Flattr:
Neuer Micropaymentdienst
setzt auf die “Thank You Economy”

Wie lassen sich Inhalte im Web monetarisieren? Flattr, ein neues Startup mit prominenter Beteiligung, setzt auf die intrinsische Motivation der Internetnutzer.

flattr
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Die Monetarisierung von Webinhalten gestaltet sich bekanntlich schwierig. Erst in den letzten Monaten wurden wir Zeuge einer Reihe von Ankündigungen von Verlagen und Contentanbietern, Teile ihrerer Onlineangebote aufgrund der schleppenden Werbevermarktung zukünftig nur noch gegen Entgelt anzubieten.

Während der Versuch, um journalistische Inhalte herum eine Bezahlschranke zu errichten, völlig legitim ist, sind die Erfolgsaussichten solcher Vorhaben grundsätzlich gering.

Geht man davon aus, dass auch in Zukunft nur wenige Medienangebote durch Onlinewerbung in die schwarzen Zahlen gelangen werden, bleibt die Frage nach einer Alternativlösung zum umstrittenen und mit enormen Reichweiteneinbußen verbundenen Schritt zum Zahlungszwang. Ein anderer Weg ist das freiwillige Bezahlen für Gratis-Content. Diesem Gedanken hat sich Flattr verschrieben.

Flattr ist ein junges Startup mit einem etwas angestaubt wirkenden Namen, einer tollen Idee und prominenter Beteiligung: Peter Sunde, Mitbegründer der berühmt-berüchtigten Torrent-Suchmaschine The Pirate Bay, ist einer der zwei Köpfe hinter dem neuen Dienst, welcher auf der Idee der “Thank You Economy” basiert. Dabei dreht sich alles um die Möglichkeit von Usern, sich für Qualitätscontent in Form einer kleinen Gabe zu bedanken, statt Anwender kompromisslos zu einer Zahlung zu zwingen.

Auch wenn nicht jeder Internetnutzer das Bedürfnis hat, freiwillig als Dank für gute Inhalte einen Obolus zu hinterlassen, so gibt es zweifelsohne eine Gruppe von Usern, die dies gerne tut. Ich gehöre dazu. Für Menschen wie mich haben Peter Sunde und sein Companion Linus Olsson Flattr gestartet.

Wer bei Flattr mitmachen möchte, zahlt monatlich einen selbst gewählten Betrag auf sein Flattr-Konto ein (Untergrenze zwei Euro). Fortan kann man jedes Mal, wenn sich auf einer Site ein Flattr-Button befindet und man das dort Vorgefundene für belohnenswert hält, auf den Button klicken, um ihn zu “flattern”.

Am Monatsende wird die von Nutzern eingezahlte Summe gleichmäßig zwischen allen Inhalteanbietern aufgeteilt, die sie “geflattert” haben. Je nach persönlichem Flattr-Budet kann es sich dabei pro Person um Centbeträge handeln, die an einzelne Mediensites oder Blogs ausgezahlt werden. In der Summe jedoch kann dadurch ein nettes Sümmchen für angeschlossene Sites zusammenkommen. Soweit jedenfalls die Vorstellung der Flattr-Macher.

Voraussetzung dafür, dass dieses System funktioniert, sind sowohl eine möglichst große Zahl beteiligter Blogs und Websites, als auch Hundertausende oder besser Millionen Anwender, die einmal pro Monat Geld bei Flattr einzahlen. Beides fehlt zu Beginn, was viel Arbeit für die Gründer bedeutet. Positiv auswirken könnte sich hierbei Peter Sundes Bekanntheitsstatus, wobei natürlich fraglich ist, inwieweit Vertreter großer Mainstreamverlage überhaupt zu Gesprächen mit einem ehemaligen “Piraten” bereit sind.

Wahrscheinlicher ist aber ohnehin, dass sich Flattr vornehmlich an kleinere Medienangebote, Blogs und Webpräsenzen des Long Tail wendet. Für diese spricht im Grunde nichts gegen ein unverbindliches Ausprobieren.

Flattr ist nicht der erste Anbieter, der sich an so genannten “Social Micropayments” versucht. Ein ähnliches Experiment hat schon der US-Dienst Tipjoy gewagt – und im August vorigen Jahres schließen müssen. Anders als im Falle von Flattr hinterließen User auf einem an Tipjoy angeschlossenen Blog ihre E-Mail-Adresse, um später an diese einen (unverbindlichen) Aufruf zur Spende via Paypal zu erhalten. Dieser kamen viele Nutzer dann aber offenbar doch nicht nach.

Das Flattr-Konzept hat aufgrund seiner Vorabzahlung einen deutlichen Vorteil, da es mehr Verbindlichkeit mitbringt. Zudem ist nach dem Aufladen des Flattr-Kontos nichts weiter notwendig als der simple Klick auf einen Flattr-Button.

