Interview mit SoundCloud-Gründer Alexander Ljung:
“In Berlin braucht man viel Disziplin”

Zwei Schweden ziehen spontan von Stockholm nach Berlin und gründen das heute international erfolgreiche Startup SoundCloud. Im Interview erzählt Gründer und CEO Alexander Ljung, wie man so etwas anstellt.

Im Januar 2008 berichtete ich das erste Mal über SoundCloud. Das von zwei Schweden gegründete Berliner Startup betreibt eine Plattform, auf der Musiker, DJs und Labels neue Produktionen vorstellen und sich mit Branchenkollegen und Fans austauschen können.

Mittlerweile steht SoundCloud kurz vor der Marke von einer Million registrierten Nutzern und hat sich speziell im Bereich elektronischer Musik, aber auch zunehmend in anderen Genres, zu einer festen Instanz mit internationaler Bekanntheit entwickelt.

Auf der Next Conference sprach ich mit Alexander Ljung, CEO und einer der zwei SoundCloud-Gründer, über die verückte Idee, spontan von Stockholm nach Berlin zu ziehen und eine Webfirma zu gründen, über deutsche Bürokratie und Berlins Potenzial als deutsche Internethauptstadt.

2007 hast du zusammen mit Eric Wahlforss SoundCloud gegründet. Dazu seid ihr aus eurer Heimat Schweden nach Berlin gezogen. Warum?
Wir wohnten zuvor einige Monate in San Francisco, kamen zurück nach Stockholm und hatten die Idee zu SoundCloud. Doch damit die ersten Mitglieder auf der Site nicht nur unsere schwedischen Freunde waren, hielten wir es für sinnvoll, SoundCloud irgendwo im Ausland zu launchen, um von Beginn an einen internationalen Ansatz zu haben. Wir konzentrierten uns auf Europa, da die Musikszene hier spannender ist als z.B. in San Francisco. Zur Wahl standen London, Barcelona, Wien und Berlin. Wir waren in allen vier Städten und noch am Abend nach unserer Rückkehr aus der deutschen Hauptstadt fiel die Entscheidung: Eine Woche später zogen wir mit einem weiteren Freund nach Berlin. Ein Vierter war bereits im Rahmen seines Studiums vor Ort.

Alexander Ljung
Alexander Ljung
Viele würden den Schritt zur Gründung nicht einmal im eigenen Land machen. Ihr dagegen seid dafür sogar ins Ausland gezogen…
Genau. Und sprachen bis auf Eric, der schon zuvor kurz in Berlin gelebt hatte, nicht einmal Deutsch. Trotzdem hat eigentlich alles ganz gut geklappt. Durch Bekannte und Freunde fanden wir eine Wohnung und vorübergehende Büros. Einige Wochen hatten wir unser provisorisches “Office” auch im bekannten Berlin Mitte-Café “Sankt Oberholz”.

SoundCloud richtet sich an Musiker und DJs. Davon gibt es in Berlin ja bekanntlich genug…
Ja, das war einer der ausschlaggebenden Faktoren, warum wir SoundCloud in Berlin gestartet haben. In der ersten Zeit genossen wir im Prinzip jedes Wochenende ausgiebig das Berliner Clubleben. Das hat nicht nur Spaß gemacht, sondern war für uns auch die perfekte Marketingmethode. Wir knüpften eifrig Kontakte und versuchten so viele Kreative und Produzenten wie möglich zur Nutzung von SoundCloud zu überreden. Teilweise um 4 Uhr nachts mitten auf der Tanzfläche.

Das intensive Partyleben hat euch also nicht von der Arbeit abgehalten?
Nein, denn in der Woche haben wir nonstop geackert und am Wochenende dann unser Kontaktnetzwerk erweitert. Dennoch ist es aber tatsächlich so, dass man in Berlin deutlich mehr Disziplin benötigt als z.B. in Stockholm. In Schweden ist Disziplin im System fest integriert. Dort ist unvorstellbar, dass jemand um 14:00 Uhr leicht verkatert und mit Verspätung zu einem Meeting kommt. In Berlin gibt es ein viel größeres Toleranzniveau für alle möglichen Arten von Verhalten, gerade in der Kreativ- und Startup-Szene. Das bedeutet, dass man sich schon zusammenreißen muss, um nicht durch die Feierei vollkommen unproduktiv zu werden. Es gibt in Berlin ja quasi “professionelle” Clubgänger und genug Leute, die sich mit zehn Stunden Arbeit in der Woche über Wasser halten können. Das ist schon verrückt und ziemlich einzigartig in der Welt, glaube ich.

Wie viel Stunden arbeitest du pro Tag?
Ungefähr 13 bis 15 Stunden täglich und häufig auch am Wochenende, wobei ich versuche, den Samstag ruhiger anzugehen. Es ist auch schon lange her, dass ich das letzte Mal die Nacht zum Tag gemacht habe. Dadurch geht einfach zu viel Zeit verloren. Gewisse Einschnitte muss man als Gründer machen.

Die berühmt-berüchtige deutsche Bürokratie hat euch nicht abgeschreckt?
Es war schon nicht immer ganz einfach. In Schweden wären wir auf eine Website gegangen und hätten dort ein Unternehmen registriert. In Deutschland war das etwas komplizierter. Auf die vielen Behördengänge und das Gestempel hätten wir gerne verzichtet. Zum Glück bekamen wir Hilfe von Freunden und einem Anwalt. Berlin hat sonst so viele Vorzüge, da ist die Bürokratie eben der Preis, den man zahlt.

Hätte sich SoundCloud auch in einer anderen Stadt so gut entwickelt?
Ich denke, ja. Wären wir in Stockholm geblieben, hätten wir den Schwerpunkt vielleicht auf Indie Pop gelegt und nicht auf Techno und House. Da Eric und ich aber beide ein Faible für elektronische Klänge haben, war Berlin die beste Wahl.

Schweden besitzt eine auch international recht erfolgreiche Startup-Landschaft, trotz der geringen Einwohnerzahl. Deutschland tut sich schwer, was Dienste mit globaler Tragweite betrifft. Warum?
Was Deutschland fehlt, ist ein zentraler “Hub”, an dem sich alles konzentriert, so wie in den USA (Silicon Valley oder New York), Großbritannien (London) oder auch in Schweden (Stockholm). Hierzulande gibt es verschiedene Städte mit jeweils einer Reihe von Startups und viel Kompetenz. Aber es fehlt die Bündelung der Kräfte. Wenn sich ein signifikanter Teil der Internetwirtschaft an einem Ort konzentrieren würde, denke ich, dass deutsche Webfirmen international sehr viel erfolgreicher wären. Ich vermute, Berlin ist da gerade auf einem sehr guten Weg…

(Foto: Flickr, CC-Lizenz)

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3 Kommentare

  1. Antonio
    schrieb am 14. Mai 2010 um 18:58 Uhr (#)

    Sind Alexander und Eric auch privat Partner?

  2. Marc
    schrieb am 16. Mai 2010 um 17:39 Uhr (#)

    Mich würde mal interessieren wie man sich bei so einem Projekt finanziert? Mal eben umziehen, Büros in Berlin und Serverkosten zu tragen, das geht nicht einfach so. Gruß Marc

  3. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 17. Mai 2010 um 07:32 Uhr (#)

    Es gibt kostenpflichtige Premium-Konten, die wohl gar nicht so schlecht laufen (auch wenn Alexander keine Zahl nennen wollte).

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