Digitale Gesellschaft:
Die Grenzen von Kontrollverlust
und Transparenz

Die Nachbearbeitung des Loveparade-Unglücks sowie die Wikileaks-Enthüllung der Afghanistan-Dokumente zeigen: Der Kontrollverlust hält an, die Transparenz nimmt zu. Doch wo liegen die Grenzen?

Zwei Ereignisse haben in den vergangen Tagen deutlich gemacht, wie sich die Welt durch Transparenz und Kontrollverlust verändert.

Da ist einerseits das Loveparade-Unglück, das eine ganze Reihe von widersprüchlichen und vorschnellen Äußerungen von Veranstaltern, Politikern und Polizei nach sich gezogen hat, während parallel Dutzende, wenn nicht Hunderte Augenzeugenberichte und vor allem Videos im Netz hochgeladen wurden, die es jedermann erlauben, sich ein ungeschminktes Bild von der tatsächlichen Lage zu machen – Material, das in einer Zeit vor YouTube, Blogs und Social Networks lediglich Ermittlern und ausgewählten Medien zur Verfügung stand. Wenn überhaupt.

Einen Tag nach der Tragödie von Duisburg veröffentlichte Wikileaks in Kooperation mit drei führenden internationalen Medienhäusern seine brisanten Afghanistan-Dokumente, die dem Whistleblower-Portal von Informanten zugespielt wurden. Natürlich scharf kritisiert von der US-Regierung.

Zwei Beispiele ohne direkten Zusammenhang, die dennoch klar machen, wohin die Welt steuert: Zur absoluten Transparenz und zum totalen Kontrollverlust. Ob wir jemals dort ankommen, ist zwar nicht gewiss, aber die Richtung ist das Entscheidende.

Die Frage, die sich nun stellt: Wie lange hält dieser Prozess zu mehr Transparenz und weniger Kontrollmöglichkeiten durch Machthaber und ihre Organe an? Und wie wirkt er sich auf die Menschen und das Zusammenleben aus?

Blogger Michael Seeman fragt sich im Hinblick auf die Wikileaks-Enthüllungen, ob nicht irgendwann eine Art Konterrevolution stattfinden könnte, in der sich Regierungen und vormals einflussreiche Institutionen und Organisationen gegen ihren anhaltenden Macht- und Kontrollverlust wehren werden.

Eine berechtigte Frage, auch wenn ich denke, dass ein Wiedererlangen alter Kräfte wohl nur durch totalitäre Schritte erreichbar wäre, und diese wiederum sind in gefestigten Demokratien der heutigen Zeit (mutmaßlich und hoffentlich) nur schwer durchsetzbar.

Persönlich beschäftigte mich in den vergangenen Tagen aber auch noch ein anderer Aspekt der derzeitigen Entwicklung, nämlich der Umgang mit all dem visuellen Material von Katastrophen und Unglücken, das durch die Omnipräsenz von Mobiltelefonkameras mittlerweile verfügbar ist.

Einerseits tragen aus allen Winkeln und Richtungen aufgenommene Videos von Tragödien zur transparenten Aufklärung dieser bei, andererseits machen sie es für Betroffene und Angehörige womöglich noch viel schwerer, von den Auswirkungen teils grausamer Bilder auf schwache Gemüter ganz zu schweigen.

Mein Standpunkt ist zwar, dass die Vorteile der “YouTube-Ära” – gerade in Hinblick auf die Transparenzzunahme – die Nachteile überwiegen. Gewisse unbeantwortete Fragen zum Umgang mit sensiblen Dokumenten von Augenzeugen sehe ich jedoch.

Eine davon ist: Wer übernimmt die Verantwortung für Folgen, die sich aus Kontrollverlust und dem Streben nach Transparenz ergeben? Wer übernimmt Verantwortung dafür, wenn eine Enthüllung im Wikileaks-Stil oder ein detaillierter YouTube-Clip einer Greueltat oder eines Unfalls zu Konsequenzen führt, bei denen Menschenleben in Gefahr gebracht werden? Hier braucht es nicht viel Fantasie, um sich Szenarien auszumalen.

Wenn es keine Filter mehr gibt, wenn Individuen selbst nach eigenem Ermessen über die Publikationsfähigkeit von Dokumenten entscheiden, dann schultern sie damit eine enorme Verantwortung. Mit dieser müssen sie umgehen können. Eine der Aufgaben für die Zukunft wird es sein, dieses Verantwortungsbewusstsein zu schaffen.

(Illustration: stock.xchng)

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19 Kommentare

  1. mspro
    schrieb am 29. Juli 2010 um 16:31 Uhr (#)

    Da machst du was auf. Wir werden langfristig um einen Diskurs um die eventuelle Notwendigkeit des Geheimnisses nicht herum kommen. Ich sperre mich noch davor, ihn wirklich angehen zu wollen. Vielleicht ist das Ergebnis, dass die Welt ohne das Geheimnis nicht funktionieren kann. Und dann? Konservativ werden?

