Konvergenz von Web und TV:
Die Zeit ist reif

Google TV soll endlich das erledigen, was seit Jahren als Parole für die Zukunft ausgegeben wird: Fernsehen und Internet vereinen. Das Timing stimmt.

Die Vision von der Konvergenz von Fernsehen und Internet gibt es seit einer gefühlten Ewigkeit. “Irgendwann ist TV und Rechner eins”, so lautet eine alte Parole, die ich wohl erstmals in den 90er Jahren gehört habe.

Realität ist daraus bis heute jedoch nicht geworden, zumindest nicht im Hinblick auf den Massenmarkt. Google möchte dies mit Google TV ändern, seiner kürzlich angekündigten Android-Plattform für Fernseher und Set-Top-Boxen. Im Herbst soll es in den USA mit TV- und Blu-Ray-Geräten von Sony und Boxen von Logitech losgehen.

Man möchte meinen, dass niemand besser dafür geeignet wäre, Web und Fernsehen endlich zu verheiraten, als Google. Um das zu glauben, setzt man aber voraus, dass bei Konsumenten tatsächlich ein Bedürfnis besteht, vom selben Gerät aus Filme und Serien zu gucken, im Internet zu surfen und Social Networking zu betreiben.

Engadget-Kolumnist Michael Gartenberg bezweifelt genau dies. In Bezug auf nicht näher erläuterte Untersuchungen behauptet er, dass Menschen kein Interesse daran haben, vom Fernseher aus auf das gesamte Internet zugreifen zu können. “Konsumenten wollen einfach kein Gmail oder Twitter oder das “komplette” Web auf ihrem TV-Gerät”, so Gartenberg.

Auch wenn ich in diesem Zusammenhang sicher keine repräsentative Stimme bin, so muss ich dem Engadget-Autor vehement widersprechen. Ich habe auch ein schönes Beispiel, um dies zu illustrieren:

Am Samstagabend schaute ich zusammen mit Freunden das Finale des Eurovision Song Contest. Obwohl es eine lustige Runde war und der ein oder andere freche Kommentar über das Dargebotene für Gelächter sorgte, ertappte ich mich immer wieder dabei, wie ich nebenbei auf dem iPhone auf meine Twitter-Timeline schielte.

Was ich da an Sprüchen und Äußerungen rund um die unterhaltsame Live-Show lesen konnte, war einfach großartig. Mehrmals schauten mich meine nicht Twitter-affinen Freunde verwundert an, warum ich mit meinem Mobiltelefon in der Hand vor mich hin kicherte. In diesem Tweet “klagte” ich darüber, wie es mir teilweise schwer fiel, an den Gesprächen mit meinen Freunden teilzunehmen, da ich durch die Tweets mit dem Hastag #esc (für “Eurovision Song Contest) einfach zu abgelenkt war.


Speziell bei Live-Events im Fernsehen lasse ich regelmäßig Twitter nebenbei laufen, weil mich die Meinungen der von mir gefolgten Nutzer dazu interessieren. Im Gegensatz zu Engadget-Kolumnist Michael Gartenberg fände ich es klasse, wenn ich neben dem Fernsehbild auch relevante Tweets zum jeweiligen Programm serviert bekommen würde. Oder wenn Miso, das “Foursquare für Filme”, mich automatisch in auf dem Fernseher angeschaute Inhalte “einchecken” würde. Aktuell muss für derartige Aktionen stets mein Mobiltelefon herhalten.

Vielleicht bin ich die einzige Person auf diesem Planeten, die eine Hochzeit von Fernsehen und Web – sofern sie von der Benutzeroberfläche und Funktionalität her gelingt – begrüßen würde. Allein die rekordverdächtige Frequenz an Tweets mit #esc-Hashtag am Samstag in meiner Timeline lässt jedoch vermuten, dass es auch anderen so gehen könnte.

Dass frühere Projekte zur Konvergenz von Internet und Fernsehen – wie WebTV von Microsoft – floppten, muss nicht bedeuten, dass alle zukünftigen Versuche ebenfalls zum Scheitern verurteilt sind. Manchmal ist die Zeit einfach noch nicht reif. Ich denke, nun ist sie es.

