Plattformansatz:
Ändert Twitter seine Strategie?

Die Übernahme von Tweetie wird als möglicher Strategiewandel von Twitter gesehen. Tatsächlich gibt es Gründe, die eine bevorstehende Abwertung von Drittanwendungen nahelegen.

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Twitter hat die iPhone-Applikation Tweetie übernommen und damit in Teilen der Entwicklercommunity Besorgnis ausgelöst. Betreiber von externen Anwendungen befürchten nun, dass der Microbloggingdienst ihnen zukünftig stärker mit eigenen Apps Konkurrenz machen wird. Bisher war der Ansatz von Twitter, nur die Grundfunktionalität sowie eine Schnittstelle (API) bereitzustellen. Den Rest erledigten externe Anwendungen, die rund um den Dienst entstanden.

Der Gedanke, Twitter könnte zukünftig stärker auf offizielle Apps setzen – entweder in Folge von Übernahmen oder als Eigenkreationen – könnte weitreichende Folgen darauf haben, wie Internetunternehmer und Entwickler zukünftig auf die Plattformen des Dienstes schauen.

Mein ehemaliger netzwertig.com-Kollege Marcel Weiss sieht in der Akquisition von Tweetie eine strategische Fehlentscheidung von Twitter, da diese seiner Ansicht nach externe Entwickler verunsichert und das rund um die Twitter-API entstandene Ökosystem schwächt. Marcel betrachtet die Übernahme unter der Prämisse, eine funktionierende Plattform rund um die API sei die absolute Voraussetzung für eine erfolgreiche Zukunft Twitters.

Ich hingegen stelle mir mittlerweile die Frage, ob das Ökosystem rund um Twitter nicht mittlerweile seine Aufgabe erfüllt und seinen Zenit überschritt hat?

Es besteht kein Zweifel daran, dass sich die Plattform-Strategie für Twitter ausgezahlt hat. Statt als kleines Startup mit wenigen Programmierern alle Funktionen intern zu entwickeln, stellte der Dienst aus San Francisco frühzeitig eine Schnittstelle zur Verfügung und ließ Entwickler in aller Welt dann die Arbeit erledigen.

Schnell enstanden Tausende von Anwendungen mit unterschiedlichster Funktionalität: Desktop-Clients, mobile Clients, Statistik-Tools, Kontaktmanagement-Apps, Such-Anwendungen etc. Wer als Nutzer neu zu Twitter kam, hatte sofort Zugang zu Unmengen von Applikationen mit allen erdenklichen Features – oder konnte sein eigenes Tool entwickeln. Dieser Ansatz machte Twitter nicht nur zu einem unglaublich vielseitig einsetzbaren Service, sondern brachte ihm auch einen ordentlichen Coolness-Faktor ein.

Doch vier Jahre nach der Gründung des Dienstes zeigen sich auch die Schwächen des gewählten Plattformansatzes:

Die schiere Menge an Apps macht es gerade für Neulinge schwer, sich zurecht zu finden. Wer befand sich nicht schon einmal mit einem neugierigen Nutzer im Gespräch, der Twitter ausprobieren wollte, aber keine Ahnung hatte, auf welchen Client er setzen sollte. Die Antwort gestaltet sich nicht immer leicht: Zu viele sich gering bis deutlich unterscheidende Apps gibt es, und zu unterschiedlich sind die Präferenzen. Hier auf die offizielle Desktop-App von Twitter verweisen zu können, wäre für unerfahrene Anwender und für den Erklärenden eine große Vereinfachung – nicht zuletzt in Anbetracht von Twitters recht hohen Einstiegsbarrieren.

