Social Web:
Wenn individuelle Schicksalsschläge öffentlich werden

Mit den Möglichkeiten des Social Web wächst unser Netzwerk. Je mehr lose Verbindungen wir besitzen, desto häufiger werden wir “Zeuge” von individuellen Schicksalsschlägen.

Über die Qualität der Kontakte im Web lässt sich vortrefflich streiten. Weitgehender Konsen besteht hingegen zu dem Aspekt, dass die Zahl der Verbindungen, die Menschen mit Hilfe von Social Networks und anderen digitalen Tools eingehen und pflegen, deutlich größer ist als in der Prä-Internet-Ära, in der es schlicht nicht möglich war, mit Hunderten von Menschen in Kontakt zu bleiben, ohne sich aus den Augen zu verlieren.

Thomas Knüwer hatte dieses Phänomen und die Folgen für Mensch und Gesellschaft Ende Juli sehr schön in dem Artikel “Der Sieg der schwachen Verbindungen” erklärt.

Doch das enorme Netzwerk, das aktive User von Facebook, Twitter, Xing, LinkedIn und anderen Services besitzen und das ihnen in verschiedensten Lebenslagen mit Rat, Tat und Unterstützung zur Seite stehen kann, bringt gleichzeitig eine neue Herausfordung mit sich: Nämlich die, sehr viel häufiger mit persönlichen Schicksalsschlägen konfrontiert zu werden und damit richtig umzugehen.

Es ist einfachste Statistik: Je mehr Kontakte unterschiedlichster Stärke man besitzt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass bei einer dieser Personen etwas Unvorhersehbares geschieht, von dem man anschließend per Status-Update, Tweet oder Blogeintrag erfährt.

Dabei kann es sich um Lappalien wie einen verschütteten Kaffeepott oder ein Loch in der Hose handeln, aber auch um ernsthaftere Vorfälle wie Ein- oder Beinbrüche, oder eben um äußerst tragische Schicksalsschläge, von denen jeder gerne verschont bleibt, die aber unweigerlich zum Leben dazugehören.

Anlass zu diesem Artikel sind zwei aktuelle Ereignisse bei Twitter, deren “Zeuge” ich wurde. So erfuhr ich gestern über einen Retweet, dass ein User, den ich von Twitter “kannte”, kürzlich durch einen Unfall seine Freundin verloren hat. Obwohl wir uns noch nie begegnet sind und auch sonst keinerlei direkten Austausch haben, traf mich diese Nachricht stärker, als wäre ich einem Fremden auf der Straße begegnet, der den gleichen Verlust zu beklagen hat. Ich habe ihm daraufhin in seinem Blog mein Beileid ausgedrückt.

Vor ungefähr einer Woche hörte ich (ebenfalls durch einen Retweet) von einer anderen Tragödie (wenn auch mit gutem Ende): Ein Twitter-Nutzer kündigte bei dem Microbloggingdienst an, sich das Leben nehmen zu wollen. In einem Tweet veröffentlichte er seine Handynummer mit dem Aufruf, man solle ihn überreden, seine Entscheidung zu ändern. Und tatsächlich gelang es einem Follower, ihn von dem Suizidversuch abzuhalten und rechtzeitig Alarm zu schlagen.

Das Gefühl, als ich die entsprechenden Tweets der betreffenden Person durchlas, lässt sich kaum in Worte fassen. Sein Twitter-Stream wurde quasi zu einem chronologischen Tagebuch, in dem man das sich anbahnende Ungemach (rückblickend) erahnen konnte. Plötzlich war ich Teil eines menschlichen Schicksals, ohne zu dieser Person vorher irgendeine Bindung gehabt zu haben. Nicht einmal eine schwache. Unsere einzige Gemeinsamkeit: Beide nutzen wir Twitter…

Ich vermute, einige von euch haben vergleichbare Erfahrungen gemacht. Die Frage, die ich mir nun stelle: Wie verändert uns die häufiger eintreffende Notwendigkeit einer emotionalen Anteilnahme an individuellen Schicksalen?

