Vernetztes Automobil:
Das Ende des Dudelfunks

Verglichen mit anderen Mediengattungen hat sich Radio bisher als relativ immun gegen die Auswirkungen der Digitalisierung gezeigt. Mit dem Einzug des mobilen Internets in das Automobil wird sich dies ändern.

Vernetztes Automobil
Vernetztes Automobil
Lange war ich der Überzeugung, klassischer Hörfunk sei eine der Mediengattungen, die noch auf lange Sicht relativ erfolgreich in alten Fahrwassern agieren können würde. Doch unter anderem dieser Beitrag von US-Internetinvestor Fred Wilson sowie ein Gespräch mit einem guten Freund, der gerade eine Diplomarbeit zum Thema “Barrieren und Herausforderungen bei der Entwicklung mobiler Dienste für das Automobil” geschrieben hat, öffneten mir die Augen: Auch das gute alte Radio bleibt von der Digitalisierung nicht verschont. Es erhält lediglich einige Jahre Aufschub.

Es gibt viele Orte, an denen Menschen Radio hören. Einer der gewöhnlichsten ist das Automobil. Und genau dort liefern sich heute selbst hartgesottene Internet- und Technikfreunde noch häufig dem oft einfallslosen Musik- und Sprachprogramm der zahlreichen, mitunter austauschbaren Radiostationen aus, die abgesehen von den öffentlich-rechtlichen Sendern sowie einigen Spartenanbietern die immergleichen Hits der vergangenen Jahrzehnte sowie die neuesten, meist Relevanz vermissenden Chartstürmer herunterleiern.

Wer kann, schiebt eine CD ins Autoradio, genießt die “Stille” oder gehört zu den vergleichsweise wenigen Besitzern von Fahrzeugen mit USB- oder LineIn-Eingang, was immerhin das Anschließen eines externen MP3-Players oder Mobiltelefons möglich macht.

Während in den meisten anderen Lebensbereichen digitale Musiksammlungen und Streamingdienste auf breiter Front Einzug gehalten haben, tritt ein durchschnittliches Automobil noch immer als Bewahrer einer heilen, traditionellen Medienlandschaft auf, in der Konsumenten das auf die Ohren bekommen, was ihnen von den Stationen in Heavy Rotation vorgesetzt wird.

Doch lange wird diese heile Radiowelt wohl nicht mehr bestehen bleiben. Nachdem sich der stationäre und mobile Internetzugriff (vom Handy) für immer mehr Menschen zu einer Selbstverständlichkeit entwickelt, ist die Eroberung des KFZ für die Digitalisierung der nächste, konsequente Schritt.

Eine flächendeckende Verfügbarkeit schneller Datenverbindungen sowie rund 50 Millionen Kraftfahrzeuge (und damit potenzielle Kunden) allein in Deutschland stellen einen extrem attraktiven Markt dar, den Automobilhersteller, Zulieferer, Softwarekonzerne sowie Medienanbieter kaum ignorieren können.

Die Ansätze sind schon heute da. Während Premium-Hersteller in bestimmten Fahrzeugen bereits Bordcomputer mit abgespecktem Internetzugriff über UMTS anbieten – wie beispielsweise BMW ConnectedDrive – können sich Besitzer einfacherer Fortbewegungsmittel ein Internetradio nachrüsten, welches sich dann per Bluetooth bei der Datenverbindung des Mobiltelefons bedient. Auch ausgewählte Navigationsgeräte erlauben bereits den Zugriff auf einzelne Onlinedienste.

Noch stecken diese Entwicklungen in den Kinderschuhen, und bis ein nennenswerter Teil der Autofahrer über einen möglichst vollwertigen, in das Automobil integrierten Internetzugang verfügt, werden sicher noch einige Jahre vergehen. Doch wie sie oft handelt es sich lediglich um die Frage nach dem “wann”, und nicht nach dem “ob”.

Der Moment wird kommen, an dem Besitzer eines KFZ unterwegs bequemen und integrierten Zugriff auf ihren bevorzugten Musik-Streaming-Dienst haben. Statt einen beliebigen Dudelsender einzuschalten, der die größten Hits der 70er, 80er und 90er abspult, gespickt mit den nicht selten sinnfreien Kommentaren übertrieben gut gelaunter Moderatoren, werden sie dann per Touch-Screen Last.fm, Spotify, simfy oder steereo starten können, um ihre Lieblingsalben oder bevorzugten Playlisten anzuhören. Was das für die Zukunft der so stark von der Zielgruppe Autofahrer abhängigen Radiostationen bedeutet, kann sich jeder selbst ausmalen.

