Netzneutralität:
Beunruhigende Tendenzen
Die Neutralität der Netze wird immer häufiger offen in Frage gestellt. Dabei besteht das große Risiko eines Gewöhnungseffekts.
Indiz Nummer eins war im Februar die Ankündigung des spanischen Telekommunikationskonzerns Telefonica (der unter anderem O2 besitzt), Inhaltenanbieter künftig zur Kasse bitten zu wollen zu.
Indiz Nummer zwei folgte vor knapp einem Monat, als Telekom-Chef René Obermann in ein ähnliches Horn stieß und eine differenzierte Bepreisung von über Telekom-Netze übertragenen Daten verteidigte.
Das dritte Indiz erhielten wir gestern, und zwar in Form der Berichterstattung rund um angebliche Gespräche zwischen Google und dem US-Telekommunikationsanbieter Verizon in Bezug auf eine mit Entgelten verbundene Bevorzugung bestimmter Daten in Verizons Netzen.
Einen entsprechenden Bericht der New York Times dementierte Google zwar rund 20 Stunden später, bezog sich damit allerdings nur auf den Aspekt der Bezahlung, über den nach Aussage des Internetunternehmens nicht mit Verizon gesprochen wurde.
Dass aber Verhandlungen laufen würden, bestritt Google nicht, und auch sonst bleiben einige Fragen offen.
Nun sind Ankündigungen allein noch keine Umsetzungen. Doch die zunehmende Direktheit einzelner Netzbetreiber und ihr offenes Infragestellen der Netzneutralität ist Anlass zur Sorge.
Es besteht Grund zu der Annahme, dass hinter den teilweise unverschähmt erscheinden Ansprüchen mancher Provider, über die Anschlussgebühren hinaus – die auch für Dienste- und Inhalteanbieter anfallen – noch einmal zusätzlich Leistungen in Rechnung zu stellen, eine Taktik steckt, die man in abgewandelter Form bereits häufiger im Social-Web-Bereich erleben konnte:
Nämlich, bewusst einen Schritt zu weit zu gehen und unpopuläre Maßnahmen anzustreben, um sich dadurch Spielraum für spätere Verhandlungen zu verschaffen und dort scheinbare Kompromisse eingehen zu können.
Je häufiger wir mit radikal anmutenden Forderungen der Telekommunikationsanbieter wider der Netzneutralität konfrontiert werden, desto mehr gewöhnen wir uns an sie, desto mehr akzeptieren wir, dass sich die Zeiten, in denen der Inhalt versendeter Daten für Provider keine Rolle spielte, vorbei sind. Die Folge dieses Gewöhnungsprozesses wäre, dass anschließende Zugeständnisse der Zugangsanbieter als Sieg, bestmögliche Lösung und Kompromiss angesehen werden – obwohl die Netzneutralität trotzdem in Teilen zu Grabe getragen wurde.
Ein anderer Ansatz zur Aufweichung der Netzneutralität ist auch die schleichende Beschneidung und Entwertung von deren Definition. Während ich hier beispielsweise den (kritisierten) Versuch unternahm, weitere Aspekte der Provider-Diensteanbieter-Kunden-Beziehung in die Definition einzubeziehen, scheint Google-CEO Eric Schmidt genau das Gegenteil vorzuhaben, nämlich, die Begriffsbeschreibung zu beschneiden.
So definiert Schmidt die Netzneutralität als Prinzip, gleiche Arten von Datenpaketen auch gleich zu behandeln, hält es aber für akzeptabel, unterschiedliche Datentypen mit verschiedenen Prioritäten zu belegen, so dass zum Beispiel VoIP gegenüber Video bevorzugt übertragen werden kann.
Während sich in sehr wenigen spezifischen Beispielen theoretisch sicherlich über den Sinn einer Priorisierung einzelner Datenarten diskutieren ließe (z.B. Notrufe via VoIP, die bei Engpässen vor YouTube-Videos bevorzugt werden), setzt es dennoch das falsche Signal, nämlich dass man überhaupt objektiv über die Bedeutung und Wichtigkeit von Datentypen diskutieren kann. Doch in der Regel ist diese Bewertung rein subjektiv. Die Entscheidung darüber sollte deshalb nicht in den Händen der Zugangsanbieter liegen oder von der Zahlungsbereitschaft einzelner Webdienste abhängen.
