Netzneutralität:
Warum das Google-Verizon-Abkommen Innovation behindert

Google und Verizon behaupten, ihre gestern vorgestellte Richtlinie zum offenen Internet würde Innovation fördern. Doch das Gegenteil ist der Fall.

Nach den Gerüchten um eine angebliche Bevorzugung von Google-Diensten im Netz des US-Providers Verizon – einem der größten Partner für den Vertrieb von Android-Geräten – haben die zwei Unternehmen am Montagabend ein Regelwerk für ein offenes Internet vorgelegt. Zwar sprechen sie sich eindeutig für eine Neutralität drahtgebundener Internetverbindungen aus, halten sich aber zwei andere Türen weit offen:

Einerseits soll die Richtlinie das mobile Internet ausnehmen, da dort andere Dynamiken herrschen und mehr Wettbewerb stattfände, außerdem soll die Möglichkeit für spezielle IP-gebundene Onlineangebote bestehen, die als Produkt vom herkömmlichen Internetzugang abgegrenzt werden und für die keine Rücksicht auf Aspekte der Netzneutralität genommen werden muss. Googles Blogpost zu der Richtlinie findet ihr hier.

Wie so oft bei derartig PR-lastigen Mitteilungen wird mit einem Sachverhalt argumentiert, der bei näherer Betrachtung genau das Gegenteil zur Folge hat. In diesem Fall geht es um die Förderung von Innovationen, was laut Google eines der Hauptziele der Übereinkunft ist, die von den zwei Unterzeichnern auch als Grundlage für weitere Maßnahmen der US-Kommunikationsbehörde FCC und des Gesetzgebers empfohlen wird.

Doch wer etwas genauer über die Konsequenzen nachdenkt, erkennt schnell, dass sich das Potenzial für Innovationen hier primär auf Provider sowie auf zahlungskräftige Diensteanbieter beschränkt, und dass frisch gegründete Startups gerade im Internetmarkt der Zukunft – dem mobilen Web – dabei leicht unter die Räder geraten können.

Dass Onlineservices im mobilen Internet nicht die gleichen Freiheiten haben wie im stationären Web, ist bekannt. Skype beispielsweise hat aus Rücksicht auf Provider lange damit gezögert, für seine iPhone-App überhaupt eine Möglichkeit für VoIP über 3G-Verbindungen anzubieten. Apple stellt Videotelefonie mit FaceTime bisher nur via WLAN bereit – ob allein aufgrund von Qualitätsbedenken bei 3G-Gesprächen oder auf Bitten der Zugangsanbieter, ist zwar offen, aber das Resultat für die Verbraucher bleibt gleich. Manche Mobilfunkanbieter blockieren auch P2P-Datenübertragungen.

Das Regelwerk von Google und Verizon legitimiert Eingriffe der Mobile-Provider in die Übertragung von Daten, es erlaubt die Blockade gewisser Services (wie z.B. VoIP oder Videostreaming) und es spricht sich auch nicht gegen eine Bevorteilung einzelner Dienste aus. Die einzige Einschränkung ist eine selbst auferlegte Transparenz in Bezug auf eventuelle Eingriffe.

Das könnte zur Folge haben, dass (als fiktives Beispiel) simfy seinen Nutzern das Musikstreaming über mobile Apps in hervorragender Qualität ermöglichen kann, weil es mit einem Provider ein entsprechendes Abkommen eingangen ist, steereo jedoch gar nicht oder nur in deutlich schlechterer Qualität funktioniert, weil es nicht bereit ist, für eine Priorisierung der mobilen Datenübertragung einzelne Internetprovider zu bezahlen.

