontaktbörse verwenden wollten, z.B. in Form des “Pokens” anderer Mitglieder, dann war das ihre Sache. Spezielle Tools, um das Kennenlernen von Fremden zu erleichtern, stellte der Service dafür jedoch nicht bereit.

An diesem Ansatz hat sich bis heute nicht viel geändert. Durch Facebooks Transformation von einer privaten zu einer offenen Plattform sowie in Folge zahlreicher funktioneller Neuerungen stößt man heute als Mitglied zwar häufiger auf andere, einem nicht bekannte Personen (z.B. in Kommentaren oder Likes auf den Pinnwänden von Freunden oder auf Facebook Pages), aber das ist lediglich das “Nebenprodukt” der Facebook-Strategie, den Social Graph online abzubilden und in zunehmend öffentlichem Rahmen miteinander kommunizieren zu lassen.

Doch mit Facebooks neuem Location-Feature Places könnte das US-Netzwerk ungeachtet der eigentlichen Intentionen nun doch eine größere Rolle als Kontakt- oder gar als Flirtbörse erhalten. Seit drei Wochen ist Places mittlerweile für US-Mitglieder des Social Networks verfügbar und erlaubt das “Einchecken” an aktuellen Aufenthaltsorten.

Das Blog Inside Facebook fasst das initiale Nutzerverhalten in Bezug auf das neue Lokalisierungsfeature zusammen und weist dabei auf ein neues Anwendungsszenario hin, das mit dem Launch von Places möglich wurde.

Über die “Here now”-Funktion auf der Profilseite eines Ortes listet Facebook sämtliche Nutzer auf, die in der jüngsten Zeit an diesem eingecheckt haben. Inside Facebook will bemerkt haben, dass einige Anwender des Dienstes diese Funktion dafür verwenden, um z.B. in Bars Kontakt mit Fremden aufzunehmen. Dazu werfen sie einen Blick auf die Liste gerade eingecheckter Facebook-Nutzer. Finden sie dort ein zu der ins Visier genommenen Person passendes Profilbild, senden sie dieser eine Facebook-Nachricht. Alles Weitere obliegt dann dem Empfänger der Botschaft.

Damit dieses Verfahren tatsächlich Verbreitung finden kann, ist eine möglichst große Zahl an Facebook Places einsetzenden Nutzern natürlich Voraussetzung. Selbst in einem Club oder einer Kneipe in den USA dürfte es derzeit noch einiges an Glück benötigen, um genau die Person in der “Here now”-Übersicht vorzufinden, die einem zuvor positiv ins Auge gefallen ist. Und natürlich könnte man auch gleich direkt “Hallo” sagen gehen, statt erst eine virtuelle Facebook-Mail zu senden.

Vielen Menschen ist der Gedanke des persönlichen Ansprechens jedoch äußerst unangenehm. Zuerst mit einer Nachricht über Facebook seine Fühler auszustrecken, erscheint da deutlich weniger anstregend. Und erhält man keine Antwort, kann man dies immer darauf schieben, dass die betreffende Person die Mail einfach noch nicht gesehen hat.

Mitte Juli beschrieb ich, welche Möglichkeiten Location Based Dating für flirtwillige Menschen sowie für an diesem bisher vernachlässigten Milliardenmarkt interessierte Startups bietet. Dass Facebook selbst versuchen würde, zum “Facebook der mobilen Flirtdienste” zu werden, schloss ich aufgrund der damit verbundenen Konflikte in Bezug auf die Positionierung sowie das Leistungsversprechen an die Nutzer aus. Aber dass muss nicht bedeuten, dass nicht einige Mitglieder des Netzwerks den Dienst trotzdem zur Initiierung zwischenmenschlicher Kontakte nutzen. Das Places-Feature bietet dafür bessere Voraussetzung als jede andere Facebook-Innovation zuvor.

