Intelligente Verknüpfung von Onlinediensten:
Die nächste Entwicklungsstufe
von Webapplikationen

Viele populäre Onlinetools kommunizieren kaum oder gar nicht miteinander. Doch das ändert sich: In der nächsten Entwicklungsstufe des Webs wird aus losen Elementen das “große Ganze”.

In den Kommentaren zu meinem gestrigen “Foodsquare”-Artikel meldete sich unter anderem mein Blogwerk-Kollege Moritz Adler zu Wort. Sein nachvollziehbarer Wunsch: Eine Applikation, mit der er nicht nur im Foursquare-Stil seinen aktuellen Aufenthaltsort veröffentlichen kann, sondern zum Beispiel auch, was er gerade macht (z.B. im Kino den Film XYZ schauen) und was er gerade isst (z.B. Popcorn) – und das nicht nur als ergänzender Kommentar, sondern jeweils mit einer intelligenten Verlinkung (des Films und Snacks) und weiterführenden Optionen.

Was Moritz sich wünscht, ist ein “Meta-Check-In-Dienst”, ein smarter Service, der nicht nur – wie check.in – das gleichzeitige Einchecken bei verschiedenen, miteinander in Konkurrenz stehenden Location Based Services erlaubt, sondern mehrere, sich ergänzende Dienste auf sinnvolle Weise miteinander kombiniert.

Es scheint fast, als hätte sich Moritz in der Nacht mit Silicon Valley-Ikone und Superblogger Robert Scoble ausgetauscht und ihn zu diesem Gastartikel bei TechCrunch inspiriert, in dem er Moritz’ Anregung weiterspinnt. Scoble beschreibt, wie sich ortsbasierte Services bis zum Jahr 2012 weiterentwickeln und mit zahlreichen anderen, komplementären Webangeboten verknüpfen könnten, um Nutzern eine Vielzahl neuer Einsatzgebiete zu eröffnen und den Alltag zu erleichtern.

Blogger Scoble beschreibt, wie Foursquare automatisch mit anderen Onlineservices kommuniziert und bei diesen Aktionen initiiert. So würde der Dienst Personen, mit denen sich Scoble treffen möchte, via Glympse informieren, wie lange diese noch auf sein Eintreffen warten müssen, oder durch eine Integration mit Plancast Auskunft darüber geben, was Scobles Freunde in der Nähe am Abend vorhaben.

Siri, der persönliche Smartphone-Assistent, den sich Apple kürzlich geschnappt hat, würde anschließend versuchen, Tickets für das am Abend stattfindende Black Eyed Peas-Konzert zu finden, nachdem Scoble eine Preisobergrenze definiert hat. Foursquare und Siri in Kombination mit dem Empfehlungsdienst Yelp könnten nach dem Konzert geeignete, relevante und allgemein positiv bewertete Restaurants vorschlagen. OpenTable würde anschließend freie Plätze anzeigen und reservieren lassen.

Scoble wäre nicht Scoble, wenn er nicht auch noch die automatisierte Verwaltung der Ausgaben erwarten würde. Hierzu sieht er Siri mit Blippy und Expensify kommunizieren.

Viele der von dem Kenner der US-Startup-Landschaft genannten Dienste haben in Europa bisher keine Relevanz. Doch auch ohne Yelp oder OpenTable selbst einzusetzen, wird die Vision klar, die Robert Scoble vorschwebt: Er wartet auf eine Art Mega-Mashup und sehnt sich danach, dass nicht mehr jeder innovative Service sein eigenes Süppchen kocht, ohne mit verwandten Anbietern zu interagieren. Er rechnet damit, dass die Zeit der “Informationssilos” bald vorbei ist, und dass zukünftig immer mehr Services nach Autorisierung durch die User über Schnittstellen miteinander in Kontakt stehen und sich gegenseitig Anweisungen geben können.

Was Blogger Scoble hier beschreibt, ist der logische nächste Entwicklungsschritt von Webservices. Aktuelle Ankündigungen wie die Integration des in der US führenden Tischreservierungssystems OpenTable in das Angebot von Yelp deuten an, dass wir uns bereits in diese Richtung bewegen.

Die “APIisierung” des Netzes ist weit vorangeschritten. Nahezu jeder Onlinedienst mit Ambitionen bietet heute APIs für externe Entwickler. Nun geht es darum, diese Schnittstellen auf kluge und sinnvolle Art zu nutzen, und so Funktionen und Services miteinander zu kombinieren, die gemeinsam ein deutlich stärkeres Angebot darstellen, als wenn sie sich nur auf sich selbst konzentrieren würden.

Mit intelligenten Verknüpfungen erhalten viele der heute primär als spaßiger Zeitvertreib angesehenen Netzphänomene schlagartig einen Sinn. Ein Check-In, ein Tweet oder das Anlegen einer bisher nicht existierenden Location sind dann nicht mehr nur isolierte Aktionen, sondern dienen angeschlossenen Services als Ausgangspunkt und Informationsquelle für weiterführende Aktivitäten und als Weg, die Präferenzen eines Users zu verstehen.