Ob es am Ende dann wirklich Google ist, dem es gelingt, Internet und TV zusammenzuführen, oder einem der zahlreichen weiteren Anbieter und Projekte, steht auf einem anderen Blatt.

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12 Kommentare

  1. Stefan O.
    schrieb am 2. Juni 2010 um 10:08 Uhr (#)

    Ich finde, die Gerätehersteller müssten hier mal was tun und neben dem Bildschirm fürs TV einen zweites, hochauflösendes Display für Web-Inhalte montieren. Dort müsste man dann komfortabel per Fernbedienung mit Touchscreen und/oder Gestensteuerung das zweite Display bedienen können. Etwa Twitterstreams anzeigen. Im übrigen lausche ich auch sehr oft in Twitter mit, wenn große Medienereignisse anstehen, aber etwa auch Talkshows wie Hart aber fair.

  2. Meeresbiologe
    schrieb am 2. Juni 2010 um 10:47 Uhr (#)

    Die Verbindung und Verknüpfung beider audiovisueller Medien liegt auf der Hand und wird früher oder später kommen. Allein wegen der immer größer werdenden TV- und Radio-Mediatheken im Internet. Insbesondere das aber z.B. auch ausgiebige Programminformationen im Internet und ständige Bezüge im Fernsehen auf das Internet verlangen irgendwann nach Zusammenführung beider Medien. Dass es damit noch stockt, liegt vor allem daran, dass die Internetnutzung im Gros der Bevölkerung längst noch keine so große Rolle in ihrem Leben spielt wie die Fernsehnutzung. Ich denke, dass der Durchbruch mit einem ähnlich attraktiven Gerät wie heute mit dem ausgereiften iPad bei den Tablets kommen könnte – das die Konsumenten dann mit seiner Qualität von den Vorteilen dieser Kombination überzeugt.

  3. Thomas Television
    schrieb am 2. Juni 2010 um 18:33 Uhr (#)

    Ich verfolge auch oft die Kommentare zu Fernsehsendungen auf Twitter. Früher habe ich das in Foren verfolgt. Das wurde jetzt komplett durch Twitter ersetzt, zumal die Kommentare auf Twitter auch klüger und pointierter sind. Ich möchte sie aber trotzdem nicht direkt auf dem TV haben. Dazu reicht Rechner oder Smartphone/Handy.

  4. halsmaol
    schrieb am 2. Juni 2010 um 22:06 Uhr (#)

    Ich unterstütze die Meinung von Hr. Gartenberg. Google TV kann erfolgreich werden, wenn die TV-Konsumenten diesen Dienst akzeptieren und benutzen. Als ehemaliger Produktmanager von TV Geräten weiss ich, dass die TV-Konsumenten faul sind und am TV Gerät außer Kanäle wechseln nichts tun! Schaut euch einfach eine 10 Jahre alte Fernbedienung nach Nutzspuren an. Wetten das die Buttons “Programm” und “Volume” am meisten abgenutzt sind? Deshalb muss Google TV ein Konzept anbieten, wo das internet z.B. nur mit “Programm” und “Volume” bedient werden kann, im grunde ohne PC-Tastatur und ohne maus. In dieser hinsicht gibt es natürlich außer Google schon andere Dienste (wie z.B. “Markllet” Webkatalog…), die heute schon funktionieren und dem idealen Konzept näher dran sind.

  5. Ulli
    schrieb am 2. Juni 2010 um 22:10 Uhr (#)

    Vielen Dank!

  6. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 3. Juni 2010 um 07:17 Uhr (#)

    @ Thomas Television
    Wie kommt’s, dass du Tweets nicht direkt auf dem Fernseher sehen willst? Der Vorteil wäre unter anderem, dass man nicht so unsozial wirkt und laufend auf sein Mobiltelefon schielt, wenn man zusammen mit anderen schaut.

    @ halsmaol
    Ja Einfachheit ist der Schlüssel zum Erfolg, ganz klar.

  7. Uschi
    schrieb am 3. Juni 2010 um 10:42 Uhr (#)

    Interessanter Artikel!

  8. Oliver Springer
    schrieb am 3. Juni 2010 um 13:11 Uhr (#)

    Mag sein, dass nicht das “gesamte Internet” interessant ist, wenn es um die Nutzung auf dem Fernseher geht. Ein Dienst wie Google Text & Tabellen etwa passt da überhaupt nicht.

