Bundesverband Musikindustrie:
Internet-Filter als Geschäftsmodellschutz

Nerdcore hat mich an einen Absatz in diesem vielleicht lesenswertesten Artikel zum Thema Kinderpornographie-Sperren in der c’t erinnert, auf den ich auch noch einmal eingehen wollte:

Dieter Gorny, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands Musikindustrie, hakte sich sogleich bei der Ministerin ein: „Der Vorstoß der Familienministerin zum Verbot von Kinderpornografie im Internet ist ein richtiges Signal. Es geht um gesellschaftlich gewünschte Regulierung im Internet, dazu gehört auch der Schutz des geistigen Eigentums.“ Das ist die mühsam verklausulierte Forderung, unliebsame P2P-Linkseiten auf die Sperrliste zu hieven.

Wir sehen hier den Vertreter einer Industrie, die sich weigert, ihre Geschäftsmodelle an die Veränderungen in ihrem Markt anzupassen und stattdessen fordert, dass diese Veränderungen wieder verschwinden. Das Problem ist hier natürlich, dass eine Industrie mehr Rechte für sich in Anspruch nehmen will, als ihr zustehen. Der Musikindustrie steht nicht zu, mit zu entscheiden, was im Internet gefiltert wird und was nicht. Genau das ist aber die (implizit angekündigte) Forderung. Ganz abgesehen von der grundlegenden Problematik mit Internet-Filtern.

Ein Filtern von sogenannten “P2P-Linkseiten” wäre allein aufgrund der schwierigen Klassifizierung der Sites ein unverhältnismässiger Eingriff in das Internet, der noch mehr Rechtsunsicherheit in das Internet in Deutschland einbringen würde, als es bereits unter der aktuellen Gesetzgebung der Fall ist .

Von da wäre es dann nur noch ein kleiner Schritt zum Beispiel YouTube zu sperren, wenn man dort den Lizenzforderungen der Rechteinhaber nicht nachkommt. Eine passende Argumentation dafür würden die Vertreter der Musikindustrie, deren Opportunismus längst keine Grenzen mehr kennt, schon finden.

Ein weiteres Problem hier ist, dass es in einer Marktwirtschaft nicht die Aufgabe der Regierung ist, sicherzustellen, dass veraltete Geschäftsmodelle profitabel bleiben. Wie ich vor geraumer Zeit schrieb:

Markt bedeutet eben nicht nur unverschämt hohe Renditen sondern auch Untergang, wenn man sich nicht an Veränderungen der Umwelt anpassen kann oder will.

Die Musikindustrie hatte durch Veränderungen ihres Marktes die letzten 15 Jahre des vergangenen Jahrhunderts recht hohe Renditen eingefahren. Durch den Umstieg der Konsumenten von Vinyl auf CD konnten ganze Backkataloge ein weiteres Mal unter das Volk gebracht werden. Jetzt ist man mit einer ebenso umwälzenden Veränderung des Marktes konfrontiert, nur verändern sich dieses Mal auch die Geschäftsmodelle selbst. Und weil man sich nicht ändern will, ruft man nach der Regierung und Gesetzen und Regelungen gegen diese Veränderungen.

Das ist in etwa so, als hätten die Vinyl-Presswerke Ende der Achtziger ein allgemeines CD-Verbot verlangt. Absurd? Aber ja.

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5 Kommentare

  1. tom
    schrieb am 22. April 2009 um 21:33 Uhr (#)

    China läßt grüßen…

  2. Daniel Niklaus
    schrieb am 22. April 2009 um 23:17 Uhr (#)

    Wie wenn die CD-Laufwerkshersteller das Internet verbieten wollten.

    Dies wäre der richtige Vergleich zu deinem Beispiel. Den Umstieg von Vinyl auf CD wie jetzt auf iTuns & Co. wird ja von den Rechteinhaber unterstützt.

  3. Schreibt hier auf dem Blog Marcel Weiss
    schrieb am 23. April 2009 um 13:35 Uhr (#)

    Das Beispiel war auf die Vinyl-Presswerke bezogen, denen der komplette Markt wegbrach, nicht die Rechteinhaber. Es gab einige unabhängige Presswerke, die keinem Label gehörten und die von der Umstellung auf CDs nicht viel hatten, wenn sie nicht auch umschwenkten.

    Das ist in etwa so, als hätten die Vinyl-Presswerke Ende der Achtziger ein allgemeines CD-Verbot verlangt.

  4. Franz
    schrieb am 23. April 2009 um 17:53 Uhr (#)

    Ich höre immer China. Bevor man das ins Spiel bringt, sollte man wissen, wie es da funktioniert. Ich empfinde den Vergleich wenig hilfreich, auch im Hinblick auf zufünftige Enwicklungen. Ich empfehle immer diesen hervorragendemn Artikel von “the Atlantic”, der das Zensursystem hervorragend beschreibt: http://bit.ly/15K1zK

    Dieter Gorny und das ganze Pack, das diese Eingriffe befürwortet, macht das natürlich nicht sympathischer. Verbote haben noch nie so richtig etwas genützt wenn die Mehrheiten etwas anderes wollten. Ich teile Marcels Auffassung.

  5. Matthias
    schrieb am 31. August 2010 um 17:55 Uhr (#)

    Es ist natürlich ganz großer Käße soetwas zu fordern. Aber aus Sicht der Verlage und Labels natürlich nachvollziehbar. Welche möglichkeit gibt es denn noch mit dem Verkauf von Musik Geld zu verdienen, wenn es diese an jeder Ecke kostenlos gibt?
    Zumal doch der duchschnittliche musikalische Einheitsbrei das Plastik nicht Wert ist in das er Verpackt ist… Gute CD’s mit einer künstlerisch Wertvollen Verpackung werde ich mir auch weiterhin kaufen.
    Dieser ganze Käse, der gerade noch für’s Radio taugt, hört sich beinahe komplett gleich an. Die CD’s sehen identisch aus und für MTV werden die selben Videos mit halbnackten, tanzenden Frauen produziert… Das es auf die Qualität ankommt, und nicht nur auf die Menge die Produziert wird sehen die Verantwortlichen nicht.

    Und was ich von sperren im Internet im allgemeinen (und von dieser im speziellen) halte, brauche ich wohl nicht weiter erläutern. Da sind wir alle einer Meinung

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