diaspora & Co:
Alternative Social Networks
wittern ihre Chance

Die mediale Aufmerksamkeit für das dezentrale Social Network diaspora hält an. Doch neben dem “Shooting-Star” treiben auch andere Initiativen die Entwicklung eines alternativen sozialen Netzwerks voran.

Vor einer Woche stellten wir diaspora vor, das in der Entwicklung befindliche, dezentrale Open Source Social Network, das gerade dabei ist, Spenden für die Finalisierung des Projekts zu sammeln. Am vorigen Montag konnten sich die vier New Yorker IT-Studenten, die hinter diaspora stecken, bereits über Spendenzusagen in Höhe von 20.000 Dollar freuen.

Was dann folgte, war eine beeindruckende Welle von Presseberichten rund um diaspora. Angesichts der anhaltenden Debatte um Facebook schienen viele Blogger und Journalisten nur darauf gewartet zu haben, endlich über den Ansatz einer Alternative zu dem blau-weißen US-Netzwerk berichten zu können.

Das Resultat des diaspora-Hype: Statt 577 Unterstützern wie am vergangenen Montag haben mittlerweile über 4700 Personen ein Spendenversprechen abgegeben. Die Gesamtsumme der für diaspora bereitgestellten Gelder beträgt zum Zeitpunkt des Verfassens beachtliche 172.951 Dollar.

Für die diaspora-Gründer, die ursprünglich lediglich 10.000 Dollar angestrebt hatten, um sich in den Sommermonaten komplett auf die finale Entwicklungsarbeit konzentrieren zu können, ist das nicht nur ein unerwarteter Geldsegen, sondern auch ein deutliches Zeichen dafür, dass sie ernst genommen werden und dass eine echte Nachfrage nach einem Social Network besteht, bei dem nicht ein gewinnorientiertes Unternehmen zentral die Fäden zieht.

Im Rahmen der diaspora-Berichterstattung gelangten auch einige andere, vergleichbare Lösungsansätze ins Gespräch. Denn die diaspora-Idee ist nicht neu.

NoseRub beispielsweise ist ein in Deutschland entwickeltes OpenSource-Protokoll, auf dem sich dezentrale Social Networks betreiben lassen. Warum NoseRub wohl niemals den Durchbruch in den Internet-Mainstream schaffen wird, lässt sich erahnen, betrachtet man den auf der NoseRub-Website platzierten Claim “NoseRub wants to be an inspiration, protocol and implementation of a decentralized social network. Sounds geeky? It surely is…”

Ein dezentrales Social Network hat nur dann Chancen auf Massenerfolg, wenn es den Machern gelingt, den “Geek-Faktor” und die technischen Einstiegshürden so minimal wie möglich zu halten. Offen dargestellter Stolz darüber, wie “geeky” NoseRub ist, sind da eher kontraproduktiv, auch wenn es sich um ein Protokoll und nicht um einen Dienst für den Endanwender handelt.

Ebenfalls aus Deutschland kommt ein dezentrales Netzwerk, das unter dem Arbeitstitel “Safebook” seit eineinhalb Jahren von Informatik-Juniorprofessor Thorsten Strufe und zwei Kollegen an der TU Darmstadt entwickelt wird (danke für den Hinweis an Hannes). Ähnlich wie bei diaspora sollen bei Safebook beliebig viele Rechner an einem sich selbst organisierenden Netzwerk teilnehmen können, in dem die Daten der Nutzer sicher sind. Im Winter soll Safebook fertig sein, ist in einem FAZ-Artikel über das Vorhaben zu lesen.

Auch der Mobilfunkriese Vodafone arbeitet über seinen R&D-Programm an einem dezentralen Netzwerk ganz im Stile von diaspora: onesocialweb heißt das auf verschiedenen offenen Standards aufsetzende Projekt, bei dem sich dezentral betriebene Server zu einem sozialen Netzwerk zusammenschließen. Derzeit wird an der Weboberfläche und einer Android-App gearbeitet, wie diaspora will man im Spätsommer Nutzern ein fertiges Produkt vorstellen können.

