Debatte um Tagesschau-App:
Warum sich ein Blick in den hohen Norden lohnt
Als die ARD im Dezember eine kostenlose iPhone-App der Tagesschau ankündigte, war die Entrüstung groß. In Schweden hat das öffentliche-rechtliche Fernsehen gestern eine Gratis-Applikation mit einem Großteil seines Programms veröffentlicht. Proteste von Medien und Politik gab es keine.
Durch kostenlose Angebote des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, die über den Zweck der Grundversorgung hinaus gingen, würden die Monetarisierungsversuche der privaten Anbieter gefährdet, so der Tenor. Auch Vorwürfe der Wettbewerbsverzerrung und der Bildung eines marktbeherrschenden Kartells waren zu hören.
All das bei einer Applikation, die nichts anderes tut, als die von jedem Computer aus abrufbaren, verschiedenen Sendungen der Tagesschau auf ein Smartphone-freundliches Format zu bringen!
Dass es auch anders geht, zeigt Schweden. Gestern Abend hat Schwedens öffentlich-rechtlicher Fernsehsender SVT die kostenlose iPhone-Anwendung seines Streaming-Angebots SVT Play veröffentlicht. SVT Play ist quasi Schwedens Pendant zur ZDF Mediathek: Ein Großteil der auf den verschiedenen SVT-Kanälen gezeigten Programme steht dort mit unterschiedlicher Halbwertszeit zum Gratis-Streaming bereit. Neben einer mobilen Site für Smartphones gibt es nun also auch eine eigene Anwendung für das iPhone.
Das eigentlich Bewunderswerte ist nicht die App (die einen sehr guten Eindruck macht), sondern wie die Reaktionen aus Medienbranche und Politik auf die vor einigen Wochen angekündigte iPhone-Applikation ausfielen: Es gab keine. Mag sein, dass SVTs Smartphone-Avancen in dem ein oder anderen Interview zur Sprache kamen, aber ein landesweiter Aufschrei der Entrüstung und Befremdung, wie er in Deutschland auf die ARD-Bekanntmachung der Tagesschau-Applikation folgte, blieb aus. Und das, obwohl es um sehr viel mehr als nur den Stream eines einzelnen Nachrichtenangebots geht.
Smartphones sind nichts anderes als eine alternative Zugriffsmöglichkeit auf digitale Inhalte – und für immer mehr Menschen ein essentielles Werkzeug zur Kommunikation und Informationsbeschaffung. In Schweden hat man das erkannt, weshalb niemand in Frage stellen würde, dass auch eine iPhone-gerechte Zubereitung der Inhalte zur Grundversorgung gehört.
Vielleicht hilft den Kritikern der Tagesschau-Anwendung ja ein Blick auf das Beispiel Schweden, um zu erkennen, dass eine Entrüstung, wie wir sie im Dezember erleben durften, deplatziert und vor allem vollkommen unzeitgemäß ist. Auch kommerzielle oder macht-/medienpolitische Interessen sollten hier nicht zu falschen Beurteilungen führen.


















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Das Problem ist doch, dass diese kostenlose App nicht so kostenlos ist wie sie aussieht: 611 Mio Etat bei ARD+ZDF fuer Online-Dienste, 6 Milliarden Gebühren fuer die oeffentlich-rechtlichen Sender. Da ist es fuer die Privaten schwer gegenzuhalten. Und jedes Jahr breiten sich die ÖR in neuem Terrain aus, nur um daraus dann erneut Gebührensteigerungen zu fordern.
Das Problem ist also nicht, dass die App die ohnehin auf dem PC sichtbaren Inhalte jetzt nochmal wiederzugeben. Das Problem ist, dass die ÖR schon jetzt die Grenzen von Rundfunk immer weiter verschieben. Dass ist an sich ja auch richtig so. Aber sie tun es eben unter Ausschaltung des Marktes mit Gebührengeldern.
6 Milliarden haben ARD und ZDF jährlich zur Verfügung, das sind 2 Milliarden mehr als der BBC, das zweitteurste gebührenfinanzierte System der Welt. Da wir aber nicht ein ehemaliges Weltreich mit Studios zu überziehen haben wie es BBC heute noch tut stellt sich mir die Frage, warum nicht auch (deutlich!) weniger reichen würde. Dafür würde ich gern auf den ein oder anderen “Service” der mir geboten wird verzichten. Auf die Tagesschau-App übrigens nicht so gern, aber auf vieles andere.
7,6 Milliarden Zwangsgelder! Und bald noch mehr.
Die Debatte um die Tagesschau-App war wirklich lächerlich.
Das öffentlich-rechtliche Fernsehn in Deutschland ist vielen ein Dorn im Auge. Durch die Marktgröße und die Lukrativität des Marktes, ist eine Grundversorgung und Medienvielfalt quasi garantiert. Ein Drittel des heutigen öff-rechtl. Angebotes würde genügen.