Update: Mit Kachingle gibt es bereits einen US-Anbieter, der auf ähnlichen Pfaden wandert wie Flattr. Die Kollegen von Carta testen das System bereits. Update Ende

Flattr befindet sich derzeit in der geschlossenen Beta-Phase. Auf der Site könnt ihr euch in eine Warteliste eintragen. Wir werden die Entwicklung dieses vielversprechenden Startups im Auge behalten.

Hier eine kurze Videopräsentation von Flattr:

via goodold.se

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18 Kommentare

  1. blaugraufrau
    schrieb am 11. Februar 2010 um 20:54 Uhr (#)

    Vielen Dank – für die Vorstellung des Dienstes, der mir sehr zeitgemäß und pragmatisch umgesetzt erscheint!

  2. Heiner
    schrieb am 12. Februar 2010 um 07:33 Uhr (#)

    Wenn sie ihren Dienst weniger “open” als die Kachingler gestalten, dann wäre das tatsächlich etwas, an dem ich mich als “Konsument” von Blogs beteiligen würde.

    Gibt es irgendwo Blogs, bei denen man sich den Flattr-Button in der Praxis ansehen kann?

  3. Schreibt hier auf dem Blog Florian Steglich
    schrieb am 12. Februar 2010 um 10:17 Uhr (#)

    Was mir an Flattr (bei @david_bauer gestern den schönen Namen »Pirate Pay« dafür gelesen) besonders gut gefällt: Dass es auf Artikelebene (o.a. »Content-Einheit«) ansetzt, nicht auf der Ebene einer gesamten Website. Noch direkter guten Inhalt zu unterstützen ist kaum möglich. Mal sehen, wie die Details ausschauen (Zahlungsmöglichkeiten, einbehaltener Anteil für Flattr etc.), bin sehr gespannt.

    @Heiner: Derzeit noch nicht, soweit ich weiß. Der Dienst ist noch nicht öffentlich.

  4. Tobi
    schrieb am 12. Februar 2010 um 15:54 Uhr (#)

    Grundsätzlich eine gute Idee…hat aber nach meiner Meinung wenig mit Qualitätsjournalismus zu tun. Der Dienst wird sich wieder “nur” auf Blocks oder “Unterhaltungsmedien” beziehen, was dem ganzen Thema für mich die Ernsthaftigkeit nimmt. Die Regel bleibt bestehen…für einzigartigen, guten Content bezahlt der Leser gerne für austauschbare News eben nicht…und falls doch, ganz sicher nach dem Aldi-Prinzip immer den kleinst möglichen Preis…Es gibt gute Seite die mit Paid-Content schwarze Zahlen schreiben – Allerdings sind das dann auch Top-Inhalte…für die auch ich gerne bezahle.

  5. Oliver Springer
    schrieb am 12. Februar 2010 um 16:53 Uhr (#)

    Das kommt dem, was ich mir für Blogs vorstelle, schon sehr nah.

    Bei starker Leserbindung kann dieses Modell für Websites funktionieren. Blogs mit einer nennenswerten Zahl von Stammleser könnten davon stark profitieren.

    Den einzelnen Artikel in den Mittelpunkt zu stellen bringt einen weiteren Vorteil: Es schafft einen Ausgleich dazu, dass sich sonst eher lohnt, statt auf inhaltliche Qualität auf viel Google Traffic zu setzen.

    @Tobi: Gerade für Qualitätsjournalismus halte ich das für eine Option, auch für große Websites. Ich bin doch hoffentlich nicht der Einzige, der die Unterstützung von Qualitätsmedien für demokratische Bürgerpflicht hält.

  6. Mark_S
    schrieb am 13. Februar 2010 um 22:11 Uhr (#)

    Das Konzept von Flattr erinnert mich stark an “Contenture”. Und die haben erst im Dezember aufgegeben.

  7. Max
    schrieb am 14. Februar 2010 um 11:10 Uhr (#)

    Wow, wirklich ein brauchbares System, wenn ich auch nicht wirklich glaube, dass ich da mitmachen werde .. und Millionen andere.

  8. Miguel Rego Gomes dos Reis
    schrieb am 16. Februar 2010 um 21:17 Uhr (#)

    Das Erklärungsvideo ist sehr umgesetzt.
    Das Konzept an sich ist auch sehr schlüssig.
    Danke für den Beitrag!

    Viele Grüße
    Miguel Rego Gomes dos Reis

  9. mindworker
    schrieb am 17. Februar 2010 um 12:51 Uhr (#)

    Nach gestrigem Brainstorming mit einem befreundeten Programmierer ist Flatter nicht nur für Blogs interessant – es ist für jeden freien Contentproducer interessant. Ob das Musiker sind die von den Produzenten unabhängig sein wollen, Autoren von eBooks, Fotografen, Programmierern und allen anderen Kreativen und Schaffenden. Nicht zu vergessen die vielen Profis, die unbezahlt in Foren ihr Fachwissen anderen zur Verfügung stellen oder auf Fragen antworten und Probleme lösen, die Tutorial-Schreiber, die unerfahrenen Anwendern Schritt für Schritt weiter helfen, die Open-Source-Entwickler die in ihrer Freizeit kostenlose Software schreiben usw usw usw – ich könnte stundenlang weiter aufzählen….

