Startups:
Macht euch nackig!
Viele Startups geizen mit der Bekanntgabe von Kennzahlen zum Wachstum. Aber warum? Ein bisschen mehr Offenheit wäre begrüßenswert.
Seine Antwort floss zwar nicht in den finalen Interviewtext mit ein, aber ich musste an sie denken, als ich in den letzten Tagen eine Reihe von Webdiensten anschrieb und wissen wollten, ob wir einen Statusbericht mit Nutzungszahlen erhalten könnten – wohlwissend ob der Schwierigkeit meines Vorhabens. Ljung antwortete mir damals, dass er es toll fände, wenn in der hiesigen Webszene etwas weniger Geheimniskrämerei betrieben würde.
Genau das – Geheminiskrämerei – gehört auch zu den größten Herausforderungen eines jeden Bloggers, der über Startups berichtet.
Frisch gegründete Onlinedienste plaudern zwar am Anfang bereitwillig über ihre Features, Ziele und Geschäftsmodelle, aber sobald es dann richtig losgegangen ist, verstummen sie meist und wollen auch auf Anfrage keine Auskunft über Mitgliederzahlen, Premiumzugänge oder Zuwächse geben. Derartige Angaben werden zumeist gehütet wie der heilige Gral.
Natürlich gibt es Ausnahmen, so wie den Berliner Zeiterfassungsdienst mite, der uns im März tiefe Einblicke in seine Nutzer- und Geschäftsstruktur gewährte. Manchmal hat man noch Glück und erhält zumindest einige wage Rahmendaten zum Wachstum und zu aktuellen Projekten, wie hier beispielsweise von friendticker.
Häufig heißt es jedoch freundlich aber bestimmt, dass man dazu leider nicht kommentieren könne. Erst irgendwann, nachdem die ersten 100.000 Anwender im Kasten sind oder gar die Millionen-Marke erreicht wurde, entsteht eine neue, aber kontrollierte Offenheit.
Wahrscheinlich sind es in vielen Fällen nicht einmal die Gründer selbst, die sich ein Redeverbot bezüglich Status- und Erfolgsmeldungen auferlegt haben, sondern Investoren oder andere beratend zur Seite stehende Beteiligte. Und auch ist die Verschwiegenheit von Startups bei weitem kein Phänomen, das nur im deutschsprachigen Raum verbreiten ist.
Dennoch würde ich mir von Herzen wünschen, dass junge Onlineangebote, die wir sehr gerne bei ihrem hoffentlich erfolgreichen Aufstieg begleiten, sich etwas offener und transparenter geben, als dies momentan der Fall ist. Was spricht dagegen, eine vierstellige Nutzerzahl oder eine dreistellige Zahl von kostenpflichtigen Premium-Accounts bekannt zu geben? So lange dies nach ein paar Wochen/Monaten und nicht erst nach einigen Jahren geschieht, ist das doch auch ein Erfolg!
Ist es die Angst, zu früh das Interesse zukünftiger Geldgeber zu verlieren, wenn man allzu niedrige Kennzahlen verkündet? Oder die Furcht, Konkurrenten könnten die Angaben zu ihrem Vorteil ausnutzen? Es mag Situationen geben, in denen diese Besorgnis gerechtfertigt und Zurückhaltung angebracht ist.
In der Regel aber haben gut informierte und vernetzte Investoren ohnehin Zugang zu den ungeschönten Zahlen, und über diese dann auch Wettbewerber. Zudem ist der Onlinemarkt in den meisten Tätigkeitsfeldern groß genug für mehrere Anbieter, so dass ein Abhängigmachen von der Leistung des Konkurrenten keinesfalls notwendig ist. Und letztlich kommt eine größere Bereitschaft, die eigenen Erfahrungen mit anderen zu teilen, der gesamten hiesigen Internet- und Gründerlandschaft zu Gute.
Meine ganz persönliche Meinung ist, dass ein Dienst, der zu lange auf Heimlichtuerei setzt, bei mir eher Zweifel weckt als einer, der transparent und stolz über das Erreichte berichtet.
Es ist mir klar, dass dieser Beitrag nicht schlagartig zu einem Sinneswandel führen wird – zumal gewisse Auflagen und Einschränkungen in der Kommunikation mitunter nicht von den Gründern selbst kommen. Aber Startups, die keine Scheu davor haben, zu zeigen, was sie bisher erreicht haben, und die in die von uns beobachteten Themenfelder passen, dürfen sich jederzeit bei uns melden. Wir freuen uns! mite hat es vorgemacht!
(Foto: Flickr/muddyclay, CC-Lizenz)












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Kleiner Nachtrag: Der Artikel bezieht sich auf Startups vorrangig im Social-Web-Bereich. Was Contentsites betrifft, muss man das Pro und Contra neu durchdenken. Hier gibt es mit Sicherheit Anbieter, die nicht wachsen, sondern schrumpfen, und deshalb weniger offen sind. Zumal Sites ohne eigene Community einfach nicht so viele spannende Zahlen bieten.
