“Leistungsschutz”:
Linkverbot!

Peter Sennhauser, 3. Juli 2009 08:41 Uhr, 8 Kommentare Kommentare

In Deutschland verlangt Burda einen “Leistungsschutz” für Medien. In den USA wird das Kind bereits beim Namen genannt: Ein Linkverbot für News für 24 Stunden. Dort eine Idee aus der Mottenkiste, die hierzulande verfangen könnte.

Wenn die Geschäftsmodelle von gigantischen Industrien durch neue Technologien in Stücke gerissen werden, kommen die Betroffenen auf irrwitzige Ideen.

Als nichts anderes muss es bezeichnet werden, wenn “die vierte Gewalt”, die diesen “Titel” aufgrund ihrer angeblichen Unabhängigkeit von Staat und Wirtschaft lange wie eine Monstranz vor sich her getragen hat, sich urplötzlich genau denen an die Brust wirft und Schutz vor dem bösen Volk und angeblichen Trittbrettfahrern verlangt.

Konkreteste Idee bisher: Nachrichten- oder News-Texte von Zeitungen sollen mindestens vierundzwanzig Stunden lang nicht verlinkt werden dürfen. Das sind die jüngsten und bisher konkretesten Vorschläge aus Lobbyisten- und Anwaltskreisen in den USA.

Die Logik der Vordenker dieser abstrusen Protektionismus-Idee: Die Zeitungen und Agenturen sind einen Tag lang die einzigen, bei denen das Publikum diese Nachrichten beziehen kann. Und dank diesem Vorsprung bleiben sie die Monopolisten, die weiterhin just das tun können, was sie jetzt allen anderen vorwerfen: Auf die Scoops der kleinen Blätter mit geringer Reichweite aufzuspringen, sie quasi-exklusiv zu verbreiten und dabei “zum Schutz der Zeitungen” nicht nur nicht zu verlinken, sondern auch aus Versehen die Nennung der Originalquelle vergessend.

Gut, letzteres ist eine Unterstellung – allerdings eine, die ich in zwanzig Jahren als Zeitungsjournalist oft genug erlebt habe. Und dass die ach so exklusiven Blätter mangels Links von aussen keine zusätzlichen Leser erhalten werden, geht in den Teppichetagen nicht vergessen, sondern scheint mit dem noch immer nicht durchgedrungenen Verständnis vom Vernetzungsgedanken zusammenzuhängen.

Grade eben haben wir diesen Flaschenhals überwunden, grade eben haben auch kleine, feine Rechercheure, Blogger und Spezialisten ihre Chance gekriegt, das grosse Publikum zu erreichen, ohne der Willkür der “Massenmedien” ausgeliefert zu sein, da behaupten die Grossen, just zu ihrem Schutz diesen Mechanismus abschalten zu wollen.

Und immer wird dabei auch von Verlegern angeführt, sie und nur sie würden originäre, exklusive Inhalte erschaffen und aufbereiten. Wenn dem so wäre, hätten sie jetzt allerdings nicht viel zu befürchten und könnten beispielsweise getrost auf Bezahlmodelle setzen (wie etwa das Wall Street Journal), denn was das Publikum nicht anderswo kostenlos in ähnlicher Qualität erhält, für das ist es jederzeit bereit zu bezahlen.

Nur beruhte das Geschäftsmodell der Verlage und Rundfunkanstalten noch nie auf der Produktion qualitativ hochwertiger Information, sondern fast ausschliesslich auf ihrem Monopol auf den Druckerpressen und Sendeanlagen. Wenn es ihnen um den Schutz der hochwertigen Information und den Wertschöpfungsprozess ginge, der damit zusammenhängt, müssten Grossverlage wie Springer auch intern für eine angemessene Abgeltung sorgen. Stattdessen wird dort von freien Journalisten eine vollständige Rechteabtretung zu rapide sinkenden Honoraren verlangt. Und anderswo bedient man sich gleich im Pool der Flickr-Fotos – Monopol, irgendwer?

Warum aber wird jetzt in Deutschland von “Leistungsschutz” und nicht ganz einfach, wie in den USA, direkt von einer Ausweitung des Urheberrechts, dort “Copyright”, gesprochen?

Wahrscheinlich, weil man in Deutschland solche Kampagnen in der Regel etwas gründlicher vorbereitet als beispielsweise der amerikanische Richter Richard Posner, auf dessen hanebüchenen Vorschlag Medienguru Jeff Jarvis mit einem bitterbösen Posting auf seiner Buzzmachine reagiert hat: Was Richard Posner nämlich vorschlägt, den Schutz von (Zeitungs-) News durch das Copyright, stand schon einmal auf der Agenda der amerikanischen Zeitungsverleger – im Kampf gegen die Radiostationen, eingangs des letzten Jahrhunderts.