Errichten wir um uns herum unbewusst eine Art emotionale Mauer, um uns vor dem steigenden Risiko zu schützen, dass die eigene gute Laune durch einen unvorhergesehen Todesfall bei einem entfernten Web-Bekannten zerstört wird? Oder entspannt sich gar die in den von Krieg und anderen Katastrophen verschont gebliebenen westlichen Ländern anzutreffende tabuisierte Einstellung zum Thema Tod durch die Zunahme von Gelegenheiten, in denen unsere Anteilnahme gefragt ist? Welche anderen Auswirkungen auf unsere Psyche und unser Wohlbefinden könnte es geben?

Wie geht ihr mit der Thematik um?

(Illustration: stock.xchng)

Mehr lesen

\

20.1.2012, 7 Kommentare"Startups schaffen Arbeitsplätze":
Wie sich die Internetdebatte konstruktiv beeinflussen lässt

Startups und etablierte Internetfirmen schaffen viele Arbeitsplätze. Fände diese zentrale Botschaft in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft stärker Gehör, verliefen das Digitale tangierende Diskussionen zum Urheberrecht und Datenschutz womöglich ganz anders.

Digitales Deutschland: Das Glas ist halbvoll

6.9.2011, 3 KommentareDigitales Deutschland:
Das Glas ist halbvoll

Der deutschen Öffentlichkeit mangelt es im Bezug auf das Netz nicht an Konflikten. Doch diese versperren leicht den Blick auf erfreuliche und positive Entwicklungen rund um den digitalen Wandel.

Digitalisierung: Die Ära der  nutzergenerierten Überwachung

8.8.2011, 20 KommentareDigitalisierung:
Die Ära der nutzergenerierten Überwachung

So sehr der Einzug des Digitalen in das Leben der Menschen zu begrüßen ist: Er besitzt auch seine Schattenseiten. Diese müssen wir aber akzeptieren.

Aufmerksamkeitsökonomie: Warum Google+ an seinem  eigenen Erfolg scheitert

31.1.2012, 12 KommentareAufmerksamkeitsökonomie:
Warum Google+ an seinem eigenen Erfolg scheitert

Die Vereinigung von Google+ und Google Suche belebt erneut den Diskurs um die künftige Bedeutung dieser Plattform. Skepsis ist angebracht.

Wrapp: Schwedens wahrscheinlich  nächster Startup-Hit

30.1.2012, 0 KommentareWrapp:
Schwedens wahrscheinlich nächster Startup-Hit

Das schwedische Startup Wrapp erlaubt es Anwendern, Facebook-Freunde mit Geschenkgutscheinen zu überraschen. Die Gründer von Skype und LinkedIn glauben an den Erfolg des Dienstes, der nun die internationale Expansion plant.

\

27.1.2012, 1 Kommentare"Tweet in deinem Land nicht verfügbar":
Twitter räumt sich Recht regional zensierter Tweets ein

Twitter räumt sich das Recht ein, künftig Tweets für Nutzer in einzelnen Ländern zu sperren, sofern es Beschwerden gibt. Für Anwender ist dies ein Schlag ins Gesicht.

6 Kommentare

  1. Jens
    schrieb am 18. August 2010 um 18:09 Uhr (#)

    Genau das Thema “Social Networks ziehen mich mental runter” liegt mir seit vielen Wochen schwer im Magen und zufällig gerade gestern habe ich dieses Gefühl in einem guten Gespräch mal in Worte gefasst. Aufgefallen ist es mir nicht bei so schwerwiegenden Themen, wie Tod, sondern bei vermeindlich harmlosen Themen rund um meinem Sport, wo ich viele Kontakte habe. Mein Sport ist durch hohe Geschwindigkeiten relativ verletzungsgefährdet und erfordert daher eine hohe Konzentration sowie immer einen freien Kopf. Denn wer in Aktion nur an Verletzungen denkt – der erhält auch eine Verletzung. Über den ganzen Sommer (=Saison) höre ich laufend Verletzung hier, leichte Katastrophe da. Alles mehr oder weniger nahe Bekannte von verschiedensten Wettkämpfen, Trainings, usw. Wenn ich normalerweise selten direkt live dabei war und mir “früher” irgendwann berichtet wurde “Übrigens, der … hat sich letztes Wochenende verletzt”, so erfahre ich nun alles, oft mit der kompletten Krankengeschichte und manchmal auch einprägsamen Bildern… So schön das erleichterte “Anteil nehmen” ist, so schlimm ist es in dieser Häufigkeit wirklich Anteil zu nehmen.
    Wie also damit umgehen? Ich bin ein positiv denkender Gute-Laune Typ und kann, wenn ich mich auf etwas konzentriere sehr gut abschalten sowie Gedanken verbannen. Doch mittlerweile fühle ich mich stark “Bad-News” bedroht. Es werden immer mehr Kontakte und die Bereitschaft zu posten steigt auch immer weiter an. Lösungen!? “Bad-News”-Filter

