Hyperdistribution:
Wie Inhalte durch das Netz reisen

Je mehr Menschen einen online publizierten Artikel lesen, desto größer das Potenzial zur (direkten oder indirekten) Monetarisierung. Hyperdistribution erhöht die Reichweite von Inhalten und spannt dazu die Leser ein. Ein konkretes Beispiel.

Im Rahmen der Debatte um die Zukunft des Journalismus fällt immer öfter der Begriff “Hyperdistribution” (alternativ auch Superdistribution). Dieser bezeichnet ein Konzept, bei dem Inhalte über möglichst viele Kanäle des Internets verbreitet werden. Hyperdistribution ist das Gegenstück zur Exklusivität, bei der Content lediglich über eine kontrollierte Quelle (z.B. ein Printmagazin oder einen kostenpflichtigen Internetdienst) zugänglich gemacht wird.

Das Ziel von Hyperdistribution ist es, durch eine radikale Erhöhung der Reichweite die direkten und indirekten Möglichkeiten zur Monetarisierung von journalistischen Inhalten zu verbessern (Werbung, E-Commerce etc.) und damit ggf. auch wegbrechende Einnahmen aus dem Printgeschäft auszugleichen.

Ein elementarer Teil der Hyperdistribution-Strategie ist es, die virale Verbreitung des Contents von Anwender zu Anwender durch entsprechende Sharing-Funktionen (Bereitstellung von Codes zur Verlinkung, Twitter- und Facebook-Anbindung, Widgets, extern einbettbare Elemente etc.) zu unterstützen.

Wie eine erfolgreiche Hyperdistribution auf Nutzerseite ablaufen kann, möchte ich an einem praktischen Beispiel illustrieren: Ironischerweise war es ein (sehr lesenwerter) Blogeintrag zur Frage, ob statt Hyperdistribution nicht eine starke Medienmarke die bessere Strategie für Inhalteanbieter sei, der mir am Samstag via Twitter unter die Augen kam und dann von mir über verschiedene Kanäle weiterverbreitet wurde.

Hyperdistribution aus Nutzersicht am Beispiel:

1. Sebastian Matthes twittert den Link zum genannten Artikel – er wurde über einen Tweet von Markus Albers auf den Beitrag aufmerksam
2. Ich lese den Artikel und empfehle ihn anschließend per Retweet meinen Followern bei Twitter.
3. Ich bookmarke den Artikel öffentlich bei Diigo, einem sehr praktischen Social-Bookmarking-Dienst.
4. Automatisch wird der Link via Twitter und Diigo in meinen FriendFeed-, Lifestream.fm- und myON-ID-Stream importiert.
5. Bei Mister Wong werden sämtliche Links zusammengestellt, die ich bei Twitter publiziert habe – so auch der angesprochene Artikel.
6. Über das Google Reader-Bookmarklet füge ich den Artikel zu meinen “Shared Items” hinzu. Jeder meiner Google Reader-Follower sieht so den Beitrag.
7. Über Facebook und per E-Mail versende ich den Link an ausgewählte Personen, die das Thema interessieren könnte und von denen ich weiß, dass sie keine der oben genannten Dienste verwenden.
8. Nicht zuletzt verweise ich auch in diesem Blogbeitrag auf den Artikel.

Wohlgemerkt bin ich nicht der einzige, der diesen oder andere lesenswerte Artikel auf den beschriebenen (oder ähnlichen) Wegen weiterverbreitet.

Hyperdistribution kann durch eine aktive Beteiligung der Leser zu hunderten oder tausenden neuer, als Schwarm auftretender Besucher führen – von denen manch einer auf eine Anzeige klickt oder zum Stammleser wird (und dadurch zu einem späteren Zeitpunkt zur Monetarisierung beitragen könnte). Und das – abgesehen von minimalen Kosten durch erhöhten Traffic – ohne finanziellen Aufwand.

Inhalteanbietern, die ihre Reichweite und Bekanntheit im Netz erhöhen wollen, tun gut daran, sich mit dem Thema Hyperdistribution auseinanderzusetzen. Jeder neue Nutzer, der mit dem erstellten Content in Berührung kommt, kann mittelfristig zu dessen Monetarisierung beitragen.

The Business Insider zeigt, wie weit Hyperdistribution gehen kann: Artikel können auf beliebigen externen Seiten eingebettet werden. Ein Beispiel:

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11 Kommentare

  1. Sebastian Werner
    schrieb am 8. September 2009 um 20:01 Uhr (#)

    Mir ist schwindelig. Jetzt fehlt nur noch ein Redundanz-Reducer, der in dem eigenem Stream doppelte Items erkennt und eliminiert :)

  2. Oliver Springer
    schrieb am 8. September 2009 um 20:29 Uhr (#)

    Gerade für die Onlineausgaben von Zeitungen bestehen große Chancen durch verbesserte Nutzung von Hyperdistribution.