  2. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 29. Juli 2010 um 16:34 Uhr (#)

    dass die Welt ohne das Geheimnis nicht funktionieren kann.

    Ein Schlüsselsatz. Irgendwann werden wir die Antwort haben ;)

  3. Kristian Köhntopp
    schrieb am 29. Juli 2010 um 16:40 Uhr (#)

    “Wer übernimmt die Verantwortung für Folgen, die sich aus Kontrollverlust und dem Streben nach Transparenz ergeben? ”

    Meh, im Fall der Loveparade hat es halt Tote wegen fehlender Transparenz und Amigotum gegeben, wie auch schon viele Male davor bei anderen Gelegenheiten. Warum also der warnende Zeigefinger?

    1. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
      schrieb am 29. Juli 2010 um 16:52 Uhr (#)

      Es ist meines Erachtens nach Teil einer ausgewogenen Analyse, beide Seiten der Medaille zu beleuchten.

  4. mspro
    schrieb am 29. Juli 2010 um 16:46 Uhr (#)

    Sagen wir so: wer die Notwendigkeit des Geheimnisses schlüssig herleiten kann, wird meine These vom epischen Gewinn durch den Kontrollverlust empfindlich angreifen. (Ich sollte ein Preisgeld ausschreiben.)

  5. mspro
    schrieb am 29. Juli 2010 um 16:53 Uhr (#)

    Beispiel Google: Google ist eigentlich sehr offen und setzt im Zweifelsfall auf Transparenz. Andererseits würden sie einen Teufel tun, ihren Rankingalgorithmus zu veröffentlichen. Ist das nur wegen des Technologievorsprungs, oder wäre eine qualitativ gute Suche nicht mehr gewährleistet, weil die Spammer die Algorithmen ihrerseits zu nutzen wüssten?

    Noch ein paar Beispiele in loser Reihenfolge, wo Geheimnisse eine wichtige Rolle spielen:

    - Schutz von Investitionen (der alte Hut, der aber nicht ganz von der Hand zu weisen ist)
    - Erotik
    - Literatur (vielleicht Kunst im allgemeinen?)
    - Personenschutz

  6. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 29. Juli 2010 um 16:56 Uhr (#)

    Damit hast du ja gerade deine eigene These empfindlich angegriffen ;)

    Ich wollte dir gerade das antworten:

    “Vermutlich würde dir jede(r) hier ein anderes Beispiel für eine Situation nennen, in der er/sie dessen Beibehaltung für sinnvoll hält.

    Aber grundsätzlich bin ich auch von den Vorteilen des Kontrollverlusts überzeugt. Nur sehe ich diverse Herausforderungen auf dem Weg dahin.”

    Einen Punkt würde ich zu deine Liste direkt noch hinzufügen wollen, nämlich Versicherungen. Das System wird nicht funktionieren, wenn Menschen mit zu hohem Risiko von vorn herein abgelehnt werden.

  7. mspro
    schrieb am 29. Juli 2010 um 17:02 Uhr (#)

    Ich hab jetzt nur mögliche Beispiele genannt. Dass die Strukturen einer Vor-Kontrollverlust-Welt mit dem Konrtrollverlust kollidieren, ist logisch, heißt aber nicht, dass sich diese Strukturen, die auf der Notwendigkeit des Geheimnisses basieren, nicht anpassen können, oder von neuen Strukturen ersetzt werden könnten. Da müsste man da in’s Detail gehen. Im Endeffekt muss es schon eine theoretisch schlüssige Herleitung sein, die mich von der Notwenigkeit des Geheimnisses überzeugen würde.

  8. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 29. Juli 2010 um 17:08 Uhr (#)

    oder von neuen Strukturen ersetzt werden könnten.

    Stimme zu. Versicherungen z.B. könnte auch ganz anders laufen.

    Grundvoraussetzung ist aber Optimismus, denke ich. Wer der Meinung ist, alles ginge sowieso den Bach herunter, findet Kontrolle und Intransparenz vermutlich besser.

  9. Marina
    schrieb am 29. Juli 2010 um 17:35 Uhr (#)

    Ein sehr kluger Beitrag.
    Der Mensch der Zukunft hat mehr Selbstbestimmung – und trägt mehr Verantwortung. Für sich und die Gesellschaft.

    Auf Geheimnisse und Intransparenz im richtigen Rahmen hoffe ich auch in Zukunft.
    Da werden die Piraten zwar ganz sauer, aber wenn ich in einem Restaurant frage, wie meinem Partner mein rotes Kleid gefällt, will ich möglicherweise belogen werden. Zu viel Transparenz kann da schaden – beim Partner wie beim Kleid.

    1. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
      schrieb am 29. Juli 2010 um 18:13 Uhr (#)

      Danke.
      Ich glaube, auf zwischenmenschlicher Ebene wird sich wenig tun, und kleine Höflichkeits- und Alltagslügen bleiben uns sicher erhalten.