Entscheiden wird sein, wie Facebook mit der sich anbahnenden Etablierung von Places als Flirt-Tool umgeht. Nicht jedes Mitglied wird sich wohl dabei fühlen, nach einem Check-In an beliebigen Orten von Fremden namentlich identifiziert werden zu können. Eine Alternative ist die Deaktivierung der “Here now”-Funktion. Allerdings wird man dann auch nicht mehr für die eigenen Freunde in der Übersicht aller an einer Location eingecheckten Personen angezeigt.

Unabhängig davon, welche Maßnahmen Facebook ergreifen wird, um ungewollte Kontaktaufnahmen über das Places-Feature zu verhindern, ist offensichtlich, dass das dominante Social Network mit dem Schritt die virtuelle und reale Welt auf eine Art kombiniert, die weit über die Ausmaße des bisherigen klassischen Social Networkings hinausgehen. Das dumme Klischee des sozial isolierten Stubenhockers, der sich den ganzen Tag im “Cyberspace” aufhält und bei sozialen Netzwerken herumsurft, ist spätestens jetzt ein Auslaufmodell.

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16 Kommentare

  1. Chama
    schrieb am 8. September 2010 um 12:28 Uhr (#)

    Wie wäre es einfach mit einer ordentlichen Single-Suchfunktion?

    Aber nein, das hat FB ja nicht zu bieten.

    Nichtmal nach seinen Nachbarn mit gleicher PLZ kann man suchen.

    Da hilft auch kein “Einchecken” in Places…

    1. Oliver Springer
      schrieb am 8. September 2010 um 13:04 Uhr (#)

      Eine Postleitzahlen-Suche wäre sehr nützlich, die vermisse ich auch.

  2. Oliver Springer
    schrieb am 8. September 2010 um 12:59 Uhr (#)

    Ich sehe keinen Grund, das Thema auf Flirt-Kontakte zu verengen. Das kann für alle Arten von Kontakten nützlich sein.

    Angesichts der weiten Verbreitung von Facebook stehen die Chancen schon mal nicht schlecht, dass es wie beschrieben funktioniert und nicht an zu wenigen Usern scheitert.

  3. Chama
    schrieb am 8. September 2010 um 13:13 Uhr (#)

    @Oliver:

    Das wird es aber niemals geben, weil FB da einfach geschlampt hat.

    PLZ + Singlestatus müßten Pflicht sein für so eine Funktion.

  4. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 8. September 2010 um 13:25 Uhr (#)

    Ich denke, Facebook bietet Mitgliedern keine Möglichkeit, ihre Beziehungsstatus oder ihre Postleitzahl indexier- und suchbar zu machen, weil es kein Interesse daran hat, zu einer Kontaktbörse zu werden (wofür sonst benötigt man derartige Suchkriterien?).

    Facebook ist eher Restaurant, in dem man gemütlich mit Freunden und Familie essen geht und Konversation führt, als die grelle Disko mit Ladys Night und Single-Abend.

    Ich kann schon verstehen, dass Facebook hier nichts vermischen will. Denn damit vergrault man leicht seine bisherige Stammkundschaft.

  5. Manfred
    schrieb am 8. September 2010 um 14:53 Uhr (#)

    Als Kontaktbörse (für welchen Zweck auch immer) sollte man es eher nicht benutzen und sich sehr vorsichtig auf der Seite bewegen, da Facebook aus angeblichen “Sicherheitsgründen” geheimhält wann die Accountsperre anschlägt. Darüber wird dann in Foren und auf diversen Seiten gerätselt.

    Viel Vertrauen in seine Nutzer scheint man nicht zu haben.

  6. Frank Horlitz
    schrieb am 8. September 2010 um 15:31 Uhr (#)

    Nicht jedes Mitglied wird sich wohl dabei fühlen, nach einem Check-In an beliebigen Orten von Fremden namentlich identifiziert werden zu können. Eine Alternative ist die Deaktivierung der “Here now”-Funktion. Allerdings wird man dann auch nicht mehr für die eigenen Freunde in der Übersicht aller an einer Location eingecheckten Personen angezeigt.