Einen etwas andere Ansatz verfolgt das Social-Networking-Startup pidder aus Hessen, das zwar auf zentrale Server setzt, aber die Nutzerdaten verschlüsselt und zugleich das parallele Betreiben verschiedener “Identitäten” erlaubt, um gegenüber bestimmten Personen zum Beispiel nur unter einem Pseudonym aufzutreten.

Initiativen für alternative Social Networks mit Fokus auf Nutzer- und Datensicherheit sind ganz offensichtlich en vogue. Ob es am Ende tatsächlich einem der unkonventionellen Anbieter gelingt, mehr als ein paar Datenschutz- und Open-Source-Aktivisten von den eigenen Vorzügen zu überzeugen, hängt von mehreren Faktoren ab: Zum einen von Facebooks zukünftigem Verhalten und dessen Grad der Bereitschaft zu Kursänderungen, außerdem von der Ernsthaftigkeit und Schnelligkeit, mit der das jeweilige Projekt vorangetrieben und zur Marktfreie gebracht wird, und letztlich von der Einfachheit und Benutzerfreundlichkeit.

Leser Kai brachte das kürzlich in einem Kommentar gut auf den Punkt: “Ich glaube (…), dass sich keine offen Alternative durchsetzen wird, solange man nicht auf der Einstiegseite einen großen ‘Join now’ Button findet.”

Ein Großteil der User wird nicht bereit sein, manuell in vielen Schritten einen eigenen Server einzurichten. Auch werden sich Anwender nicht mit weniger Funktionalität und Feature-Reichtum zufrieden geben, als sie es heute von Facebook gewöhnt sind.

diaspora und allen anderen Netzwerk-Alternativen muss also nicht weniger als die Quadratur des Kreises gelingen: Einerseits dezentral und sicher aufzutreten, anderseits aber all das zu ermöglichen, was Nutzer von Facebook & Co gewöhnt sind. Um das zu erreichen, braucht man zweifelsohne mehr als nur ein bisschen freie Zeit und etwas Idealismus. Weshalb diaspora angesichts der beachtlichen Spendensumme wohl derzeit die beste Ausgangssituation aller Ansätze hat.

(Illustration: stock.xchng)

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9 Kommentare

  1. Sven
    schrieb am 17. Mai 2010 um 17:10 Uhr (#)

    Das klingt in der Tat alles sehr spannend. Ist dann ja quasi ne Wikipedialösung für ein soziales Netzwerk…allerdings gehöt schon einiges mehr dazu, als eine einmalige Spendenaktion. So ein Netzwerk will ja auch gepflegt und überwacht werden. Bin mal gespannt, was draus wird!

  2. Jan Schumacher
    schrieb am 17. Mai 2010 um 17:26 Uhr (#)

    Vermutlich haben im derzeitigen Klima alternative Netzwerke wirklich eine bessere Chance, sich zu etablieren, als noch vor wenigen Monaten.

    Nach wie vor dürfte aber wohl für jedes neue Netzwerk gelten: Der alles entscheidende Faktor auf auf dem Weg zum Erfolg ist, in kurzer Zeit diejenige kritische Masse an Teilnehmern zusammenzubekommen, durch die der Beitritt für ein breiteres Publikum erst interessant wird. Denn nur wenn genug Leute da sind, mit denen der einzelne sich überhaupt vernetzen kann, macht die Anmeldung zu einem neuen Netzwerk für Ottonormalnutzer erst Sinn.

    Das ist vielleicht eine Binsenweisheit, aber sie wird um so relevanter, je mehr Neunetzwerke jetzt an den Start gehen. Denn so wünschenswert es auch immer sein mag, die Auswahl aus mehreren Alternativnetzwerken zu haben: Je mehr es davon gibt, desto schwieriger wird es für das einzelne Netzwerk, diese kritische Masse zu erreichen.