Auch bei Werbetreibenden dürfte diese Vorstellung für Entzücken sorgen. Denn wie überall im Web hätten sie dann deutlich bessere Möglichkeiten, ihre Botschaften an die richtige Zielgruppe auszuliefern. Und das auch unter Berücksichtigung des aktuellen Standorts. Selbst lokale Händler, Werkstätten und Restaurants mit zu kleinen Werbebudgets für klassische, auf Reichweite ausgelegte Kampagnen können dann sowohl akustische als auch visuelle Anzeigen schalten, wenn sie für den Verbraucher wirklich relevant sind. Die Zeiten, in denen im Stau stehende Autofahrer einen gesendeten Radiospot schon auswendig kennen, wären damit passé.

Die Entwicklungszyklen im Automobilbereich sind verglichen mit dem Innovationstempo im digitalen und Internetbereich recht lang(sam). Doch wäre es verwunderlich, wenn nicht auch die großen Softwarehersteller und Internetdienste ihren Teil dazu beitragen würden, die digitale Welt schnellstmöglich auf die eigenen vier Räder zu bringen.

Es ist wahrscheinlich nur eine Zeitfrage, bis der erste Bordcomputer auf Android-Basis erscheint. Ein Google-Auto, quasi. [Update] Die Deutsche Telekom hat zusammen mit Continental auf der CeBIT eine solche Lösung vorgestelltDanke Oliver [Update Ende]. Auch Microsoft ist bereits am Experimentieren und hat sich dazu Ford als Partner gesucht. Und wer weiß, vielleicht ist ja Apples nächster Coup nach dem iPod und iPhone/iPad ein Betriebssystem/Bordcomputer für Automobile. Mit Zugriff auf 150.000 Apps, versteht sich.

(Foto: stock.xchng)

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14 Kommentare

  1. Oliver
    schrieb am 2. März 2010 um 21:46 Uhr (#)

    Android im Auto wird gerade auf der CeBit vorgestellt:
    Siehe http://www.youtube.com/watch?v=4PEQqHdHmcg

    Spannend finde ich neben personalisierten/individualisierten Radiostreams vor allem auch die neuen Errungenschaften im Zusammenhang mit Text2Speach.
    Spracherkennung und wohlklingende Textvorlesung waren lange Zeit die Paradedisziplin der Künstlichen Intelligenz. Gerade mit dem zitierten BMW Connected Drive lassen sich so RSS-Feeds verständlich vorlesen.

    Aber auch die Remotekontrolle des Fahrzeugs wird -vor allem bei Elektorfahrzeugen- immer konkreter. Beispiel: http://doubleslash.de/de/…concept_activee.html

  2. Thomas
    schrieb am 2. März 2010 um 22:46 Uhr (#)

    Gerade die zunehmende Smartphone Penetration führt zu dem von Dir beschriebenen Zugzwang bei den OEMs und entsprechenden Zulieferern. Smartphones bringen von Hause aus Konnektivität mit und dazu die angesprochenen Apps.

    Warum also nicht auch im Auto integriert nutzen?

    Nun unterliegen Smartphones deutlich kürzeren Lebenszyklen als das Fahrzeug selber, wodurch ein Integration durch verschiedene Schnittstellen etc. erschwert und teilweise seitens der Automobilhersteller aus verschiedenen weiteren Gründen (z.B. Substituierung eigener Endgeräte) auch nicht gewollt wird.
    Dennoch wird das Auto sich über kurz oder lang nicht vor der allgemeinen Tendenz zu einer allgegenwärtigen Internet/Dienstversorgung verschließen können.

    Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass in 10 Jahren das gute alte Autoradio Bezugsquelle für meinen Musikwunsch ist, obgleich selbst das billigeste Mobiltelefon mich per Internet mit einem Musikstreamindienst meiner Wahl verbindet.

  3. sari
    schrieb am 3. März 2010 um 12:07 Uhr (#)

    interressanter beitrag! heutzutage ist jeder und alles schon vom internet infiziert…wieso nicht auch noch das auto?!

  4. Petar
    schrieb am 3. März 2010 um 12:11 Uhr (#)

    In der Tat bin ich gespannt wann Last.fm&Co zum Standard im Auto werden, wobei hier die Frage bleibt ob nicht einfach die komplette Logik vom Smartphone kommt und das Auto nur Display und Boxen zur Verfügung stellt.

    Pandora & Pioneer haben auf der CES z.B. ein Car Audio vorgestellt was automatisch merkt wenn ein iPhone mit Pandora angeschlossen ist und stellt ein entsprechendes Interface auf dem Display dar.

  5. Roman Koch
    schrieb am 3. März 2010 um 14:52 Uhr (#)

    Das Problem ist, dass die Mobilfunknetze derzeit einfach nicht in der Lage sind, während der Fahrt und über längere Strecken die notwendige Performance hinsichtlich Geschwindgkeit und Leitungsstabilität zu liefern.