Das mobile Web ist dabei, eine genauso wichtige Rolle für die Konsumenten einzunehmen wie das stationäre Internet. Und es ist nach dem Willen von Google/Verizon auch zukünftig und ganz offiziell kein Ort, an dem sich auf die Neutralität der Netze pochen lässt. Verbraucher sind damit auch weiterhin auf die Launen der Zugangsanbieter angewiesen, was die Verfügbarkeit von bestimmten Dienstearten betrifft. Startups hingegen können sich niemals sicher sein, ob ihre Services von den Mobilfunkgesellschaften akzeptiert werden, und auch nicht, ob ein Konkurrent aufgrund einer Kooperationsvereinbarung mehr Liebe und höhere Prioritäten erhält. Für Google dürfte das natürlich alles kein Problem sein…

Inwieweit fördert eine derartige Unsicherheit für junge Webfirmen noch einmal Innovation?

Auch die andere Hintertür dürfte Innovation eher behindern als unterstützen. Die Möglichkeit, neben klassischen Internetverbindungen auch weitere Onlinedienste anbieten zu können – und zwar ohne den Anspruch der Netzneutralität – birgt das Risiko, dass Provider zukünftig sehr viel mehr in entsprechende, mit zusätzlichen Einnahmen verbundene Dienste investieren und ihr klassisches, neutrales Zugangsangebot vernachlässigen.

Zumindest theoretisch könnte dies bedeuten, dass Provider XY neben den bisherigen Internetpaketen auch ein spezielles Video-Abo startet, das qualitativ besonders hochwertigen Zugang zu einer Reihe von Videodiensten bietet, von YouTube bis Hulu. Da dies auch zusätzliche Umsätze für die beteiligten Inhalteanbieter bedeutet, ist durchaus vorstellbar, dass es zu einer Ressourcenverschiebung kommt, was Produktinnovationen betrifft, und dass verstärkt in die Weiterentwicklung dieser Spezialdienste investiert wird.

Aktuell ist dies nur Spekulation. Ob die Legitimierung von Web-Dienstleistungen abseits des herkömmlichen Internetanschlusses tatsächlich zu einer Art Zwei-Klassen-Internet führt, wie manche befürchten, ist schwer zu prognostizieren. In jedem Fall aber entstünde für Verbraucher plötzlich eine Situation, in der das normale Internetzugangspaket nicht mehr für alle IP-Services ausreichen würde.

Das wiederum könnte sich zum Beginn einer Abschaffung der Netzneutralität durch die Hintertür entwickeln, nämlich dann, wenn Dienste sich dazu entscheiden, nur noch über direkte Kooperationen mit Providern und gar nicht mehr in Form von offenen Internetplattformen verfügbar zu sein. Derartiges geschieht sicher nicht von heute auf morgen, aber es ist wichtig, die langfristigen Auswirkungen von (indirekten) Abschwächungen der Netzneutralität zu beachten.

Google macht sich mit dem Verizon-Pakt eine Handvoll Freunde unter den für den Android-Erfolg wichtigen Mobilfunkprovidern, nimmt dafür aber in Kauf, viele andere Sympathisanten unter den Startups und Endanwendern vor den Kopf zu stoßen. Ist es das wirklich wert?

Passend zum Thema: Die Telekom findet, eine umfassende Netzneutralität sei “nicht im Interesse der Allgemeinheit”. Im Interesse der Telekom ist sie garantiert nicht.

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6 Kommentare

  1. davidhrbrn
    schrieb am 10. August 2010 um 11:32 Uhr (#)

    Google scheint seinem neuen Slogan “mobile first” gerecht zu werden. Das mobile Internet wird in Zukunft an Bedeutung gewinnen, dessen bin ich mir sicher. Allerdings auch nicht in einer so hohen Geschwindigkeit als das die ISPs das stationäre Internet vernachlässigen würden.

    Meines Erachtens ist Google zu einem so großen Unternehmen gewachsen, dass die Strategie zunehmend von Shareholdern, bzw. Stakeholdern und immer weniger von den beiden Gründern beeinflusst wird. Ich unterstellen diesen beiden mal, dass die Netzneutralität für sie eines der höchsten Güter im Sinne von “don´t be evil” wäre.

