“Enthüllungsgeschichte” des Wall Street Journal:
Schwarmintelligenz
hat nicht immer recht

Das Wall Street Journal veröffentlichte heute früh einen recht gehaltlosen Artikel rund um die angebliche Weitergabe von Nutzerdaten sozialer Netzwerke an Werbekunden. Das hinderte die Story nicht daran, ein viraler Hit bei Twitter zu werden.

Schwarmintelligenz hat nicht nur seine Vorteile. Zu dieser Erkenntnis kam ich heute Morgen, als in meinem Twitter-Stream immer und immer wieder der gleiche Link auftauchte: Die “Enthüllungsstory” des Wall Street Journal darüber, wie MySpace, Facebook, Twitter und andere Social Networks angeblich Benutzerinformationen an Werbepartner übermittelt haben.

Das Problem mit dem Artikel: Er war in höchstem Maße unkonkret, warf verschiedene Netzwerkdienste und Praktiken in einen Topf, und bestand zu gefühlten 95 Prozent aus Informationen, die jedem, der sich nur gelegentlich mit dem Thema beschäftigt, vollkommen bekannt sein müssten. Twitter hat darüber hinaus überhaupt keine Werbung auf seiner Site.

Die einzig echte Neuigkeit – sofern sie denn stimmt – war, dass es Werbepartnern im Falle von Facebook mitunter möglich war, User namentlich zu identifizieren, die auf Anzeigen innerhalb des sozialen Netzwerks geklickt haben. Angesichts von umstrittenen Facebook-Features wie Instant Personalization und der allgemeinen Konvention, bei dem Dienst unter dem richtigen Namen aufzutreten, kommt aber auch das nicht wirklich überraschend.

Kurzum: Die Story des Wall Street Journal war fast komplett wertlos, oder im besten Fall eine Erinnerung an das, was seit langem bekannt ist.

Marshall Kirkpatrick von ReadWriteWeb empfand das auch so, wie er in diesem Beitrag deutlich zum Ausdruck bringt. Momentan diskutiert er in dem mehrmals aktualisierten Artikel mit den verantwortlichen WSJ-Autoren darüber, ob die Story schlicht falsch oder für technisch versierte Nutzer lediglich missverständlich formuliert war.

Worum es mir aber geht: Trotz der Gehaltlosigkeit des zuerst mit der Überschrift “Facebook, MySpace and other social-networking sites have been sending user data to advertising companies” versehenen Artikels – mittlerweile lautet sie “Facebook, MySpace Confront Privacy Loophole” – wurde dieser Link fleißig bei Twitter herumgeschickt, und das von nicht gerade wenigen Personen, denen ich folge. Kein Wunder, denn selbst TechCrunch sprang sofort an und berichtete über den “Vorfall”, was die Anzahl der Retweets noch erhöhte. Deutlich wird dies auch bei einem Blick auf den aktuellen Anstieg der Erwähnungen des Stichworts “WSJ” in Tweets (Hinweis: Der Graph zeigt die lokale US-Ortszeit)

Journalistische Falschmeldungen und substanzlose Skandalberichte gab es schon immer. Niemand ist unfehlbar, und gerade stark technische Themen bieten selbst für geübte Journalisten und Blogger eine Reihe von Fallstricken. Auffällig ist jedoch, wie derartige Enten durch das Social Web und den Schwarm noch beschleunigt werden.

Auch zeigt sich einmal mehr, wie mächtig die Marke eines etablierten Medienanbieters noch immer ist. Genau wie es bei Twitter bestimmte Meinungsführer gibt, deren Tweets regelmäßig in großer Zahl aufgegriffen werden, so ist das grenzenlose Vertrauen in traditionelle Zeitungshäuser und Medienmarken offenbar noch weiter verbreitet, als man glauben mag.

Meine persönlichen Schlussfolgerungen aus diesem Ereignis sind folgende:

1. Trotz aller Kritik der Twitter- und Blogosphäre an den Massenmedien ist deren Glaubwürdigkeit und Reputation noch immer enorm.

2. Einflussreiche Twitter-Nutzer haben eine echte Verantwortung darin, was sie als Informationsmittler an ihre Follower weiterleiten.

3. Twitter ist eine nette Art, Links zu verschicken. Der Spaß geht aber schnell verloren, wenn der gleiche irrelevante Artikel hundert Mal geretweetet wird (das natürlich ist sehr subjektiv).

4. Vor jedem Retweet lohnt es sich, selbst eine Minute darüber nachzudenken, warum man den jeweiligen Tweet/Link weiterverteilen möchte.

