iLike-Verkauf:
Warum Facebook kein
“Social Operating System” ist

Das Startup iLike, das eine der erfolgreichsten Facebook-Apps überhaupt betreibt, ist an MySpace verkauft worden — für einen Preis, der weit unter allen Erwartungen lag. Das zeigt: Facebook ist weder ein “Social Operating System” noch eine brauchbare Plattform für ernsthafte Startups.

iLike ermöglicht es den Benutzern, ihre Lieblingsmusik zu registieren, Playlists mit anderen auszutauschen und auf musikbezogene Inhalte zuzugreifen. Nach Angaben der Firma haben sich stolze 50 Millionen User auf iLike registiert, quer über die wichtigsten Social Networks verteilt. Und besonders erfolgreich war die Applikation auf der marktführenden Plattform: Faktisch ist iLike die inoffizielle Default-Musikanwendung für Facebook. Die Applikation war seit Bestehen immer unter den Top 10 der Facebook-Apps und hat rasantes Wachstum erlebt.

Doch angeblich schon seit letztem Jahr suchte iLike einen Käufer für die Firma. Trotz der stolzen Userzahlen wollten sich die nötigen Umsätze nicht einstellen. iLike hatte zwar — im Gegensatz zu anderen Musikstartups — keine Zahlungen an die Plattenfirmen zu leisten, weil keine Musik gestreamt wurde. Aber die beträchtlichen Serverressourcen gingen ins Geld, die Werbeeinnahmen blieben hingegen sparsam. Und iLikes Erfolg wurde immer mehr durch die eigenen Musikanwendungen der Social-Network-Betreiber gefährdet. MySpace ging kürzlich mit MySpace Music live, und Facebook arbeitet schon seit einiger Zeit an ähnlichen Plänen.

Nun wurde iLike für angeblich 20 Millionen Dollar an MySpace verkauft. Das hört sich zunächst nicht schlecht an, aber verschiedene Investoren hatten zuvor satte 16.5 Millionen in die Firma gesteckt und werden nach den üblichen Regeln fast das ganze Geld bekommen. Für die Gründer wird am Schluss fast mit Sicherheit kaum etwas übrigbleiben, und ein echtes Geschäft hat mit dem Deal garantiert niemand gemacht. Das ist ein sehr enttäuschendes Resultat für eine Firma, die als Vorzeigeunternehmen für Social-Network-App-Startups galt und einst als Kandidat für einen Börsengang gehandelt wurde.

Was lief hier schief?

Der tiefere Grund für diesen Flop liegt nicht nur im dünnen Businessmodell, das iLike verfolgte, sondern in der Problematik, ein Unternehmen aufzubauen, das auf Facebook als Plattform angewiesen ist. Entgegen dem naiven Jubel, den Facebook immer noch aus der Social-Media-Szene enthält, ist Mark Zuckerbergs Firma sehr weit davon entfernt, eine ernstzunehmende Plattform für Applikationsentwickler zu sein, geschweige denn ein “Betriebssystem” fürs Social Web.
Echte Anwendungsplattformen wie Microsoft Windows, Mac OS X oder J2EE weisen eine Reihe von Eigenschaften auf, die Facebook immer wieder verletzt hat:

  • Definierte Arbeitsteilung: Entwickler müssen sich darauf verlassen können, dass der Plattformeigner nicht plötzlich die gleiche Funktionalität in der Plattform anbieten wird, die der Entwickler mühsam erarbeitet hat. Gerade Microsoft hat das in seiner Geschichte zwar hin und wieder gemacht, aber kennt auch klar die Grenzen. Facebook hingegen hat schon mehrere Male die Funktionalitäten von populären Apps abgekupfert und damit die Entwickler ihrer Existenzgrundlage beraubt. iLike wurde ein Opfer von Facebooks Politik, sich immer alle Optionen offenzulassen und schon mal anzudeuten, dass es vielleicht mal eine Musikapplikation direkt von Facebook geben könnte. So lässt sich für Entwickler kaum ein langfristig stabiles Geschäft aufbauen.
  • Konsistente und vorhersagbare Unterstützung von Entwicklern: Plattformeigner wie Microsoft bieten eine ganze Reihe von Marketingprogrammen an, mit denen Entwickler gezielt im Vertrieb ihrer Produkte unterstützt werden. Facebook hingegen hat in den letzten Monaten mehrmals geändert, wie Apps für User sichtbar und auffindbar sind. Im Moment muss man fast schon Insider sein, um die Apps überhaupt zu finden. Die Entwickler sind einer ständigen Unsicherheit ausgesetzt, wie sichtbar sie für die User sind.
  • Weitgehende operative Unabhängigkeit des Entwicklers von der Plattform: Wer eine Windows- oder Mac-Applikation schreibt, kann die eigenständig vertreiben, und sie wird ohne Einschränkungen auf jedem Windows-Rechner bzw. Mac laufen. Facebook hingegen kann jederzeit bestehende Apps unterdrücken bzw. deren Möglichkeiten einschränken. Und die Firma hat das auch schon vielfach mit mehr oder minder guten Gründen getan. Das gleiche kann man natürlich derzeit Apple mit der iPhone-Plattform vorwerfen.
  • Langfristige technische Konstanz: Eine Windows-Applikation von 1992 läuft in fast allen Fällen auch heute noch auf einem modernen Rechner. Das ist die Stabilität, die Entwickler von Plattformeignern erwarten können sollten. Facebooks Programmierschnittstelle (API) hingegen ändert sich immer wieder mal, so dass die Entwickler ständig ihre Apps auf dem neusten Stand halten müssen. Fairerweise muss aber gesagt werden, dass Facebook diesbezüglich noch zu den professionelleren Anbietern im Web-2.0-Sektor gehört, während Twitter gern mal Programmierschnittstellen über Nacht komplett ändert, ohne jemandem etwas davon zu erzählen.

