Die typische Nutzungsverteilung bei Webdiensten

Marcel Weiss, 19. Oktober 2009 18:50 Uhr, 2 Kommentare Kommentare

Es ist völlig normal und nachvollziehbar, dass bei populären Webdiensten der passive Long Tail der Nutzer überwiegt.

Man kann seine Uhr (oder wenn man Glück hat seinen Kalender) danach stellen: Regelmäßig werden Nutzerzahlen eines beliebten Webangebots veröffentlicht und Journalisten oder Blogger schließen aus diesen Zahlen dann überrascht, dass das Angebot die Nutzer nicht erreicht. Warum? Weil nur ein Bruchteil der angemeldeten Nutzer sehr aktiv, ein etwas größerer Teil aktiv und ein sehr großer Teil, die Mehrheit, nur selten oder gar nicht aktiv ist.

Beispiel Twitter: Immer wieder kursieren Untersuchungen, die zeigen, dass die Mehrheit der Twitter-Nutzer gar nicht oder nur selten etwas auf dem Dienst veröffentlicht.

Eine Untersuchung im Juli diesen Jahres ergab unter anderem, dass seinerzeit nur fünf Prozent der Twitter-Nutzer verantwortlich sind für 75 Prozent der Aktivitäten auf Twitter. Ähnliche Zahlen werden immer wieder veröffentlicht. Holger Schmidt von der FAZ schlussfolgert aus aktuelleren Zahlen für die Nutzerverteilung auf Twitter in Deutschland:

Offenbar ist die Einstiegshürde für viele Twitter-Interessenten weiterhin zu hoch. Immer mehr Interessenten scheinen auch nur als passive Leser an den Informationen interessiert zu sein, die auf Twitter verteilt werden, ohne selbst twittern zu wollen.

Dabei ist diese Nutzer-Verteilung mit dem passiven Long Tail völlig normal. Bei Twitter und auch bei anderen Webdiensten. Der Grund für diese Verteilung ist das genaue Gegenteil: Die Einstiegshürde, also einen Account anlegen, ist oft relativ niedrig.

Das Anlegen eines Accounts ist einfach und in der Regel bei Consumerangeboten kostenlos. Nicht wenige Dienste lassen sich sogar ohne Account passiv nutzen. Das alles führt dazu, dass Leute einfach mal probieren und so erkennen, ob sie Video, Audio oder Text produzieren oder nur konsumieren wollen, oder gar nichts davon.

Das gilt für Wikipedia (geringe Zahl an tatsächlich Artikel bearbeitenden Menschen, sehr hohe Zahl an Lesern), YouTube (geringe Zahl an tatsächlich Videos hochladenden Nutzern, hohe Zahl an Zuschauern) oder Twitter (hohe Zahl an passiven Nutzern, die nur Tweets abonnieren und lesen oder wenig schreiben, geringere Zahl an Twitterern, die viel schreiben).

Das alles ist nicht verwunderlich und auch nichts Schlechtes. Im Gegenteil:

Wenn die Zahl der konsumierenden Nutzer höher ist als die der produzierenden, dann spricht das für die Qualität der erzeugten Inhalte. Denn die Inhalte haben dann mehr Menschen erreicht, als nur die, die am Erstellen dieser Inhalte interessiert sind. Denn alle Inhalte, welche nicht völlig obskur am Rande der Gesellschaft existieren, können theoretisch immer mehr interessierte Konsumenten als Produzenten für sich behaupten, weil Konsum die leichter zu erreichende Vorstufe auf der Interessensleiter ist.

Wenn nun Facebook Connect und/oder Googles Friend Connect und/oder OpenID an Verbreitung gewinnen, wird diese Verteilung sich noch weiter verschieben. Noch mehr Nutzer werden angemeldet aber inaktiv sein. Nicht weil sie ‘fauler’ oder desinteressierter geworden sind oder weil ein vermeintlicher Hype zu Ende geht, sondern weil das Anmelden, das Ausprobieren, einfacher wird. Und damit auch das passive oder semipassive Konsumieren.

Und das ist eine gute Sache. Denn die niedrigeren Einstiegsbarrieren bedeuten, dass mehr Leute herausfinden werden, welche Angebote im Web ihnen mehr und welche ihnen weniger liegen. Angebot und Nachfrage werden sich noch besser finden.

Angelegte, aber inaktive Accounts sind lediglich zurückgebliebene Spuren dieses völlig normalen Findungsprozesses.

(Foto: guiguibu91; CC-Lizenz )

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2 Kommentare

  1. Ulrike Langer
    schrieb am 20. Oktober 2009 um 09:46 Uhr (#)

    Ich stimme Dir absolut zu, dass bei Twitter das typische Long Tail Verbreitungsmuster in Erscheinung tritt. Mit vielen weiteren Beispielen hat Chris Anderson das ja auch belegt. Ich glaube aber nicht, dass die Einfachheit von Twitter viel damit zu tun hat. Eher schon der Medienhype im Frühjahr 2009 mit Hudson River, Iran, @aplusk vs. @cnnbrk im Rennen um die erste Million Follower, etc. Gerade in der Zeit haben sich extrem viel neue Nutzer aus Neugier bei Twitter angemeldet, aber nie einen Tweet verfasst. Inzwischen ist ja die Anstiegskurve abgeflacht.

    Bei Second Life – auf dem Höhepunkt des Hypes vor knapp zwei Jahren – gab es die gleiche Diskrepanz zwischen Neuanmeldungen und aktiven Usern. Und Second Life ist (und war vor allem damals) ganz bestimmt kein Beispiel für einen Dienst mit niedriger Einstiegshürde.

  2. Steffen
    schrieb am 21. Oktober 2009 um 18:50 Uhr (#)

    Sehr guter Artikel! Die 1%-Regel gilt einfach fast überall und ist auch einfach erklärt: die meisten menschen schreiben nunmal deutlich langsamer als sie lesen (oder besser “scannen”). Informations-Konsolidierung wird daher immer wichtiger. Das zeigen ja nicht zuletzt die wie Pilze aus dem Boden sprießenden Social Media-Aggregatoren.

    Wikipedia ist aber für mich persönlich tatsächlich am Ende: wenn nur noch Artikel auf pseudowissenschaftlichem Niveau entstehen, die immer erstmal 3 Seiten Einleitung und Historie brauchen und am Ende keinerlei wirklich weiter helfende Verlinkungen mehr haben dürfen ist das Ding für mich so nützlich (aber auch spannend) wie BR-Alpha um Mitternacht.

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