Kommunikations- und Publikationsnetzwerke:
Die 2 Klassen von Social Networks

Es kristallisieren sich zwei Klassen von sozialen Netzwerken heraus: Auf private Interaktion zwischen Bekannte spezialisierte Netzwerke und solche, welche hauptsächlich für die Distribution von Inhalten verwendet werden.

In den letzten Monaten und Jahren sind eine Menge soziale Netzwerke entstanden, die in ihrer Entwicklung teilweise recht unterschiedliche Entwicklungen genommen haben. Dabei haben sich zwei von einander mehr oder wenige abtrennbare Klassen herauskristallisiert, die wir hier vorstellen und von einander abgrenzen wollen.

Bei den beiden Ausprägungen handelt es sich zum einen um oft nichtöffentliche Netzwerke, die für die Kommunikation unter bereits anderweitig Bekannten genutzt wird: Kommunikationsnetzwerke.

Die zweite Variante ist inhaltezentrisch. Die Publikationsnetzwerke werden vornehmlich zum Veröffentlichen und Austauschen von verschiedensten Inhalten verwendet.

Im Folgenden grenzen wir die zwei Netzwerkvarianten in den wichtigen Eckpunkten von einander ab:

Kommunikationsnetzwerke:

  • Zweck: Konversation und private Interaktion unter Menschen, die sich bereits kennen
  • Soziale Objekte, um welche herum Kommunikation und Aktivität entsteht: Aktivitäten der einzelnen Nutzer
  • Sich vernetzende Teilnehmer: Freunde und Bekannte
  • Basis der Vernetzung: Soziale Beziehungen zwischen den Teilnehmern
  • Art der Vernetzung: Symmetrisch. Das heißt, die Teilnehmer sind erst miteinander verbunden und können die Aktivitäten des anderen erst sehen, wenn sie sich gegenseitig hinzugefügt haben.
  • Sichtbarkeit: In der Regel privat

Publikationsnetzwerke:

  • Zweck: Das Publizieren, Verteilen und Diskutieren von Inhalten jeglicher Art
  • Soziale Objekte, um welche herum Kommunikation und Aktivität entsteht: Inhalte, sprich Texte, Audio oder Video selbst oder Links zu diesen Inhalten
  • Sich vernetzende Teilnehmer: Sender und Empfänger von Inhalten
  • Basis der Vernetzung: Die vom Sender publizierten Inhalte
  • Art der Vernetzung: Asymmetrisch. Das heißt, man kann einem Teilnehmer folgen und seine Aktivitäten sehen, ohne dass dieser zurückfolgen muss. Symmetrische Vernetzung ist fakultativ.
  • Sichtbarkeit: In der Regel öffentlich

Weitere Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Während Kommunikationsnetzwerke nahezu immer privat sind, kommen Publikationsnetzwerke meist mit der Option, zwischen öffentlich und privat entscheiden zu können. Die Default-Einstellung ist dabei immer öffentlich.

Auf privat gestellt können Publikationsnetzwerke damit auch wie Kommunikationsnetzwerke verwendet werden. Eine Vermischung der Einsatzausprägungen findet man deshalb oft auf Publikationsnetzwerken wie Twitter. Nicht wenigen Nutzern ist auch egal, ob ihre privaten Aktivitäten öffentlich stattfinden (was bisweilen bei Beobachtern zu Verwirrung führen kann ).  Das heißt nebenbei nicht, dass ihnen ihre Privatsphäre egal wäre. Sie gehen nur mehrAktivitäten  öffentlich nach als andere (wie Menschen, die sich mit Freunden bevorzugt in Cafes und Restaurants treffen, statt in den jeweiligen Wohnungen).

Auf Publikationsnetzwerken wird der Name frei gewählt und die User können zwischen bürgerlichen Namen, Pseudonymen und Markennamen mehr oder weniger frei wählen ( lediglich ab einer bestimmten Netzwerkgröße werden vermehrt Impersonationen und unerlaubt genutzte Markennamen logischerweise geahndet).

