Wiederkehrendes Phänomen:
Die große Bedeutung des Hypes

Man kennt das: Jeder spricht über Dienst A, obwohl Dienst B mindestens genauso gut ist und schon vorher da war. Eine Analyse, warum es zu Hypes kommt. Und wieso sie notwendig sind.

Eine der am häufigsten in unseren Kommentaren gestellten Fragen ist eine im Stile von “Wieso der Hype um Dienst XYZ, obwohl Anbieter ABC das doch viel besser/schon seit langem macht?”.

Im folgenden Artikel möchte ich eine Antwort auf diese Frage geben. Es geht also darum, wieso ein Webservice oder Produkt in den Himmel gelobt wird, während ein womöglich sogar besserer Konkurrent keinerlei Aufmerksamkeit erhält. Um diesen Vorgang zu erkären, muss ich etwas weiter ausholen:

Phil Libin, CEO des populären digitalen Notizbuchs Evernote, bezeichnete kürzlich die Aussage, dass nicht immer das beste Produkt siegen würde, als Humbug – zumindest solange sie Gründern als Ratschlag für ihre Ressourcenaufteilung zwischen Produktentwicklung und Marketing gegeben wird. Evernote-Boss Libin rät, sich darauf zu fokussieren, ein Spitzenangebot aufzubauen. Alles andere käme dann quasi von alleine.

Was Libin außer Acht lässt, ist die Tatsache, dass viele Webangebote deutlich stärker von äußeren Faktoren abhängig sind als Evernote und sich insofern nicht so stark auf die Qualität ihres Produktes verlassen können wie das Notiztool. Konkret beziehe ich mich dabei auf Services, die auf Netzwerkeffekte angewiesen sind, sowohl auf direkte als auch auf indirekte.

Evernote ist ein Tool, bei dem Nutzer beliebige Notizen und Inhalte in der Cloud speichern und von verschiedensten Geräten aus abrufen können. Für einen Evernote-Anwender spielt es keine Rolle, ob bereits 100 Freunde ebenfalls ein Konto bei dem Service haben. Im Nutzen für ihn verändert sich dadurch nichts. Anders ist das bei Social Networks, die für nicht registrierte User attraktiver werden, je mehr ihrer Freunde bereits dort sind (direkte Netzwerkeffekte).

Auch bietet Evernote zwar eine API, damit externe Dienste auf die Funktionalität des Tools zugreifen können, aber dessen Bedeutung ist im Vergleich zu den äußerst umfangreichen, von Evernote selbst bereitgestellten Kernfeatures (noch) recht gering. Die Attraktivität von Evernote wird damit nur wenig von der Verfügbarkeit externer Applikationen beeinflusst, was den Dienst nicht von indirekten Netzwerkeffekten abhängig macht und somit auch nicht den Gesetzen zweiseitiger Märkte unterwirft.

Aufgrund Evernotes äußerst geringer Abhängigkeit von externen Faktoren kann sich das US-Unternehmen den von CEO Phil Libin propagierten 100-Prozent-Produkt-Fokus leisten. Je besser das Tool ist, desto größer ist die Chance, dass bestehende Premium-Mitglieder dabei bleiben, und dass existierenden Gratis-Nutzer zu zahlenden Usern konvertiert werden. Eine ganze simple Rechnung.

Für alle Startups, die von direkten Netzwerkeffekten (Social Networks) oder den Gesetzen zweiseitiger Märkte abhängig sind (indirekte Netzwerkeffekte), stellt sich die Situation deutlich schwieriger dar. Denn bei diesen reicht eine Strategie, die sämtliche Ressourcen in das Produkt lenkt und nichts für Marketing und PR übrig lässt, mitunter nicht aus.

Am praktischen Beispiel bedeutet das, dass ein technisch und optisch in höchstem Maße beeindruckendes Social Network gegen einen sehr viel weniger attraktiven Wettbewerber keinen Stich sieht, da der Konkurrent durch Netzwerkeffekte bereits einen Lock-In-Effekt erzielt hat. In den Anfangstagen von studiVZ war das z.B so – es gab unzählige bessere Netzwerke, und trotzdem war es studiVZ, das zu Deutschlands führendem Social Network aufstieg. Ganz offensichtlich gewann nicht das beste Produkt.