    Die Möglichkeit, Artikel einzubetten, finde ich besonders spannend. Darüber könnten Werbeflächen der Inhalteproduzenten gleich mit eingebunden werden. Im Gegensatz zu Zitaten oder Teasern gibt es bei der vollständigen Einbettung eines fremden Artikels ja keine Notwendigkeit, die Website zu besuchen, von der der Inhalt kommt, was bei Geschäftsmodellen, die auf Werbung basieren, problematisch ist.

    Die Werbung sollte also gemeinsam mit den Inhalten auf die Reise gehen.

    Einen ganz großen Einwand sehe ich gegenüber Hyperdistribution durch normale User (im Gegensatz zu Bloggern etc.): Nicht bei allen, aber bei vielen Verteilungsarten wird öffentlich, dass der Nutzer den betreffenden Artikel empfiehlt.

    Gelegentlich einen harmlosen Artikel zu empfehlen, wird dem eigenen Ruf nicht schaden.Aber möchtet Ihr wirklich, dass alle Welt regelmäßig und dauerhaft sehen kann, welche Artikel Ihr lest bzw. womit Ihr Euch beschäftigt?

  3. Schreibt hier auf dem Blog Marcel Weiss
    schrieb am 8. September 2009 um 20:43 Uhr (#)

    @Oliver Springer: Als jemand, der die Rettung der Medien im Paid Content sieht, müsstest Du doch aber die Möglichkeiten von Hyperdistribution eher als nicht besonders hoch einschätzen, oder?

  4. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 8. September 2009 um 22:18 Uhr (#)

    @ Sebastian
    Exakt. Mit Yahoo Pipes gibt es sowas ja auch schon in Ansätzen, nur noch nicht angepasst an das Echtzeitweb.

    @ Oliver
    Ja ich denke auch, dass Business Insider früher oder später auch Anzeigen integrieren wird.

    Was geteilte Artikel betrifft: So lange der User die Kontrolle darüber hat, was er mit wem teilt, sehe ich da kein Problem. In meinen Shared Items bei Google oder in meinem FriendFeed-Stream landet ja nur das, was ich “vorselektiert” und für die Publikation in meinem Stream ausgewählt habe.

  5. Das Wort
    schrieb am 10. September 2009 um 00:00 Uhr (#)

    Keine Frage, das ist ja bereits die Gegenwart und wird in Zukunft immer stärker als wichtigste Form der Verbreitung gelten.
    Nur wer sich offen der Öffentlichkeit stellt und keine Angst vor der multiplen Verbreitung seiner Inhalte hat, wird am Ende der Gewinner sein, bzw wird im Gespräch bleiben und damit auch Einnahmen generieren.
    Alte Geschäftsmodelle werden Reihenweise den Bach runtergehen, wer nicht mit der Zeit geht, dem wird die Zeit einholen, das war schon immer so und trifft gerade im Internetzeitalter verstärkt zu.

  6. Martin
    schrieb am 20. September 2009 um 23:19 Uhr (#)

    Hi Martin,

    im Prinzip interessant, aber ich glaube, du bringst hier zwei Sachen durcheinander. Superdistribution meint die Verbreitung von Inhalten über diverse Kanäle und Verzweigungen, im DRM z.B. auch von User 1 zu User 2, nachdem User 1 den Inhalt beim Anbieter gekauft hat. Soweit korrekt.

    Die Verlinkungen auf diese Inhalte haben damit aber nichts zu tun! Denn dort wird ja kein Inhalt transportiert (“distributiert”), sondern “nur” eine Empfehlung. Diese mag zwar sehr wertvoll sein, ist aber kein Bestandteil der Superdistribution. In deinem Artikel zu last.fm wird ja auch prima deutlich, dass gerade die Box die tolle Idee ist und nicht ein Tweet o.ä. mit Link auf die Website des Anbieters. Daher zeigt dein Beispiel von 1.-8. leider auch kein Beispiel für Superdistribution.

    Aus meiner Sicht etwas irreführend ist zudem der Hinweis auf die “kontrollierte Quelle” als Gegenstück zur Superdistribution. Kontrolle und Superdistribution schließen sich keineswegs aus. Im Gegenteil. Geschäftsmodelle, die eine gewisse Kontrolle ermöglichen, sind für die Anbieter besonders interessant und dementsprechend heute weit verbreitet. Siehe dazu auch die Beispiele in Jeffs Artikel unter “API”. Selbst diese – vermeintlich offenste – Form der Superdistribution unterliegt fast immer Auflagen.