Bei Kommunikationsnetzwerken wird in der Regel der bürgerliche Name verwendet.

Das ist auch nachvollziehbar: Kommunikationsnetzwerke werden von Privatpersonen genutzt, Publikationsnetzwerke können User neben Privatpersonen auch Publikationsteams sein.

Für alle Netzwerke gilt das Follower-Prinzip.

Business-Netzwerke

Einen interessante Mischform sind auf Geschäftsbeziehungen setzende Netzwerke wie XING und LinkedIn. Während sie im Kern Kommunikationsnetzwerke sind (Privatpersonen als User, bürgerliche Namen, symmetrisches Vernetzen), verfügen sie auch über Merkmale, die man eher bei Publikationsnetzwerken findet (mehr Augenmerk auf Öffentlichkeit der Profile, Netzwerken nicht ausschließlich mit Freunden und Bekannten, Soziale Objekte sind neben Useraktivitäten Inhalte, welche um die jeweilige Branche kreisen). Deswegen war die Übernahme der Social-News-Site Socialmedian von XING auch ein gekonnter Schachzug (die Integration dagegen lies lang auf sich warten). Obwohl auf XING als soziales Objekt hauptsächlich die Aktivitäten der User und ihre Eins-zu-Eins-Kommunikation zum Tragen kommt, geht es auch für viele Mitglieder um (Branchen-)Inhalte. Man schaue sich nur die Aktivitäten in den Foren von XING an.

Konsequenzen und Erkenntnisse

Betrachtet man die zwei Ausprägungen, werden zwei Dinge schnell offensichtlich:

1. Facebook macht bisher fast alles richtig: Facebook ist als Kommunikationsnetzwerk privat. Facebook ist darauf bedacht, dass Menschen ihre bürgerlichen Namen verwenden und nur ihnen tatsächlich Bekannte hinzufügen.

2. Die Probleme von MySpace, das wie ein Frankenstein aus Kommunikations- und Publikationsnetzwerk wirkt, hat Probleme, die tiefgehend und wohl irreparabel sind: Viele User nutzen es als Kommunikationsnetzwerk. Gleichzeitig nutzt praktisch jeder ein Pseudonym.

Auf studiVZ sieht man auch zunehmend User, welche von ihrem bürgerlichen Namen zu Pseudonymen wechseln. Gefährlich für ein Kommunikationsnetzwerk, welches vor allem von seiner Privatheit lebt. Wenn die eigenen Nutzer darauf nicht mehr vertrauen, hat das Netzwerk ein ernsthaftes Problem. Auch der Social Graph wird immer weniger nützlich für die User, wenn die Freunde Pseudonyme nutzen (das gleiche gilt für MySpace).

Gleichzeitig zeigt sich, dass Facebook einen fundamentalen Fehler machen könnte, wenn es zu sehr versucht, Twitter zu imitieren. Es würde bedeuten, wichtige Merkmale der eigenen Kategorie zugunsten der anderen aufzugeben.

Same old, same old

Neu ist das alles nur bedingt. Auch bei Blogs gibt es jene, die für Freunde geschrieben werden und jene, die im eher traditionellen Sinn Publikationen mit klar verteilten Rollen des Senders und des Empfängers sind. Wie Clay Shirky in Here Comes Everybody (Affiliate-Link) ausführt, ist das wesentlich Neue im Netz, dass wir jetzt verschiedene Dinge (Kommunikation, Publikation) mit ein und demselben Medium ausführen.

Die Entwicklungen bei sozialen Netzwerken, die ich in diesem Artikel versucht habe, nachzuzeichnen und zu klassifizieren, zeigen, dass die Social-Media-Landschaft sich ausdifferenziert und bessere Ausdrucksmittel für die verschiedenen Aktivitäten findet.

