Übersetzungen im Kontext:
Linguee macht das Web zum Wörterbuch

Linguee ist ein neuer Übersetzungsdienst, der Wörter und Wortgruppen in Hinblick auf deren Kontext übersetzt. Innovativ ist auch, wie das Kölner Startup dies realisiert: Es nutzt das Web als Wörterbuch.

linguee
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Nahezu jeder, der sich häufig mit dem Web beschäftigt, einem Studium nachgeht oder in der Internet- und Medienwelt tätig ist, kommt ab und an mit englischsprachigen Texten in Kontakt. Ein leistungsfähiges Onlinewörterbuch gehört daher zu den essenziellen Werkzeugen für viele User. Leider sind herkömmliche Übersetzungsservices wie LEO oder pauker.at nicht in der Lage, zu übersetzende Wörter oder Wortgruppen in ihrem Kontext zu erfassen, weshalb Anwender nicht selten auf völlig falsche sprachliche Fährten geleitet werden.

Mit einem mehr als cleveren Ansatz nimmt sich Linguee, ein junges Startup aus Köln, diesem mitunter ärgerlichen Problem an. Das Unternehmen entwickelt seit einem Jahr etwas, das sich treffend als Übersetzungssuchmaschine bezeichnen lässt. Die beiden Linguee-Gründer Dr. Gereon Frahling und Leonard Fink hatten die geniale Idee, ganz einfach hunderttausende im Netz befindliche, sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch vorliegende Dokumente als Grundlage für ihren Service zu nehmen.

Linguee durchsucht das so genannte “zweisprachige Web”, insbesondere professionell übersetzte Webseiten von Firmen, Organisationen und Universitäten, sowie EU-Dokumente und Patentschriften. Wer über Linguee nach einem Wort oder einer Wortgruppe sucht, erhält eine Liste von im Internet gefunden Texten, die die gesuchten Ausdrücke enthalten – und zweisprachig vorliegen. Statt also wie klassische Onlinewörterbücher in einer Datenbank den deutschen und den dazugehörigen englischen Begriff zu speichern, zeigt Linguee in seiner Resultatliste an, wie die gesuchten Wörter im Web in ihrem jeweiligen Zusammenhang eingesetzt wurden – und hilft somit erheblich besser zu verstehen, welches englische Wort in welchem Kontext üblich ist.

Die Ergebnisse werden in zwei Spalten angezeigt. Links finden sich die gefundenen Dokumente in der Ausgangssprache, rechts in der Zielsprache. Suchergebnisse können bewertet und von Usern bearbeitet/verbessert werden. Um einen weitgehend kompletten Überblick über mögliche Übersetzungen zu geben, liefert Linguee zusätzlich “klassische” Übersetzungen von Beolingus, dem Onlinewörterbuch der TU Chemnitz.

Von Linguee gefundene Übersetzungen
Von Linguee gefundene Übersetzungen

Die Idee, das Internet zu crawlen, als Wörterbuch einzusetzen und der Onlineübersetzung dadurch einen semantischen Anstrich zu geben, ist laut Linguee-Gründer Gereon Frahling bisher einmalig. Bei der Entwicklung hilfreich waren Frahling seine Erfahrungen von einer Postdoc-Stelle in der Forschungsabteilung von Google in New York, die er nun zu Gunsten der Selbstständigkeit aufgeben hat. Gerade was den Umgang mit großen Datenmengen, die Qualitätsbewertung sowie den Such-Index betrifft, konnte der junge Unternehmer einiges bei Google lernen – wovon er und sein Kompagnon Leonard Fink nun bei der Entwicklung von Linguee profitieren.

Refinanzieren wollen die zwei Gründer ihr Startup über Werbung in den Ergebnislisten. Beide haben einen technischen Hintergrund und den Dienst vollständig selbst finanziert. Auch angesichts der bisher geringen Entwicklungskosten – alles wurde Inhouse selbst aufgezogen und programmiert – gehen sie die Monetarisierungsfrage entspannt an. Konkrete Gespräche mit Investoren laufen aber, um in Zukunft mehr Mittel für die geplante Expansion in andere Sprachen und Märkte (z.B. Spanisch-Englisch, Französisch-Englisch) zur Verfügung zu haben.

Frahling empfiehlt Linguee primär für den beruflichen Einsatz – ganz einfach, weil umgangssprachliche Ausdrücke und Schimpfwörter im zweisprachigen Web nur selten zu finden sind. Prädestiniert ist Linguee für Unternehmenspräsentationen, Pressemeldungen und Fachtexte mit speziellem Vokabular – und hat auf mich im Praxiseinsatz einen sehr guten Eindruck gemacht.