So toll diese Vorstellung klingt, so wichtig ist es aber auch, sich über die Risiken einer solchen Entwicklung bewusst zu sein: Je mehr Dienste miteinander in Verbindung stehen und sich Handlungsaufforderungen geben, desto kritischer ist der Ausfall einer API oder eines Services, weil dadurch mitunter weitere Angebote unbrauchbar werden – gerade wenn es das Herzstück der Prozesskette ist, das ausfällt, in Scobles Szenario als z.B. Siri oder Foursquare.

Und einen zweiten Aspekt sollten wir auch nicht vergessen: Was bedeutet es für unsere Fähigkeit zum selbstständigen Handeln, wenn wir uns immer stärker von digitalen Technologien abhängig machen und Denkprozesse auslagern? Schon elektronische Kalender führen dazu, dass wir wichtige Termine nicht mehr in unserem Gehirn speichern müssen, sondern einfach auf die Erinnerungsfunktion warten können. Welche Auswirkungen hätte es auf unsere geistige Fitness, wenn wir immer mehr simple, aber das Gehirn in Form haltende Prozesse von Webdiensten verwalten lassen? Ereilt uns dann das selbe Schicksal wie hohen Managern, denen man gerne nachsagt, zwar komplexe Entscheidungen treffen zu können, aber in ihrem Zeit- und Lebensmanagement komplett von Assistenten und elektronischen Organizern abhängig zu sein?

Vielleicht ist diese Sorge aber auch völlig unbegründet. In jedem Fall freue ich mich auf die Zeit, in der aus vielen Einzelelementen das große Ganze wird. Sie kommt, daran besteht kein Zweifel.

(Illustration: stock.xchng)

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6 Kommentare

  1. PickiHH
    schrieb am 4. Juni 2010 um 09:39 Uhr (#)

    Das die Zeit der Informationsinseln vorbei sein soll, haben schon IBM Berater in den 70ern gepredigt. Da musste ich kurz schmunzeln.

    Aber ich finde auch, dass MegaMashUps the next big thing werden, aber nur, wenn eine wichtige Prämisse stimmt: das Umsatz Sharing Modell. Daran haperte es in der Vergangenheit und es sieht nicht so aus, als ob in nächster Zeit eine gute, transparente Lösung kommt. Von daher: vll ist auch ein einfach administrierbares, transparentes UmsatzSharing Tool für MashUps “the next big thing”

  2. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 4. Juni 2010 um 10:15 Uhr (#)

    Irgendwann muss es ja passieren ;)

    Inwieweit siehst du hier ein Umsatzsharing-Modell bzw. dessen Intransparenz als möglichen “Dealbreaker” an? Versteh ich nicht ganz.

  3. Sebastian Kurt
    schrieb am 4. Juni 2010 um 11:36 Uhr (#)

    Der Gedanke gefällt mir und wenn es schon nicht automatisch geschieht (Was ja beim SemanticWeb immer “angedacht” war), dann gern clever gelöst. Die Inseln Orte, Filme, Essen, Produkte und wie sie noch alle heißen, bieten ja einige Optionen dafür.

    Vor einigen Wochen war auch mal zu hören, dass Twitter auf deren Developer-Konferenz veröffentlichte jetzt auch Metadaten an Tweets dafür vorzubereiten. Aus der Ecke ist daher glaub ich auch noch was zu erwarten!

  4. Dieter Josten
    schrieb am 4. Juni 2010 um 11:57 Uhr (#)

    Ich denke die inhaltiche Vernetzung bekommen wir mit neurosemantischen Netzen (technische Emulation des Menschlichen Gehirns – ja es geht :-)) in den Griff. Semantic Web auf Basis RDF und Co wird nie was.

    Die funktionale Vernetzung ist aus meiner Sicht Politik und kann ggf. im Branchenverband oder durch big Market Maker gelöst werden. Wo ein Wille da ein Weg.

  5. Bastian
    schrieb am 4. Juni 2010 um 21:36 Uhr (#)

    Kann mich da nur anschließen. Habe im (ebenfalls sehr lesenswerten) Artikel (siehe link) bei carta in den Kommentaren ein ganz ähnliches Szenario beschrieben.

  6. Marius
    schrieb am 10. Juni 2010 um 11:35 Uhr (#)

    Es wäre sicher auch eine spannende Diskussion, da mal über das Verhältnis von Nutzen zu Schäden / Risiken zu sprechen. Da wären ja zum einen die angesprochenen “Schwächungen” des eigenen Denkapparats und eine gewisse Abhängigkeit von der Technik und eben auch die Datenschutzthematik. Denn so nützlich es auch sein mag, irgendwie wäre es mir unheimlich, wenn die Cloud wirklich alles vernetzt hätte und somit das komplette Leben in jeder Sekunde ein einziger Graph ist, den man vermutlich bis ins letzte Details auswerten könnte. Klar, wer gowallert und foursquaret gibt auch so viel preis, aber wenn diese Dienste auch noch alle vernetzt sind fängt es an, mulmig zu werden.

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