Weil auf Twitter die Frage kam: Ich denke, wir bei Blogwerk sind gut dabei, was Transparenz betrifft: Anzahl der RSS-Abos ist ersichtlich (rund 16.000 – im Prinzip unsere wichtigste Kennzahl), unser Flattr-Einkommen haben wir kommuniziert, ebenso wie diverse Mediadaten.
Bei netzwertig.com haben wir derzeit rund 130.000 Unique Visitors pro Monat.
In der Schweiz macht ihr im Juli 214’001 Pageimpressions. Wie hoch ist der Anteil an Unique Visitors aus der Schweiz?
(ps: Gründer und Selbständige haben oft Angst, dass ihnen jemand Anderes die Idee oder ein Geschäftsgeheimnis klaut. Vielfach sind sie ein wenig zurückhaltend was eigene Zahlen anbelangt oder sie gehören zur Sorte Angeber.)
Mehr als das, was ich geschrieben habe, weiß ich selbst nicht. Wenn dich das interessiert, bitte ich dich, an die Chefredaktion zu mailen.
Ich denke, die Verschwiegenheit liegt weniger direkt an den Geldgebern als vielmehr indirekt: Bei einer Plattform mit wenigen Benutzern werden sich vermutlich weniger neue Benutzer registrieren als bei einer schon gewachsenen. Schließlich sind solche Plattformen ja zum kommunizieren da und wenn man das nicht kann, da “niemand” dort registriert ist, wird man sich erst gar nicht registrieren…
Dadurch würde mMn das Wachstum natürlich ziemlich gebrochen werden
Das ist eine der Situationen, in denen ich auch glaube, dass Verschwiegenheit nützlich sein kann. Allerdings betrifft dies ja wirklich nur die Dienste, bei denen Netzwerkeffekte letztlich der einzige Produktvorteil sind, sprich klassische Social Networks.
Die Anbieter, die ich beim Schreiben des Artikels im Hinterkopf hatte und erfolglos um einen Statusbericht geben haben, waren relativ wenig von Netzwerkeffekten abhängig.
Trotzdem spielt auch da sicher das vermutete Herdenverhalten der User eine Rolle. Die meisten werden wohl erst mal abwarten, bis ein Produkt ausgereift ist und sich durchgesetzt hat. Ich könnte mir jedenfalls gut vorstellen, dass viele Menschen Startups mit wenigen Nutzern als Versuchskaninchenstall betrachten.
Hi Martin,
du hast vollkommen recht! Und ich würde sogar noch erweitern: Offenheit gerade junger Startups führt zu dem so wichtigen Austauch von Erfahrungen.
Andererseits kann ich Startups, die kurz vor einem Invest stehen sehr gut verstehen, keine Zahlen zu veröffentlichen, um eine bessere Verhandlungsposition zu erreichen.
Aber gerade die auf “Wachstum durch Kommunkation” angewiesenen Geschäftsmodelle des Social Web bedürfen einer stetigen Flut von Informationen. Tatsächlich würde ich als Startup wöchentlich bei jemand wie dir mit Zahlen, spannenden Infos etc. auf der Matte stehen. Warum? Aus Eigennutz!
Ich kann jedem Startup nur dringend anraten: Macht euch öffentlich! Denn genau das ist ein erfolgskritischer Wachstumstreiber!
Wieviele Startups sind schon wieder geschlossen worden, weil Sie Ihre Öffentlichkeit nicht gefunden haben.. ?
Hätten Sie doch mal offener kommuniziert!
Ja! In vielen Fällen würde ich das unterstreichen.
werden wir tun, sobald es berichtenswerte zahlen gibt, versprochen. mite ist da ein großes vorbild.
wir befürworten auch den weg von mite und gehen auch offener mit unseren Zahlen um. Also, wenn Interesse, einfach melden.
Mail an dich ist raus :)
Hach, das wäre sowas von großartig, wenn Artikel wie dieser hier und unser kleiner auch nur ein bisschen zu einem Gesinnungswechsel beitragen könnten! Auch, wenn es nur ein Hauch an Offenheit mehr ist, ist das definitiv schon etwas. Los geht’s, liebe Start-ups, Jungunternehmen & alte Hasen! Wir können so viel voneinander lernen.
Auch ich habe mit großer Begeisterung immer bei mite “mitgelesen”. Ich finde diese offenheit auch gut und werde das, soweit mir möglich, unterstützen.
Welche Kennzahlen und welche Seiten meint Ihr denn? Was wären denn z.B. interessante Kennzahlen bei den sogenannten netzwerkgetriebenen Seiten wie Social Networks (vielleicht auch ohne die Nutzerzahl direkt repräsentieren zu müssen)?
zum Thema Kennzahlen: wir bauen gerade ein, was hier beschrieben ist: http://www.forentrepreneurs.com/saas-metrics/