    Ich hoffe, das Beispiel zeigt, wie unsinnig es ist, die Frage aus dieser Perspektive anzugehen.

    Das “gesamte Internet” passt auch nicht auf ein Smartphone.

    Die Frage sollte vielmehr lauten, ob es genug sinnvolle Szenarien gibt. Und da ist meine Antwort ganz klar ja!

    Schon für Bewegtbildinhalte alleine lohnt sich ein Projekt wie Google TV. Die Mediatheken und Onlinevideotheken (wie Maxdome und Videoload) stellen da nur die Spitze dar.

    Wäre es nicht toll, auf dem Fernseher Musikvideos sehen zu können? Das gab es früher schon mal im Fernsehen…

    Weitere sinnvolle Möglichkeiten:

    - Skype in HD auf dem Full-HD-Fernseher
    - Web-Fotoalben
    - Twitter (Kurze Statusmeldungen tippt man auch mit einer kleinen Tastatur, da geht auf dem Smartphone schließlich auch)
    - Flash Games und überhaupt Online-Spiele

    Ich halte zwar nichts davon, das Web Stück für Stück durch Apps zu ersetzen, aber manche Inhalte lassen sich vermutlich über Apps weit besser auf dem Fernseher nutzen, vor allem was die Navigation angeht.

  9. Marius
    schrieb am 3. Juni 2010 um 19:51 Uhr (#)

    Ein interessanter Ansatz und ich musste auch sehr schmunzeln, als ich deinen Tweet gelesen hatte. Da mein iPhone zu dem Zeitpunkt gerade laden musste hatte ich mein MacBook vor dem TV parat und habe die Diskussion im Wohnzimmer stets mit witzigen Tweets aus meiner Timeline ergänzt.

    Was mich bei deinem Beispiel ein bißchen stört ist folgendes: Gerade wenn ich mit mehreren Leuten TV schaue, wie du es erwähnt hast ist es doch problematisch. Welchen Twitterstream schaue ich an? Ich weiß nicht, ob andere Nutzer so viel Spaß dran hätten, meine Timeline mitzuverfolgen. Darüber hinaus wäre ein solches Nutzungsszenario genau das, was viele Sozialwissenschaftler kritisieren: die ständige Netznutzung bei treffen im realen Leben. Dadurch signalisiert man seinem Gegenüber doch indirekt “was im Netz passiert finde ich interessanter als unser Gespräch”. Und ich glaube, da der TV ohnehin schon ein Konversationstöter sein kann – erlebe ich am Beispiel meiner Eltern abends im Wohnzimmer oft genug – wäre das doch für die Atmosphäre ein echter Totschläger.

    Für Anwendungen wie Skype in HD auf einem großen Schirm oder ähnliches kann ich es mir jedoch vorstellen.

    Letztendlich ist das auch eine persönliche Frage, bei der jeder sein eigenes Nutzungsszenario berücksichtigt.

  10. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 3. Juni 2010 um 19:58 Uhr (#)

    Ja also wenn man Gäste hat, sollte man natürlich vorher sicherstellen, dass sich nicht einige durch aufpoppende Tweets gestört fühlen. Wobei man ja ohnehin nicht unbedingt TV gucken möchte, wenn man Besuch hat. Häufiger würde ein solches Feature wohl zum Einsatz kommen, wenn man alleine Fernsehen schaut. In meinem Fall jedenfalls.

    Und wenn dann doch ein TV-Event ansteht, an dem man in einer Gruppe schaut, denke ich, dass der Twitter-Stream des Hausherren oder der Hausherrin vorzuziehen ist ;)

    1. Marius
      schrieb am 3. Juni 2010 um 20:48 Uhr (#)

      Ok, in dem Fall stimme ich dir auf jeden Fall zu. Insbesondere da ich mich übrigens gerade dabei ertappe, wie ich extra mit dem MacBook zum Sofa gegangen bin, um Fußball schauen zu können, während ich dir antworte. Verflixt, du hast mich überzeugt :)

      Den Twitter-Stream des Hausherren festzulegen ist eine interessante “Konvention ;)

  11. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 3. Juni 2010 um 21:06 Uhr (#)

    ;)

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