In meinen Augen sind das Punkte, über die man nachdenken sollte. Ich werde das in Zukunft jedenfalls machen.

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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8 Kommentare

  1. Das ist zwar schon korrekt, ich würde das jedoch eher als Phänomen, denn als Problem bezeichen. Unter den 10.000 WSJ-tweets hat’s auch kritische, nicht alle tweets sind also einem lemming-Verhalten der user zuzuordnen.

    Ich sehe aber auch das Problem dieser “tweet-hubs”, also der zentralen Personen, deren tweets anscheinend sehr schnell geretweeted werden. Das Beispiel zeigt, dass die Tendenz klar dahin geht, Links zu retweeten, die man selbst höchstens angelesen hat. Ich würde denjenigen immer wieder den twitter-Verhaltens-guide von @TEDchris vorlegen, der mag zwar verbraucht sein, aber trotzdem würde der hier helfen: http://tedchris.posterous…or-new-twitter-users

  2. Paradebeispiel für die völlige Abstinenz von Schwarmintelligenz war ja auch diese Geschichte vor rund drei Monaten als ein deutscher Blogger glaubte einen Datenschutzskandal bei Twitter aufgedeckt zu haben, der in Wahrheit natürlich keiner war, aber auch von einem erheblichen Teil der bekannteren deutschen Bloggern retweetet wurde. Ich saß damals, wissend dass die Multiplikatoren in diesem Fall ansonsten die größten Kritiker des Journalismus sind, nur kopfschüttelnd vor meinem Bildschirm.

  3. @ Thomas

    Das Beispiel zeigt, dass die Tendenz klar dahin geht, Links zu retweeten, die man selbst höchstens angelesen hat.

    Ja da fängt es in der Tat an. Kennen sicher die meisten von uns. Aber es empfiehlt sich tatsächlich, lieber erst komplett zu lesen und es dann sacken zu lassen, statt sofort loszutwittern.

    Gute Twitter-Tipps von TEDChris, danke.

    @ Pascal
    Stimmt, die Geschichte gab’s ja auch. Dem Peter hat’s 850 Retweets gebracht… unglaublich.

  4. Schwarmintelligenz möchte ich sowieso nicht so hoch bewerten.

    Ich weiß nicht, wie der Artikel beim WSJ in der ersten Fassung aussah, aber so, wie ich ihn gelesen habe, finde ich ihn nicht problematisch.

    Von Skandalbericht kann keine Rede sein – was andere natürlich nicht daran hindert, das wie einen Skandal erscheinen zu lassen.

    So wie die Stimmung beim Thema Datenschutz in Sozialen Netzwerken gerade ist, bekommt ein harmloser Bericht wie der vom WSJ eine entsprechende Wirkung.

    • Wie beschrieben ging es weniger um den Artikel als mehr darum, dass er wie wild rumgeschickt wurde, ohne irgendeine echte Substanz zu haben. Das WSJ als Absender hat da viele einfach blind vertrauen lassen. Nutzer, die es eigentlich hätten besser wissen müssen.

  5. Das wird noch öfter passieren und es wird immer schwanken. Mal mehr mal weniger,

  6. Ein Lauffeuer zeichnete sich doch schon immer mehr durch die Quantität und weniger durch die Qualität aus, nur machen solche
    Medien wie Twitter und co. das ganze schneller sichtbarer.
    So wieś aussieht sollten wir nicht alles schlucken was uns so vorgesetzt wird!

  7. 1. Das mit der Glaubwuerdigkeit haengt eindeutig von der persoenlichen Position ab. Ich glaube das nicht.

    2. Einflussreiche Twitterer denken, dass sie eine Marketingmaschine aufgebaut haben. Lassen wir sie in dem Glauben, so wie alle Blogger, Podcaster, etc.

    3. Twitter ist keine nette Art um Hyperlinks zu verteilen. Damit haben die sog. “Nerds” angefangen, um die Reichweite fuer Ihre Zwecke zu nutzen. Vergleichbar mit dem Sichertrog, dem Werkzeug der Goldwäscher.

    4. Das nennt man “einen Hyperlink weiter zu gehen” und die Quelle zu pruefen.

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  4. [...] üblichen Verdächtigen berichteten & Netzwertig hat einen Beitrag zur Popularität des Artikels. Ich denke, der ganze Facebook-Hype ist zwar nicht unberechtigt, in seinem jetzigen Ausmaß jedoch [...]

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