Trotz aller Ausdifferenzierung und Klassifizierungen sollte man aber nicht vergessen: Die Übergänge sind oft eher fliessend als konkret abtrennbar und eine Abgrenzung mehr Gedankenstütze für einige Entscheidungen und Analysen als eine abschließende Schubladisierung.

Was die Aktivitäten der Teilnehmer in den Netzwerken angeht: Kommunikation und was Sendung von Inhalten ist, entscheidet sich weiterhin von Fall zu Fall und nicht von Medium zu Medium. Egal wie ausdifferenziert die Interaktionsformen online werden.

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8 Kommentare

  1. Leander Wattig
    schrieb am 9. Juni 2009 um 01:34 Uhr (#)

    Bin gespannt, ob/wie es Facebook gelingen wird, beide Welten miteinander zu verbinden.

  2. Martin Schulze
    schrieb am 9. Juni 2009 um 08:04 Uhr (#)

    interessanter ansatz, mit dem ich weitesgehend konform gehe – allerdings würde ich die grenze nicht so hart zwischen beiden netzwerkformen ziehen. spannend könnte m.e. die implementierung von google wave in die genannten netzwerke werden. dann wird sich zeigen, ob der wave client nicht doch noch mehr, als nur ein tool sein könnte… wenn er mit all den kollaborativen features punktet, die facebook oder twitter im moment noch nicht bieten können.

  3. Niels Brüggen
    schrieb am 9. Juni 2009 um 20:02 Uhr (#)

    Finde ich einen sehr interessanten Beitrag.
    Interessant finde ich vor allem die Zuordnung von Twitter in der Klassifizierung. Wir hatten uns selbst mit einer Klassifizierung von jugendrelevanten Plattformen beschäftigt und dabei Twitter und co. ausgespart (da bei Jugendlichen derzeit nicht einschlägig). Die Tatsache, dass mittlerweile mehrere Angebote ähnliche Elemente in ihre Plattformen integriert haben, verdeutlicht aber, wie schnell Entwicklungen gerade in diesem Bereich und wie ‚beweglich’ die Grenzen sind.

    Vielleicht ist ja auch unsere Klassifizierung von Interesse. Die Studie ist erreichbar unter folgenden Links:
    “Web 2.0 als Rahmen für Selbstdarstellung und Vernetzung Jugendlicher”
    oder
    Download bei der BLM

    Ein bisschen skeptisch bin ich bezüglich der hergestellten Verbindung von Kommunikationsnetzwerken und der Nutzung mit Realnamen (bzw. mit den vermuteten Problemen, wenn Pseudonyme genutzt werden): Können nicht auch Pseudonyme innerhalb des Bekanntenkreises ‘bekannt’ sein und ein Social Graph selbst bei unbekannten Personen interessant?

    Danke noch mal für den Beitrag!

  4. Schreibt hier auf dem Blog Marcel Weiss
    schrieb am 9. Juni 2009 um 20:24 Uhr (#)

    @Martin Schulze:
    “allerdings würde ich die grenze nicht so hart zwischen beiden netzwerkformen ziehen.”

    Ja, ich habe auch versucht, darauf hinzuweisen, dass es keine eindeutige Abtrennung ist. Ist auf jeden Fall wichtig, das im Hinterkopf zu behalten.

    @Nils Brüggen:
    Danke für die Links! Schaue ich mir bei Gelegenheit mal an.

    “Können nicht auch Pseudonyme innerhalb des Bekanntenkreises ‘bekannt’ sein..”

    Je nach Sozialisation der Nutzer sicher, klar. Ich glaube aber, dass es bei der Benutzung von SNs die explizit auf bürgerliche Namen setzen, es gewichtige Gründe geben muss, wenn die User vermehrt zu Pseudonymen übergehen.

