Kommunikationsplattform Wave:
Google, zeig uns deine Zeitmaschine

Google überrascht seine Kritiker: Gestern noch der Verlierer im Sturm um die Krone im Echtzeitweb, heute mit Wave wieder Top-Innovator und bald der Konkurrenz um Längen voraus. Man möchte meinen, Google hätte eine Zeitmaschine im Keller.

Mit der Vorstellung seiner neuen Plattform Wave hat Google die Netzgemeinde in Begeisterung versetzt. Der neueste Coup des Internetgiganten bedeutet nicht weniger als die Revolution von Kommunikation und Zusammenarbeit, so der Tenor, der hauptsächlich auf dem basiert, was Googles in seiner 80-minütigen Wave-Präsentation vorgezeigt hat.

Sicherlich genügt das Video nicht, um beurteilen zu können, ob Wave tatsächlich derartig weitreichende Auswirkungen haben könnte oder ob sich letztlich nicht doch nur um eine weitere Google-Spielerei handelt, die nach einigen Monaten wieder in der Versenkung verschwindet. Die gezeigten Funktionen sind aber in jedem Fall beeindruckend und vereinen im Prinzip alle angesagten Webtrends in einer einzigen Anwendung: Echtzeit, Schnittstellen, OpenSource, Wikis, Applikationen und Erweiterung, File Sharing usw.

Die unerwartete Enthüllung dieser potenziellen Killeranwendung ist vor allem eines: Googles Antwort an alle Kritiker, die den Stern des Unternehmens nach vielen Jahren der Dominanz langsam untergehen sehen.

Nur bei Google ist es möglich, dass Dutzende Entwickler und Produktmanager für mehrere Jahre nach Australien geschickt werden, um dort heimlich an der Zukunft der Kommunikation zu arbeiten. Und nur bei Google ist es möglich, dass dies parallel zu einer Vielzahl ähnlicher, teilweise konkurrierender Projekte (Gmail, Talk, Google Docs, Orkut) geschieht.

Das stärkste Produkt wird sich durchsetzen – nach dieser Maxime trifft man in Mountain View Entscheidungen und verteilt Budgets. Dank der Milliardenerlöse aus dem Geschäft mit Suchmaschinenwerbung kann man sich dieses exotische Geschäftsgebaren auch leisten.

Es gibt nur wenige Firmen auf der Welt, die über die quantitativen und qualitativen (Entwickler-)Ressourcen verfügen, wie Google sie hat. Microsoft zählt sicher dazu, womöglich Apple, und auch Facebook hat sich in den letzten Jahren eine ganze Reihe kluger Köpfe ins Haus geholt. Doch die Kombination aus Spitzentalent, hohem Innovationstrieb, wirtschaftlicher Unbekümmertheit und des großen Einflusses der Ingenieure macht den Such- und Webriesen zu einer Macht, mit der es derzeit niemand so richtig aufnehmen können zu scheint.

Vor wenigen Tagen noch schien Google mit Blick auf den stattfindenden Wandel vom statischen Internet zum Echtzeitweb langsam aber sicher ins Hintertreffen zu geraten. Heute jedoch wirkt es so, als hätte man sich im Googleplex in eine Zeitmaschine gesetzt und kurzerhand ein paar Jahre gut gemacht, um mit Wave schlagartig die Konkurrenz weit hinter sich zu lassen. Ich behaupte, dass nur wenige Unternehmen auf diesem Planeten diese Fähigkeit besitzen. Und im Onlinebereich wahrscheinlich keines.

Der einzige, der Google derzeit ein Bein stellen kann, ist Google selbst.

(Foto: Roberdan; CC-Lizenz)

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3 Kommentare

  1. Stefan F
    schrieb am 30. Mai 2009 um 15:38 Uhr (#)

    “Und nur bei Google ist es möglich, dass dies parallel zu einer Vielzahl ähnlicher, teilweise konkurrierender Projekte (Gmail, Talk, Google Docs, Orkut) geschieht.”

    Als ehemaliger IBM Research Mitarbeiter kann ich dir versichtern, dass das nicht nur bei Google so geschieht. Bei diesen Branchenriesen ist es wohl eher die Regel, dass die Konkurrenz auch im eigenen Unternehmen zu Hause ist. Da wird dann auch intern hart um die Vergabe von Budgets etc. gekämpft. Ich habe immer behauptet, es gäbe tatsächlich viele Parallelen zwischen der Wirtschaft vor der Haustür und der eignen Mini-Wirtschaft mit den drei blauen Buchstaben :)

  2. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 30. Mai 2009 um 15:42 Uhr (#)

    Ich bezog mich mit dieser Aussage auf den B2C-Software-Bereich. Im Hardware-Sektor gibt es sicher ähnliche “Leuchtürme”.

  3. joschi
    schrieb am 30. Mai 2009 um 19:23 Uhr (#)

    Wave ist sicherlich ein nettes Produkt aber meiner Meinung nach keine Revolution, so wie es in vielen Web 2.0 Beweihräucherungs-Blogs (sorry!) dargestellt wird. Die unterliegende Technologie (XMPP) gibt es schon einige Jahre und ist z. B. auch die Basis von Google Talk. Es gab auch schon Produkte, die viele der in Wave enthaltenen Elemente kombiniert haben, aber letztendlich an zu geringem Interesse seitens der Verbraucher gescheitert sind.
    Das könnte bei Wave anders laufen, allein weil Google mit seiner immensen Marktmacht dahintersteht. Oder es wird mit der Zeit wieder verschwinden, weil die Benutzer eben doch lieber E-Mails schreiben, mit ihren Freunden chatten und vielleicht ein Wiki besuchen/bearbeiten/betreiben – eben alles getrennt wie bisher.

    Für mich persönlich bleibt zu sagen: Jep, XMPP. “Hab ich doch gleich gesagt”. Schön erweiterbar, skalierbar, nützlich und hervorragend designed. So sollte ein Protokoll sein. Produkte darauf bauen kann dann jeder. Auch Google.

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