Twitters neue User Streams API:
Anschnallen für den Echtzeitstream

Bisher tauchten neue Twitter-Nachrichten mit Verzögerung im Feed der Followers auf. Eine neue API ändert dies. Schnallt euch an für einen Echtzeitstream, der seinen Namen wirklich verdient.

Wenn wir heute vom Echtzeitweb sprechen, denken die meisten von uns wahrscheinlich an Twitter. Das ist zwar berechtigt, denn kaum ein anderer Webservice versteht es besser, Ereignisse, Nachrichten und Gedanken seiner User innerhalb weniger Sekunden von der Quelle ins Netz zu befördern und Millionen von Menschen zugänglich zu machen.

Doch trotzdem müsste man Twitter eigentlich vorwerfen, die Echtzeitkomponente durch die sich selbst auferlegten Begrenzungen seiner Schnittstellen an ihrer Entfaltung zu hindern. Denn wie Twitter-Nutzer wissen, erscheinen neue Tweets nicht unmittelbar im Stream der Follower, sondern werden in Intervallen von einigen Sekunden oder manchmal auch Minuten in “Paketen” aktualisiert.

Die Ursache dafür liegt in der technischen Struktur des Dienstes. Sämtliche Streams der Nutzer, denen man folgt, werden in regelmäßigen Abständen nach neuen Mitteilungen durchsucht – auch wenn viele der Anwender in dem Moment gar keine Nachricht veröffentlicht haben. Dieser Prozess ist nicht nur ineffizient, sondern beansprucht auch sehr viel Serverleistung, weshalb Twitter die maximale Anzahl von derartigen Abrufen pro Stunde begrenzt.

Den Wunsch eines Twitter-Streams, der mir einzelne Tweets genau in der Sekunde anzeigt, in der sie vom jeweiligen User abgeschickt wurden, habe ich jedoch nie aufgegeben. Und Twitters neue User Streams API, die gerade ausgewählten Entwicklern von Twitter-Clients zum Testen zugänglich gemacht wurde, ermöglicht genau dies.

Mit der neuen Schnittstelle, die angeblich erst bis zum Jahresende allen Entwicklern von Twitter-Apps (und damit allen Usern) zur Verfügung stehen wird, besteht für Clients keine Notwendigkeit mehr, in regelmäßigen Abständen sämtliche Streams der gefolgten Twitter-Benutzer anzuzapfen. Stattdessen werden Tweets quasi im Push-Verfahren vom Absender an alle Follower geschickt – ein Verfahren, das man bereits von Instant Messengern kennt, dessen Adaption jedoch angesichts der komplexen Vernetzung in der Twittersphäre eine große Herausforderung war.

Nutzer von FriendFeed sind mit dieser Verfahrensweise allerdings schon bekannt, und auch Facebook bot einige Zeit lang einen waschechten “Live-Feed” an.

Twitter scheint nun auch eine Lösung für diese Herausforderung gefunden zu haben und testet die neue API mit einer begrenzten Zahl von Nutzern der Desktop-Applikationen von Echofon (für Mac) sowie TweetDeck. Ich habe leider bisher keinen Zugriff, aber das folgende Video illustriert sehr gut, wie sich der persönliche Twitter-Stream verändert:

Neben der Fähigkeit, Tweets tatsächlich in Echtzeit darzustellen, beinhaltet die Beta-Version der neuen API auch die Funktion, anzuzeigen, wenn andere Nutzer einen Tweet als Favorit markiert haben. The Next Web sieht darin bereits den Aufstieg des bisher relativ wenig beachteten “Favorisieren”-Features zu einer Twitters-Variante des Facebook-Like-Buttons.

Ersten Nutzerkommentaren nach zu urteilen scheint jedoch diese zusätzliche Information im Stream, kombiniert mit dessen nun deutlich höherer Geschwindigkeit, den Twitter-Feed überladen zu können – abhängig sicherlich von der Anzahl von Anwendern, denen man folgt. Insofern kann man nicht ausschließen, dass der Microblogging-Service hier weitere Änderungen vornimmt, bevor die neue API allen Clients und Apps zugänglich gemacht wird.

Mein persönliches Highlight der Neuerung ist in jedem Fall der nun noch dynamischere Stream von Twitter, der dem Echtzeit-Label damit endlich zu 100 Prozent gerecht wird.

(Foto: stock.xchng)

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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8 Kommentare

  1. In jedem Fall eine feine Sache, vorallem wenn diese Möglichkeit in absehbarer Zeit auch für diverse Twitter-Clients besteht. Mit dem Video kann ich zwar nicht soviel anfangen, was vielleicht auch daran liegen mag, dass ich keinen Ton habe, aber von der Vostellung das jeder Tweet in Echtzeit, sofort und auf der Stelle ins Netz gelangt und dem jeweiligen Follower angezeigt wird, stellt sich mir doch die Frage, wer und vorallem wie man das ganze dann noch lesen soll? Der Stream wandert automatisch zum nächsten Tweet, was ja auch gut ist. Was machen aber Menschen, die über 1000 anderen Nutzern folgen? Ich stelle mir das ganze schon bei 100 sehr verwirrend vor. Da kommt eine Nachricht die dich interessiert und die du weiter verfolgen willst (Link usw.) und aufeinmal wandert der Stream 10 Zeilen weiter, weil auch andere etwas geschrieben haben. Im besten Fall noch so überlebenswichtige Dinge wie: “Guten Morgen!”

