Vom Hype zur Reifephase:
Wie das Web erwachsen geworden ist

Vor zwei Jahren gab es nichts Besseres, als täglich neue Web-Startups testen zu können. Wer sich durchsetzen würde, war völlig ungewiss. Mittlerweile ist das Web gereift, Territorien sind abgesteckt und Marktführer haben sich etabliert. Das hat Konsequenzen.

Als ich im Frühjahr 2007 mit dem Bloggen rund um Internet-Themen begann, war das Web 2.0 gerade richtig am aufblühen. Tagtäglich erblickten neue Startups das Licht der Internetwelt. Eine der wichtigsten und interessantesten Aufgaben war es daher, die große Zahl der Neulinge zu sichten und zu testen. Zwischen den vielen belanglosen Diensten fanden sich nicht selten richtige Perlen, und in den meisten Bereichen gab es noch keinen klaren Sieger.

Heute, zweieinhalb Jahre später, sieht das alles etwas anders aus. Das Web 2.0 ist zum Social Web oder zu Social Media geworden und deutlich gereift. Mit bunten Logos und Spiegeleffekten allein lässt sich heute niemand mehr beeindrucken, stattdessen wird verstärkt auf das Vorhandensein tragfähiger Geschäftsmodelle Wert gelegt. Anders als 2007 haben sich in den verschiedenen Sektoren des Webs Marktführer etabliert, die einen Großteil der Funktionalität mit sich bringen, die ich mir in der Anfangszeit des Web 2.0 innig gewünscht habe.

Natürlich sind die heute tonangebenden Anbieter bei weitem nicht perfekt. Aber genau so wenig wie ich mich für kurze Videoschnippsel nach einer Alternative zu YouTube oder für Social Networking nach einer Alternative zu Facebook sehne, fehlt es mir an einer Ausweichmöglichkeit zu Spotify für (kostenloses) Musikstreaming (anders als in Deutschland zum Glück hier in Schweden verfügbar), an einer zu Dropbox für bequemes Synchronisieren und Teilen von Dateien, an einer zu Skype für kostengünstiges VoIP oder an einer zu Xing oder LinkedIn für geschäftliches Social Networking. Nur um einige Beispiele zu nennen.

Das Erwachsenwerden des Web hat auch zu einem Reifeprozess der verfügbaren Services geführt. Sukzessive haben diese ihre Angebote ausgebaut und ihren Funktionsumfang an die Ansprüche der User angepasst.

Abgesehen von einigen Ausnahmen (z.B. Videostreaming à la Hulu, das es in dieser Form in Europa bisher noch nicht gibt) ist es der Webbranche gelungen, im Jahr 2009 die “Grundbedürfnisse” der Nutzerschaft rund um den digitalen Alltag einigermaßen zu befriedigen.

Diese Grundbedürfnisse waren es, die mich vor zwei Jahren angetrieben haben, jeden Tag bei Killerstartups, beim Web 2.0 Sammelalbum oder beim Museum of Modern Betas von meinem Kollegen Markus reinzuschauen und viele Stunden darin zu investieren, eine Vielzahl neuer Dienste auszuprobieren – und dabei meine Zeit unweigerlich mit einer ganzen Reihe einfallsloser Copycats und wenig sinnvoller Tools zu verschwenden.

Nun, da meine digitalen Grundbedürfnisse im Großen und Ganzen erfüllt zu sein scheinen, ist dieser Aufwand nicht mehr notwendig. Heute weiß ich nicht mehr so genau wie früher, nach welcher Art von Innovation ich suche. Schon Twitter war weniger eine Applikation, nach der ich mich seit Ewigkeiten gesehnt habe. Stattdessen erkannte ich ihren Wert erst, nachdem ich mich längere Zeit mit Twitter auseinandergesetzt habe. Ähnlich ging es mir bei ortsbezogenen, mobilen Services wie Foursquare oder Gowalla.

Die nächste Generation innovativer Webanbieter wird in verstärktem Maße Bedürfnisse erfüllen, von denen viele Nutzer nicht wussten, dass sie sie haben. Im Klartext heißt das: Sie werden Bedürfnisse schaffen. Das kann prächtig funktionieren, wie das Beispiel Twitter zeigt. Nur der Anfang ist schwieriger, weil Neunutzer nicht automatisch – wiebei Spotify oder Hulu – Schlange stehen.

