Von digitalen Missionaren

Wer von einer Sache überzeugt ist, trifft immer auf Gegenwind. Wichtig ist, richtig zu reagieren und schlagfertige Argumente parat zu haben. Es liegt in unserer Hand, die gesellschaftliche Sichtweise auf das Internet positiv mitzuprägen.

Wir, die Autoren von netzwertig.com sowie wahrscheinlich einige Leser dieses Blogs, sind so etwas wie Missionare. Unser Bestreben ist es, die Kenntnis über die schier unbegrenzten Möglichkeiten des Webs zu verbreiten und andere mit unserem Enthusiasmus und unserer Neugier anzustecken.

Grundlage für dieses Handeln ist die Überzeugung, dass der intensive Einsatz des Internets stark positive Auswirkungen auf den privaten sowie beruflichen Alltag von Personen und  Gruppen sowie auf Wirtschaft und Gesellschaft hat.

Jede missionarische Aufgabe hat ihre Herausforderungen. Außenstehende, für die das Netz noch nicht mehr als ein gelegentliches Recherche- und E-Mail-Werkzeug darstellt, halten Web-Freunde schnell für “Internet-Freaks”, die negative Aspekte und Nebenwirkungen der angepriesenen Entwicklung ausblenden. Diese Sichtweise ist normal und nachvollziehbar. Wer aktiv für eine Sache eintritt, MUSS mit kritischen Fragen rechnen und auf diese passende Antworten parat haben, um zu überzeugen.

Was zählt ist, was man aus diesen Fragen macht und wie man auf sie reagiert. Die Art der eigenen Argumentation entscheidet darüber, ob weniger bewusst agierende Medienkonsumenten dazu bereit sind, sich die von uns vertretenen Positionen anzuhören. Von der eigenen Fähigkeit oder Unfähigkeit, den Nutzen neuer Onlinedienste und Kommunikationskanäle objektiv und verständlich erklären zu können, hängt ab, inwieweit man bei anderen eine Begeisterung entfachen kann.

Sehr deutlich vor Augen geführt wurde mir diese Tatsache, als ich in den letzten Wochen gehäuft in Gespräche rund um den Sinn und Unsinn von Twitter involviert wurde. Viele netzwertig.com-Leser mit Zwitscher-Faible werden aus eigener Erfahrung wissen, wie schwer es ist, Freunden, Bekannten oder Familienmitgliedern die Vorteile des Microblogging-Dienstes zu erklären. Wie kein anderer Service erschließt sich der Nutzen von Twitter erst nach dessen längerem, regelmäßigem Einsatz. Und für kein anderes Onlineangebot existieren derartig viele Videotutorials.

Nach vielen fehlgeschlagenen Erklärungsversuchen veränderte ich nun kürzlich meine Herangehensweise. Statt verwirrendem, schwammigem Blabla rund um Microblogging und die Tausend Einsatzmöglichkeiten von Twitter fokussierte ich mich fortan auf einen einzigen Aspekt, nämlich den des persönlichen Selbstmarketings. Innerhalb weniger Wochen brachte ich (nicht einmal gewollt) mindestens sechs Personen dazu, sich bei dem Dienst zu registrieren und die ersten Schritte zu tätigen.

Sicherlich wirkte sich die seit Monaten anhaltende, enorme Präsenz von Twitter in den internationalen Medien unterstützend auf meine eher als Experiment gesehene Missionarstätigkeit aus. Dennoch wurde mir klar, wie essentiell es ist, das “Killerargument” zu finden, mit denen man selbst Skeptiker davon überzeugen kann, etwas Neues, erst einmal Fremdes auszuprobieren. Es gibt zwar immer Unbelehrbare, aber diese gehören in der Regel zu einer Minderheit.

Die jüngsten, hitzigen Debatten rund um Webthemen haben gezeigt, wie groß die Kluft zwischen den “Digital Natives”, den digitalen Eingeborenen, und den Online-Skeptikern ist. Und auch wenn gelegentlich eine direkte Reaktion von “unserer” Seite notwendig ist, gilt es mehr denn je, die guten Aspekte der derzeitigen Entwicklung hervorzuheben, kompetent und überzeugend zu argumentieren und bei einem größtmöglichen Teil der Bevölkerung eine positive Grundeinstellung zum digitalen Wandel hervorzurufen. Es liegt in unserer Hand, und jeder Freund des Netzes sollte seinen Teil dazu beitragen, die gesellschaftliche Sichtweise auf diese neue, noch immer in ihren Anfängen steckende Technologie positiv mitzuprägen.