  3. Krani
    schrieb am 17. Mai 2010 um 22:11 Uhr (#)

    Sicherlich ein interessanter Ansatz, der hier verfolgt wird, wenngleich auch für meinen Geschmack diaspora im Moment ein bisschen zu viel gehyped wird.

    So eine Lösung wäre nicht die eierlegende Wollmillsau, denn es bleiben trotzdem Probleme:
    Wie schon im Artikel erwähnt, kein Otto-Normal-Benutzer wird einen eigenen Server betreiben. Demzufolge müssen sich Personen finden, die das für die Benutzer übernehmen. Bereits hier hält der Benutzer seine Daten nicht mehr wirklich in der eigenen Hand.

    Nehmen wir an Diaspora ist einsatzbereit. Am Anfang werden sich sicherlich einige Begeisterte aus dem IT-Bereich finden, die sofort einen Server bereitstellen. Solange so etwas aber auf freiwilliger Basis ohne Nutzen für den Betreiber passiert, werden die Nutzer die Erfahrung machen, dass hin und wieder Server einfach verschwinden und damit ihr Zugang zum Netzwerk.

    Die logische Folge ist, dass doch kommerzielle Betreiber benötigt werden. Diese verlangen entweder ein Entgelt (was von vielen Benutzern bei den kostenlosen Alternativen wohl eher selten akzeptiert werden würde) oder siehe Versuchen die Monetarisierung auf die selbe Art und Weise wie bestehene Netzwerke, was dann aber wieder in gewisser Weise mit den Idealen dieses Ansatzes kollidieren würde.

  4. Andreas
    schrieb am 27. Mai 2010 um 12:10 Uhr (#)

    Ansätze für ein “dezentrales Facebook” gibt es doch schon länger (z.B. RetroShare), wieso daher so ein Hype um Diaspora? Was ist so besonders daran, was andere P2P-Netzwerke wie RetroShare nicht auch bereits haben?

  5. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 27. Mai 2010 um 12:15 Uhr (#)

    http://retroshare.sourceforge.net/

    Wäre das was für deine Mutter? Sicher nicht. Ob Diaspora das wird, ist sicher heute noch unklar. Aber ein Projekt wie RetroShare wird niemals über die kleine Gruppe von IT-Geeks hinauskommen. Deshalb der Hype um Diaspora. Ein Social Network braucht Aufmerksamkeit. RetroShare hat keine.

  6. Andreas
    schrieb am 28. Mai 2010 um 08:33 Uhr (#)

    Ich sehe das so: Diaspora nutzt einfach zur Zeit die Gunst der Stunde und bekommt deswegen die Aufmerksamkeit, den Hype. Wirklich bahnbrechend Neues ist Diaspora aber nicht und deshalb werden die irgendwann genauso da stehen, wie vielleicht RetroShare jetzt. Tech-Freaks werden sich mit Sicherheit Diaspora anschauen, aber vermutlich eben nur die. Und dann haben wir einen neuen Buzz-Effekt: erst großer Hype und danach ist (sehr) schnell die Luft raus! Aber schau’n mer mal…. ;)

  7. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 28. Mai 2010 um 08:52 Uhr (#)

    So kann es kommen. Muss aber nicht. Ein bissl Optimismus hilft. Zumal viele von uns sicherlich ein Interesse daran haben, einen Facebook-Konkurrenten auferstehen zu sehen.

  8. Christian Dresel
    schrieb am 29. Juni 2011 um 17:12 Uhr (#)

    hört sich doch super an und so ein eigener Pod ist mit bisschen Linuxkenntnisse ohne weiteres zu installieren. Musste zwar hier und da mal kurz nachfragen weil ich von Ruby keinen Plan hab aber trotzdem super Sache endlich eine Facebook alternative

  9. Daniel
    schrieb am 9. Februar 2012 um 17:37 Uhr (#)

    Moin,

    Interessant dies noch einmal zu lesen, heute sieht es ja (leider) wieder alles etwas anders aus. Facebook steht vor dem Börsengang und am Horizont ist ausser Google Plus mit abstrichen leider nicht mehr viel zu sehen.

    Gruß
    Daniel

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