Ein anderes Beispiel ist Palm, das mit seinem Smartphone Pre sowie seinem mobilen Betriebssystem webOS für viele positive Reaktionen sorgen konnte. Dennoch führte dies nicht zu nennenswerten Verkaufserfolgen – unter anderem deshalb, weil das Angebot an verfügbaren Applikationen für webOS im Vergleich zum iPhone und zu Android mehr als mickrig ist. Im zweiseitigen Smartphone-Markt reicht es nicht aus, einfach nur ein gutes Produkt hinzulegen. Gleichzeitig müssen Drittanbieter an Bord geholt werden, um die Attraktivität der Plattform zu erhöhen.

Damit kommen wir zur Antwort auf die eingangs gestellte Frage: Sobald ein Onlinedienst in weiten Teilen auf einen zweiseitigen Markt aufbaut, oder sobald es stark von direkten Netzwerkeffekten abhängig ist, wie sie bei dem Gros sozialer Webservices auftreten, ist es nicht mehr allein die Qualität des Produkts, die über Erfolg oder Misserfolg entscheidet.

Mindestens ebenso wichtig ist dann das Vorhandensein eines Hypes, also eine überwältigende, von Emotionen getriebene Aufmerksamkeitswelle, die nicht allein durch rationale Argumente zu erklären ist. Im Gegenteil: Bei rationaler Betrachtung stellt sich dann vielleicht sogar die Frage, warum es gerade um dieses oder jenes Angebot einen Hype gibt, während Konkurrenten mindestens ähnliche Qualitäten mitbringen.

Wege, einen Hype einzuleiten, gibt es unzählige. Ein immer gültiges Erfolgsrezept dagegen nicht. Manche Services initiieren ihn durch eine clevere, durchdachte Verknappungsstrategie, andere setzen dagegen auf stark marketinggetriebene Omipräsenz oder nutzen ihre hervorragenden Kontakte in die Presse- und Early Adopter-Welt, und wieder andere gehen unkonventionelle, kreative, kontroverse Wege.

Ein Hype ist essenziell, um direkte oder indirekte Netzwerkeffekte einzuleiten. Und auch wenn er nur schwer greifbar und kaum vorab planbar ist, so ist er ein Teil des anfänglichen Produkts. Während bei einem von äußeren Faktoren weitgehend unabhängigen Dienst wie Evernote ein Hype gern die Folge eines guten Produkts sein kann, ist es für Social-Web-Services und Anbieter in zweiseitigen Märkten sinnvoll, möglichst schon vor dem Produktlaunch einen Hype zu initiieren.

Das iPad verdeutlicht, warum dies sinnvoll ist: Nur wenige Wochen nach dem Verkaufsstart in den USA gibt es bereits rund 5.000 extra für das Apple Tablet entwickelte Applikationen. Noch vor oder maximal kurz nach dem Launch haben sich also viele Entwickler daran gemacht, Anwendungen für das iPad zu programmieren – angespornt vom allgemeinen Hype und in dem sicheren Wissen, dass dieser zu Käufern und damit auch zu potenziellen Nutzern ihrer Apps führen wird.

Bleibt die Frage, warum sich Medien, Blogs und Konsumenten gerne von einem Hype mitziehen lassen, statt gegen den Strom zu schwimmen, um wie Robin Hood die Schwächeren, aber womöglich qualitativ ebenbürtigen oder besseren Dienste zu unterstützen?

Viele sind sich zumindest unbewusst darüber im Klaren, dass sie davon profitieren, wenn einer der in einem Markt aktiven Anbieter über seine Konkurrenten siegt und sich als Anführer herauskristallisiert - weil sie nur dann persönlich von den direkten oder indirekten Netzwerkeffekten profitieren (z.B. mehr Apps, mehr Freunde auf einer Plattform, mehr angebotene Inhalte etc.). Das kann z.B. ein Grund dafür sein, warum Flattr stärkere Verbreitung findet als Kachingle, warum diaspora mehr Aufmerksamkeit bekommt als OneSocialWeb, oder warum das iPad für sehr viel mehr Begeisterung sorgt als andere, vorher existierende Tablets.

Selbst wenn rationale Argumente manchmal dagegen sprechen, sind wir uns bewusst darüber, dass für unsere individuellen Bedürfnisse ein Markt mit einem Big Player möglicherweise vorteilhafter ist als einer mit mehreren ebenbürtigen, aber jeweils etwas schwächeren Anbietern – was weniger Apps, weniger für die Vernetzung verfügbare Freunde oder weniger angebotene Inhalte bedeuten könnte.

