diaspora:
Mit einem dezentralen Netzwerk gegen Facebook & Co

Martin Weigert, 10. Mai 2010 13:18 Uhr, 21 Kommentare Kommentare

Während Facebook das Vertrauen seiner Anwender verliert, nutzen Anbieter von alternativen Lösungen den allgemeinen Stimmungswechsel. diaspora aus New York will mit einem dezentralen Social Network Facebook & Co den Rang ablaufen.

Lange Zeit hatte ich relativ geringes Interesse an den zumeist theoretischen Ansätzen für dezentrale soziale Netzwerke. Zentrale Lösungen, wie sie von Facebook und anderen bekannten Anbietern angeboten werden, erschienen mir stets so viel bequemer.

Doch dann begann Facebook, Schritt für Schritt mein Vertrauen zu verlieren. Mittlerweile hat ein signifikanter Teil der Tech- und Blogszene eine kritische Haltung zu den Vorstößen des führenden Social Networks eingenommen. Währen die Funktionalität von Facebook noch immer Spitzenklasse ist, bewies der Dienst um CEO Mark Zuckerberg einfach zu oft, dass er sich fast schon chronisch immer wieder über Nutzerinteressen hinwegsetzen wird, und brachte mit seinen Open Graph-Features das Fass schließlich zum überlaufen.

Entsprechend empfänglich ist die globale Tech-Szene momentan für Alternativen zu Facebooks zentralistischem und absolutistischem Social-Networking-Ansatz.

Heute früh hatten wir einen Hinweis auf ein sehr spannendes Vorhaben im Posteingang: diaspora nennt sich das von vier New Yorker IT-Studenten angeschobene Projekt, das sich zum Ziel gesetzt hat, ein “den Datenschutz berücksichtigendes Open Source Social Network mit voller Nutzerkontrolle” zu entwickeln.

diaspora soll das werden, was sich Befürworter der OpenSource- und OpenWeb-Community schon lange wünschen: Statt die Kommunikation über zentrale Server eines gewinnorientierten Unternehmen abzuwickeln, betreiben Nutzer ihren eigenen diaspora-”Seed”, der ihre persönlichen Daten enthält, und über den sie die volle Kontrolle haben.

Dieser Seed, der entweder über einen eigenen Server läuft oder extern gehostet werden kann, aggregiert sämtliche Informationen von sozialen Netzwerken und lässt sich mit anderen Seeds (=Usern verbinden), um beliebige Inhalte auszutauschen. Die Kommunikation wird dabei verschlüsselt.

Die Integration mit bestehenden Diensten wie Facebook, Twitter oder Flickr soll dabei nur ein Zwischenschritt sein. Langfristig verfolgen die diaspora-Entwickler das Ziel, die heutigen zentralen Netzwerke komplett durch eine dezentrale Infrastruktur auf diaspora-Basis zu ersetzen.

Vereinfacht ausgedrückt möchte diaspora ein Peer-2-Peer Netzwerk aufbauen, bei dem die Profile der Nutzer nicht auf den Servern eines kommerziellen Social Networks liegen, sondern im Besitz der User sind, die anderen Zugriff auf diese Daten gewähren oder wieder entziehen.

Auf dem Papier klingt das hochinteressant. Immerhin würden so all die Konflikte, die momentan zwischen Facebook und seinen Nutzern schwelen, nicht mehr möglich sein. Gleichzeitig wirkt die diaspora-Idee allerdings erst einmal  äußerst technisch, was eine der größten Hürden für den Durchbruch eines dezentralen Social Networks darstellt. Sobald aus dem Anlegen des persönlichen Kontos eine Wissenschaft wird, gibt man einen Großteil der potenziellen User verloren.

Doch die vier jungen New Yorker Studenten scheinen sich dieser Herausforderung bewusst zu sein. So unterstreichen sie explizit ihr Bestreben, auch für technisch wenig versierte Anwender attraktiv sein zu wollen.

Einen ersten Meilenstein hat diaspora bereits erreicht: Um sich drei Monate intensiv mit der finalen Entwicklung des Projekts befassen zu können, hat das diaspora-Team über die Crowdfunding-Plattform Kickstarter um Spenden gebeten. Innerhalb von zwölf Tagen war ihr benötigtes Budget von 10.000 Dollar erreicht. Mittlerweile sind fast 20.000 Dollar und 577 Unterstützer zusammengekommen.

