Twitter:
Der erste Kanal ist offen

Peter Sennhauser, 15. Juli 2009 11:39 Uhr, 7 Kommentare Kommentare

Twitter kommt das Verdienst zu, die Echtzeit-Publikationsmöglichkeiten des Internets aufzuzeigen. Das war nur dank seiner quasi-Monopolstellung möglich.

Der Medienhype hat Twitter gross gemacht – und dabei war nie genau klar, was eigentlich der Zweck des Systems ist, und noch weniger, wie man damit Geld verdienen soll (ach ja, mit Werbung…). Diese beiden Umstände erweisen sich jetzt als Glücksfall, denn das scheinbar zweckfreie, aber von Sexappeal der Selbstdarstellung genährte Phänomen Twitter erhielt dadurch die Zeit zu etwas zu wachsen, was in der umkämpften Ideenplattform Internet immer seltener wird: Ein Standard.

Aber ein sehr offener Standard, der keinerlei Vorgaben über die Art der Nutzung macht, wie mir drei aktuelle Stories vergangene Woche verdeutlicht haben:

  • Immer mehr amerikanische Behörden nutzen Twitter als kostenlosen Bürger-Informations- und Alarmierungskanal.
  • Der Schweizer Medienbeobachtungsdienst “Argus” nimmt Twitter in sein “Portfolio” auf und
  • in den USA warnen Medien vor Einbrüchen, die auf unvorsichtige Tweets (“Mein Porsche verstaubt zwei Wochen in der Garage – bin auf Hawaii im Urlaub!”) zurückzuführen sein sollen.

Die Meldungen scheinen zwar auf den ersten Blick keinen Zusammenhang zu haben, aber bei genauerem Hinsehen steckt in allen dreien die Notation, dass Twitter Dinge kann, die andere Webdienste nicht können.

Die Einzigartigkeit von Twitter liegt indes nicht in einer technischen Neuerung. Es ist die Vereinigung von längst bekannten Eigenschaften des Web, die es allerdings bisher in dieser Kombination nicht gegeben hat. Twitter ist

  • Echtzeit
  • öffentlich
  • durchsuchbar

Viele Dienste haben bereits eine Verknüpfung zweier dieser drei Eigenschaften geboten. Blogging zum Beispiel ist zwar öffentlich und durchsuchbar, aber Echtzeit-Information stand nie im Vordergrund. Auf Facebook verbreiten die Teilnehmer zwar in Echtzeit Updates über das, was sie grade tun – aber die sind nicht öffentlich. Und die Urform der Echtzeit-Kommunikation im Web, der Chat, war zwar öffentlich, aber nur für die aktuellen Teilnehmer und nicht durchsuchbar.

Die Vereinigung der drei Eigenschaften gab es bisher nur in Form von Drittdiensten: Die “Echtzeit”-Trendforschung in Blogs etwa wollte Technorati durch seine sofortige Erfassung jeden Blogpostings ermöglichen (und hat es verpasst, daraus ein funktionierendes Marktforschungs-Geschäftsmodell zu machen). Heute müssen PR-Leute nur auf Twitter nach dem eigenen Firmennamen forschen, um zu wissen, wie die Stimmung der Konsumenten gerade ist. Zeitungen wollten mit “Bürgerjournalisten” am Ball der Aktualität bleiben, der jetzt längst in Form von Twitpics und Tweets auf Twitter rollt. Und so weiter.

Spannend ist daran, dass der Dienst all das vereint hat nicht obwohl, sondern möglicherweise weil er auf den ersten Blick keinen grossen Mehrwert bietet. So ergab sich eine Schonzeit, in der Twitter nicht fünf Dutzend Nachahmer und Konkurrenten die Show stahlen: Der Nutzen des Systems und seine Monetarisierungsmöglichkeiten waren einfach zu nebulös, als dass die üblichen Verdächtigen auf den Zug aufgesprungen wären.

Der Medienhype verstärkte diese Wirkung in beide Richtungen: Das Publikum wurde auf Twitter aufmerksam, aber die möglichen Konkurrenten blieben skeptisch; so manchem dürfte noch die Realität des letzten grossen Internet-Einzelhypes in den Knochen gesessen haben – Second Life, wo Millionen verbraten wurden, weil es nach einheitlicher Medienmeinung “das nächst grosse Ding” werde.

