Internetkritiker:
Die Unfähigkeit, Etabliertes
in Frage zu stellen

Internetkritiker erfüllen eine wichtige Aufgabe. Sie unterminieren jedoch ihre eigene Argumentation, wenn sie nicht in der Lage sind, etablierte Verhaltensweisen und Sichtweisen in Frage zu stellen.

Ungewohnte Ansicht: — Gute Fotografie ist keine Frage der Ausrüstung, wie dieses Bild beweist, sondern vor allem der Perspektive und Inszenierung. — Textanzeige

Jede Entwicklung braucht ihre Kritiker. Auch die digitale Revolution. Internet-Skeptiker wie Frank Schirrmacher, Jaron Lanier, Andrew Keen oder Gisela Schmalz bilden den notwendigen Gegenpol zu den teilweise euphorischen Befürwortern und Antreibern des technologischen Wandels (zu denen wir sicher auch gehören), selbst wenn man manchmal die Arme über den Kopf zusammenschlagen möchte, wenn man mit ihren Aussagen konfrontiert wird.

Das wirkliche Problem ist meist ohnehin nicht die Kritik sondern die Art der Argumentation, auf welche sich diese stützt. Mein Eindruck ist, dass viele Internetpessimisten die Fähigkeit vermissen lassen, Etabliertes in Frage zu stellen. Genau das aber erfordert der tiefgreifende Wandel, dessen Zeuge wir gerade werden. Wer nicht in der Lage ist, über Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte praktizierte Verhaltensweisen sowie eingefahrene Routinen in Frage zu stellen, muss zwangsläufig Probleme im Umgang mit dem die Strukturen unseres Zusammenlebens verändernden Wechsel von der analogen zur digitalen Gesellschaft bekommen.

Sehr deutlich wird dies in einem aktuellen Essay eines weiteren Webkritikers, nämlich dem Medien- und Kommunikationstheoretiker Norbert Bolz. Auf sueddeutsche.de veröffentlichte er gestern eine Art Rundumschlag gegen verschiedenste Phänomene und Eigenschaften der digitalen Welt (via) und wirft dabei ziemlich viele Dinge in einen Topf.

Aber darum soll es hier nicht gehen. Denn während Bolz sicherlich in dem ein oder anderen Aspekt berechtigte Kritik an den Dynamiken des Netzes äußert (z.B. das Entstehen von Echokammern oder die grundsätzlichen Risiken, die von einem übermächtigen Unternehmen im Netz ausgehen), offenbart er in dem Beitrag sein Unvermögen, eine bisherige Konvention vorbehaltslos in Frage zu stellen: Wie so viele vor ihm sieht er die Privatheit als das Optimum und Transparenz (was Bolz natürlich lieber als “Überwachung” bezeichnet) als etwas Negatives.

Für Bolz ist Privatheit etwas Bürgerliches, für das man kämpfen sollte. In seinen Worten: “Privatheit ist die Standardeinstellung, die der Bürger im Umgang mit den Medien bewusst wählen muss.”

Was Bolz jedoch überhaupt nicht antastet, ist die Erklärung, warum dies so ist. Warum ist Privatheit die Standardeinstellung, die man wählen muss? Warum ist es “bürgerlich”? Und ist “bürglich” gut? Ist es überhaupt noch zeitgemäß, mit Begriffen zu argumentieren, die vor mehreren hundert Jahren entstanden sind, um die Privilegien einer bestimmten Schicht zu definieren?

Die Antwort auf all diese Fragen kann “nein” lauten. Oder “ja”. Es gibt durchaus Gründe, sich für die Privatheit einzusetzen. Es gibt Gründe, warum man die Transformation von Bürgern in “Mini-Celebritys” kritisieren sollte. Und es gibt Gründe, warum es nicht nur Vorteile hat, dass Paparazzi zu einem massendemokratischen Phänomen werden.

Aber ich möchte wissen, warum er das denkt. Ich möchte sehen, dass Bolz (oder jeder andere Kritiker auch) nicht nur einfach ein Produkt der Gesellschaft ist, in der er aufgewachsen ist, und deren Werte und Ideale er nun bis zum Ende seiner Tage predigt. Ich möchte wissen, warum Bolz findet, dass Privatheit besser ist als Transparenz, und warum er der Überzeugung ist, dass “erst filtern, dann publizieren” der bessere Ansatz sei als umgedreht.

Solange mir Internetkritiker ihre Sicht der Dinge vermitteln wollen, ohne dabei nur den Hauch einer Bereitschaft zu zeigen, etablierte Prozesse und Haltungen zu hinterfragen, fällt es mir sehr schwer, ihre Bedenken ernst zu nehmen und ihre Argumente zur eigenen Reflexion zu verwenden.