Während des Jahrzehntelangen Kampfs der Zeitungen gegen die schnelle elektronische Konkurrenz und ihre “Vorabberichte” und “Piraterie” kam es bereits 1918 zu einem Gerichtsurteil, in dem Nachrichten ausdrücklich als nicht dem Copyright unterstellt definiert wurden: Der Gehalt der News bestehe grundsätzlich aus Fakten, also reinen Tatsachennennungen, und dabei handle es sich um Gemeingut.

Worin also würde der “Leistungsschutz” für die Zeitungen bestehen? Doch wohl in nichts anderem als einem Verlinkungsverbot, das auf irgendeiner anderen rechtlichen Grundlage als dem Urheberrecht begründet sein müsste – denn das schützt ausdrücklich nur Werke von schöpferischem Wert – also allenfalls den Originaltext der Meldung, nicht aber ihren Inhalt vor Weiterverbreitung.

So sieht es jedenfalls auch Internet-Medienguru Jeff Jarvis, der sich grade mit einer Hand voll Verlagslobbyisten auf seinem Blog Buzzmachine eine zeitweise gehässige Schlacht liefert. Die Zeitungen, die noch immer nicht kapieren wollen, dass die Aggregation im Internet nicht zu ihrem Schaden, sondern zu grösseren Teilen zu ihrem Nutzen passiert (Wenn Google mit der Auflistung der Nachrichten-Links, neben denen Werbung steht, kein Geld verdienen dürfte – müsste man dann nicht auch den Kiosken verbieten, am Verkauf der Zeitungen zu verdienen?), wollten nichts mehr und nichts weniger als die gewaltsame, vom Staat geschützte Wiedereinführung des Druckerpressen-Monopols, das wir dank des Internets gerade überwunden haben.

Und während in den USA angesichts der Geschichte, der Bedeutung von “Free Speech” und vor allem der aus eigenem Verschulden extrem geschwächten Position der Zeitungen (darauf komme ich in einem andern Artikel zurück) wenig Aussicht auf Erfolg bestehen dürfte, könnte das Anliegen in Deutschland, wo wir schon anderes gesehen haben, durchaus eine Chance haben.

Denn hierzulande sind die Zeitungen grade im Wahlkampf noch eine durchaus zu bedenkende Macht – und deren Support möchten die Volksvertreter zum Legislaturende nicht verlieren.

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8 Kommentare

  1. Kai Nehm
    schrieb am 3. Juli 2009 um 09:32 Uhr (#)

    In diesem Zusammenhang immer wieder gut:
    Die Beschwerde von Sousa, dass Medienkonsum die Kultur zerstört und die Debatte um das Überflugrecht. (Larry Lessing bei TED)

  2. laut.fm
    schrieb am 3. Juli 2009 um 10:34 Uhr (#)

    a bunch of mindless jerks who’ll be the first against the wall when the revolution comes …

  3. Ulrike Langer
    schrieb am 3. Juli 2009 um 11:12 Uhr (#)

    Es gibt einen einfachen Grund, warum die deutschen Verleger um ein eigenes Leistungsschutzrecht, die US-Verlage aber um eine Erweiterung des Copyright kämpfen: Die beiden Begriffe sind nicht identisch. Während das deutsche Urheberrecht die Rechte der Urheber, also der Autoren, schützt, bedeutet das anglo-amerikanische Copyright im wörtlichen Sinne: right to copy. Also in früheren Zeiten: Das Recht, eine Druckmaschine zu betreiben und Inhalte zu vervielfältigen und zu verbreiten.

    Dieses Drucker-Privileg ist im digitalen Zeitalter zumindest für Nachrichten weitgehend nutzlos geworden, weil eine einzige Kopie genügt, um eine Nachricht rund um die Welt zu schicken, wenn sie nur genügend verlinkt wird.

    Die deutschen Verlage sind an einer Ausweitung des Urheberrechts überhaupt nicht interessiert (das stärkt nur die Autoren), sondern ausschließlich an einem neu zu schaffenden Leistungsschutzrecht, weil das eine Alimentierung ihrer Werkvermittlerfunktion garantiert, die ihre Berechtigung immer verliert. Sie wollen auch viel lieber das Leistungsschutzrecht anstelle einer Kulturflatrate, weil sich Ersteres viel besser auf Verlage als Profiteure begrenzen lässt, Letzteres aber ein Topf wäre, aus dem sich auch jeder YouTube-Clip-Amateur bedienen könnte.