  2. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 19. August 2010 um 08:19 Uhr (#)

    Eigentlich sind es ja zwei Aspekte: Der eine ist, sich selbst nicht emotional zu sehr herunterziehen zu lassen, und der andere, gleichzeitig das richtige Maß an Anteilnahme zu finden, ohne dabei zu übertreiben.

    In deinem Beispiel geht es ja eigentlich nur um den eigenen Schutz vor zuviel negativem Einfluss von Außen. Am besten wäre es wohl, zu versuchen, diesen Personen einfach zu entfolgen. So viele können es ja auch nicht sein, die ihre Kranken- bzw. Verletzungsgeschichten breit darlegen, oder?

  3. Bianca
    schrieb am 19. August 2010 um 08:45 Uhr (#)

    Mir ist vor ein paar Tagen etwas ähnliches passiert: Ein Netzbekannter hat geschrieben, dass einer seiner besten Freunde schwer an Leukemie erkrankt ist und bereits seine 3. Chemo macht. Mit einer Aktion im Web versucht er Menschen dazu zu bewegen, sich für die Knochenmarkspende zu registrieren. Mich traf das sehr, vermutlich auch weil mir klar wurde, wie “nah” solche Schicksalsschläge eigentlich sind – vermutlich hätte ich ohne Facebook gar nicht davon erfahren und dennoch passierts. Wir wachsen wohl durch das Social Web vor allem emotional zusammen. Meine Reaktion war nun, mich registrieren zu lassen. Wohl auch um diesen Freund aber auch anderen zu helfen. Vielleicht auch mal jemanden aus meinem engen Bekanntenkreis. Wer nachsehen und mithelfen möchte: http://www.wirfuerfrank.net/

    1. Andreas Schepers
      schrieb am 19. August 2010 um 11:15 Uhr (#)

      @Martin: Danke fuer deinen Artikel. In der Tat eine spannende Entwicklung. Wir versuchen gerade, ein bisschen Netzoeffentlichkeit fuer Frank und das Thema Leukaemiу zu schaffen.

      Und sagen wir so, es hilft natuerlich, wenn die Freunde und Bekannte des Betroffenen gut vernetzt sind.

      @Bianca Danke Dir fuer Dein Engagement und das Weitertragen der Nachricht! Viele Gruesse an den Neugrabenweg :)

    2. Bianca
      schrieb am 19. August 2010 um 14:54 Uhr (#)

      @Andreas Lieben Dank, Grüße sind angekommen :)) Bist übrigens hier immer herzlich willkommen, wird auch mal Zeit, dass ich Dich “in Echt” kennenlerne ;))

  4. jan
    schrieb am 22. Februar 2011 um 06:58 Uhr (#)

    Was sage uns aber diese vielen losen Verbindungen, das man nicht mehr in der Lage ist reale Kontakte zu pflegen?

Pingbacks

Pingbacks anzeigen...

Diesen Artikel kommentieren

Wir sind sehr an einer offenen Diskussion interessiert, behalten uns aber vor, beleidigende Kommentare sowie solche, die offensichtlich zwecks Suchmaschinenoptimierung abgegeben werden, zu editieren oder zu löschen. Mehr dazu in unseren Kommentarregeln.