Die offensichtliche Schwäche dieses Ansatzes: Die durch die “Mitwirkung” der Konsumenten als Sieger aus dem Konkurrenzkampf hervorgegangenen Anbieter entwickeln sich meist so prächtig, dass sie irgendwann entweder ihre Macht missbrauchen oder uns allein durch ihre Dominanz unheimlich werden. Aber das ist wohl der Lauf der Dinge.

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9 Kommentare

  1. Jörg Eisfeld-Reschke
    schrieb am 1. Juni 2010 um 13:20 Uhr (#)

    Interessante Fragestellung und gute Antworten. Hinzufügen möchte ich, dass gerade bei der Schaffung neuer Märkte es mittelfristig für alle Anbieter von Vorteil ist den Nutzern mehrere Möglichkeiten anzubieten. Die Diskussion darüber birgt neue Einblicke und signalisiert unter anderem Investoren, dass es sich tatsächlich um einen attraktiven Markt handelt. Relevant ist dies insbesondere dann, wenn es sich nicht “nur” um einen neuen Markt, sondern sogar um eine neue soziale Norm handelt.

  2. Schreibt hier auf dem Blog Andreas Göldi
    schrieb am 1. Juni 2010 um 14:37 Uhr (#)

    Die Forschung hat sich in den letzten Jahren recht stark mit solchen Phänomenen auseinandergesetzt, nicht zuletzt natürlich, weil Firmen gerne wissen wollen, wie man Hypes erzeugt. Und das lockert Forschungsgelder…

    Es gibt natürlich nicht nur eine Ursache, sondern eine ganze Reihe, z.B.:

    -Sozialer Konformitätsdruck (als Foursquare-User “gehöre ich dazu”, als Gowalla-User vielleicht weniger). Eng verwandt mit dem immer zu beobachtenden Herdentrieb.

    -Vorteile durch die Vermeidung von Informationskosten: Warum sollte ich selber mühsam alle Angebote evaluieren, wenn ich einfach nehmen kann, was offenbar schon andere gut finden? Darum kaufen Leute auch Songs und Bücher, die schon in den Hitparaden sind.

    -Bei Medien, Investoren und ähnlichen Gruppen: Der starke Wille, auf den Sieger zu setzen. Wenn man über die Firma schreibt/in die investiert, die sich einen frühen Vorsprung herausgeholt hat (unabhängig von der Qualität), liegt man mit einer hohen Wahrscheinlichkeit richtig und kann später behaupten, es schon immer gewusst zu haben.

    -”Halo-Effekt”: Früherer Erfolg hat eine starke Ausstrahlung. Das iPad wird nicht zuletzt deswegen als cool empfunden, weil die meisten Leute das iPhone als cool empfinden. Das exakt gleiche Produkt von einem anderen Hersteller hätte vermutlich deutlich weniger Aufmerksamkeit bekommen.

    Hypes entstehen also meistens durch einen oft nur kleinen initialen Vorsprung, den sich ein bestimmtes Angebot herausgeholt hat. Das ist oft nicht mal nur quantitativ zu verstehen. Facebooks grosser Vorteil war zum Beispiel, dass das Angebot in Harvard angefangen hat, wo gern alle Amis studieren würden. Facebook galt also als cool und elitär, während Myspace die Plattform für Hinz und Kunz war. Die Leute neigen dazu, lieber die Elite nachzuahmen. Wieder ein gutes Beispiel für den Halo-Effekt.

  3. Meeresbiologe
    schrieb am 1. Juni 2010 um 15:10 Uhr (#)

    Dass Dienst B mindestens genauso gut ist wie Dienst A, ist genauso Auffassungs- und Wertungssache wie die massenweise Entscheidung für Dienst A. Womit sich im Prinzip die ganze Diskussion erübrigt. Die mehrheitliche Entscheidung für ein bestimmtes Produkt wird durch ein ganzes Bündel von verschiedendsten individuellen Qualitätsbewertungen und Aspekten bestimmt. Wozu die massenweise Entscheidung für ein Produkt, oder auch Netzwerkqualitäten, Service usw. sicher mit gehören.
    Wenn sich Menschen massenweise ein iPad kaufen, ist das unter dem Strich sämtlicher Bewertungsgesichtspunkte eine massenweise Qualitäts-Entscheidung für eben dieses iPad.