      Zumal die Deutschen ohnehin schon überall im Ausland als extrem (und teilweise als zu) ehrlich gelten. ;)

  10. mspro
    schrieb am 29. Juli 2010 um 17:51 Uhr (#)

    Ach so: zum aktuellen Fall um Wikileaks und der Notwendigkeit des Geheimisses: http://www.slate.com/id/2262066/pagenum/all/#p2

    1. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
      schrieb am 29. Juli 2010 um 18:16 Uhr (#)

      Sehr guter Artikel, thx!

  11. Guido Strack
    schrieb am 30. Juli 2010 um 10:15 Uhr (#)

    Hallo, schaut doch mal unter http://whistleblower-net.…nicht-hinreichend/wo auch Frage zu Wikileaks gestellt und einige Antworten vorgestellt werden.

  12. Jana K.
    schrieb am 30. Juli 2010 um 10:25 Uhr (#)

    Die Frage mit der Verantwortung wird wohl nicht so einfach zu lösen sein… es ist ja auch jetzt schon so, dass z. B. immer mehr Eltern nicht wissen, was ihre Spößlinge online so konsumieren – und wenn im Internet immer mehr unbearbeitetes/”unzensiertes” Material auftaucht, z. B. von Katastrophen oder Kriegsgeschehen (die sich nicht wenige Menschen als quasi sensationslüsterne Herdentiere dann doch ganz genau angucken, egal, wie grausig es ist), wer kann dann noch dafür gerade stehen, wenn gerade Kinder bleibende Ängste etc. davontragen?

  13. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 30. Juli 2010 um 10:34 Uhr (#)

    Ja mein erster Gedanke geht ja auch in diese Richtung. Andererseits hat sich die menschliche Psyche in vielen Lebenslagen als flexibel erwiesen. Insofern müsste man zumindest die Möglichkeit ins Augen fassen, dass auch hier Anpassungsfähigkeiten existieren.

    Als ich Kind/Jugendlicher war, habe ich auch das ein oder andere gruselige Video gesehen. Nicht von YouTube natürlich, aber es gab ja auch schon andere Bezugswege. Damals war ich ziemlich geschockt, aber dauerhaft geschädigt wurde ich meines Wissens nach nicht.

    Die Frage ist also, ob der häufigere Kontakt mit derartigen Videos (denn das ist der Hauptunterschied zu früher) schädlich ist oder vielleicht sogar eine “gesündere” Einstellung von Menschen zu Tragödien und womöglich auch zum Thema Tod schaffen kann. Denn genau hiermit haben ja Menschen gerade in den westlichen Ländern sehr große Probleme.

    Ich weiß, das geht jetzt ins Philosophische, aber dahin führt die Entwicklung ja letztlich.

    1. Jana K.
      schrieb am 30. Juli 2010 um 10:39 Uhr (#)

      Deine Sicht ist auch sehr interessant. Das Problem ist, dass es dazu wohl noch keine größeren Forschungen gibt (nehme ich zumindest an, der wer probiert so etwas schon an nicht-vorbelasteten Kindern aus?).

      Sicher ist, dass viele traumatisierte Kinder auch im späteren Leben noch mit diversen Erlebnissen Probleme haben, z. B. wenn sie die Vergewaltigung Angehöriger live miterlebt haben – die Frage ist nun, welche Auswirkungen es hat, wenn man dasselbe Gräuel zwar in echt sieht, aber “nur” in digitaler Form und ohne mit dem Opfer verwandt zu sein.

      Wirklich herausfinden möchte ich die Auswirkungen auf die Psyche aber eigentlich nicht, denn wir will solche studieren schon herausfordern? Die Zeit wird es vielleicht zeigen.

    2. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
      schrieb am 30. Juli 2010 um 10:41 Uhr (#)

      Ja es wäre wirklich hochinteressant, wenn dieses Thema von der Psychologie näher untersucht werden würde. Ich sehe es sogar als Zwang an, dass dies geschieht. Und wahrscheinlich laufen dazu auch schon Untersuchungen.

  14. Christian2010
    schrieb am 1. August 2010 um 23:18 Uhr (#)

    Ein wahnsinnig spannendes Thema und eine Frage, die ich mir als “Fan” des Webs und seinen Möglichkeiten so noch nicht gestellt habe…

    Wer übernimmt die Verantwortung für Folgen, die sich aus Kontrollverlust und dem Streben nach Transparenz ergeben?

    Um einen ersten Versuch zu starten, möchte ich sagen, dass sich jeder zuerst an die eigene Nase packen sollte. Die meisten “Folgen”, Probleme und Gefahren lassen sich recht einfach vermeiden, z.B. wenn man sich ein wenig informiert und entsprechend sorgsam mit seinen (persönlichen) Daten umgeht. Das wäre schon mal ein großer Schritt. Viel zu viele User (u.a. natürlich auch Kinder deren Eltern sich nicht darum kümmern) geben praktisch alles über sich preis und staunen dann, wenn es Probleme gibt…

    Das Netz durch Gesetze zu regeln, würde nur funktionieren, wenn man da einen fähigen, kompetenten IT-Mann in die Politik setzt…

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