WM-Fieber im Netz:
Ist die Fußball-WM
schlecht für Twitter?

Das Netz ist im WM-Fieber. Wer die letzten Stunden und Tage Twitter genutzt hat, kann ein Lied davon singen. Könnte die Fußball-Begeisterung Anwender von dem Dienst wegtreiben?

Das Netz ist im WM-Fieber. Besonders deutlich wird dies auf Twitter. Schon in den letzten Tagen nahm die Zahl von Tweets mit dem offiziellen Hashtag #worldcup stetig zu und erreichte rechtzeitig zum ersten Spiel Südafrika gegen Mexiko ihren vorläufigen (aber mit Sicherheit nicht letzten) Höhepunkt.

In vielen Ländern der Welt gibt es kein Sportereignis mit weitreichenderer Bedeutung als eine Fußballweltmeisterschaft – was sich wohl auch für Deutschland sagen lässt. Denkbar groß ist das Mitteilungsbedürfnis der User im Web, und der Natur des Dienstes entsprechend gilt dies speziell für Twitter. Twitter selbst unterstützt die Begeisterung mit einem eigenen WM-Portal.

Man muss kein Hellseher sein, um zu erahnen, dass sich die kommenden vier Wochen bis zum Finale am 11. Juli bei Twitter vieles um Fußball drehen wird. Das ist erwähnenswert, da der Zwitscherdienst im Gegensatz zu Facebook von vielen Anwendern als geschäftliches- oder zumindest semigeschäftliches Tool eingesetzt wird – auch von zahlreichen Nutzern, denen ich folge. Und trotzdem sah mein Twitter-Stream kurz nach dem Spielstart am Freitagnachmittag folgendermaßen aus:

Meine Twitter-Timeline kurz nach 16:00 Uhr
Meine Twitter-Timeline kurz nach 16:00 Uhr

Ich habe damit kein Problem. Im Gegenteil, auch ich werde sicher gelegentlich zum WM-Gezwitscher beitragen und nutze Twitter ohnehin gerne als Kommentarstream zu Live-Events. Doch es soll ja Menschen geben, die selbst bei einem Großereignis wie der WM keinerlei Fußball-Interesse entwickeln. Oder die zwar gerne gelegentlich ein Match schauen, aber nicht jedem Spiel unfreiwillig Sekunde für Sekunde folgen möchten. Oder die eben Twitter größtenteils geschäftlich nutzen.

Einige Twitter-Clients wie TweetDeck erlauben das Herausfiltern von bestimmten Wörtern oder Hashtags, was für User mit Fußball-Allergie sicher ein gangbarer Weg ist. Würde ich jedoch eine entsprechende Option nutzen und Tweets mit einschlägigen Fußball-Begriffen blockieren, dann wäre es nach aktuellem Stand so ruhig in meiner Timeline, dass ich Twitter auch ganz abschalten könnte.

Es würde mich nicht wundern, wenn manche Twitter-Freunde ohne Leidenschaft für Fußball sich letztlich zu einem solchen Schritt gezwungen sähen oder die Nutzung des Dienstes zumindest deutlich einschränken.

Daher frage ich mich, ob das zu erwartende, mehr als vier Wochen andauernde Bombardement mit WM-Tweets am Ende eine in ihrer Größe unbekannte Nutzergruppe von dem Dienst wegtreiben könnte und Twitter zumindest bis zum 11. Juli zu einem Ort im Web wird, an dem sich nur wohlfühlt, wer Fußball liebt? Was glaubt ihr?

Eine zweite Sorge ist sicherlich auch die Stablität des Microbloggingservices. In den vergangengen Tagen erlebte Twitter den ein oder anderen Ausfall, was die Frage aufwirft, ob der ohnehin schon angeschlagene Dienst die mit dem Fortschreiten des Turniers noch zunehmende Last an WM-Tweets parieren können wird? Spätestens am Finalabend des 11. Juli werden wir es wissen.

Die diesjährige WM stellt Twitter vor seine bisher wahrscheinlich größte Probe, sowohl was die wochenlang anhaltende und zu bestimmten Zeitpunkten stark ansteigende Belastung betrifft, als auch in Bezug auf die Gefahr der inhaltlichen “Überhitzung”.

Update: Twitter hat in einem Blogeintrag auf das Risiko gelegentlicher Überlastungen durch Tweets mit WM-Bezug hingewiesen.

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10 Kommentare

  1. juliaL49
    schrieb am 11. Juni 2010 um 17:34 Uhr (#)

    Also ich nutze die Tweetdeck-Filter und finde das einfach nur großartig :) Den größten Schwund hat übrigens der Begriff vuvuzela gebracht.
    Ich fände es schade nur wegen den Fußballverückten Twitter zu meiden, denn es gibt zum Glück genug Gleichgesinnte und mit denen kann ich mich jetzt ungestört unterhalten bzw. deren besonders interessanten Tweets lesen.