Das Web ist gereift, der anfängliche Enthusiasmus über die große Zahl an Neugründungen einem pragmatischen Realismus gewichen: Wer nicht auf Anhieb besser ist als die führenden Webgrößen, der hat keine Chance. Nur wer anders ist, kann es schaffen. Kreativität und Denken außerhalb der eingetretenen Pfade ist wichtiger denn je. Google Wave macht es vor. Eine Erfolgsgarantie gibt es aber auch dafür nicht.

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

9 Kommentare

  1. Das Web/Internet als erwachsen zu bezeichnen, ist das nicht schon Blasphemie?

  2. Dasselbe Gefühl hatte ich 2003. Aber ich gehöre ja auch zur 1.0er Fraktion ;-)

  3. @ LexX
    Kannst du das noch etwas ausführen? Ich erkenne den Zusammenhang zu Blasphemie nicht?

    @ Daniel
    Ja und vermutlich wird sich im Jahr 2014 das Jahr 2009 zurückblickend auch wieder wie die Anfänge anfühlen.

  4. Die Annahme, die Grundbedürfnisse an Internet-Tools seinen befriedigt halte ich für völlig falsch. Noch hat sich das Interface der Internet-Technik nicht genug an den Menschen und seine Bedürfnisse angepasst. Der Weg vom Personalcomputer hin zu “kleinen tragbaren Kästchen” ist noch nicht zuende gegangen, um mal mit der Hardware anzufangen. Hier wird es in den nächsten 20 Jahren sicher noch “anschmiegsamere” Interfaces geben. Die Software ist noch viel zu sehr auf einzelne Nutzen zugeschneidert. Als nächstes erwarte ich da zB einen Browser, der alles auf einmal kann: rezipieren, sampeln, sammeln, exzerptieren, publizieren und das durch alle Medienformen. Außerdem wird es sicher noch viel mehr Helferlein geben müssen, die den Menschen helfen die Informationsvielfalt individuell zu verarbeiten.
    3D Internet, globale Vernetzung, ökologische Server, …
    und und und – wir werden noch sehr viel mehr brauchen bis die Technik hilft beim Leben. Noch ist sie eine kantige Prothese des Menschen.Zur Zeit zeigen die Ansätze um augmented Reality wie das Internet vielleicht in den realen Raum und die Mobilität integriert werden kann.

  5. Nun ist der Begriff “Grundbedürfnisse” im Zusammenhang mit dem Web ja eine Eigenkreation von mir. Aber ist es wirklich so, dass du seit jeher darauf wartest, mit einem Mobilgerät durch die Gegend laufen und über das Kamerabild gelegte Hinweise zur Umgebung erhalten zu erhalten? Oder auf ökologische Server? Oder auf den beschriebenen Über-Browser?

    Zumindest in meinen Augen sind da alles Dinge, die zwar sehr nützlich/wichtig sind oder eines Tages unverzichtbar sein werden – die aber dennoch weniger die Pflicht, als eher die Kür sind.

    Die Frage beantwortest du womöglich anders als ich. Für mich sind das im Vergleich zu den “Essentials” wie Kommunikation oder einfachem Zugang zu digitalen Medien eher fortgeschrittene Aspekte der Digitalisierung – über mein persönliches, heutiges Grundbedürfnis hinaus.

  6. “Grundbedürfnisse” finde ich ein gutes Wort, darunter sollte man sich nicht zufrieden geben. Wenn der Mensch als intelligentes Wesen sich ein Netz von von Individual-Intelligenzen knüpft, dessen Beginn, Möglichkeiten und Auswirkungen wir gerade erst erahnen, dann will er das nicht dauerhaft mit hohem Zeitaufwand an Softwareneulernen, Akkuaufladen, Gadgetneukaufen, Workflowneuerfinden usw bezahlen, sondern selbstverständlich benutzen: Beim Gehen, stehen, denken und handeln. Da können wir heute nicht mit krummem Rücken von der Sonne geblendet vor unseren Laptops sitzen, neue 100 Minimalhelferlein (zB Twitteradder) um ein etwas größeres Helferlein wie Twitter herunterladen und das alles schon ganz schön finden. Nein da will ich noch mehr – bzw viel weniger :-). Klar – das dauert noch – nur jetzt nicht aufgeben…