Der vermeintlich fehlende Nutzen von Twitter und die Unbeschwertheit der Nutzer haben für den Mehrwert gesorgt, den Twitter heute darstellt: Es ist der Echtzeit-Kanal für jedermann im Web, und dank seines Bekanntheitsgrades kann er jetzt für alle erdenklichen, durchaus “nützlichen” Anwendungen genutzt werden. Das ist vergleichbar mit dem Nutzen des Telefons, der erst mit der Verbreitung der Anschlüsse wirklich gegeben war.

Aber eine solche Entwicklung im Jahr 2009 ist aussergewöhnlich, weil es ausreichend Beispiele dafür gibt, dass kommerzielle Versuche, eine der endlosen Kommunikationsanwendungen des Internets zu monopolisieren und damit zu einem, wenn auch proprietären, Standard zu machen, durch den Wettbewerb zunichte gemacht werden. Eins der grössten ist wohl Microsofts “Passport”, das vor fast zehn Jahren nicht nur das heute gefeierte Single-Sign-On (Facebook Connect, OpenID) vorweggenommen hätte, sondern zugleich zum Micropayment-Standard werden und viele Probleme hätte lösen können (und deswegen am Widerstand der Kreditkartenfirmen gescheitert ist).

Wie gross die Wirkung der Aufmerksamkeit ist, die Twitter auf die neue Art der Echtzeit-Publikation im Internet gelenkt hat, lässt sich daran ablesen: “Twittern” ist bereits zu einem Synonym für “in Echtzeit der Welt mitteilen” geworden, schneller als “googeln” zum Ersatzbegriff für “im Web suchen” wurde.

Dabei hat Google durch urplötzlich sichtbare, dramatische Effizienzsteigerung mit einer technischen Lösung einen Paradigmenwechsel eingeläutet, der die Hilfsfunktion “Suchen” zur wichtigsten Anwendung der Digitalisierung machte und völlig neue Anwendungen in Marketing und Werbung entstehen liess. Es ist nicht klar, ob die gleiche Entwicklung stattgefunden hätte, wenn die Suchmaschinentechnologie nicht so plötzlich und mit derart dramatischen Resultaten verbessert worden wäre – vielleicht wären heute noch Suchdienste eine Nische und Datenbank- und redaktionelle Verzeichnisdienste die grossen Absahner. Twitter hat möglicherweise einen ähnlichen Prozess nur durch die Verknüpfung einiger modischer Web-Eigenschaften in Gang gesetzt, der ein ganz neues Bewusstsein schafft für das, was das Internet auch noch alles ist.

Das geschieht immer nur dann, wenn sich ein herausragender Dienst durchsetzt und von den Anwendern akzeptiert wird. Die Anwendung selber ist dabei selten wirklich neu: Skype zum Beispiel hat eine Revolution in der Telefonie angestossen, als es Voip und Standards wie SIP seit Jahren gab.

Der Erfolg einer solchen Revolution ist spätestens dann zu erkennen, wenn öffentliche Verkehrsbetriebe, Polizeidepartemente und Rathäuser sich den Dienst zunutze machen, statt auf teure oder komplizierte Einzelsysteme zu setzen.

Ob die Nutzung durch Kriminelle auch dazu zählt, lassen wir offen.

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7 Kommentare

  1. Henry
    schrieb am 15. Juli 2009 um 14:23 Uhr (#)

    Kleine Anmerkung: Echtzeit+öffentlich+durchsuchbar traf auch schon auf Newsgroups zu (vgl. google.de/groups). Dort war allerdings die Einordnung des Anliegens in die passende Gruppe und anfangs die Verwendung eines Newsreaders eine zusätzliche Schwelle. Bei Twitter wird der Echtzeit-Raum durch mobile Anwendungen / SMS deutlich erweitert.

  2. Marc
    schrieb am 15. Juli 2009 um 18:39 Uhr (#)

    Trotz mangelnder Konkurrenz, einem Marktmonopol und twitternden Polizeidepartments, bleibt mir das Geschäftsmodell von Twitter noch immer unerschlossen. Premiumaccounts? Kann man damit die Serverkosten decken? Werbung? Blendet die nicht jeder zweite aus?