    Tritt so ein Problem nicht auf wäre das eine feine Sache, in jedem Fall. In der vergangenen Zeit wurden nur soviele neue Features angekündigt. Wo bleibt die z.B. die Möglichkeit Tweets auf der eigenen Website einzubinden, wie bspw. bei YouTube?

  2. Bei dem Video siehst du z.B., wie in der linken Spalte permanent neue Tweets eintreffen, fast im Sekundentakt. Das ist das Werk der User Stream API (Ton brauchst du hier gar nicht).

    Ich denke, wer heute mit 1000 Usern klar kommt, denen er folgt, der wird das auch irgendwie im Realtime-Modus managen. Oder aber es wird tatsächlich notwendig, einigen Usern zu entfolgen. Was aber eigentlich nicht in Twitters Interesse sein kann.

    Du meinst “Live Embedding” von Twitter-Streams in Websites? Ja wäre mitunter eine feine Sache. Aber ist sicher eine Performance-Frage.

    • “Live Embedding” in dieser Form meine ich nicht. Obwohl es so vielleicht teilweise auch keine schlechte Sache wäre. Dafür gibt es aber Tools wie bspw. Hootsuite.
      Anstatt eines kompletten Streams meine ich den “Embedded Tweet”, die Möglichkeit einfach nur einige ausgesuchte Tweets auf seiner Website oder Blog einbinden bzw. zitieren zu können. Mit Screenshots usw. kann man das schon lange, ist mir klar. Nur kann der Leser den Tweet nicht gebrauchen, also den Namen, evtl. Links usw. nicht anklicken.

      Wenn ich so drüber nachdenke wäre das Livetweeten wohl, als Betreiber, auch für mich ganz klar an erster Stelle. Was ich meine ist nur, dass alles mögliche angekündigt wird und scheinbar alles erst in den kommenden Monaten/Jahren eingeführt wird. Oder eben auch nicht. Weiß ja dann eh kein Mensch mehr.

  3. Das was du suchst, gibt’s schon. Hat aber Nachteile. Siehe
    http://netzwertig.com/201…e-kraft-von-zitaten/

  4. Hmm… hab ich wohl mal wieder die Welt verpennt. ;-) Danke für den Hinweis. Hab’ es gerade mal getestet und muss sagen: verpasst habe ich nichts! Finde es sogar eher Mist. Warum nicht einfach die Sprechblase mit Text, Verfasser und den üblichen Infos wie Zeit und Datum usw. Was sucht das Hintergrundbild da? Auf mich wirkt das ganze als hätte man es bei Twitter in der Mittagspause fix fertig gemacht. Hauptsache die Leute können (endlich) zitieren. Dazu ist der Code vielleicht ein ganz klein wenig lang geraten. Was sicher damit zu tun hat, das der Text darin enthalten ist. Warum eigentlich? Für mich persönlich ist es keine wirklich schöne Lösung. Vielleicht werde ich es aber dennoch mal nutzen. Wie man es besser machen kann siehst du hier Diesen Service nutze ich zwar auch eher selten, genauer gesagt erst einmal, da das zitieren eines einzelnen Tweets in meinen Augen auch eher unschön aussieht, aber möchte man gleich mehrere Tweets aufeinmal zitieren ist es wunderbar. Funktioniert genauso wie der Twitter-”Versuch”, bietet aber keine Möglichkeiten zur Manipulation.

  5. Klingt ja alles wirklich faszinierend, doch braucht man dies wirklich? Ich bekomme genug Tweets rein und kann da auch auf den einen oder anderen mal eine Minute warten. Dynamischer wird es damit sich, aber bringt es wirklich einen höheren Nutzen?

5 Pingbacks

  1. [...] Text zu veröffentlichen. Kündigte man nun den Versand bzw. Empfang der auf 140 Zeichen begrenzten Nachrichten in Echtzeit an und wird damit der heutigen, zweifelsohne schnelllebigen Gesellschaft [...]

  2. [...] netzwertig.com 01. Aug, [...]

  3. [...] netzwertig.com: “Schnallt euch an für einen Echtzeitstream, der seinen Namen wirklich verdient.” [...]

  4. [...] haben ihn mit großer Wahrscheinlichkeit schon viele der Follower gesehen – erst recht mit dem neuen Echtzeit-Stream von Twitter, der momentan für diverse Clients ausgerollt wird und Tweets in der Sekunde bei den Followern [...]

  5. [...] Tweets sind bei einer Browseranwendung in der Regel bisher nicht möglich. Zudem fehlt twitter.com der neue Echtzeitstream (den zumindest TweetDeck und Seesmic unterstützen). Beide Funktionen möchte ich persönlich nicht [...]