11 Kommentare

  1. pjebsen
    schrieb am 9. Juni 2009 um 19:46 Uhr (#)

    Warum sollte man jemand anderen von Twitter überzeugen? Ich habe keine Aktien in der Firma. Es reicht doch, wenn ich selbst Spaß dran habe.

  2. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 9. Juni 2009 um 22:13 Uhr (#)

    Auch wenn Twitter hier lediglich ein Beispiel war – gerade dort macht es umso mehr Spaß, je mehr Leute einem folgen. Und wenn es auch noch Personen aus dem direkten Umfeld sind, umso besser. Insofern ist es doch nett, wenn man Freunde und Bekannte inspirieren kann, sich zu beteiligen.

  3. Rüdiger Kuhnke
    schrieb am 9. Juni 2009 um 22:18 Uhr (#)

    Nein, es geht überhaupt nicht darum, jemanden zu überzeugen. Ich bin kein Missionar, und Leute, die eine Misssion zu haben glauben, sind mir suspekt.

  4. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 9. Juni 2009 um 22:20 Uhr (#)

    Weil ich mit solchen Kommentaren gerechnet habe, schrieb ich von vorn herein “einige Leser dieses Blogs”.

  5. pjebsen
    schrieb am 9. Juni 2009 um 22:57 Uhr (#)

    @Martin: Ich werde wahrscheinlich demnächst die Zahl der Leute, deren Twitter-Feed ich abonniert habe, erheblich reduzieren, da ich derzeit zu viele Tweets erhalte.

    Ich denke auch nicht, dass Twitter “umso mehr Spaß [macht], je mehr Leute einem folgen”. Mir “folgen” diverse Leute, die ich nicht kenne und die keinerlei Feedback liefern. Der Spaßfaktor ist bei solchen “Followern” eher gering. ;-)

  6. Ranjit
    schrieb am 9. Juni 2009 um 23:12 Uhr (#)

    Schöner Artikel.
    Im Endeffekt müssen wir ja nicht das Internet verbreiten oder Leute “missionieren” im Sinne von ihre Präferenzen ändern. Doch wenn wir es nicht schaffen möglichst vielen Menschen aufzuzeigen was gerade ein freies und unabhängiges Internet für sie leisten kann, dann sehen wir bald nur noch Massenmedien 2.0 wenn wir den Bildschirm anmachen.

    Wer noch nach (jede Menge) Argumenten für ein freies Internet sucht, dem sei “The wealth of networks” vom Harvard Juraprofessor Yochai Benkler empfohlen.
    (Konsequenterweise kann man sich das Buch auch kostenlos downloaden: http://cyber.law.harvard.…oad_PDFs_of_the_book )

  7. Daniel Niklaus
    schrieb am 10. Juni 2009 um 00:49 Uhr (#)

    Zum Thema Diffusionstheorie und das passende Buch dazu Diffusion of Innovations.

    Ich zähle mich zu den ersten Siedlern des WWW und eure Missionarische Einstellung geht mir definitiv zu weit. Für was ich netzwertig aber sehr schätze, sind die Linkwertig und Samstag Apps.

  8. Andrea
    schrieb am 10. Juni 2009 um 09:15 Uhr (#)

    Ich habe in den letzten Wochen ebenso viele Gespräche über twitter mit Freunden und Bekannten geführt. Ich habe dabei immer gesagt, dass jeder für sich selbst einen Nutzen finden sollte – und wenn er ihn nicht findet, einfach darauf verzichten soll und sich nicht heiß machen soll. Nach dem Motto: Ich kauf mir auch nur ein Auto, wenn ich einen Führerschein hab und A nach B kommen muss.

    Im übrigen nutze ich twitter mehrheitl. als Informattionsmedium, wo ich schnelle und kurze Informationen zu den mir wichtigen Themen erhalte. Die Anzahl meiner follower ist mir dabei total egal. :)

  9. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 10. Juni 2009 um 15:17 Uhr (#)

    Danke für den Link Daniel!

    @ Ranjit
    Zum ersten Teil deines Kommentars: Genau so ist es!

    Was den Einfluss der Follower-Zahl auf den Spaß-Faktor von Twitter betrifft: Jeder Tweet erhält mehr Gewicht, wenn er von 500 Followern gelesen wird statt von 50. Zumindest empfinde ich das so.

  10. Mark S
    schrieb am 11. Juni 2009 um 10:03 Uhr (#)

    Missionare? Danke, kein Bedarf! Deshalb folge ich auch keinen Tweets. Das wäre ja so, als ob ich mir die Zeugen Jehovas bewusst ins Haus holte!

  11. Fragezeichner
    schrieb am 11. Juni 2009 um 11:56 Uhr (#)

    Das Wort Missionar irritiert mich zutiefst

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