  7. Das Web für Desktop PCs und Notebooks, die stationär gebraucht werden ist erwachsen. Das Web hat sich in den letzten Jahren so rasant entwickelt, dass jeder einzelne damit überfordert ist, alle interessanten Anwendungen zu prüfen und auszuprobieren. Wir sehnen uns eigentlich alle nach Anwendungen die das Internet für uns tägliches Leben effektiver und nützlicher machen. Und da haben in den letzten Jahren eher Anwendungen wie Twitter (Mikroblog) oder Skype geboomt, als beispielsweise Second Life, die ein unglaublich unnötiger und ineffizienter Zeitfresser sind. Die informationelle Überversorgung zwingt uns zu einer effektiveren Benutzung des Internets. Spannend werden in Zukunft Web-Anwendungen für Smartphones sein.
    Der Smartphone Markt ist extrem umkämpft, und mittlerweile gibt es eine Handvoll Betriebssysteme, die um neue Kunden wetteifern und alle eine unterschiedliche Strategie haben: Open-Source vs. Proprietär, manche haben App Markets und manche nicht: OS iPhone, Android, Symbian, Windows Mobile, Maeno (Nokia), Palm Pre OS, Blackberry.

    Mit der Einführung des UMTS/HSDPA Nachfolgers LTE wird das mobile Internet noch schneller, und es sind weitere technische Fortschritte im Display Bereich sowie bei Akkus zu erwarten.

    Spannende Anwendungen sind z.B. Augmented Reality, Mobile GPS Anwendungen wie Navigationssysteme und effizientere Kommunikationssysteme wie Google Wave oder Mozilla Raindrop. Ich glaube, wir können uns noch gar nicht vorstellen, wie das Mobile Web das Leben verändern wird. Smartphones werden immer besser und billiger und immer mehr Leute die Ihre Handyverträge verlängern, steigen vom normalen Handy mit ausschließlicher SMS/Telefonie Benutzung auf ein Smartphone mit Datenflatrate um. Mit diesem Smartphone haben sie einen permanenten Zugang zum Internet und benutzen unterwegs Anwendungen wie Google Maps, Augmented Reality, Wikipedia, Produktcodescanning, etc.. Vor jedem Restaurantbesuch, vor jeder Begegnung mit einem neuen Menschen können wir uns über das Restaurant oder den Menschen per Internet informieren.
    Wir können beim Taxifahren per Navisoftware überprüfen, ob der Taxifahrer auch tatsächlich die schnellste Route fährt.Wir können von jedem Ereignis auf der Strasse Zeitzeuge sein, mitfilmen und es per Internet/Mail weiterverbreiten. Kurzum, das Mobile Web ermöglicht uns mit unserem mobilen Dauerbegleiter eine neue Informationsmacht, deren weitere Anwendungsfelder wir noch gar nicht abschätzen können.

  8. Ich glaube, es wird noch vieles geben, was uns in Zukunft genauso wie jetzt Youtube oder Flickr beeinflussen wird. Auch dass die große Zeit neuer Internetdienste vorbei ist, glaube ich nicht. Der Vorteil gerade jetzt ist doch, dass man von den zahlreichen Erfahrungen profitieren kann, die gemacht wurden. So hat sich an vielen Stellen gezeigt, was funktioniert und was nicht. Das wird noch zu richtig spannenden Ideen führen, die vielleicht nur funktionieren, weil bisherige Erfahrungen berücksichtigt werden.

  9. Ich denk das Internet ist eher ein zeitloses Medium! Auch wenn es langsam aber sicher altert, wird es doch immer jung bleiben, da sich die vergangen Tage des Internets immer wieder finden lässt. Ich sehe das Internet als unbestimmbares Medium, was man zeitlich nicht defenieren kann. Außer natürlich den Start des Internets.

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