    1. Marcel Weiss
      schrieb am 10. August 2010 um 15:10 Uhr (#)

      Die zwei Google-Gründer halten gemeinsam die Mehrheit der Google-Aktien mit 59% und haben somit das Sagen. Auch 2014, wenn sie, wie geplant Aktien verkaufen und auf 48% der Anteile sinken, haben sie mit den Anteilen von Eric Schmidt immer noch die absolute Mehrheit. Siehe unter anderem hier:
      http://zdnet.de/news/wirt…01020-41526214-1.htm

      Bei Google passiert heute nichts so Schwerwiegendes ohne die Zustimmung der zwei Gründer. Und das wird sich auch auf absehbare Zeit nicht ändern.

    2. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
      schrieb am 10. August 2010 um 15:17 Uhr (#)

      Ah, das war mir auch nicht bewusst (oder ich habe es verdrängt). Danke für den Hinweis!

      Allerdings bedeutet dies nicht, dass nicht alle Shareholder zunehmend unruhig werden ob der etwas weniger rosigen Zukunftsaussichten für Google. Was natürlich den Druck auf die Konzernführung erhöht, Kompromisse einzugehen.

  2. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 10. August 2010 um 11:36 Uhr (#)

    Meines Erachtens ist Google zu einem so großen Unternehmen gewachsen, dass die Strategie zunehmend von Shareholdern, bzw. Stakeholdern und immer weniger von den beiden Gründern beeinflusst wird.

    Ja das denke ich auch, und es verändert entsprechend den Fokus.

    Googles Problem ist, dass es mittlerweile Android hat, und darauf angewiesen ist, dass Provider Android-Geräte pushen (statt z.B. dem iPhone). Plötzlich führt das dazu, dass Google dafür selbst “Opfer” bringen muss, um sich unter Mobilfunkern Freunde zu machen. Das bringt einen Interessenkonflikt mit, der in dieser Form so vorher nicht existierte, und sich sehr negativ auf Googles Unternehmensstrategie und -philosphie auswirken kann.

  3. hathead
    schrieb am 10. August 2010 um 12:17 Uhr (#)

    Sag mal, worüber reden wir hier eigentlich? Das Peering (http://de.wikipedia.org/wiki/Peering) und im übrigen auch das Paid-Peering ist seit Jahren wenn nicht Jahrzehnten eine gängige Praxis zwischen Netzbetreibern. Ist Dir schonmal aufgefallen, dass in weiten Teilen deutschland polnische Datenpakete elend langsam über die Datenleitung kommen? Providerabhängig? Ganz im Gegensatz zu amerikanischen?

    Diese ewig beschworene Netzneutralität existiert schon lange nicht mehr. Bei mobilen Diensten gilt das im besonderen. Oder warum sehen die Bilder über eine Vodafone Datenkarte derart verkümmert aus. Richtig: weil man die Bandbreite lieber für andere Dinge verbraucht und deshalb nochmal schön drüberkomprimiert. Die Sperrung bestimmter Dienste hast Du ja bereits erwähnt, also spare ich mir das mal.

  4. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 10. August 2010 um 12:24 Uhr (#)

    So wie ich das verstehe, geht’s hier nicht um Peering.

    Darüber hinaus habe ich deutlich gemacht, dass das alles nichts Neues ist. Das sind alles Praktiken, die bereits stattfinden, aber größtenteils nicht diskutiert wurden (und bei denen die Hoffnung bestand, das es Übergangslösungen sind)

    Die Vereinbarung zw. Google und Verizon ist quasi das erste Mal, an dem das alles offen und für die Zukunft schwarz auf weiß niedergeschrieben und als Normalzustand verkauft wurde. Und das erste Mal, dass Google dies auch offen hinnimmt.

    DAS ist der große Unterschied. Weil damit quasi für alle Zukunft bestimmte Gepflogenheiten in Stein gemeiselt werden und Hoffnung auf Besserung verschwindet. Insofern hat das durchaus großen Symbolwert und sendet bedenkliche Signale (zumal davon auszugehen ist, dass andere Provider diese Richtlinie erfreut ebenfalls einsetzen werden – wie man ja an den Äußerungen der Telekom schon sieht).

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