    Auf MySpace zum Beispiel benutzt praktisch niemand seinen bürgerlichen Namen (wenn dieser nicht zu vermarktende Marke ist), unabhängig von Sozialisation. Das deutet mMn auf Architektur-Probleme hin, die man nicht so einfach wegbekommt. Kann man ja bei MySpace gut beobachten, wie es gegen Facebook immer mehr verliert.

    “..und ein Social Graph selbst bei unbekannten Personen interessant?”

    Ein Social Graph, also eine Ansammlung, von unbekannten Personen ist etwas anderes als selbiger von Freunden und Bekannten. Ersterer dient zur Sendung, letzterer zur Kommunikation. Wenn man beides auf einer Plattform vermischt, müssen Tools bereitgestellt werden um die Aktivitäten zu kanalisieren (siehe Freundeslisten auf Facebook etwa).

  5. Sascha
    schrieb am 9. Juni 2009 um 23:13 Uhr (#)

    Auf MySpace zum Beispiel benutzt praktisch niemand seinen bürgerlichen Namen (wenn dieser nicht zu vermarktende Marke ist), unabhängig von Sozialisation. Das deutet mMn auf Architektur-Probleme hin, die man nicht so einfach wegbekommt. Kann man ja bei MySpace gut beobachten, wie es gegen Facebook immer mehr verliert.

    Ich würde allerdings nicht sagen, dass die Niederlage von MySpace gegen Facebook mit der Namensgebung der User zu tun hat.

    MySpace war meines Erachtens immer zur Selbstverwirklichung gedacht – und zwar unter dem Pseudonym, den man selbst gewählt hat, der Teil der Selbstverwirklichung ist.
    Das konnte ich gut bei Hiphop-”Künstlern” in Berlin erkennen: Dort wurden die MySpace-Adressen an die Wände gesprayed.
    Auf Grund der vielen Gestaltungsmöglichkeiten kann jeder User sein Profil selbst gestalten und passend zu seiner virtuellen Identität aufbauen.

    Bei Facebook fehlen diese Funktionen der Gestaltung des Profils. Profile habe eine lange Adresse – sie sind nur zur Publikation gedacht – zumindest nicht in dem Maße.

    Bei MySpace konnte ich viele User betrachten, die Freunde regelrecht gesammelt haben. Genau wie bei Twitter wird versucht, seinen Bekanntheitsgrad zu erhöhen.

    Facebook und MySpace sind damit meines Erachtens komplett unterschiedliche Netzwerke, die jeweils in eine eigene Kategorie gehören und dadurch der Wettstreit in dem Sinne nicht “fair” ist und auch die Userzahlen so nicht vergleichbar sind.
    Bei MySpace wäre die Monetarisierung mMn viel einfacher, da bereits zahlungskräftige Kundschaft vorhanden ist und eben viel offener.

    Schade eigentlich, dass MySpace so hässlich anzusehen ist ;)

  6. Martin Lindner
    schrieb am 11. Juni 2009 um 08:49 Uhr (#)

    hm. gut, darüber nachzudenken. die kategorisierung überzeugt mich aber inhaltlich nicht: was hier “publikationsnetzwerke” heißt, ist jedenfalls ein viel komplexeres & vielgestaltigeres phänomen.

    paradebeispiel ist natürlich Twitter (derzeit): erst wenn man Twitter in seiner vielgestaltigkeit verstanden hat, hat man IMHO brauchbare kategorien.

    mir scheint, dass der hier vorschnell eingenommene business-standpunkt den unvoreingenommenen analytischen blick auf das verkürzt, was real existierende “netzwerke” wirklich tun – auf die je spezifischen user experiences und kommunikationen und aufmerksamkeits-impulse, die dann zusammen erst das besondere eines “netzwerks” ausmachen.

  7. Howard
    schrieb am 4. Juni 2010 um 17:45 Uhr (#)

    Any chance I could get this post in English?

    1. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
      schrieb am 4. Juni 2010 um 22:02 Uhr (#)

      Sorry you have to use Google Translate.

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