Ein schlagfertiger, überzeugender Kritiker ist einer, der mir nicht nur erzählt, warum das Neue zu Problemen führen kann, sondern der mir erfolgreich erklärt, warum das Festhalten an klassischen Konventionen besser ist als eine Anpassung selbiger an neue Rahmenbedingungen. Warum also die Welt, so wie wir sie bisher kannten, die beste Welt war, die wir jemals bekommen konnten.

Bolz erwähnt mit keinem Wort, welche eventuellen Vorteile es hat, dass vor der Publikation weniger herausgefiltert wird, dass Bürger heute aus eigener Kraft zu Mini-Prominenten werden können oder das Individuen, Organisationen und Unternehmen transparenter sind als bisher. Entweder, weil ihm nichts dazu eingefallen ist. Oder weil er nicht einmal darüber nachgedacht hat; weil er so programmiert ist, nur Neues, Fremdes in Frage zu stellen, jedoch nichts, dass über 50 Jahre seine Lebensweise gesteuert hat.

Neue Entwicklungen und Technologien in Frage zu stellen, beherrschen viele. Etabliertes in Frage zu stellen, scheint dagegen sehr viel schwieriger zu sein. Dabei ist es mindestens genauso wichtig.

(Foto: stock.xchng)

Mehr lesen

Unveränderliche Veränderung: Für mehr Pragmatismus in der Urheberrechtsdebatte

23.1.2012, 14 KommentareUnveränderliche Veränderung:
Für mehr Pragmatismus in der Urheberrechtsdebatte

Die Urheberrechtsdebatte führt im digitalen Zeitalter zu immer neuen, größeren Konfliktherden. Es ist Zeit für einen pragmatischen Blick auf die Folgen einer unveränderlichen Veränderung.

Wertschöpfung bei Medienproduktionen: Die Spielregeln verändern sich

23.12.2011, 16 KommentareWertschöpfung bei Medienproduktionen:
Die Spielregeln verändern sich

Die Spielregeln, nach denen Medienproduktionen finanziert und monetarisiert werden, verändern sich rasant. Drei aktuelle Beispiele illustrieren dies.

Das Digital-Jahr 2011: Was mich erfreut und genervt hat

14.12.2011, 0 KommentareDas Digital-Jahr 2011:
Was mich erfreut und genervt hat

Das zu Ende gehende Internetjahr bot viele Anlässe zu Freude und Irritation. Folgende Entwicklungen und Aspekte bewegten mich 2011.

\

20.1.2012, 7 Kommentare"Startups schaffen Arbeitsplätze":
Wie sich die Internetdebatte konstruktiv beeinflussen lässt

Startups und etablierte Internetfirmen schaffen viele Arbeitsplätze. Fände diese zentrale Botschaft in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft stärker Gehör, verliefen das Digitale tangierende Diskussionen zum Urheberrecht und Datenschutz womöglich ganz anders.

Das Digital-Jahr 2011: Was mich erfreut und genervt hat

14.12.2011, 0 KommentareDas Digital-Jahr 2011:
Was mich erfreut und genervt hat

Das zu Ende gehende Internetjahr bot viele Anlässe zu Freude und Irritation. Folgende Entwicklungen und Aspekte bewegten mich 2011.

Das Digital-Jahr 2011: Ökosysteme, Startup-Boom  und Kim Schmitz

13.12.2011, 5 KommentareDas Digital-Jahr 2011:
Ökosysteme, Startup-Boom und Kim Schmitz

2011 ist in der digitalen Welt viel passiert, auch wenn die ganz großen Überraschungen ausblieben. Geprägt war das Jahr vor allem vom unaufhaltsamen Aufstieg der digitalen Ökosysteme.

8 Kommentare

  1. Nerddeutschland
    schrieb am 30. August 2010 um 14:24 Uhr (#)

    Nachtrag:

    Dieser Artikel ist online leider leicht verändert worden.

    In der Print-SZ vom Samstag erschien er unter dem Titel “Jeder ist seines Clickes Schmied” und der Headline “Warum uns mit der Privatheit in der interntgesellschaft auch die bürgerliche Freiheit abhanden kommt”.

    Weiterhin ist eine sehr einseitige und pauschale Verumglipfung vieler Webdienste und Networks, die in einer fast ganzseitigen Grafik verwurstet worden, entfernt worden…

    Für die Online-Veröffentlichung wurde dieser “Essay” also deutlich entschärft. Offensichtlich ist man da nochmal “in sich gegangen”, hat die triefige Polemik im Titel gekickt und diese alberne Grafik entfernt, um sich nicht selbst so derart offensichtlich “online” als “onlinefeindlich” darzustellen.