    Alles, aber wirklich alles, was sich digital verbreiten und reproduzieren/kopieren lässt ist dafür bestens geeignet. Es wird meiner Meinung nach Software geben die nicht mehr Shareware ist – sonder Flattrware. Es wird Musik und Videos geben auf Flattr-Basis. Warum auch nicht? Wenn mir irgendein Werk gut gefällt, warum dann nicht Flattrn?

    Lt. Medienberichten hat thepiratebay mehr als 22 Millionen Nutzer – und diese gehören genau zu der Internetnutzerschicht, denen das Flattr-Konzept gerade in der heutigen Zeit perfekt in ihren Alltag passt und ihre Meinung vertritt. Das ist schon mal ein sehr guter Grundstock, um Flattr so richtig erfolgreich zu machen.

    Zugleich stelle man sich mal vor, die Pornoindustrie würde auf den Flattr-Zug aufspringen – die Nutzerzahlen gehen vermutlich in kürzester Zeit in die hunderten Millionen. (Nur mal als Denkansatz – man kann diesen Gedanken auf sehr sehr viele Bereiche des Internets ausbreiten)

    Ich bin schon hart am warten, bis Flattr stable wird – mein Content, den ich als Designer bisher erstellt aber aus Schutzgründen nicht veröffentlich habe kann ich dann problemlos veröffentlichen – je besser der Content, desto mehr Flattr.

  10. isdochehegal
    schrieb am 27. April 2010 um 14:35 Uhr (#)

    also, wenn ich etwas richtig gut finde, zahl’ ich gerne was. aber die frage ist wohl, wie oft passiert sowas ? ich sag’s gleich: nicht so oft. es hat ein bisschen von dieser sloterdijk-idee der “gebenden hand”. ich bin positiv skeptisch, was flattr. anlangt. aber wenns klappt wärs toll.
    good luck !

  11. MaxiMegalon
    schrieb am 20. Mai 2010 um 23:09 Uhr (#)

    der dienst bindet googleanaltics ein.
    es werden ip-adressen und mac-adressen gespeichert.
    datenschutz und anonymisierung sind quasi ausgeschlossen.

    ansonsten: gute idee

  12. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 21. Mai 2010 um 06:44 Uhr (#)

    Ich denke dass jeder, der Flattr einsetzt, sich im Klaren darüber ist, nicht anonym zu sein. Insofern imo kein Problem.

  13. Wolfgang Küting
    schrieb am 31. Mai 2010 um 18:26 Uhr (#)

    Grundsätzlich eine lobenswerte Idee. Aber wenn ich überlege wie oft ich auf irgendwelche Buttons klicke oder in entsprechenden Communities meine Meinung/Bewertung hinterlasse. Das geht schon in den 0.x %-Bereich.
    Da mag eine Anfangseuphorie, wie bei so vielen Dingen im Netz, bei sein, aber solange der User aktiv werden muss… Ich muss mich anmelden, ich muss den Button klicken.

  14. Thomas
    schrieb am 2. Juni 2010 um 14:30 Uhr (#)

    …und flattr hat ein schönes Interessen-Profil von mir

    So zielgenau, wie die Zustimmung auf Artikelebene funktioniert, so zielgenau kann dann natürlich auch mein Interesse für bestimmte Themen, Autoren etc. registriert und gespeichert werden. Oder? Wie wird das Ganze denn anonymisiert?

  15. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 2. Juni 2010 um 14:34 Uhr (#)

    Ich würde einfach mal sagen: Damit müsstest du leben. Oder von Flattr Abstand nehmen.

  16. peter
    schrieb am 26. Juli 2010 um 16:48 Uhr (#)

    wie ist das denn steuerlich für die empfänger? müssen die das in der steuererklärung angeben und wie nachweisen?

    hat dass dann auch auf den inhalt des impressums auswirkungen, so dass ich z.b. eine steuernummer etc angeben muss?

    1. Schreibt hier auf dem Blog Florian Steglich
      schrieb am 28. Juli 2010 um 12:09 Uhr (#)

      » peter: Hier gibt es ein paar Einschätzungen zu rechtlichen Auswirkungen des Einsatzes von Flattr: http://retosphere.de/offe…liche-implikationen/

  17. Alexander Hassberg
    schrieb am 7. Dezember 2010 um 16:39 Uhr (#)

    Dieser Tipp mit Flattr ist mir gleich einen Flattr-Klick wert.

    Was soll ich noch mehr sagen? Dank euch bin ich dabei. Für gute Artikel wie diesen gebe ich gerne. Und mal schauen, wie sich Flattr in der Zukunft entwickelt.

    2 € im Monat (oder eben mehr) sollte eigentlich jedem die MACHT wert sein. Jawoll, Macht. Die Macht nämlich, mit ein paar Klicks zu entscheiden, was man gut findet. Wovon es zukünftig mehr im Netz geben sollte.

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