Ich kann mir gut vorstellen, dass in Schweden, die öff-rechtl. Medien ein viel höheres Ansehen genießen, da durch die geringe Einwohnerzahl Schwedens sich ein so breites privatwirtschaftliches Medienangebot, wie wir es aus Deutschland kennen, einfach nicht lohnt.
Warum bitte schön soll es eine Tagesschau iPhone App geben? Es gibt eine Mobilesite (http://mobil.tagesschau.de/) und die Videoinhalte kann man sich sehr bequem als Podcast runterladen. Wer das Icon der Tagesschau auf seinem Homescreen wünscht, kann sich einfach eins hinzufügen. Und natürlich ist eine iPhone App mit mehr Kosten verbunden. Sie muss konzepiert, gestaltet, gepflegt und weiterentwickelt werden. Ich finde das geht zu weit. Zumal ich das etwas kritischer sehe, weil ich einer der wenigen bin, der wirklich ehrlich seine Gez-Gebühren bezahlt.
Was haben die “Gegner” falsch beurteilt. Dass sie einen Mitbewerber auf einem neuen Feld bekommen, der ihnen Zuschauerpotenzial wegschnappt und auch Werbegelder verloren gehen?
@ Torsten
Ja, wenn man so will, ist das Gesamtsystem das Problem.
@ Marc
Ich würde sagen, das Ansehen der ÖR ist in Deutschland auch nicht so schlecht, oder? Nur die GEZ ist verrufen, und das ist in Schweden die Einzugsbehörde ebenfalls ;)
@ Tayfun
Das Entwicklen einer iPhone App kostet relativ zum Budget gesehen und angesichts von immerhin 800.000 deutschen iPhone-Nutzern Peanuts. So eine App würde auch deutlich mehr Benutzerfreundlichkeit mit sich bringen als eine mobile Safari-Site. Aber wenn du mit dieser zufrieden bist gut so.
@ Daniel
Nein, dass es sich bei einem Anpassen des öffentlich-rechtlichen Angebots – für das ja immerhin ein Großteil der Bundesbürger zahlt – an Veränderungen in der Art der Medienkonsumption um Wettbewerbsverzerrung etc handelt. Und noch mal: Wir sprechen hier über eine einzelne Nachrichtensendung, nicht um das gesamte digitale Angebot.
Wir sprechen nicht von einem einzelnen Angebot, wir sprechen vom Prinzip. Bei solch lautstarken Interventionen geht es um Macht und Geld. In der Schweiz besetzten die Verleger mit ihren lokalen Radio- und TV-Stationen den Markt und wetterten dann so lange lautstark gegen die SRG (öffentlich Rechtliche in der CH), bis sie Gelder vom Gebührentopf für ihre Radio- und TV-Stationen erhielten.
Aus Sicht der Privaten macht es allen Sinn, frühzeitig gegen jede noch so kleine App zu wettern, damit die öffentlich Rechtlichen:
[x] sich jede weitere Produktlancierung genau überlegen
[x] damit sie sich mögliche Gelder sichern
[x] potenzielle Mitbewerber vom Hals halten
Die Aufregung um die App der Tagesschau ist für sich betrachtet lächerlich, doch das Problem, um das es eigentlich geht, ist ernst.
Über Zwangsgebühren (fast so schön wie das Wort Raubkopien) werden in sehr großem Umfang Medienangebote finanziert, die in direkter Konkurrenz zu privaten Medien stehen.
Der TV-Markt zeigt schon, welche Qualität im Free-TV nur noch möglich ist, wenn die anspruchsvolleren Themen von den öffentlich-rechtlichen Sendern besetzt werden.
Wie soll sich ein Sender wie N24 am Markt durchsetzen, wenn ARD und ZDF für ihre Informationsangebote so viel mehr Geld zur Verfügung steht?
Mit dem Medienwandel bzw. der Digitalisierung entsteht für die Zeitungsverlage ein Konkurrenz durch die Rundfunkanstalten. Durch den Trend zu immer mehr Videoinhalten im Netz ist die Wettbewerbsposition der öffentlich-rechtlichen Anbieter umso stärker.
Ich bin gegen eine Beschränkung der Möglichkeiten für die öffentlich-rechtlichen Anbieter. Wenn für viel Geld produzierte Beiträge nach einigen Tagen wieder aus den Mediatheken genommen werden, ist das ganz großer Unfug.
Ich schätze Informationsangebote des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Doch aus grundsätzlichen Erwägungen heraus: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk an sich gehört infragegestellt. Das heißt nicht, das es er unbedingt abgeschafft werden sollte. Aber es ist Zeit für eine ergebnisoffene Diskussion.