    Wäre der Artikel 1:1 übernommen worden, hätte sich die SZ mit Sicherheit Hohn und Spott ausgesetzt ob dieser plakativen, boulevardesken und tendenziösen Darstellung…

    GrundsätzlichIch teile deine Haltung zu diesem Artikel, ich würde aber dabei nicht alle Skeptiker in einen Topf werfen. Die Bedenken und Befindlichkeiten die z.B. Frank Schirrmacher äußert, sind ganz anderer Natur und imo wesentlich differenzierter und entsprechend diskussionswürdiger, als das was Norbert Bolz hier – egal ob “entschärft” oder nicht- verfasst hat.

  2. cervo
    schrieb am 30. August 2010 um 15:19 Uhr (#)

    Hm, wirft Herr Weigert hier einem Konservativen vor konservativ zu sein? Norbert Bolz setzt sich offen für eine Partei rechts der CDU ein, propagiert die “christliche Leitkultur” und “traditionelle Familienwerte”. Warum soll so jemand die richtigen Schlüsse in Bezug auf die digitale Revolution ziehen?

    1. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
      schrieb am 30. August 2010 um 15:59 Uhr (#)

      Das ist ein unter vielen Kritikern zu beobachtendes Phänomen.

  3. Meeresbiologe
    schrieb am 30. August 2010 um 16:44 Uhr (#)

    Könnte ja Werte geben, die man für so fundamental wichtig und unverrückbar hält, dass man sie auch durch kein Internet in Frage stellen will. Manche Werte sind so wichtig in sich selbst, dass man sie und ihre “Vorteile” auch nicht groß zu begründen gedenkt – außer damit, dass man sie eben will. Den Wert der Privatheit würde ich mit dazu zählen. Jedenfalls sollte sowas dolles Transparentes wie das Internet nicht auf übermäßige Kosten der Privatheit gehen. Es müssen vielmehr beide Ziele, Werte und Vorteile bestmöglich miteinander verbunden werden, anstatt das eine gegen das andere auszuspielen und das eine auf Kosten des anderen vorzuziehen. Im übrigen kommt es halt vor, dass jeder was anderes wichtiger findet. Begründen muß man das nicht groß, es ist halt so. Manche stehen mehr auf Privatheit, andere auf mehr Transparenz – manche mögen lieber Blümchensex, andere eher etwas ausgefallene Stellungen, Veranlagungssache. Insofern handelt es sich bei der Privatheit wohl weniger um die Unfähigkeit, sondern um den Unwillen, so etwas Etabliertes in Frage zu stellen.

  4. Caspar
    schrieb am 30. August 2010 um 21:44 Uhr (#)

    Es ist oftmals auch die Angst die bei vielen Leuten mitspielt. Die USA, in denen man sich angeblich immer wieder über Deutschland und seine Reaktionen auf neues im Internet wundert, hatten nie in ihrer Geschichte zwei Unrechtssysteme erlebt, die auf totale Gleichschaltung und totale Kontrolle der Bürger gesetzt hatten. Mit Angst lässt sich nur polarisieren, aber nicht argumentieren. Natürlich ist das Schade, denn wenn jemand sagt er habe Angst davor, wird er meistens nicht ernst genommen, obwohl man ihn viel ernster nehmen müsste.

    1. Stefan Mantei
      schrieb am 31. August 2010 um 01:22 Uhr (#)

      Guter Kommentar, Caspar. Verständnis für die Motive von Menschen, die ganz anders denken und handeln als wir selbst, ist ja leider kein Stammgast in Internetkommentarspalten.

      Diese Debatte wäre erfolgreicher, wenn sie mit etwas mehr Lust auf Integration geführt würde. Und etwas weniger im Sinne von “Wir on, ihr doof”.

  5. Stefan Ertel
    schrieb am 31. August 2010 um 10:15 Uhr (#)

    @Stefan Mantei

    Ich bin zu 100 % Ihrer Meinung.

    Stefan Ertel

  6. rob d
    schrieb am 31. August 2010 um 12:33 Uhr (#)

    @Meeresbiologe:
    100% Zustimmung.

Pingbacks

Pingbacks anzeigen...

Diesen Artikel kommentieren

Wir sind sehr an einer offenen Diskussion interessiert, behalten uns aber vor, beleidigende Kommentare sowie solche, die offensichtlich zwecks Suchmaschinenoptimierung abgegeben werden, zu editieren oder zu löschen. Mehr dazu in unseren Kommentarregeln.

 
vgwort