  4. Oliver Springer
    schrieb am 3. Juli 2009 um 13:51 Uhr (#)

    Früher hätte man angesichts solcher Meldungen gesagt, dass man schon gar keine Lust mehr hat, in die Zeitung zu schauen. Naja, passt irgendwie wieder…

    Sofern das in den USA nichts wird, dürften deutsche Verleger ein Problem damit haben, so etwas praktisch umzusetzen. Ob sich ein Blogger auf einen Bericht einer deutschen Tageszeitung oder auf den einer amerikanischen Zeitung beruft, dürfte im Ergebnis nicht viel ändern.

    Ok, es gibt ein paar Themen, die fast nur Medien aus Deutschland aufgreifen, aber das ist schon mal nur eine gewisse Teilmenge.

    Das Problem vieler (nennen wir sie ruhig) Lösungsvorschläge bei verschiedenen Internetthemen besteht darin, dass ignoriert wird, dass das Internet ein globales Medium ist, in dem die Menschen global vernetzt sind.

    Dem Internet gewisse Regeln zu geben, ist ja nicht immer eine schlechte Idee. Aber nationale Alleingänge funktionieren nicht. Andererseits sind die Vorstellungen, was verboten werden sollte, international extrem verschieden. Vielleicht könnt Ihr diesen Aspekt demnächst in einem eigenen Artikel aufgreifen?

    Das Ergebnis eines solchen Linkverbots dürfte in der Praxis eher sein, seine Quellen nicht mehr zu nennen. Selbst wenn man das für falsch hält, muss man wohl so realistisch sein, um das so zu sehen.

    Wie soll das funktionieren? Um die erforderlichen Unterscheidungen hinsichtlich der Frage, was man verlinken darf und was nicht, vornehmen zu können, müsste die Medienkompetenz der Durchschnittsnutzer (das klingt jetzt viel abwertender, als es gemeint ist) einen großen Sprung machen. Das wird nix.

  5. Sven Drieling
    schrieb am 3. Juli 2009 um 17:50 Uhr (#)

    Ein fehlt eine Zeitung, die mit ihren offenen Onlineauftritt hohe Gewinne erzielt und deren Geschäftsmodell leicht von anderen übernommen werden kann.

  6. Schreibt hier auf dem Blog Peter Sennhauser
    schrieb am 3. Juli 2009 um 18:20 Uhr (#)

    @ Kai: Lawrence Lessigs Buch “Free Culture” behandelt die gesamte US Copyright- und die dahinterstehende Nachvollzug-Problematik sehr gut, und es ist noch immer gratis zu beziehen.


    @Ulrike:
    Danke, sehr schöne Ergänzung. Was am Ende als Begründung für ein Linkverbot verwandt wird, ist indes einerlei – es wird einem schon was einfallen…


    @Oliver:
    Die Globalisierung der Kommunikation führt langfristig auch zu einer Globalisierung des Rechts, und es ist nicht davon auszugehen, dass dabei immer der kleinste gemeinsame Nenner angewandt wird. Jedenfalls ein Thema, das wir im Auge haben.

    @Sven: Der Haken liegt dabei daran, dass “die Zeitung” als Komplettangebot und in ihrer papierenen Form ein Resultat der Druckerpresse und damit des alten Geschäftsmodells ist. Das Komplettangebot ist aber angesichts der freien Kanalwahl heute kein Muss mehr, und darüber müssten sich die Verleger unter anderem anfangen Gedanken zu machen. Dabei kommt man übrigens zu überraschenden Ergebnissen – der Sportteil etwa, der angeblich die andern Teile einer Tageszeitung subventioniert, hat in vielen Blättern einen weitaus tieferen Beachtungsgrad als Wirtschaft und Politik.

  7. Bobado
    schrieb am 3. Juli 2009 um 20:23 Uhr (#)

    Und was ist, wenn eine Zeitung aber nichts dagegen hätte, das sie verlinkt wird? Dann hätte sie den Vorteil gegenüber der Konkurrenz, dass alle Leute ihre Seite besuchen und diese verlinken, also noch mehr Leser.
    Und wenn das nicht erlaubt wäre, dann wäre wieder die Frage was eine “Zeitung” ist. Würden Onlineangebote wie Heise und Telepolis dadrunter fallen? Wenn nein, dann wären wir wieder bei dem Konkurrenzvorteil, siehe oben; wenn aber auch zB Heise dadrunter fallen würde, dann wär das ja schon eine Ausweitung und es würde dazu führen, dass nach kürzester Zeit ALLE Webangebote 24 Std lang nicht verlinkt werden dürften. Das wäre ja absurd.

  8. VioWorld
    schrieb am 6. August 2009 um 14:39 Uhr (#)

    Liebe Verfechter des Linkverbots, lasst euch doch bitte mal von Clay Shirky Sinn und Zweck des Mediums Internet erklären: http://www.youtube.com/watch?v=A_0FgRKsqqU

    Online-News ohne Links sind wie eine Zeitung ohne Druckerschwärze – sinnlos!

    Hagen Kohn

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