Kostenfrei vs. kostenpflichtig:
Der Makel des “Free”

Einst gefeiert als Geschäftsmodell der Zukunft, scheint “Free” in letzter Zeit vermehrt für negative Assoziationen zu sorgen. Dabei gibt es gute Gründe, die kostenfreie Angebote im Netz rechtfertigen.

Als ich in der vergangenen Woche über die in meinen Augen unkluge Wahl das Preismodells der Task-Management-App Remember The Milk berichtete und dem Dienst angesichts aufstrebender Konkurrenz empfahl, statt einer stark beschnittenen Free-Variante lieber so viel wie möglich kostenfrei anzubieten, kam es in den Kommentaren erwartungsgemäß zu einer Diskussion. Wie häufiger in letzter Zeit wurde dem kostenlose Anbieten von Diensten/Inhalten bzw. dem Sympathisieren mit diesem Konzept schnell ein Makel angeheftet.

War “Free” als Preisstrategie im Netz noch vor einem Jahr nicht zuletzt durch Chris Andersons gleichnamiges Buch ein heißer Trend und eine akzeptierte Alternative zu kostenpflichtigen Diensten, scheint es, als habe sich die öffentliche Meinung im Web in letzter Zeit gewandelt.

Ich weiß zwar nicht, ob man bereits von einem Anstieg der Zahlungsbereitschaft im Internet sprechen kann, aber zumindest entsteht der Eindruck, als wenn es einigen ausgewählten Services gelungen ist, eine loyale, zahlende Nutzerschaft aufzubauen, die überzeugt davon ist, das Richtige zu tun, indem sie zahlt.

Grundsätzlich ist das natürlich sehr gut, denn es zeigt neuen Startups und Anbietern, dass Optionen abseits der Monetarisierung durch Werbung existieren, und dass die Voraussetzung dafür “lediglich” ist, einen richtig überzeugenden Dienst zu entwickeln.

Problematisch wird es jedoch, wenn die Stimmung so stark kippt, dass Gratisangebote stigmatisiert werden und dass mit dem Finger auf Nutzer gezeigt wird, die aus verschiedenen Gründen für ein spezifisches Angebot kein Geld zahlen möchten.

Hier gilt es zuerst einmal darauf hinzuweisen, dass kein kostenfreies Angebot auch kostenlos ist. Wer Facebook, Twitter oder andere Services einsetzt, bezahlt nicht mit Geld sondern mit persönlichen Daten, die das jeweilige Unternehmen für die effektivere Vermarktung einsetzt. Monetarisiert wird hier also indirekt durch die Aufmerksamkeit der Nutzer.

Bei Angeboten, die sowohl eine kostenlose als auch eine kostenpflichtige Variante anbieten, kommt zudem die Funktion als Botschafter hinzu: Wer einen Gratisdienst über einen längeren Zeitraum einsetzt und nicht zur Premium-Version wechselt, scheint zufrieden zu sein und wird den Dienst mit großer Wahrscheinlichkeit anderen empfehlen – Dropbox ist ein Meister auf diesem Gebiet.

Einen Internetservice kostenfrei zu nutzen, lässt sich nicht damit vergleichen, ins Restaurant zu gehen und eine Gratis-Mahlzeit zu fordern. Denn während die Ressourcen im Restaurant begrenzt und die Kosten für die Zubereitung einer Mahlzeit nennenswert sind (Zutaten, Arbeitszeit), gelten bei Onlineservices andere Regeln. Die Grenzkosten der Bereitstellung einer weiteren Einheit eines Produktes (z.B. ein weiteres Free-Konto) tendieren häufig gegen null, weshalb es für manche Anbieter überhaupt kein Problem ist, Teile ihrer Leistungen kostenfrei abzugeben.

Aber kostenfrei heißt eben nicht kostenlos. Auf irgendeine Art wird immer gezahlt – sei es durch persönliche Daten, durch Aufmerksamkeit (angesichts der schieren Masse an Webangeboten bekommt diese zwangsläufig eine große Bedeutung und einen echten, mit einer finanziellen Transaktion vergleichbaren Wert) oder durch die Rolle als Markenbotschafter.

Selbstverständlich gibt es User, die aus reiner Ignoranz und der fehlenden Kenntnis über die wirtschaftlichen Zusammenhänge alles kostenlos haben möchten – auch deshalb, weil sie über viele Jahre hinweg daran gewöhnt wurden. Aber nicht jede Nachfrage nach einem Gratisprodukt rührt daher. Es kann genauso gut sein, dass User die zugrunde liegenden Dynamiken der Webwirtschaft verinnerlicht haben, oder dass sie einen Service erst ausprobieren möchten, oder dass sie in einem spezifischen Fall lieber mit ihren Daten “zahlen” als mit barem Geld.