Die vier Aktivisten müssen nun beweisen, dass das, was auf den ersten Blick wie die Lösung aller Probleme aussieht, auch tatsächlich in der Praxis funktioniert. Ein Prototyp von diaspora läuft bereits auf einigen Testcomputern, und im September 2010 soll der Service allen Usern zugänglich gemacht werden. Wir sind sehr gespannt!

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21 Kommentare

  1. Chris Dreyer
    schrieb am 10. Mai 2010 um 14:41 Uhr (#)

    Bye bye facebook

  2. Manuel
    schrieb am 10. Mai 2010 um 14:51 Uhr (#)

    Wow seid ihr schnell! ;-)

    1. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
      schrieb am 10. Mai 2010 um 14:56 Uhr (#)

      Warst du der anonyme Tippgeber? ;)

  3. Martin
    schrieb am 10. Mai 2010 um 14:53 Uhr (#)

    Klingt sehr interessant. Ich würd defintiv zur ersten Welle gehören, die abhaut von Facebook. ;)

    Schade, das wieder mal keine europäische Gruppe dahintersteckt.

  4. sam
    schrieb am 10. Mai 2010 um 15:25 Uhr (#)

    So schade ich es auch finde, aber.. das schaffen sie niemals. Die bereits existenten Netzwerke sind einfach schon längst viel zu groß geworden.

    greez

  5. Manuel
    schrieb am 10. Mai 2010 um 15:51 Uhr (#)

    Martin: Ja, ich war es. ;-) Ging mir nicht ums anonym, aber ein Mail zu schreiben ist zu mühsam, zumal ich nicht mal weiss ob es Euch interessiert. Von daher ist das Kontaktfeld eine super Idee!

  6. Jan
    schrieb am 10. Mai 2010 um 15:54 Uhr (#)

    ich glaube, die Vorgehensweise von facebook trägt aktuell absolut nicht dazu bei, das Vertrauen in das Netzwerk zu stärken. Ich könnte mir gut vorstellen, das ein gut funktionierender neue Ansatz recht schnell Fans findet.

    Und je nachdem wie sich die VZ-Gruppe zukünftig präsentiert, könnte da möglicherweise auch schnell die Sympathie schwinden http://off-the-record.de/…-der-dreifaltigkeit/

  7. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 10. Mai 2010 um 16:04 Uhr (#)

    Ich könnte mir gut vorstellen, das ein gut funktionierender neue Ansatz recht schnell Fans findet.

    Sehe ich auch so. Es geht ja nicht darum, 400 Millionen Facebook-Nutzer gleichzeitig zum Wechsel zu animieren :)

    1. Jan
      schrieb am 10. Mai 2010 um 16:18 Uhr (#)

      das wäre auf jeden Fall ein Paukenschlag :-) facebook mit einem Mal leer … nur der Hausmeister wäre noch da ;-)

  8. piperloch
    schrieb am 10. Mai 2010 um 16:46 Uhr (#)

    Wie soll sich denn solch ein anonymes Netzwerk finanzieren? Ohne personalisiertes Datenauslesen werden sich kaum Werbende finden. Und sobald ein Bezahldienst integriert wird, müssen auch Daten gespeichert werden. Also wie könnte es funktionieren?

  9. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 10. Mai 2010 um 16:53 Uhr (#)

    Zuerst: Hier geht es um ein dezentrales Netzwerk, nicht um ein anonymes.

    Und dann: Finanzieren könnte sich solch ein Projekt wie alle anderen OpenSource-Vorhaben und gemeinnützigen Sites. Als z.B. über Spenden oder Einkünfte aus Premium-Services/Beratung rund um das Produkt.

    D.h., in der Optimalsituation braucht man keine Werbekunden.

  10. piperloch
    schrieb am 10. Mai 2010 um 17:09 Uhr (#)

    gut meinetwegen nennen wir es dezentrales Netzwerk

    Spenden? Von Netzwerkusern? vergiß es
    Sponsoren? Ohne Dateninteresse? vergiß es

    Premium-Services ohne Datenspeicherung? vergiß es

    Ich seh das Ganze als netten Versuch gegen den Datenschutz von Facebook vorzugehen. Der Masse auf Facebook ist es doch egal ob Daten gespeichert werden oder nicht. Die paar Aufständigen spielen bei Facebook keine Rolle.