Auch erscheint es (zumindest mir) zunehmend als umständlich, für verschiedene Aufgaben verschiedene Anwendungen einsetzen zu müssen: Will ich nur einen schnellen Tweet absenden, reicht twitter.com. Möchte ich längere Zeit im Browser twittern und auch Antworten und Retweets im Blick behalten, bieten sich eher Seesmic Web oder Brizzly an. Um zu erfahren, wem ich folge, wer mir aber nicht folgt, kann ich bei ManageTwitter nachschauen. Einen Überblick über mein Nutzungsverhalten gibt mir TweetStats. Und so weiter…

Vielleicht bin ich zu bequem, aber derartiges “Zusammensuchen” von Funktionalität ergibt auf Dauer ein unvollkommenes Nutzererlebnis. Neben vieler verschiedener Apps mit spezialisierter Funktionalität – häufig Neben- und Hobbyprojekte von experimentierfreudigen Entwicklern – wünsche ich mir eine stärkere Zentralisierung der Kernfunktionen, die ich regelmäßig einsetze. Dass es dies nach vier Jahren des Bestehens von Twitter noch nicht gibt, zeigt die Schwäche der Plattform: Jeder kocht sein eigenes Süppchen, und häufig schmeckt die Suppe verschiedener Köche bis auf geringe Unterschiede in den Gewürzen auch noch gleich. Ich möchte aber ein vollständiges Menü.

Twitters Ansatz, ein Ökosystem rund um seine API aufblühen zu lassen, war ohne Zweifel richtig. Doch ob die Plattform allein auch in Zukunft ausreichen wird, diese Frage muss gestellt werden. Der Kauf von Tweetie legt den Schluss nahe, dass man dies in San Francisco tut. Es ist vorstellbar, dass Twitter – das mit einer eigenen Werbeplattform endlich ein Geschäftsmodell gefunden haben will - fortan eine Hybrid-Strategie ausprobiert – offizielle Anwendungen aus eigenem Haus (bzw. als Folge von Akquisitionen) mit erweiterter Grundfunktionalität, und spezialisierte externe Anwendungen als Tüpfelchen auf dem i. Dann vielleicht sogar mit mehr Freiheit für Entwickler?

Natürlich birgt dies das Risiko, dass manch ein Entwickler sich genau überlegen wird, ob er Zeit in das Programmieren einer Twitter-App investieren will. Wenn er es nicht ganz sein lässt, dann entscheidet er sich eventuell für eine Anwendung, die neben Twitter auch andere Plattformen wie Facebook oder Google unterstützt. Das würde Twitter in Kauf nehmen müssen. Gleichzeitig erhalten Betreiber von Apps in der Aussicht auf eine mögliche Übernahme durch Twitter jedoch auch neue Motivation, so wie sie viele Startups in der Hoffnung auf eine Google-Akquisition antreibt.

Nachdem Twitter über Jahre vom Ökosystem rund um seine API profitiert hat, besteht Grund zur Annahme, dass das mittlerweile 140 Mitarbeiter zählende US-Unternehmen externen Apps in nächster Zeit etwas weniger Bedeutung und Aufmerksamkeit zukommen lassen wird, oder ihren Fokus zumindest in eine andere Richtung steuern will. Ganz drastisch ausgedrückt könnte man sagen, Twitter hat auf dem Rücken von Drittanwendern den Internetolymp erklommen und lässt sie jetzt – wo es an der Spitze angekommen ist – fallen. Ob sich diese Vermutung bewahrheitet, wird sich zeigen. Eventuell schon in den nächsten Tagen auf Twitters erster Entwicklerkonferenz Chirp.

Twitter wäre nicht das erste Unternehmen, dass seine Entwicklercommunity auf diese Weise enttäuscht und vor neue Tatsachen stellt: 2007 öffnete sich Facebook für externe Applikationen. Nach dem initialen Goldrausch kam es schnell zur Ernüchterung bis hin zum relativen Bedeutungsverlust. Mittlerweile fokussiert sich Facebook deutlich weniger auf den Ausbau seiner Plattform, sondern konzentriert sich auf die Verbreitung von Facebook Connect, um das Facebook-Erlebnis auf möglichst viele externe Sites zu erweitern. Achja, mit @Anywhere plant Twitter etwas ganz Ähnliches.

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11 Kommentare

  1. Schreibt hier auf dem Blog Markus Spath
    schrieb am 13. April 2010 um 11:01 Uhr (#)

    “Vielleicht bin ich zu bequem, aber derartiges “Zusammensuchen” von Funktionalität ergibt auf Dauer ein unvollkommenes Nutzererlebnis. Neben vieler verschiedener Apps mit spezialisierter Funktionalität – häufig Neben- und Hobbyprojekte von experimentierfreudigen Entwicklern – wünsche ich mir eine stärkere Zentralisierung der Kernfunktionen, die ich regelmäßig einsetze.”

