Yahoo:
Delicious wird zum Twitter-Mashup

Markus Spath, 5. August 2009 13:52 Uhr, 6 Kommentare Kommentare

Der soziale Bookmarking-Dienst Delicious möchte sich in das Echtzeit-Zeitalter retten, orientiert sich an Twitter und verliert dabei den eigenen Kurs.

Fast auf den Tag genau ein Jahr ist es her, dass Delicious die neue Version veröffentlicht hat. Als eines der Urgesteine unter den Web 2.0-Diensten blieb das 2003 gestartete Tool bis dahin weitestgehend unverändert, auch nach dem Verkauf an Yahoo 2005 wurde nicht verschlimmbessert, und auch die damals neue Version wartete primär mit kosmetischen Verbesserungen auf.

Es wirkt alles etwas professioneller und aufgeräumter, aber es ist tatsächlich eher eine Evolution und die grundsätzliche Struktur blieb weitgehend erhalten.

Die gestern vorgestellten Änderungen stellen den ersten echten Bruch in der Geschichte von Delicious dar.

Die überraschendste Neuerung ist wohl die Startseite. Dort werden nun nicht mehr die aktuell auf Delicious gebookmarkten Links angezeigt, sondern Links, die sich gerade auf Twitter besonderer Beliebtheit erfreuen. Unter jedem Link gibt es eine Liste mit korrespondierenden Tweets.

Das ist zwar nicht völlig aus der Luft gegriffen – immerhin ist Twitter das zentrale Nervensystem für den Austausch von Links und deshalb ein gutes Barometer für Trends -, ob es jedoch besonders schlau ist, diesen Ort primär mit den Daten und Profilen eines anderen Dienstes zu befüllen, sei einmal dahingestellt.

Auch neu ist die Aufforderung beim Speichern eines Bookmarks, dieses doch auch gleich einigen Freunden zu mailen oder es zu twittern. Auch das ist nicht unvernünftig. Dass man zum Twittern jedoch seinen Benutzernamen und Passwort angeben muss, ist unverständlich. Yahoo ist keine kleine Klitsche, bei der es kein Wissen um die Möglichkeiten von OAuth gibt. Im Gegenteil, sie promoten regelmässig die Verwendung von offenen Standards.

Sehr gut hingegen ist die neue Suche. Es gibt Filter für Tags und Zeiträume, mit denen sich die Anfragen verfeinern lassen. Die Trends von Links oder Begriffen werden nett visualisiert.

Fazit

Nach dem Ausstieg von Delicious-Gründer Joshua Schachter fehlt Delicious der Steuermann, der es auf Kurs hält. Schachter hat immer genau gewusst, bei welchen Features und Trends er nein sagen muss, damit das Gesamtsystem am wertvollsten bleibt, auch wenn sich dann nicht jeder vom Dienst angesprochen fühlt. Delicious war in seiner Nische perfekt.

Die neue Richtung orientiert sich eher am Echtzeitstrom von Twitter, in dem man seine Felle davonschwimmen sieht. Ob das eigene Schiff dafür geeignet ist, wird nicht hinterfragt.

Seltsam jedenfalls ist, dass Yahoo die Aufmerksamkeitsdaten von Delicious nicht nur nicht dafür verwendet hat, die eigene Suche zu verbessern, sondern diese sogar mit den Aufmerksamkeitsdaten von Twitter ersetzt. Dadurch machen sie sich selbst ersetzbar, weil es dutzende andere Dienste gibt, die das gleiche machen.

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6 Kommentare

  1. Marco
    schrieb am 5. August 2009 um 14:40 Uhr (#)

    Es ist halt bitter, wenn das Konzept des eigenen Service bereits am veraltern ist, bevor man damit Geld verdient hat lol

  2. Alexander Kohlhofer
    schrieb am 5. August 2009 um 15:08 Uhr (#)

    Ich weiss nicht ob die neuen Massnamen unbedingt Sinn machen – aber ich bin mir relativ sicher, dass Bookmarking alleine kein solides Geschäftsmodel mehr darstellt (nicht, dass delicious jemals ein solches gehabt hätte). Ich hatte zum Thema vor einiger Zeit mal einen kurzen Blurb auf meinen Blog geschrieben: http://blog.kohlhofer.com/post/144252828

  3. Tom
    schrieb am 5. August 2009 um 17:21 Uhr (#)

    Nachdem Yahoo keine Suche mehr betreibt sondern BING verwendet, benötigt es die Daten aus Delicious nicht mehr.

    Abseits eines Datenlieferanten für die Suche fehlt für Delicious auch jedes Geschäftsmodell da muss ich Alexander Kohlhofer recht geben. Also entweder wird Delicious bald an MSN od. Google verkauft oder sie überlegen sich was wie sie die Kosten reinbekommen.

  4. Uwe
    schrieb am 5. August 2009 um 18:22 Uhr (#)

    Als jemand der Delicious in einem sehr hohen Maße nutzt, möchte ich anmerken, dass ich die Weboberfläche quasi nie benutze. Ich greife fast ausschließlich auf das geniale Firefox-Plugin zurück und solange sie das nicht verhunzen bin ich es zufrieden… :-)

    Zum Thema Twitter: Hier greife ich längst auf die Möglichkeit zurück, mit einem bestimmten Tag versehene Bookmarks mit dem “Description”-Eintrag zu zwitschern.

    Ich nutze Delicious sowieso anders als es in diesem Artikel zugrunde gelegt wird, nämlich:
    * gefühlte 90% als zentrale Bookmark-Verwaltung mit toller Suche
    * gefühlte 5% um Bookmarks meinen Delicious-Kontakten zu empfehlen und mir welche empfehlen zu lassen
    * gefühlte 3% um zu tweeten und
    * gefühlte 2% um mir Bookmarks meiner Delicious-Kontakte anzusehen

  5. andreas milles
    schrieb am 5. August 2009 um 21:17 Uhr (#)

    mir gehts ähnlich wie uwe. und dennoch bin ich ein wenig enttäuscht – für mich war die erste version fast noch immer die beste: genau wie twitter “echtzeitsuche” ist (was scheinbar nicht alle akzeptieren wollen, aber das ist ein anderes thema), ist das versprechen von delicious eigtl. ein trampelpfad durchs netz zu sein, das bessere yahoo (im sinne eines webkatalogs, der von menschen gemacht wird, die es in erster linie “für sich” nutzen, aber gleichzeitig für alle).
    leider ist davon bislang nichts sichtbar, keine gscheiten filter, keine “schwerpunkte”, keine richtigen community features (muss ja nicht in digg oder reddit ausarten, aber die “network” funktionalität ist irgendwie verkümmert). da hat sich auch nicht viel getan, als schachter noch an bord war. schade. (als bookmarkservice liebe ich delicious nach wie vor, aber halt eher “privat” für mich)

  6. Uwe
    schrieb am 6. August 2009 um 10:09 Uhr (#)

    Ich habs jetzt ausprobiert und bin überrascht, wie schlecht die Twitter-Integration umgesetzt wurde: Es wird schlicht und ergreifend ein Link bei Twitter abgeladen. Ohne Erklärende Worte, ohne Tags, ohne Titel. Für mich schlicht und ergreifend Spam.
    Da gefällt mir die Lösung, die mit rss2twitter möglich ist deutlich besser, in der die link description mitgepostet wird. (Bsp.)

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