iLikes relativer Misserfolg ist ein schlechtes Zeichen nicht nur für musikorientierte Startups (der Sektor lässt immer noch auf echte kommerzielle Erfolgsstories warten) sondern insbesondere auch für Firmen, die auf proprietäre Social Networks als Plattform bauen. Der Sektor ist noch weit davon entfernt, reif und professionell genug zu sein, und Facebook geht nicht gerade mit gutem Beispiel voran.

Am Schluss bleibt nur eine Folgerung: Die eigentliche Plattform ist das Web mit seinen offenen Standards. Wer Facebook und andere Social Networks als Marketingkanal nutzen will, sollte das sicher tun, aber am Schluss geht es für jedes Startup darum, sich eine eigene Userbasis ohne Abhängigkeit von einem launischen Plattformbetreiber aufzubauen.

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4 Kommentare

  1. André Luce
    schrieb am 20. August 2009 um 08:14 Uhr (#)

    wow, ein nicht PRO-FB Post, danke!

    Sind wir mal gespannt ob MySpace iLike schnell integriert und dies hilft seine gute Stellung im Musikweb auszubauen.

  2. Robert Kindermann
    schrieb am 20. August 2009 um 09:00 Uhr (#)

    Meiner Meinung nach gründet der Misserfolg von Facebook als Applikations-Plattform auch auf der umständlichen Bedienung und schlechten Einbindung.

    Derzeit versuche ich krampfhaft Twitter-Updates in eine Unternehmens-Page einzubinden. Es gibt Möglichkeiten dafür. Doch keine funktioniert zufriedenstellend. Teilweise lassen sich Einstellungen nicht zurücknehmen und selbst das mehrfachen Löschen einer Anwendung führt nicht zur Deaktivierung.

    Der Frustrationsgrad ist sehr hoch und das erstreckt sich über einige Facebook-Anwendungen, was sich meiner Meinung nach auch an der Menge an negativen Bewertungen für Facebook-Apps zeigt.

    Solange da kein stabiles, verlässliches System existiert, das Apps so einfach und vernünftig laufen lässt wie beispielsweise auf dem iPhone, seh ich auch nur bedingt dafür Chancen, dass Facebook zum OS wird.

  3. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 20. August 2009 um 09:43 Uhr (#)

    Ich bin ja gespannt, ob du Facebook auch noch als Misserfolg zu verkaufen versuchst, wenn es 500 Millionen Nutzer hat und schwarze Zahlen schreibt.

    Du hast selbst einmal in einem älteren Artikel beschrieben, wie es einige Zeit dauern kann, bis für neue Medienformen tragfähige Geschäftsmodelle gefunden wurden.

    Wenn iLike für vergleichsweise geringe 20 Millionen Dollar verkauft wurde, so sehe ich nicht, warum deshalb automatisch Facebook als Social Operating System disqualifiziert ist. Nicht dass ich behaupten würde, dass es dies ist. Ich sehe nur keinen Zusammenhang.

    Wir sollten Facebook mehr Zeit geben als drei Jahre, um seinen Weg und seine “Berufung” zu bestimmen sowie zu zeigen, ob es sich als wirtschaftlich attraktive Plattform für externe Unternehmen eignet.

    @ André

    Das ist nicht der erste Beitrag, der sich kritisch mit Facebook auseinandersetzt. Siehe z.B. hier oder hier. Wenn ein Dienst jedoch stetig Akzente setzt und Nutzer weltweit magisch anzieht, dann sehe ich es für uns als dem Social Web gegenüber positiv eingestelltem Blog nicht als unsere Aufgabe, möglichst viel daran herumzunörgeln. Das machen andere genug.

  4. klaus08
    schrieb am 20. August 2009 um 17:02 Uhr (#)

    reine social communities sind dem heutige nutzer doch sowieso schon zu wenig – nur reine vernetzung und datenaustausch sind auf die dauer nicht spannend,innovativ und interaktiv genug. neue konzepte die sich auf die integrierung mehrerer dienste neben der reinen vernetzung konzentrieren haben meiner ansicht nach das größte zukunftspotential. einige startups haben dieses prinzip schon in angriff genommen,so wie das noch relativ junge “friendticker” – die plattform bietet vernetzung, lokalisierung des nutzers (sprich andere nutzer können auch sehen wo ich mich gerade aufhalte und umgekehrt) sowie die suche nach orten. besonders praktisch und hilfreich da den trend all-in-one verfolgend – außerdem gut mobil nutzbar.

    iphone app gibts auch dazu:

    http://appstorehq.com/fri…ker-iphone-60440/app

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