  7. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 20. September 2009 um 23:34 Uhr (#)

    Martin, ich verstehe zwar, was du meinst, sehe aber kein Problem darin, auch Empfehlungen per Link als Teil der Super- oder Hyperdistribution zu sehen. Reine Definitionssache. Das Konzept ist relativ jung, und Definitionen dafür sind noch lange nicht finalisiert ;)

    Onlineinhalte, die im engen Sinn kontrolliert angeboten werden, also nur nach Anmeldung und/oder Zahlung zugänglich gemacht werden, halte ich durchaus für das Gegenstück zur Hyperdistribution. Weil diese bei derartigem Content kaum möglich ist. Mein Verweis auf “Exklusivität” bezog sich also nicht auf APIs o.ä. und nicht auf Kontrolle in dem Sinne, dass dort keinerlei Nutzungsmuster getrackt werden – das kann natürlich auch bei Hyperdistribution stattfinden. Bzw. sollte sogar.

  8. fitolermen
    schrieb am 10. Oktober 2009 um 04:04 Uhr (#)

    Grüsse. Für einen Kunden habe ich gerade folgenden Hyperdistributions work-flow entwickelt. Fehlt noch ein Dienst? Wie kann man das noch vereinfachen, abstrahieren und automatisieren?

    Am liebesten wäre mir ein Hyperdistributions-Content-Management-System. Dropico könnte da so ein Baustein sein. http://techcrunch.com/200…oss-social-networks/

    Hier der Workflow

    1. Ausgewählte (favorite) Bilder in einem sozialem Ning Netzwerk auf der Startseite als 3×2 Raster darstellen. Sie bilden damit ein Preview-Photo das neugierig machen soll.
    2. Davon einen Screenshot machen mit Skitch
    3. Mit der Skitch Text-Funktion ein Branding und Datum einfügen (mit Textmacro)
    4. Auf Desktop speichern
    5. Auf Flickr Uploader ziehen
    6. Das neue Flickr Photo in einem weiteren Ning Netzwerk mit Flickr Ning Embedder importieren.
    7. Photo Seite im zweiten Ning Netzwerk aufrufen und mit
    tumblr bookmarklet als Photo in einem tumblr blog publizieren.

    (Mit der tumblr app wird das Photo automatisch auf eine Facebook Profilseite in den Stream geposted. Mit Twitterfeed werden Tweets auf mehreren Twitter-Profilen erzeugt.)

    8. Photo manuell in facebook fan page laden
    9. Photo manuell in facebook group laden
    10. Dort jeweils alle Fans/Mitglieder über neues Preview-Photo informieren.
    11. Dort jeweils Status-Message produzieren.

    12. In dem zweiten Ning Social Network die Slideshow der 6 Einzelbilder (der 3×2 Preview-Photo Arrays) mit Snapz Pro als Video aufnehmen.
    13. Diesen Video auf YouTube hochladen
    (Der Video wird automatisch in den Profil-Stream auf dem Facebook Profil gepostet).
    14. Mit Polldaddy einen Poll generieren der abfrägt welche der 6 abgebildeten Produkte (3×2 Preview-Photo Array) am besten gefällt.
    15. Diesen Poll in eine Textbox auf beiden Ning Netzwerken rechts positionieren (kann auch von Besuchern bewertet werden).
    16. Daneben das Preview-Photo auf der Hauptseite positionieren (Blog eintrag mit Hinweis auf den Poll daneben).
    17. Ein html-E-Mail distribuiert die Botschaft an verschiedene Yahoogroups und Blooger-Seiten.

    18. Als zweite Welle und Erinnerung an die Kampagne nach einer Woche die Ergebnisse auf allen Hyperdistributionskanälen kommunizieren.

    Ning, Facebook, Polldaddy müssen dafür getrennt bearbeitet werden (lästig!)

    Twitter, YouTube übernehmen Posts von anderen Diensten automatisch.

    YahooGroups, Blogger können mit einem einfachen Email gepflegt werden.

    Wem jetzt nicht der Kopf schwirrt darf sich setzen.

    Danke
    fom

    P.S. und klar fehlt ein “d” – hab mich vertippt

  9. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 10. Oktober 2009 um 09:20 Uhr (#)

    @ fitolermen
    Ja da ist halt sehr viel manuelle Arbeit dabei.

  10. Heike Tharun
    schrieb am 10. Juni 2010 um 09:46 Uhr (#)

    “und dadurch zu einem späteren Zeitpunkt zur Monetarisierung beitragen könnte”…Wie hat man sich das vorzustellen?

  11. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 10. Juni 2010 um 09:53 Uhr (#)

    Der Satz davor gehört zum Zitat:

    von denen manch einer auf eine Anzeige klickt oder zum Stammleser wird (und dadurch zu einem späteren Zeitpunkt zur Monetarisierung beitragen könnte).

    Stammleser, die regelmäßig wiederkommen, klicken vielleicht später auf Werbung, entscheiden sich für ein Print-Abo, downloaden eine kostenpflichtige iPad-App, kaufen Produkte aus einem angeschlossenen Onlineshop etc etc

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