Linguee hat den öffentlichen Beta-Test gestartet und ist ab sofort für alle zugänglich.

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13 Kommentare

  1. Tamim
    schrieb am 6. April 2009 um 01:13 Uhr (#)

    Hmm, das sieht sehr gut aus.
    Gute Idee, ich bin gespannt.

  2. a.
    schrieb am 6. April 2009 um 09:57 Uhr (#)

    “Versäumnisgeld” klappt schonmal überhaupt nicht.

    Wird dann der Userinput (d.h. Korrekturvorschläge und Helfen beim “Lernen”) ein wichtiges Element sein, so wie bei Google translate auch?

  3. Patrick
    schrieb am 6. April 2009 um 10:12 Uhr (#)

    Sehr gut. Bin gespannt auf die Resultate. Ein erster Eindruck war positiv.

    Mich hat es eigentlich gewundert, dass diese Idee nicht früher umgesetzt wurde. Mit Wikipedia gibt es ja auch schon ein gutes Wörterbuch. Man muss nur schauen, welcher Begriff bei der Definition in Englisch, Französisch, etc. angegeben wird und schon kriegt man eine rudimentäres Wörterbuch, insbesondere mit vielen Fachausdrücken, dem Schwachpunkt traditioneller Wörterbücher. Es ist auch nicht erstaunlich, dass einer der Gründer von Google kommt. Welche Firma hat denn schon mehr Text von Menschen in allen möglichen Sprachen auf ihren Rechner? Und jetzt müssen sie eben “nur” noch verstehen, was dort gemeint ist.

    Ich finde Linguee auch deshalb Klasse, weil es einen neuen Weg mittels neuer Medien findet, wie Wörterbücher der Zukunft produziert werden. Eine klassische Geschäftsmodellinnovation. Duden.de ist nur die reine Übertragung des alten Geschäftsmodells aufs Internet, leo.org hat noch die Mitmachkomponente durch Menschen dazu gebracht und jetzt gibt es ein Wörterbuch, dass mittels smarter Algorithmen ein Wörterbuch aufbaut. Die Arbeit haben Menschen ja früher schon mit den Übersetzungen der eigenen Seiten gemacht. Jetzt kann Linguee die Schätze heben.

    Wichtig wird aber sein, dass Linguee nicht nur auf seine Algorithmen vertraut, sondern auch noch eine menschliche Komponente einbaut. Optimal wäre ein Verschnitt von Leo, canoo.net und Linguee.

  4. Gregor
    schrieb am 6. April 2009 um 13:17 Uhr (#)

    da bin ich auch mal gespannt was daraus noch wird.

  5. ben
    schrieb am 6. April 2009 um 13:30 Uhr (#)

    Echt gelungen, habs mal kurz getestet, gibts übrigens auch als . firefox-suchmaschine

    Allerdings erstaunt mich immer wieder die Kreativität bei der Monetarisierung von Webprojekten. Das einzige was vielen einfällt ist “Werbung”. Ist das wirklich so ein gutes Geschäft? Vor allem wenn die einzige Einnahmequelle, währe doch eher riskant.

    Gerade bei diesem Beispiel bin ich echt skeptisch ob das funktioniert. Denn die, die diesen Translater nutzen, wollen ein simples effektives Tool das ihnen die Informationen gibt die sie suchen und konzentrieren sich dann weiter an ihrem Text. Aber an “kontextorientierter” Werbung die eh nicht wirklich passt sind sicher die wenigsten interessiert. Linguee ist ja nicht Vogue wo Werbung so cool ist wie der redaktionelle Teil selbst.

    Generell denk ich, es gibt Projekte die sich eignen um Geld zu machen, und andere werden besser in einen grösseren Kontext integriert. Viele Startups haben eher das Ziel ihre Innovation zu verkaufen, denn selbst damit Geld zu erwirtschaften.

  6. Schreibt hier auf dem Blog Marcel Weiss
    schrieb am 6. April 2009 um 15:40 Uhr (#)

    @ben: Werbefinanzierung ist das Geschäftsmodell mit der niedrigsten Implementierungsschwelle. Im Notfall reicht ein Google-Adsense-Konto. Deshalb unter anderem dürfte das oft sozusagen die Default-Wahl sein.