    Ich glaube in diesem Satz machst du doch – ungewollt ;) – genau das Argument *für* die Notwendigkeit der “Plattformhafigkeit” von Twitter. Die Funktionen, die du regelmäßig einsetzst, sind nicht notwendigerweise die Funktionen, die alle anderen für sich einsetzen. Das ideale ‘vollständige Menü’ schaut bei jedem anders aus. Twitter ist in diesem Sinne also nicht schlecht beraten, nur ein möglichst neutrales Bündel an Kernfunktionen zu offerieren, und es Drittanwendungen zu überlassen, sich auf spezifische Benutzerwünsche und -gruppen zu spezialisieren. Nur als Plattform bleibt Twitter offen genug, um eine ‘bequeme Zentralisierung’ für die verschiedensten Nutzergruppen zu ermöglichen.

  2. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 13. April 2010 um 11:06 Uhr (#)

    Da stimme ich dir auch voll zu! Nur halte ich das “neutrale Bündel an Kernfunktionen” eben für zu dünn. Ich würde niemals sagen, die Plattform muss weg. Keinesfalls. Aber ich bin der festen Überzeugung, dass grundlegende Twitter-Funktionen (zu denen für mich Stats und vor allem ein komfortables Konaktmanagement gehört) dem Erfolg von Twitter dienlich wären. Und wenn man damit ein paar Entwickler vergrault, so ist das bei weitem nicht der Dolchstoß für jeden Entwickler. Dafür ist der Dienst viel zu bedeutsam.

  3. Schreibt hier auf dem Blog Andreas Göldi
    schrieb am 13. April 2010 um 15:32 Uhr (#)

    Ich glaube, der Grund für Twitters Eindringen in den Client-Markt ist ganz einfach: Die gerade vorgestellte Ad-Plattform kann nur funktionieren, wenn Twitter das Client-Erlebnis weitgehend kontrollieren kann. Sonst tauchen sehr schnell 3rd-Party-Clients mit Ad-Blockern auf. Natürlich kann man das nicht total verhindern, ohne das API ganz dicht zu machen, aber Twitter wird vermutlich zumindest 90-95% der User auf seinen eigenen Clients halten wollen.

    Twitter muss jetzt endlich Geld verdienen. Dass die ganze Story mit einem Blogartikel von Investor Fred Wilson begonnen hat, ist ein klares Zeichen dafür, dass das Twitter-Management massiven Druck von seinen Investoren kriegt.

  4. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 13. April 2010 um 15:42 Uhr (#)

    Insofern ist es seltsam, dass Twitter sich nicht schon längerfristig auf eine derartige Situation eingestellt hat, sprich nicht schon vor Monaten/Jahren Clients gekauft und unter offizieller Marke angeboten hat. Daraus könnte man schlussfolgern, dass der Druck der Investoren für das Twitter-Management unerwartet kommt. Oder dass es Ev und Biz nur vorher nicht wahrhaben wollten.

  5. Schreibt hier auf dem Blog Andreas Göldi
    schrieb am 13. April 2010 um 16:11 Uhr (#)

    Vermutlich werden die Investoren jetzt nervös, weil sich Twitters Wachstumskurve verflacht hat, aber Facebook weiter schnell wächst (und ausserdem ständig alle guten Ideen von Twitter klaut). Damit wird es zunehmend schwieriger, den Laden nur aufgrund seines Trafficwachstums zu verkaufen.

    Wenn die VCs einen vernünftigen Preis kriegen wollen, und das heisst bei Twitters letzter Bewertung irgendwas über $3 Milliarden, dann müssen sie auch zeigen können, dass man mit dem Ding Umsatz erzielen kann. Ev und Biz haben sich vermutlich lange dagegen gewehrt, weil es natürlich lustiger ist, einfach einen schönen Service zu verschenken.

    Wenn man hingegen Werbung verkaufen muss, hat man es plötzlich mit (Igitt) zahlenden Kunden zu tun, die den Fail Whale nicht so lustig finden.