    LTE wird sicherlich, für mobile Datenübertragungen während der Fahrt interessanter. Bis jedoch ein solch performantes LTE-Netz aufgebaut ist, welches stabile Datenverbindungen während der Fahrt und über längere Strecken ermöglicht, kann es sein dass wir zum Musikhören bereits ein Hörgerät benötigen. :-)

  6. Simon Wüthrich
    schrieb am 5. März 2010 um 17:47 Uhr (#)

    Nicht nur in Sachen Musik macht sich die Cloud in Autos breit. Im Audi A8 ist eine Navigationslösung auf Basis von Google Earth verfügbar: http://bit.ly/bY2hhp

  7. Oliver Springer
    schrieb am 6. März 2010 um 00:08 Uhr (#)

    Gerade bei tendenziell interaktiven Diensten wie last.fm bin ich skeptisch, ob das was fürs Auto ist.

    Ansonsten wird sich Internetradio bestimmt auch im Auto durchsetzen, sobald die Mobilfunknetze das hergeben. Das wird nicht ganz so schnell gehen, nehme ich an.

    Soweit es nur um das Hören von Musik geht, stellt sich für mich aber auch die Frage, ob Radio bzw. Music Streams überhaupt ein sinnvoller Verbreitungsweg sind.

    Schon jetzt bieten die Festplatten von MP3-Playern Platz für dermaßen viele Songs, dass zum bloßen Musikhören (im Gegensatz zu richtigem Radioprogramm mit irgendwie sinnvoller Moderation) die Verbreitung über Funkwellen oder das Internet keine besonderen Vorteile bietet. Eher im Gegenteil.

    Nebenbei bemerkt: Die Entwicklung des Internets wird viele Autofahrten in Zukunft hoffentlich sowieso überflüssig machen. Datenverkehr statt Autoverkehr halt.

  8. Oliver
    schrieb am 6. März 2010 um 08:11 Uhr (#)

    Siehe diesen guten Artikel: Internet im Auto Total

  9. Peter Hogenkamp
    schrieb am 6. März 2010 um 12:36 Uhr (#)

    Für mich müsste es nicht mal last.fm sein, sondern lieber Text-to-Speech mit Büchern oder dem aktuellen «Spiegel». Da wäre ich sofort dabei. Am besten mit Abgleich, an welcher Stelle ich zuletzt in der Spiegel-iPhone-App oder auf dem Kindle war.

  10. Stephan
    schrieb am 7. März 2010 um 15:47 Uhr (#)

    Mir wird übel, wenn ich daran denken muss, in Zukunft durch personalisierte Radiostreams nur noch mit meinem eigenen kulturellen Horizont konfrontiert zu sein.

  11. Oliver Springer
    schrieb am 7. März 2010 um 16:21 Uhr (#)

    @Stephan: Wie kommst Du denn darauf?

    Die Vielfalt der Streams sorgt doch für vorher nie gekannte Möglichkeiten, sich auf den kulturellen Horizont anderer Menschen einzulassen.

    Viele Dienste bieten doch die Möglichkeit, “Inhalte” /Playlisten etc. zu teilen.

    Mit Deiner Sichtweise könntest Du auch gegen MP3-Player argumentieren, da Du als Nutzer dabei ja auf die Songs festgelegt bist, die Du schon kennst.

    Wie die Menschen ihre Freiheit nutzen, ist etwas anderes.

    Diejenigen von uns, die noch mit gedruckten Zeitungen aufgewachsen sind, werden sicher festgestellt haben, dass sie online anders lesen als wenn sie eine gedruckte Zeitung mit festgelegter Artikelauswahl und sogar Reihenfolge der Inhalte haben.

    Man liest in der gedruckten Zeitung eher mal etwas, was man im Netz nicht anklicken würde. Ob das gut oder schlecht ist, ist aber noch einmal eine ganz andere Frage.

  12. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 7. März 2010 um 17:11 Uhr (#)

    Stephan, du kannst natürlich auch weiterhin NRJ hören.

  13. Stephan
    schrieb am 7. März 2010 um 17:41 Uhr (#)

    @Oliver: du meinst sicherlich die anderen Menschen, die mir vorgeschlagen werden. Horizonterweiterungen suche ich nicht in der kulturellen Nachbarschaft, da erweitert sich nicht viel, allein schon der Nähe wegen.
    Und ehrlich, MP3-Player haben in diesem Zusammenhang nichts mit Radios zu tun. MP3-Player wären die Dokumentation der permanenten Horizonterweiterung.

    @Martin: um das angeschlagene Niveau zu halten, geht auch Spreeradio?

    1. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
      schrieb am 7. März 2010 um 17:42 Uhr (#)

      Ja, denke schon ;)

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