  2. zrendavir
    schrieb am 11. Juni 2010 um 17:45 Uhr (#)

    Ich denke es geht, da ja durchaus auch über andere Dinge als Fussball getwittert wird. Aber es zeigt auf jeden Fall, wie wichtig Filter wären. Nur für die Fussball-WM zu einem anderen Titter-Client zu wechseln stelle ich mir auch mühsam vor…

  3. Thomas Television
    schrieb am 11. Juni 2010 um 22:11 Uhr (#)

    Ich verfolge die WM nicht so sehr auf Twitter, und in meiner Timelime habe ich dazu auch nicht übermäßig viel gelesen.

    Ich hab mich heute eher mit dem Fancorso im Internet beschäftigt:

    http://tvundso.com/2010/0…f-der-datenautobahn/

  4. Urs
    schrieb am 12. Juni 2010 um 03:24 Uhr (#)

    Nach deiner Theorie müsste dies ja auch für Medien wie Radio, Zeitung und TV eine Herausforderung sein. Auch da gibts für die nächsten 4 Wochen nur ein Thema. Und selbst der Kaffeeecke hätte diese Herausforderung, dort gibts wohl nur selten Diskussionen nicht fussballerischer Natur.

    1. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
      schrieb am 12. Juni 2010 um 09:04 Uhr (#)

      Bei Radio, TV und Zeitung gibt’s aber immer Alternativprogramm bzw man kann Artikel einfach überblättern. Zudem wurde ich Twitter ohnehin nicht mit klassischen Mediengattungen vergleichen.

  5. Thomas Matterne
    schrieb am 12. Juni 2010 um 10:30 Uhr (#)

    Das Problem der “inhaltlichen Überhitzung” sehe ich eigentlich gar nicht, zum einen gehören derartige privaten Tweets, wie im Artikel ja auch angedeutet, schlicht dazu und zum anderen, wie in den obigen Kommentaren beschrieben, gibt es auch Tools sie auszufiltern, wenn es einem zu viel wird.

    Das Problem der Überlastung wird aber sicher kommen. Ist ohnehin ein merkwürdig wenig disktutiertes Thema, wenn man bedenkt wie oft Twitter wegen Überlastungsproblemen immer wieder nicht erreichbar ist.

  6. Webdesign-er
    schrieb am 12. Juni 2010 um 17:59 Uhr (#)

    Ich denke nicht, dass die WM Twitter viele Nutzer kosten wird. Ich halte es sogar für wahrscheinlicher, dass durch die vielen WM-Tweets Menschen auf Twitter aufmerksam werden, die den Dienst davor noch nicht kannten. Daher könnte es sein, dass Twitter die Nutzerzahlen erhöhen kann.

    Wer auf Twitter aktiv ist, der muss im Grunde damit rechnen, dass Trends auf Twitter eine starke Eigendynamic entwickeln (was auch in gewisser Weise einen Reiz von Twitter ausmacht), die unter Umständen als störend empfunden werden könnte. Allerdings kann man dann aber die bereits angesprochenen Möglichkeiten nutzen, um von unerwünschten Tweets verschont zu werden.

  7. Meeresbiologe
    schrieb am 13. Juni 2010 um 11:49 Uhr (#)

    Umgekehrt: Twitter ist zu schlecht für die WM. Großereignisse wie eine Weltmeisterschaft sind der Lackmustest für einen “Ereignisdienst” wie Twitter. Für mich sind die Unternehmer von Twitter hinsichtlich Entwicklung und Kapazität ihres Dienstes schon seit langem nicht, wahrscheinlich von Anfang nicht ihrer eigenen hervorragenden Idee gewachsen gewesen. Fängt bei fehlenden einfachen Web-2.0-Funktionen wie umfangreicheren Nutzerprofilen an, geht weiter zu ziemlich unterentwickelten Recherchemöglichkeiten und endet beim Kapazitätsversagen des eigenen Geschäftsfeldes der Widerspiegelung großer Ereignisse wie einer WM. Wird Zeit, dass das Ding ein großer Player wie Google, Yahoo, Facebook o.ä. übernimmt, damit das Elend ein Ende hat und die wirklich gute Idee endlich in die Gänge kommt.

  8. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 13. Juni 2010 um 11:51 Uhr (#)

    Pragmatische Schlussfolgerung. Hat was!

    Momentan scheint Twitter ja wieder mal down zu sein…

  9. Hanna
    schrieb am 13. Juni 2010 um 17:05 Uhr (#)

    Interessanter Artikel, aber ich finde, man kann sich auch über jeden Mist Gedanken machen…

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