Die Nuller Jahre:
Der Anfang der digitalen Ära
Die Nuller Jahre sind das Jahrzehnt, in dem das Internet in der Gesellschaft ankam. Der Anfang einer neuen Epoche. Nicht mehr, aber vor allem nicht weniger.
Auf Spreeblick steht ein Rückblick auf das zu Ende gehende Jahrzehnt und da heißt es unter anderem:
1999 war ein beliebter wie blöder Abi-Spruch „Nach uns die Nullen.“ Arrogant gegenüber jüngeren Mitschülern, aber irgendwie passend für die dann folgenden zehn Jahre. Denn mal ehrlich: War was? Also im Sinne eines erhebenden kulturellen Mythos. Goldene Zwanziger und so?
Vielleicht liegt es an der Sache mit den Bäumen und dem Wald, aber es ist schon bemerkenswert, wenn so eine Frage in einem Blog gestellt wird.
Die Nuller Jahre, wenn wir das Jahrzehnt so nennen wollen, war die Dekade, in der das Internet in der Mitte der Gesellschaft ankam. Stückweise, Schritt für Schritt. Was wir die letzten Jahre gesehen haben, war ein erster Blick darauf, was das Internet bewirkt und bewirken wird. Die Veränderungen der Entertainmentbranchen, allen voran der Musikbranche, und vermehrt der Filmbranche und der TV-Industrie, sind fundamental. Seit einiger Zeit ist auch den Presseverlagen klar geworden, dass das Internet ihre Branche gründlich umkrempeln wird.
Das Internet gibt es schon länger. Aber erst in dieser Dekade ist vielen klar geworden, wie tiefgreifend die Veränderungen sind. Erst in den letzten Jahren sind die Veränderungen im realen Leben spürbar geworden. Unabhängig davon, ob man sich aktiv damit beschäftigt oder nicht. Wir haben über den Medienwandel etwa und die Schwierigkeiten durch die Veränderungen ausführlich geschrieben.
Das alles wird das nächste Jahrzehnt noch sehr viel stärker zunehmen und auch vermehrt in der Mitte der Gesellschaft diskutiert werden. Angefangen hat es in den Nuller Jahren.
Vor einiger Zeit fragte in einer Diskussionsrunde jemand, wo denn die neue Jugendsubkultur bliebe. Jedes Jahrzehnt hatte seine Musik, Anfang des Jahrtausends blieb der Nachfolger für Techno aus. Was stimmt mit der heutigen Jugend nicht?
Interessant an dieser Sichtweise, die auch die von Spreeblick ein wenig widerspiegelt: Der wahre Wandel wird nicht erkannt, weil man an die falsche Stelle schaut – die Oberfläche. Wie viel haben die Subkulturen rund um Rock, Punk, Hip Hop und Techno tatsächlich verändert? Protagonisten haben immer wieder eine Veränderung zumindest der Musikindustrie ausgerufen (Techno etwa wollte den Starrummel rund um Rockstars beenden). Letztlich wurden sie aber mehrheitlich durch die marktwirtschaftlichen Gegebenheiten von der Industrie aufgesaugt, angepasst und ausgespuckt. Tatsächliche gesellschaftliche Veränderungen waren eher marginaler oder gar nur formaler Natur.
Was ist in den letzten zehn Jahren passiert?
Die heutigen Jugendlichen haben mit Filesharing erreicht, was keine musikalische Subkultur in den Jahrzehnten davor schaffte. Sie haben die Musikmajors ins Wanken gebracht. Ob das wünschenswert ist, ist eine andere Frage. Tatsache ist, dass dieser Wandel geschieht. War er von den filesharenden Teenagern geplant? Nein, direkt sicher nicht. Aber als die Musikbranche anfing, jeden Konsumenten, jeden Musikhörer, als potentiellen Dieb und Feind zu sehen, wurde Filesharing urheberrechtlich geschützten Materials für Jugendliche auch persönlich und politisch. Die neuen wirtschaftlichen Umstände durch die veränderte Kostenstruktur ermöglichten ein politisches Agieren, das den Unternehmen erstmals ernsthaft schadete, weil es ihr Geschäftsmodell untergrub (Wohlgemerkt, nur das Geschäftsmodell von Unternehmen, die CDs in Plastikhüllen herstellen.).
Blogs, Wikipedia, YouTube und Social Networks. RSS, BitTorrent und Twitter.
Wir haben die letzten Jahre ansatzweise gesehen, wie stark sich unsere Welt verändern wird. Was es bedeutet, vom industriellen Zeitalter ins digitale überzugehen. Ganze Industriezweige müssen umdenken, weil sich die Dynamiken in ihren Märkten grundsätzlich ändern. Menschen können auf völlig neue Arten kollaborieren und sich organisieren.
Direkte Bezahlung wird für Güter, bei denen man von einer industriellen Massenfertigung komplett zur digitalen, autonomen Verbreitung übergehen kann, nahezu komplett verschwinden. Stattdessen werden Geschäftsmodelle mit indirekten Zahlungsmethoden die industrielle Herangehensweise zunehmend ablösen. Exemplarisch sieht man das an der Musikbranche, weshalb wir auch immer wieder über die Veränderungen im Musikbereich schreiben. Was dort passiert, trifft auch vermehrt andere Wirtschaftszweige.