In einer Welt, in der das Internet eine Randerscheinung wäre und lediglich der Unterhaltung einer kleinen Gruppe von Personen dienen würde, könnte man eine stärkere Einflussnahme der Netzbetreiber vielleicht hinnehmen. Doch für über eine Milliarde Menschen hängt mittlerweile ein großer Teil ihrer Lebensqualität und Zukunftschancen an der Verfügbarkeit eines Onlinezugangs, den sie nach seiner Bezahlung frei (im Rahmen der Gesetze) nutzen können. Und es werden immer mehr.
Insofern kann und darf das aus Providersicht berechtigte Ziel der Umsatz- und Gewinnsteigerung nicht durch Eingriffe sowie Priorisierungen der von Nutzern versendeten und empfangenen Daten erreicht werden. Es wäre angesichts der Bedeutung, die das Netz für die Menschheit hat, unverantwortlich.
(Foto: stock.xchng)





















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dem kann ich nur zustimmen!
die ISPs sollten einfach mal ein bisschen innovativer sein in der ermittlung von neuen geschäftsmodellen. aber auch hier wird natürlich der fokus auf kurz- bis mittelfristige profitabilität gelegt.
leider können wir uns bei diesem thema keine unterstützung seitens der regierung sicher wissen. leider…
Ich wünschte, die Welt wäre so schön schwarz und weiß, dass ich aus voller Überzeugung für eine immerwährende Gleichbehandlung aller Datenpakete stimmen könnte, ohne auch nur einen Augenblick etwas positives an den Argumenten der “Gegenseite” zu finden. Die finanziellen Aspekte dieser Diskussion kann und will ich nicht beurteilen, dazu fehlt mir fundiertes Hintergrundwissen. Was ich allerdings beurteilen kann, ist die Tatsache, dass es Datenpakete gibt, deren Transfer von A nach B weniger Zeitkritisch ist als andere. Jedem ist sofort klar, dass das Datenpaket, welches zu einer E-Mail gehört weniger Zeitkritisch ist, als eines, welches Teil eines Videostreams oder eines Voip Telefonats. Während die E-Mail halt vollständig ist, wenn alle Pakete angekommen sind, ist es bei anderen Diensten sogar so, dass Pakete schlichtweg keine Bedeutung mehr haben, wenn sie zu spät ankommen.
Das alles spielt so lange keine Rolle, so lange ich mir z.B. aus Spaß kostenlos ein youtube Video ansehe. Wenn es halt ruckelt, dann ruckelt es halt. Und wenn die Verbindung schlecht ist, dann wird halt die Videoqualität automatisch reduziert – unschön aber eigentlich noch egal.
Wenn jemand aber mit dem Anbieten solcher Dienste Geld verdienen will, spielt das schon eine Rolle. Jemand verlangt von seinen Kunden Geld, für eine Online Video on Demand Bibliothek mit HD Videos von Blockbustern (legal versteht sich). Oder aber es soll ein kommerzielles Framework für Videokonferenzen bereitgestellt werden. Die Anbieter müssen Ihren Kunden ein bestimmte Qualität granatieren können – andernfalls dürften sie Schwierigkeiten haben, diese davon zu überzeugen, überhaupt Geld dafür auszugeben. Als Folge sind diese Anbieter bereit, Geld dafür zu bezahlen, dass die Datenpakte ihrer Anwendung mit höherer Priorität als beispielsweise ein Bittorent Download einer Film-Raubkopie (das Beispiel ist jetzt mal bewusst polarisierend gewählt).
Wenn ich mir sich solche Beispiel vor Augen führe, kann ich zumindest nicht mehr voller Inbrunst für eine totale Netzneutralität in ihrer Reinform eintreten. Oder aber, man verzichtet darauf, dass das Netz für bestimmte Dienste verwendet werden kann – nämlich die, in denen die Übertragungsgeschwindigkeit der Daten für die Existenz des Dienstes kritisch ist.