  4. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 1. Juni 2010 um 16:12 Uhr (#)

    Selbst wenn es so wäre, dass man nicht objektiv festlegen könnte, ob nun Dienst A oder B besser ist, hätte man noch immer den Einwurf “Dienst A war vor Dienst B da, und trotzdem startet Dienst B durch”. Läuft auf das gleiche hinaus.

  5. Meeresbiologe
    schrieb am 1. Juni 2010 um 17:16 Uhr (#)

    Ja, denn der frühere Zeitpunkt der Markteinführung eines Produkts ist ein Qualitätsmerkmal (etwas früher geschaffen zu haben), aber sicher nicht das einzige und auch nicht unbedingt das bestimmende. Siehe z.B. beim Tablet, die es ja schon länger gibt, aber erst mit dem ausgereiften iPad zum Massendurchbruch kamen. Der Denkfehler ist, Hypes für keine Qualitätsentscheidungen zu halten. Ob angemessene oder unangemessene Qualitätsentscheidungen (also ob die Leute Schei..e kaufen oder nicht) ist selbst eine Qualitätsbewertung.

  6. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 1. Juni 2010 um 17:29 Uhr (#)

    Da bin ich ganz anderer Meinung. Selbst wenn dies beim iPad so ist (ich hätte mir ja auch kein’s gekauft, hätte ich es nicht für sehr gut befunden). Aber allein die Beispiele studiVZ und wer-kennt-wen.de zeigen in meinen Augen, dass dies nicht immer so ist. Die Qualitätsbewertung sollte man ausgehend vom Gesamtangebot des Marktes machen, und nicht anhand der Entscheidung der Nutzer. Denn diese agieren nicht in einem transparenten Markt (sprich kennen alle Social Networks), und folgen darüber hinaus Netzwerkeffekten. Sprich, jemand geht nicht zu wer-kennt-wen.de, weil dies die beste Plattform ist, sondern weil bereits alle Freunde da sind. Lies mal den Artikel noch mal ;)

  7. Meeresbiologe
    schrieb am 1. Juni 2010 um 17:44 Uhr (#)

    Um es weiter zu verdeutlichen: JEDE Entscheidung für ein Angebot ist eine Qualitätsentscheidung. Die Entscheidung für die Qualität eines Angebots, von der man glaubt, dass sie einem nützlich sein kann. Freilich unter den einem selbst bekannten Angeboten. (Bekanntmachung und Werbung gehören auch zur ökonomischen Qualität eines Produkts. Im Idealfall ist die Qualität eines Produkts so gut, dass es sich von selbst verbreitet.)
    Wie Andere diese Qualitätsentscheidung beurteilen, tut dazu nichts zur Sache und ist ebenfalls eine Qualitätsentscheidung. Das Problem ist, dass man, wie bereits bestätigt, Qualität/en nicht objektiv bewerten kann. Zumal Qualitätsansprüche und Bedürfnisse an Produkte ja sehr verschieden sind. Der eine braucht und bevorzugt dies – andere das. Dem einen genügt was einfaches – der andere will etwas vielfältigeres usw.
    Um es noch mal zu wiederholen: Jede Entscheidung für ein Angebot IST perse eine Qualitätsentscheidung. Denn man nutzt Angebote schließlich wegen nichts anderem als wegen ihrer Qualitäten. Bei kostenpflichtigen Angeboten spielt freilich auch der Preis mit eine Rolle. Jede Entscheidung für ein Angebot ist eine Nachfrage von Qualität/en. Ob von guter oder schlechter Qualität, ist wie gesagt selbst eine individuelle Qualitätsbewertung.

  8. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 1. Juni 2010 um 17:49 Uhr (#)

    Du kannst es noch fünf Mal wiederholen und ich würde dir trotzdem nicht zustimmen. Entweder definierst du “Qualitätsentscheidung” anders als ich, oder wir haben einfach eine unterschiedliche Ansicht. Belassen wir es dabei.

  9. Meeresbiologe
    schrieb am 1. Juni 2010 um 17:53 Uhr (#)

    Jede Nachfrage eines Angebots ist perse eine Nachfrage der Qualität dieses Angebots. Ausgenommen den eher seltenen Fall, dass jemand zuviel Geld hat und absichtlich Zeug kauft, das er selbst doof findet und mit dem er nichts anfangen kann. Qualität ist nichts Allgemeines und Allgemeingültiges, sondern immer nur etwas FÜR den, der sie im Einzelfall nachfragt. Also eine Bewertung dessen, der etwas kauft.

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