  7. Felix A.
    schrieb am 6. April 2009 um 16:39 Uhr (#)

    Die Idee hatte Google aber leider schon vor einiger Zeit.

  8. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 6. April 2009 um 16:45 Uhr (#)

    Sieh an! Danke für den Tipp. Das Problem mit Googles Sprachtools ist, dass sie relativ versteckt sind und man – sofern man sie nicht direkt gebookmarkt hat, immer einige zusätzliche Klicks benötigt. Linguee gefällt mir in der Aufmachung und Benutzerführung besser.

  9. Holger
    schrieb am 6. April 2009 um 17:47 Uhr (#)

    Google hat doch nur eine maschinelle Übersetzung, oder? Der Artikel von Felix bezieht sich nur darauf, dass diese mit vielen EU- und UNO-Übersetzungen trainiert wurde. Soweit ich weiss, kann man diese Übersetzungen aber nicht durchsuchen.

    Bin gespannt, ob Linguee den Praxistest in den nächsten Wochen besteht.

  10. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 7. April 2009 um 10:53 Uhr (#)

    Holger, schau mal hier. Das geht tatsächlich in die gleiche Richtung wie bei Linguee.

    Allerdings scheint der gesuchte Begriff von Google erst ins Englische übersetzt zu werden, von da an werden dann zweisprachige Sites gescannt. Was dazu führt, dass bei einer Suche nach Vermögenssteuer seltsame Resultate herauskommen. Linguees Ergebnisse zu Vermögenssteuer sehen sehr viel besser aus.

  11. Gereon
    schrieb am 7. April 2009 um 17:04 Uhr (#)

    Hallo Martin, halle Kommentatoren!
    Als Gründer von Linguee möchte ich kurz ein (natürlich voreingenommenes) Feedback geben:
    Ersteinmal einen Riesendank an Martin für den ausgezeichneten Artikel über Linguee. Und an alle Kommentoren für die guten Beiträge. Ich habe selten Blogs gelesen, bei denen so fundierte Diskussionen wie hier aufkamen.

    Kurz zum Unterschied zwischen Linguee und den Google Tools und der Diskussion dazu:
    Linguee sucht in zweisprachigen Webseiten. Dies ist sehr interessant für Leute, welche Texte auf englisch formulieren möchten, weil man von Menschen übersetzte Texte durchsuchen kann.

    Google hingegen bietet die “übersetzte Suche”, was etwas völlig anderes ist: Die “übersetzte Suche” ist dafür gedacht, allgemeine Informationen auch von Webseiten anderer Sprachen zu bekommen. Man soll sich im englischen Internet so bewegen können wie im deutschen, selbst wenn man die Sprache nicht versteht. Also ein völlig anderer Anwendungsfall.
    Wenn ich in der Google “übersetzten Suche” nach “Vermögenssteuer” suche, wird dieser Begriff übersetzt (in “wealth”. Mit diesem Wort wird dann eine normale englische Google-Suche losgetreten. Diese findet normale englische Webseiten (keine zweisprachigen). Die Ergebnisse dieser englischen Suche sieht man in der rechten Spalte. Die linke Spalte ist dann eine Computerübersetzung (daher auch so schlecht).
    Googles “übersetzte Suche” ist ziemlich gut, um in fremden Sprachen zu recherchieren. Aber leider (gut für uns) ungeeignet, um Übersetzungen anderer Leute zu finden, wie mit Linguee. Daher eignet sich auch Googles “übersetzte Suche” nicht zur Formulierung eigener Texte oder als Wörterbuch-Ersatz.

  12. Petra
    schrieb am 15. April 2009 um 21:20 Uhr (#)

    Ganz so einmalig ist linguee nicht. Auch wir bieten mit linguatools ein Kontext-Wörterbuch mit Millionen Beispielsätzen für Deutsch-Englisch, Deutsch-Spanisch und Deutsch-Tschechisch an.

  13. Rene
    schrieb am 15. November 2009 um 20:27 Uhr (#)

    Petra, wenn du ein paar Phrasen verwendest, wirst du schnell feststellen, dass Linguee qualitativ deutlich besser abschneidet – ich habe es bewusst positiv formuliert. Linguee ist bislang wirklich einmalig: Die Idee ist sehr gut, die Algorithmen, die hier vewendet werden, sind es auch. Das macht die Ergebnisse so konkurrenzlos. Sicherlich muss hier noch getestet werden – obwohl es auch so schon ziemlich beeindruckend ist.

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