Es wäre erfreulich, wenn es tatsächlich zu einem Sinneswandel käme und wenn User insgesamt offener dafür würden, für Dienstleistungen im Netz ihr Portemonnaie zu zücken. Es ist jedoch ein Trugschluss, anzunehmen, dass der natürlichste Zustand im Web wäre, für alles mit Geld zu zahlen. Einerseits, weil – wie beschrieben – manchmal eine indirekte Monetarisierung sehr viel sinnvoller sein kann, und außerdem, weil das Anbieten mancher Services derartig kostengünstig durchgeführt werden kann, dass Anbieter, die auf eine möglichst große Zahl an Usern angewiesen sind (z.B. Social Networks) das eigene Wachstum durch eine Bezahlschranke unnötig hemmen würden.

Im Netz haben beide Ansätze ihre Berechtigung, sowohl kostenpflichtig als auch kostenfrei. Kostenlos ist dabei ohnehin nichts.

Mehr lesen

\

18.1.2012, 0 Kommentare"Egotracking":
TwentyFeet erreicht 100.000 Nutzer

TwentyFeet, ein Statistikdienst für Social-Web-Konten, hat die Marke von 100.000 registrierten Nutzern durchbrochen. Jetzt streben die Wiesbadener die Profitabilität an.

Neue Preisdifferenzierung und Einschnitte beim Gratis-Angebot: simfy folgt Spotify

16.9.2011, 7 KommentareNeue Preisdifferenzierung und Einschnitte beim Gratis-Angebot:
simfy folgt Spotify

Das Kölner Musikstartup simfy beschneidet seine Gratisversion und bietet nur noch 20 Stunden Streaming pro Monat. Die ab sofort gültige Produkt- und Preispalette ist dem des Konkurrenten Spotify sehr ähnlich.

\

23.8.2011, 7 Kommentare"Zahle, so viel du willst":
Zootool gibt Einblicke in sein Freemium-Experiment

Der deutsche Social-Bookmarking-Dienst Zootool hat kürzlich eine kostenpflichtige Pro-Funktion veröffentlicht. Über den Preis können Nutzer selbst entscheiden. Jetzt berichten die Zootool-Macher über den Verlauf des Experiments.

Facebook und Twitter: Die Kasse klingelt ja doch

1.2.2012, 2 KommentareFacebook und Twitter:
Die Kasse klingelt ja doch

Lange galten Facebook und Twitter als typische Beispiele für Internetstartups ohne ernstzunehmende Geschäftsmodelle und Umsätze. Doch dieses Klischee entspricht nicht mehr der Realität.

\

18.1.2012, 0 Kommentare"Egotracking":
TwentyFeet erreicht 100.000 Nutzer

TwentyFeet, ein Statistikdienst für Social-Web-Konten, hat die Marke von 100.000 registrierten Nutzern durchbrochen. Jetzt streben die Wiesbadener die Profitabilität an.

Der Businessplan ist (fast) tot: Lang lebe das Geschäftsmodell!

12.1.2012, 9 KommentareDer Businessplan ist (fast) tot:
Lang lebe das Geschäftsmodell!

Businesspläne rauben dynamischen Gründer/innen viel Zeit, werden nur selten von den richtigen Leuten gelesen und garantieren kein funktionierendes Geschäftsmodell.

\

20.1.2012, 7 Kommentare"Startups schaffen Arbeitsplätze":
Wie sich die Internetdebatte konstruktiv beeinflussen lässt

Startups und etablierte Internetfirmen schaffen viele Arbeitsplätze. Fände diese zentrale Botschaft in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft stärker Gehör, verliefen das Digitale tangierende Diskussionen zum Urheberrecht und Datenschutz womöglich ganz anders.

Das Digital-Jahr 2011: Was mich erfreut und genervt hat

14.12.2011, 0 KommentareDas Digital-Jahr 2011:
Was mich erfreut und genervt hat

Das zu Ende gehende Internetjahr bot viele Anlässe zu Freude und Irritation. Folgende Entwicklungen und Aspekte bewegten mich 2011.

Das Digital-Jahr 2011: Ökosysteme, Startup-Boom  und Kim Schmitz

13.12.2011, 5 KommentareDas Digital-Jahr 2011:
Ökosysteme, Startup-Boom und Kim Schmitz

2011 ist in der digitalen Welt viel passiert, auch wenn die ganz großen Überraschungen ausblieben. Geprägt war das Jahr vor allem vom unaufhaltsamen Aufstieg der digitalen Ökosysteme.

7 Kommentare

  1. Alex
    schrieb am 1. September 2010 um 11:19 Uhr (#)

    Das User lieber mit Daten zahlen als mit Geld ist an sich logisch – Daten sind leichter fälschbar als Geld.

    Die Frage ist warum die wenigsten User für Dienste zahlen. Ich denke, dass einfach die wenigsten wirklich dei notwendigkeit für den jeweiligen Dienst sehen. Vllt. ist daher die Zahlungsbereitschaft kaum vorhanden.

  2. Ulf Bögeholz
    schrieb am 1. September 2010 um 13:04 Uhr (#)

    Was mal sehr interessant wäre, sind ein paar Zahlen, in was für einem Rahmen Wertschöpfungen mit persönlichen Daten von Usern betrieben wird. Das könnte tatsächlich mal ein leichtes Umdenken auslösen, ob es in manchen Fällen nicht besser ist, direkt etwas zu bezahlen anstatt seine Daten überall preiszugeben.