    Soweit ich das mit bekommen habe, kann man die Places-Sichtbarkeit genau wie alles andere in fb mit Listen regeln: Alle, Freunde von Freunden, Freunde, Benutzerdefiniert…
    Die Einstellung: “Freunde von Freunden” würde als soziale Kontaktbörse Sinn ergeben…

    Ich frage mich allerdings:
    Wofür braucht man in GPS-Device-Zeiten noch das alte Konzept von Postleitzahlen?

    1. Chama
      schrieb am 8. September 2010 um 15:35 Uhr (#)

      Singlebörsen arbeiten größtenteils mit Privatnachrichten, bei Facebook soll ja jeder Mist öffentlich gemacht werden wenn’s nach Zuckerberg geht.

      PLZ’s sind unabdingbar für sowas.

      Warum? Weil 90% da nicht mit Handy drin sind, bzw. das Handy kein GPS benutzt, der User keinen entsprechenden Vertrag hat oder die Places-Option einfach aus ist.

      Einfach zuviele Hürden um hier vom Hauch einer Singlebörse zu reden.

  7. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 8. September 2010 um 15:35 Uhr (#)

    Bei “Inside Facebook” heißt es:

    “Users don’t have granular control over Here Now, meaning they need to reveal their identity to everyone also checked in to the same Place, or hide themselves on Here Now even from their friends.”

  8. Jan
    schrieb am 8. September 2010 um 21:42 Uhr (#)

    Facebook wird noch so einiges werden! Da darf man noch gespannt sein und bitte auch kritisch!

    1. Chama
      schrieb am 8. September 2010 um 22:08 Uhr (#)

      Ja, vor allen Dingen wird es bald noch langweiliger werden ;) Der Zug ist eindeutig abgefahren.

    2. Manfred
      schrieb am 8. September 2010 um 22:09 Uhr (#)

      Im Moment besteht die Gefahr das sich Facebook schlicht verrent. Der Standarddienst scheint sie bereits zu überfordern.

      Sie agieren immer noch so, als ob es nur darum geht Menschen zu verbinden die sich auch im realen Leben kennen.

  9. Adrian
    schrieb am 9. September 2010 um 21:13 Uhr (#)

    Wie Facebook zur Kontaktbörse werden könnte? … ist es doch bereits längst! Nur ein Bruchteil meiner FB Freunde sind echte Freunde, die Mehrheit ist “eye candy” und deren Freunde. Meiner Erfahrung nach nehme rund 90% aller schweizer Nutzer Freundschaftsanfragen an ohne lange nachzufragen wer man ist.

    PS, wer eine tolle (und kostenlose!) Singlebörse sucht dem sei http://www.okcupid.com empfohlen …

  10. björn
    schrieb am 10. September 2010 um 11:28 Uhr (#)

    Grundsätzlich bin ich auch kein fan bzw. nutze singleportale- muss aber zugeben, schon mal fb für kontaktsuche zu nutzen, meistens aber für kontakte, die ich logischerweise! schon irgendwie kenne.

  11. Jean
    schrieb am 13. Oktober 2010 um 21:40 Uhr (#)

    Ist ja wieder typisch Facebook: Da wird eine neue Funktion frei geschaltet und dann genehmigt sich Facebook erst mal alle Rechte, bzw. stellt die Voreinstellungen so lax ein, dass man als User erst mal selbst Hand anlegen muss, um denen nicht gleich alle Daten auf dem Silbertablett zu liefern.

    Hab Places erst mal komplett die Rechte entzogen. Eine Anleitung dazu gibts unter

  12. Jean
    schrieb am 14. Oktober 2010 um 00:17 Uhr (#)

    http://jetzt-sicher-onlin…cht-mehr-wo-du-bist/

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