Diskussion um deutsche Startup-Klone:
Kein Grund zur Panik – schlimmer kann es kaum kommen

Macht der CityDeal-Verkauf Deutschland endgültig zum Land der Internet-Klone? Nein, denn das war es schon immer.

Vor einem halben Jahr gab es noch kein CityDeal. Jetzt wurde das Berliner E-Commerce-Startup für eine wahrscheinlich dreistellige Millionensumme an sein US-Vorbild Groupon verkauft. Federführend waren die Samwer-Brüder, die bekannt dafür sind, Kopien von erfolgreichen US-Diensten aufzubauen und für viel Geld zu verkaufen – man denke nur an den eBay-Klon Alando oder die Facebook-Imitation studiVZ.

Erst am Freitag plädierte ich dafür, deutschen Unternehmern nicht für alle Zukunft (lediglich) den Effizienz-Stempel aufzudrücken – und dann kommt das umtriebige Unternehmer-Trio und zeigt eindrucksvoll, wie effizientes Klonen geht.

Schnell sind sie da, die Sorgen um die Zukunft der deutschen Startup-Kultur. Unternehmer Stefan Wolpers befürchtet, dass ab jetzt noch mehr Geld in das Kopieren etablierter Konzepte gesteckt wird und dass Deutschland ein für alle Male zum Spezialisten im schnellen Aufziehen von Me-Too-Firmen mutieren könnte.

Mike Butcher hat bei TechCrunch Europe ähnliche Bedenken und sieht Wolken am in letzter Zeit stärker durch Innovationen geprägten deutschen Internethimmel aufziehen.

Auch wenn ich die Besorgnis nachvollziehen kann und in Teilen unterstreichen würde, glaube ich nicht, dass sich die hiesige Webszene nun noch stärker auf das Imitieren erfolgreicher ausländischer Konzepte konzentrieren wird. Warum? Erstklassiges Klonen ist einerseits langweilig und bedarf außerdem erheblicher Kompetenz. Nur wenige sind wie die Samwers in der Lage, innerhalb von einigen Monaten ein Startup in über einem dutzend Ländern Europas zu launchen und auf 600 Mitarbeiter anwachsen zu lassen, um es dann blitzschnell zu verkaufen.

Nur wer gut klont, klont erfolgreich. Alle anderen schauen jetzt wie die verbliebenen deutschen Groupon-Kopien in die Röhre. So sehr also die Samwer-Strategie allein auf das Geld ausgerichtete Jungunternehmer zu einem ähnlichen Vorgehen animieren könnte, so sehr kann auch die andere Seite der Medaille betrachtet werden: Nämlich all die Startups und Geldgeber, die nun vor einer unsicheren Zukunft oder einem herben Verlust stehen, weil sie CityDeal zukünftig an die Wand drücken könnte.

Man stelle sich vor, diese Gründer und Investoren hätten stattdessen etwas ganz Neues, viel Aufregenderes auf die Beine gestellt als den Versuch eines deutschen Groupons, der nun eventuell gescheitert ist?! Der Sieg von CityDeal ist gleichzeitig die Niederlage der anderen Klone.

Die Bereitschaft, Risiko einzugehen, ist in Deutschland genau wie die Venture-Capital-Landschaft schwach ausprägt. Insofern kann durch das neueste, von den Samwers statuierte Exempel selbst im schlimmsten Fall nur sehr wenig kaputt gehen. Viel weniger als in anderen Ländern, wo eher das Schaffen von Neuem als das Kopieren von Bestehendem üblich ist.

Daher rechne ich nicht damit, dass der CityDeal-Verkauf die deutsche Webbranche nun zu einer Kursänderung bewegen würde. Eifrig imitiert wurde eh und je, und der aktuelle Samwer-Coup ist lediglich eine Erinnerung daran.

Vergessen sollten wir nicht: Es wird immer Menschen geben, die Neues aufbauen und Großes bewegen wollen. Und es wird immer Menschen geben, die in derartige Ideen investieren. Daran werden auch die nächsten zehn Millionen-Exits für deutsche Klone nichts ändern können.

(Foto: Wikimedia Commons)

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3 Kommentare

  1. Joachim Graf
    schrieb am 18. Mai 2010 um 09:07 Uhr (#)

    Es gibt zwei Sorten von Menschen: Die Händler und die Erfinder. Die Händler werden reich. Die Erfinder machen die Welt besser. Die Händler arbeiten für die Gegenwart, die Erfinder für die Zukunft.

    VCs wollen reich werden – an sie erinnert sich in 100 Jahren niemand mehr. Wer aber Erfinder ist: Der hat die Chance, unsterblich zu werden.

  2. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 18. Mai 2010 um 09:31 Uhr (#)

    Schön zusammengefasst. Das Problem ist sicher, wenn die Erfinder nicht die Mittel von den Händlern bekommen, die sie benötigen. Deshalb muss es auch Händler geben, die eben doch teilweise für die Zukunft arbeiten.

  3. Micha
    schrieb am 27. Mai 2010 um 17:57 Uhr (#)

    Ich selbst habe auch schon Ideen gehabt (leider nicht energisch genug verfolgt), diese dann sterben lassen und dann gesehen, das andere(dank einer Investorengruppe) mit solcher Idee abgehoben sind (Myhammer.de).
    Ich war als selbständiger Monteur unterwegs und hatte ein Portal erstellen lassen, was im Grunde die Grundfunktionen hatte wie eben Myhammer.
    So spielt das Leben. Seitdem habe ich einige Ideen umgesetzt, aber es ist sehr schwer ohne genügend Werbekapital.
    So kämpft man als kleines Licht gegen die Großen und sucht die Reste vom großen Kuchen zusammen.

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