Nach einer anfänglich überzogenen Euphorie (die Dotcom-Zeit) und dem darauf folgenden Crash hat sich das Internet in der letzten Dekade gewandelt. Es sind nach der Imitation der analogen Welt (Portale), dieses Jahrzehnt die ersten echten Internetangebote entstanden (Social Media). Und das Web zeigt damit langsam, wie stark es die auf das Industrielle eingestellte Gesellschaft verändern wird.
Das ist weitaus mehr Veränderung, mehr kultureller Mythos, und gesellschaftlich umfassender als alles, was die meisten von uns in ihrer Lebenszeit bisher miterleben durften.
Man sollte nicht den Fehler machen, und das Kleinreden dieser Veränderungen von Personen zu glauben, deren Geschäftsmodell auf dem Gestern basiert.
Seit das Internet auf dem Vormarsch ist, ist Wirtschaft das neue Rock’n'Roll.
Man muss nur hinschauen. Und nicht auf Feuerwerke und Revolutionen hoffen, sondern auf tatsächliche Veränderung und konstante Evolution achten. Es kommt für Zeitzeugen vermeintlich langsam und träge, aber tatsächlich heftig für die gesamte Gesellschaft. Positiv wie negativ. Und die letzten zehn Jahre waren der Anfang.
Die Nuller Jahre sind der Anfang einer neuen Epoche. Nicht mehr, aber vor allem nicht weniger.












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Gerade am letzten Wochenende habe ich mit Freunden noch diskutiert, wie sich in diesen 10 Jahren mehr an der Welt verändert hat, als jemals zuvor. Man braucht gar keine Stichworte zu nennen, ironischerweise kamen uns die 90er Jahre dagegen lächerlich und langweilig vor.
Also meine 90′er waren cool, die haben gerockt. Da hab ich viel von dem was ich heut bin und tu und kann gelernt und ausprobiert. Insofern, ich liebe euch digital natives, aber die Neunziger waren Rock’n'Roll, die es den Nullern undden naechsten Jahren das digitale rocken ermoeglicht haben. Und die 20′er sind meine Traumzeit (wenn man auf die heutige geile Technik verzichten koennte;)
Ist wohl alles eine Frage des Blickwinkels. Oder Alters? Wer die Bedrohung UDSSR nicht mehr im Kopf hat, findet wohl die 90er langweilig. Und wer den Aufbruch von 1995-2000 im Internet nicht erlebt hat, glaubt wohl, dass 2000-2009 viel passiert ist.
Am besten ich frag meinen Grossvater (kurz vor 101) wie interessant für ihn die 0er Jahre waren ;-)
Jedes Jahrzehnt hat seine besonderheiten. Aber jeder Mensch erlebt nur ein Jahrzehnt das für ihn aufregend und interssant erscheint. Es ist ganz sicher eine sache des Alters (wann man ein Teenager war!)
jedes Jahrzehnt hat etwas mit sich gebracht was man später noch seinen Kinden erzählen wird, wenn man über seine Jugend erzählt. Wenn die jetzt schon erwachsenen über die 00er erzählen sollen wird ihnen nix aufregendes einfallen. Aber allen Teenagern in den 00ern wird etwas einfallen, wie den Teenager aus den 90ern ;-)
@Daniel Niklaus: Es ist immer wieder beeindruckend, wie Du in Deinen Kommentaren zeigst, dass in Deiner Welt alles in der zweiten Hälfte der Neunziger passiert ist, was passieren kann, und danach die Erde aufgehört hat, sich weiter zu drehen.
Habe gerade neulich eine ähnliche Debatte geführt und bin zu einem ganz ähnlichen Ergebnis gekommen. Für mich prägend war die Ankunft des Internets im absoluten Mainstream.
Natürlich gibt es viele, die versuchen, die Prägungen dieses Jahrzehnts mit denen der vorherigen Jahrzehnte zu vergleichen.
- Welche Musik war prägend? Wenn man böse sein will, könnte man sagen, die prägende Musik der 0er-Jahre waren Jamba-Klingeltöne.
- Welche Jugendsubkultur war prägend? Da könnte man fast schon sagen, die der Computerfreaks. Wenn man so weit gehen möchte.
Ich finde, es gab nicht mehr DIE große Bewegung, Subkultur oder ähnliches. Aber ich sehe das eher als Beleg für die Auswirkungen des Internets. Heutzutage wird doch alles dermaßen individualisiert, Autos werden auf individuell “gepimpt”, PCs werden “gemoddet”, alles wird “gecustomized”. Dadurch zerfällt vieles in kleine Bruchteile und eine große Gesamtbewegung lässt sich nicht auf Anhieb erkennen. Udn ich denke, da war das Internet ein großer Motor für.
Vielleicht könnte man also höchstens sagen, die 0er-Jare waren geprägt von der Kultur der Individualisierung.
i love that pic! it reflects exactly the world we have today and this is digital era! great post!
Allgemein ist für das Informationszeitalter eine Beschleunigung des technisch-wissenschaftlichen Fortschritts charakteristisch. Man wird wahrscheinlich bald nicht mehr in Dekaden, sondern in 5 oder 3 Jahresrhythmen messen müssen… Welche Transformationen gegenwärtig meiner Meinung nach am Bedeutendsten sind, sind die zunehmende Virtualisierung menschlicher Existenz (Kopfkino) und das Outsourcing von Reflexion zugunsten digitaler Behaglichkeit. Und das meine ich nicht ablehnend (bin selber ein faszinierter Teilnehmer dieser Trends)