  3. André
    schrieb am 1. September 2010 um 15:12 Uhr (#)

    Insgesamt ist dieser Artikel einer der differenziertesten, den ich in letzter Zeit gelesen habe.

    Trotzdem möchte ich anmerken, dass Anbieter weit davon entfernt sind, Grenzkosten gegen null tendieren zu lassen, auch wenn das auf den ersten Blick nicht so scheint.

    Sicherlich ist es für die jeweiligen Dienste egal, ob sie 1000 oder 1001 Nutzer bedienen. Da aber die meisten auf Wachstum aus sind und es eher um den Sprung mehrerer Größenordnungen geht (wie komme ich von 1000 Nutzer auf 1.000.000?), stehen plötzlich ganz andere Probleme ins Haus:

    - durch externe APIs vervielfachen sich die Anzahl der Anfragen
    - Support muss geleistet werden (und der ist sauteuer)
    - mehr Nutzer fordern meist immer mehr Features, die entworfen, implementiert und getestet werden

    Gerade diese Tests können sich als Flaschenhals erweisen, wenn viele Browser getestet werden müssen.

    Wer also denkt, dass Skalierung bei einfachen Diensten gegenüber YouTube oder FarmVille ein vernachlässigbares Problem ist, sollte besser nochmal nachlesen. Selbst das Aufsetzen eines einfachen (erfolgreichen) Online-Dienstes ist alles andere als einmal coden und sich dann zurücklehnen.

    1. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
      schrieb am 1. September 2010 um 17:25 Uhr (#)

      Danke. Das schöne mit “tendieren” ist – es kann nah sein, oder es kann weit davon entfernt sein. Es ist eben die Tendenz/Richtung ;)

      Skalierbarkeit ist aber imo eher ein technisches als ein finanzielles Problem.

  4. Daniel Schultz
    schrieb am 1. September 2010 um 15:54 Uhr (#)

    Vor einiger Zeit hatte ich mir mal darüber Gedanken gemacht, wo ich für Werbung bezahle. Schließlich entstehen dort Kosten, die häufig von Leuten, die über eine Kostenlosmentalität lamentieren, nicht berücksichtigt werden.

    http://www.presseschauer.de/?p=1206

  5. SEOwoman
    schrieb am 1. September 2010 um 18:39 Uhr (#)

    Vielen Nutzern ist doch gar nicht klar, dass sie ihre Daten mit einem Mausklick wie z.B. bei Facebook-Apps “verkauft” haben. Wer liest schon wirklich das Kleingedruckte? Aus deren Sicht ist das alles kostenlos, denn a) kennen sie den “Wert” ihrer Daten gar nicht, weil sie das b) eben nicht bewußt erlaubt haben. Kann man jetzt sagen “selbst schuld”, aber wenn doch alle Freunde bei Farmville mitmachen kann das doch nicht “böse” sein, oder doch?

  6. Philipp
    schrieb am 23. Oktober 2010 um 19:05 Uhr (#)

    Ich kann mir schon vorstellen, dass du es am liebsten hättest wenn den Besuchern der Geldbeutel lockerer sitzen würde. Der Punkt ist dass das auch irgendwie bezahlt werden muss. Die Leute können ja nicht ohne Ende Schulden machen.

    Der Sinn des Free Modells ist nicht in erster Linie ein ökonomischer sondern ein psychologischer. Bevor jemand Geld für irgendetwas ausgibt, will er davon überzeugt sein dass ihm die Ware auch wirklich etwas bringt (Siehe erster Kommentar von Alex). Risiken gehen die meisten Käufer nur sehr ungern ein.

    Das Free Modell gibt mir die Chance den Besucher davon zu überzeugen bei einem Kauf mit 100%iger Sicherheit eine lohnende Investition zu tätigen. Dieser Überzeugungspielraum steht mir bei anderen Modellen gar nicht erst zu Verfügung. Entweder ich habe Glück und der Besucher ist sofort überzeugt, was sehr selten vorkommt. Hierfür würde auch ein reines Zahlmodell funktionieren. In den meisten Fällen ist es aber so, dass die Leute kaum beurteilen können inwieweit eine Sache etwas bringt. Das Free-Modell stellt hier im großen Rahmen experimentier Möglichkeiten zur Verfügung.

    Inwieweit man sich dabei nicht in Unkosten stürzt muss man dann konkret beurteilen. Bei Online Artikeln kann man relativ viel, vor allem in großen Stückzahlen hergeben. Kostenpunkt ist hier allerdings auch die Zeit die bei Gerhirnintensiver Arbeit sehr teuer sein kann. Bei einem Restaurant könnte man beispielsweise jedem Besucher eine Karotte und ein kleines Stück Brot hergeben. Als gesunder Zwischensnack absolut brauchbar. Werbung bekommt man selten so günstig.

Pingbacks

Pingbacks anzeigen...

Diesen Artikel kommentieren

Wir sind sehr an einer offenen Diskussion interessiert, behalten uns aber vor, beleidigende Kommentare sowie solche, die offensichtlich zwecks Suchmaschinenoptimierung abgegeben werden, zu editieren oder zu löschen. Mehr dazu in unseren Kommentarregeln.