  11. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 10. Mai 2010 um 17:12 Uhr (#)

    Schon mal von Wikipedia gehört? Oder Wikileaks? Oder Archive.org…?

    Gibt genug Beispiele, wo diese Art der Finanzierung klappt. Und da es keine zentralen Server gibt, fällt auch ein großer Kostenblock weg. Da braucht man nicht unbedingt Millionen.

  12. Kai Nehm
    schrieb am 10. Mai 2010 um 17:24 Uhr (#)

    Und ich glaube weiterhin, dass sich keine offen Alternative (XMPP, OpenID, Noserub) durchsetzen wird, solange man nicht auf der Einstiegsseite einen großen “join now” Button findet.
    Dass eine Trennung von Software und Service mit gleichem Namen sauber möglich ist, macht WordPress ja vor.
    >99% wollen aber keinen eigenen Server aufsetzen.

    1. Alex
      schrieb am 10. Mai 2010 um 22:47 Uhr (#)

      Keiner weiß genau, was die Zukunft bringt. Vielleicht schaffen es ein paar kluge Köpfe einen “Join now” Button zu basteln, der komplizierte Dinge auf ein Minimum an Kompliziertheit runterbricht. Nicht immer so negativ ;)

  13. Matthias Jakel
    schrieb am 10. Mai 2010 um 17:25 Uhr (#)

    Ich vermute, dass jeder für das Hosting seines Profils selbst verantwortlich ist und sich somit irgendwo einen Webspace besorgen muss. Dann liegen Millionen von Profilen auf verschiedenen Hostern und man braucht nur noch einen Server, der weiß, wo welches Profil liegt. Kann man ein bisschen mit einem P2P-Tracker oder einem DNS-Server vergleichen.

    Klingt auf jeden Fall sehr interessant und wenn man nicht mehr am sozialen Netzwerk teilnehmen möchte, entfernt man einfach seinen Link auf dem zentralen Server zum Profil.

    Das tolle ist, dass so etwas auch flexibel sein dürfte. Ich kann also selbst entscheiden an welchem sozialen Netzwerk ich teilnehmen möchte. Wenn ich mit einem der Dienste (die den Server zum Koordinieren betreiben) unzufrieden bin wechsel ich eben auf einen neuen oder bin bei mehreren gleichzeitig. Mit guten APIs und offenen Formaten dürfte das sicherlich machbar sein.

    Ich ärgere mich gerade ein wenig, dass ich nicht selbst auf die Idee gekommen bin :)

  14. jackfold
    schrieb am 10. Mai 2010 um 19:18 Uhr (#)

    Spenden? Von Netzwerkusern? vergiß es

    Doch, funktioniert. Jedenfalls bei Nischen-Netzwerken.
    Und Sponsoren ohne Dateninteresse nennt man Werber ;)

  15. Hannes
    schrieb am 11. Mai 2010 um 12:14 Uhr (#)

    Da wird Hierzulande schon länger dran gebastelt: Safebook.
    http://bit.ly/9yeB1n

  16. piperloch
    schrieb am 11. Mai 2010 um 12:31 Uhr (#)

    @martin Schon mal von Wikipedia gehört? Oder Wikileaks? Oder Archive.org…?

    von diesen Portalen erhalte ich auch einen Mehrwert. fast jedes Unternehmen nutzt Wikipedia und sind auch bereit dafür etwas freiwillig zu geben. Oder bist du bereit für ein Freundesnetzwerk freiwillig Geld zu überweisen ;-)

    @jackfold Aha, Nischennetzwerke. Hier wird aber von der Ablösung eines der größten Portale der Welt gesprochen, nicht von einer Nischennetzwerk Alternative.

    Eine paar Technikfreaks werden das netzwerk sicher nutzen aber nicht die Weltmasse. Wie schon gesagt, der selbstherrlichen Masse ist der Datenschutz doch total wurscht. Die Volksmassen weltweit wollen es sogar überall präsent zu sein.

  17. mike
    schrieb am 11. Mai 2010 um 19:39 Uhr (#)

    Heya

    a decentral social network is already done

    http://retroshare.sf.net

    please help to promote it, and get students connecting over it,
    no need to develop, but to make it popular.

  18. MissingLinks
    schrieb am 15. Mai 2010 um 13:23 Uhr (#)

    fast 130.000 $ statt €, sorry.

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