Als Anbieter kann man eben nur das garantieren, was auch technisch machbar ist. Genau wie Automobilhersteller keine 10 Meter breiten Autos fertigen, weil die Spuren auf den Straßen nicht breit genug sind, können eben Internetanbieter nicht Filme in Super-XXL-HD anbieten, solange sie sicherstellen, dass dazu genug Bandbreite bis zur letzten Meile besteht (ab da ist ja dann der Nutzer dafür verantwortlich, sicherzustellen, dass er nicht mit einem 1 MBit-Anschluss einen Stream schauen will, der 2 Mbit benötigt).
Ich stimme auch nicht zu, dass man pauschal sagen kann, dass E-Mail wichtiger ist als irgendein Stream. Im Gegenteil – ich erwarte, dass eventuell zeitkritische E-Mails nicht verzögert bei mir ankommen, weil sich ein anderer Anwender unbedingt einen Livestream in HD reinziehen möchte, und weil der Anbieter, von dem der Stream kommt, dem Netzbetreiber mehr zahlt als mein E-Mail-Provider.
Ich verstehe, was du meinst. Ich glaube aber, das packt das Problem an der falschen Stelle an. Gelöst wird dies, indem – wie bereits üblich – schnellere Anschlüsse für die Endnutzer teurer sind, und parallel die Netzinfrastruktur (die ja ohnehin heute schon sehr leistungsfähig ist) weiter ausgebaut wird, eventuell ja auch mit staatlichen Subventionen.
Insofern halte ich dein Fazit für pragmatisch und sinnvoll:
“Oder aber, man verzichtet darauf, dass das Netz für bestimmte Dienste verwendet werden kann – nämlich die, in denen die Übertragungsgeschwindigkeit der Daten für die Existenz des Dienstes kritisch ist.”
Wobei man ja nicht verzichten muss, sondern als Anbieter erst dann super Qualität versprechen kann, wenn man weiß, dass die Leitungen dies zulassen – ohne dass man dafür der Telekom vorher Geld überwiesen hat.
Hmm, mein Fazit, auf welches du dich bezieht, war durchaus ein wenig provokant gemeint, wenn auch nicht explizit so formuliert: Beinhaltet es doch die Aussage, auf Fortschritt zu verzichten, obwohl er möglich wäre. Das macht die Diskussion insbesondere für technikbegeisterte wie uns (ich schließe dich da jetzt einfach mal ein) so zu einem Dilemma: im ersten Augenblick widerstrebt mir der Gedanke eines zwei- oder drei Klassen Netzes. Wenn ich dann doch mal wieder mit einem Freund im Ausland Skype und das Gespräch abbrechen muss, weil einfach die Verbindung für ein Videotelefonats zu schlecht ist (trotz Breitbandanbindung bei beiden Gesprächspartnern), dann merke ich in mir die Bereitschaft steigen, Geld für diesen Dienst zu zahlen, wenn dafür das Videotelefonat denn stabil wäre. In diesem Moment weiß ich nicht mehr, auf welcher Seite ich denn stehe. Ich denke man kann noch diverse weitere Situation aus dem Leben eines Digital Natives konstruieren, welche in diesem Dilemma münden.
Mh ich würde in so einem Fall den Fehler eher auf Skypes Protokoll schieben als auf die Verbindung. Denn so viel mehr Ressourcen als ein herkömmlicher Videostream benötigt Videotelefonie über Skype ja auch nicht.
Ich glaube einfach nicht, dass die Kapazitäten derartig begrenzt sind, dass tatsächlich deshalb Eingriffe in die Netzneutralität notwendig sind.
Der Ruf nach einer Aufweichung der Netzneutralität ist, soweit ich das beurteilen kann, größtenteils ein von wirtschaftlichen, nicht von technischen oder infrastrukturellen Interessen getriebener.
Ich sehe z.B. in Ländern wie hier in Schweden, aber auch in Finnland, Dänemark oder Südkorea, wie die allgemein Durchschnittsverbindung der Haushalte immer schneller wird, ohne dass das gesamte Netz zusammenbricht. Was mir verdeutlicht, dass ein Netzausbau sowohl finanziert werden kann, als auch Flaschenhälse beseitigt. Natürlich dauert dies auf internationalem Niveau länger als auf nationalem, aber dennoch sollte dies das Ziel sein, und nicht der Fokus drauf, wie man stattdessen lieber Nutzern und vor allem Internetunternehmen Hindernisse in den Weg stellt, um sie daran zu hindern, die Kapazitätsgrenzen der Provider zu erreichen.