  3. Georg Portenkirchner
    schrieb am 15. Juli 2009 um 19:05 Uhr (#)

    Soweit ich mich erinnere gab es schon recht schnell einige Dienste, die Twitter sehr ähnlich waren, wie zum Beispiel Jaiku oder Pownce. Jedoch schaffte es keiner genug Nutzer an sich zu binden, um interessant genug zu werden, dass man die Plattform wechselt. Und das obwohl Twitter in der ersten Zeit mit großen Problemen und regelmässigen Ausfällen zu kämpfen hatte. Die anderen Dienste versuchten auch mit zusätzlichen Funktionen zu punkten, wie zum Beispiel die direkte Einbindung von Bildern oder Audiodateien oder dem Import von RSS Feeds oder anderen Internet Diensten. Doch genau die Einfachheit von Twitter war das, was für viele Nutzer wichtig war.

    Auch in anderen Ländern gab es viele Nachahmer, bevor Twitter etwas bekannter wurde. Allein in Deutschland dürften es mehr als fünf gewesen sein. Jedoch war es zu früh, und es gab nicht genug Nutzer, die so einen Dienst interessant fanden.

    @ Henry: Newsgroups waren erst zu umständlich zu nutzen, später als es einfacher und interessanter wurde, vergraulten die vielen Trolle viele User. Und da zeigt sich ein weiterer Vorteil von Twitter, man kann denjenigen folgen, die einen interessieren. Will man jemanden nicht mehr lesen, verfolgt man die Person einfach nicht mehr.

  4. Gerhard Pürstner
    schrieb am 15. Juli 2009 um 21:44 Uhr (#)

    Link:

    sollte man lesen!

  5. Schreibt hier auf dem Blog Peter Sennhauser
    schrieb am 15. Juli 2009 um 23:41 Uhr (#)

    @Henry: Wie gesagt, Innovation besteht nicht in dem, was jemand anbietet, sondern in dem, was die Benutzer annehmen – und die meisten technischen Durchbrüche basieren auf Erfindungen, die zwanzig Jahre alt sind: Sie werden aber erst von der Masse angenommen, wenn sie in einer benutzbaren Form (und nicht nur für early adopters) angeboten werden. Eine der Firmen, die das zur Strategie gemacht hat, ist Apple.

    @Marc: Werbung ist eine Möglichkeit, andere, kostenpflichtige Anwendungen und Kanäle könnten dazu kommen etc. Fakt ist, dass Twitter die kritische Masse hat, um neue Entwicklungen zu erproben.

    @Georg: Genau, Nachahmer gibts natürlich immer – die Frage ist, ob eine Idee so schnell verstanden wird, dass die Nachahmer binnen nützlicher Frist auftauchen und zur echten Konkurrenz werden. Das ist vor allem bei Netzwerk-Systemen mit steigender Attraktivität durch zunehmende Grösse relevant. Und Twitter hat da wohl die andern grade lang genug zögern lassen, dass es auf und davon war, bis die kapiert haben, was das werden könnte.

    @Gerhard: Sehr interessant, habe ich nicht gesehen, danke. Ich meine aber auch, dass die Gewohnheiten Jugendlicher immer wieder Vorschnell auf ihre Zukunft als Erwachsene extrapoliert werden. Kinder mögen meistens auch keinen Rosenkohl, Kaffee und Tabak – was nicht heisst, dass die nächste generation Erwachsener das alles nicht geniesst. Mit “Pages and pages of text” zum beispiel dürfte es sich so verhalten, aber mit manchen andern Dingen auch.

  6. Marc
    schrieb am 16. Juli 2009 um 00:42 Uhr (#)

    @Peter: Ja, sie scheinen ja zumindest mit Gewinn zu rechnen …
    > http://techcrunch.com/200…llion-users-in-2013/

  7. Patty
    schrieb am 16. Juli 2009 um 09:50 Uhr (#)

    Das ist doch sehr gut! Finde es eigentlich echt cool!Bin schon ungeduldig…Danke, ich bin mal gespannt.

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