  6. Thomas Bender
    schrieb am 13. April 2010 um 19:24 Uhr (#)

    Erlösmodelle, die immer nur auf reinem Add-Selling basieren, können halt schnell zum wackeligen Standbein für den eigenen Business Case werden. Hätte man den Mut, Twitter als echten kostenpflichtigen Mehrwertdienst zu etablieren, dann bräuchte man keine Umwege in der Finanzierung zu gehen, sondern könnte direkt die eigenen, dann zahlenden Kunden, zur Kasse bitte.

    Somit hätte man nicht nur selbst mehr operative Freiheiten, sondern könnte aufgrund der gesünderen Kapitalbasis, den eigenen Dienst gezielter und qualitativ besser ausbauen, indem man der Entwickler-Community dann auch selbst die finanziellen Anreize und Sicherheiten bieten könnte, die sie wiederum für die eigenen Geschäftsmodelle selbst brauchen.

    1. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
      schrieb am 14. April 2010 um 09:17 Uhr (#)

      Bleibt halt die Frage, was das für Mehrwertleistungen sein könnten. Es müssten Funktionen sein, die es derzeit noch nicht oder nur unzureichend gibt. Ich bin mir sicher, dass Twitter auch dieses Szenario durchgespielt hat.

    2. Thomas Bender
      schrieb am 14. April 2010 um 13:19 Uhr (#)

      Das würde ja bedeuten, dass Twitter in der jetzigen Form überhaupt keinen Nutzen und Mehrwert darstellt ;)

      Warum nutzen die ganzen Leute dann überhaupt Twitter? Ist das alles purer Zeitvertreib? Was ja in letzter Konsequenz wiederum bedeuten würde, dass Twitter gesellschaftsökonomisch sogar Werte vernichten würde, da es unnötige (Zeit-)Ressourcen bindet, die sinnvoller in einer Wertschöpfungskette eingesetzt werden könnten und damit auch zu mehr Wohlfart führen könnten.

      Abschliessend sei noch anzumerken, dass sich Mehrwert nicht nur durch quantitative Verbesserungen, also “noch mehr” Funktionen, erzielen lässt, sondern vor allem durch qualitative, sprich “bessere” Funktionen.

    3. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
      schrieb am 14. April 2010 um 14:17 Uhr (#)

      Was ich meinte: Beschneidungen des bisherigen Funktionsumfangs für Gratisnutzer würde imo Twitter killen. Insofern bleiben Zusatzfunktionen oder die von dir angesprochenen Verbesserungen – aus denem aber leicht Zusatzfunktionen werden könnten. Oder was würdest du verbessern und gegen Entgelt anbieten wollen, ohne dabei keinerlei zusätzliche Funktionalität bereitzustellen?

    4. Thomas Bender
      schrieb am 14. April 2010 um 15:20 Uhr (#)

      Wenn schon, dann bitte auch konsequent. Gratisnutzer kommen in meinem Szenario erst gar nicht vor. Qualitative Verbesserungen? Eine mögliche davon hatte ja Andreas Göldi auch schon angesprochen, den leidigen Fail Whale. Zu 99,9% Uptime fehlt aktuell doch noch einiges, oder?

      Ohne ein sich selbst tragendes Geschäftsmodell wird man nur sehr mühsam in die Gewinnzone kommen, von attraktiven Renditen für die eigenen Investoren ganz zu schweigen.

      Angst Nutzer zu verlieren? Ja, diese Angst ist berechtigt, wenn man ein Produkt anbietet, das a) eigentlich niemand wirklich braucht oder b) mit dem Mitbewerber nicht standhalten kann.

    5. Thomas Bender
      schrieb am 14. April 2010 um 16:14 Uhr (#)

      Nachtrag:

      Auf einer abstrakteren Ebene lässt sich ebenfalls die Sinnhaftigkeit von Add Selling-Modellen sehr schon hinterfragen.

      Wie uns die aktuelle Krise lehren sollte, ist konsumgetriebenes Wachstum eine sehr gefährliche Sache. Werbung ist doch nichts anderes, als ein Stimulus für mehr Konsum.

      Die Katze beißt sich also zwangsläufig selbst irgend wann in den eigenen Schwanz ;)

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