re:publica’09:
Tag 1, Rückschau auf die Showbühne
Der erste Tag auf der re:publica’09: Basic, Pallenberg, Beckedahl und Niggemeier über den aktuellen Zustand der Blogs. Hogenkamp, Augstein, Lehnert und Passek über den Medienwandel.
Der erste Eindruck: Ist das gross und ernst geworden. Und cool: Der einzelne Sprecher im Schwarz der Bühne des Friedrichstadtpalasts wirkt grandios, eigentlich wartet man jeden Moment darauf, dass jemand wie Liza Minelli reinschneit. Hunderte Menschen im Rund, die in ihre Laptops tippen, was auf der Bühne passiert. Beeindruckend – wer hätte das gedacht bei der ersten re:publica vor zwei Jahren? Das sieht nicht mehr aus wie ein Bloggertreffen mit Bier, das sieht aus wie ein wichtiger Kongress.
Die Besucher streifen fast ernsthaft durch die Gänge, man misst sich gegenseitig mit kritischen, mit höflichen, mit freundlichen Blicken. Und guckt natürlich eifrig auf die Namensschilder, vielleicht ist es ja jemand, dessen Blog man täglich liest. Die Zeitungen sind auch vor Ort, die taz liegt auf und verkauft vor der Türe tazpresso, der Freitag ist da mit einem eigenen Stand.
Offenbar wird mit der Veranstaltung, die ständig an Zulauf gewinnt, ein Vakuum gefüllt. Wir fassen die Aussagen aus den zwei grossen Panels des Tages zusammen, der Diskussion über den aktuellen Zustand der Blogs und der Diskussion über den Wandel der Medienwelt:
Der Zustand der deutschen Blogosphäre
Robert Basic sieht die Internetrevolution stattfinden, doch er fragt sich, ob es so eine Welle geben kann wie 1848 oder 1968. Für ihn ist Tatsache, dass die Revolution seit 15 Jahren in Gang ist, die USA habe wohl einige Jahre Vorsprung. Er ärgert sich ziemlich, dass immer zwischen gutem und schlechtem Content unterschieden wird und glaubt, dass man auf dem deutschen Parkett “tanzen” und “Beauty sein” müsse.
Schönstes Zitat:
“Jeder Mensch, so wie er ist, ist wunderschön.”
Sascha Pallenberg war mit seinem Techblog über Netbooks in den USA derart erfolgreich, dass er seinen bisherigen Job schmiss – und so seine amerikanische Arbeitsbewilligung verlor. Twitter ist für ihn eine gute Ergänzung zu Blogs. Er verbringt 3 bis 4 Stunden täglich für den Content, einen guten Teil des Rest des Tages ist er in Social Networks aktiv. Pallenberg hatte anfangs Probleme mit der Vermarktung, mit genügend Traffic könne man aber durchaus bei den “Marketeers” landen. Und er kritisiert mit deutlichen Worten die deutsche Blogosphäre: Da werde mehr gegeneinander als miteinander gearbeitet und zu oft und zu viel nachgedacht.
Markus Beckedahl glaubt, dass man als politischer Blogger für die Werbebranche nicht relevant ist. Von den Anfragen, die reinkommen, lehne er viele ab, da sie wegen moralischer Bedenken oder schon wegen des Designs nicht ins Konzept passen.
O-Ton Beckedahl:
“Gute Blogartikel werden dank Twitter noch schneller diskutiert.”
“Blogger sollten weniger über ihr iPhone bloggen, sondern auf etwaige Missstände aufmerksam machen.”
“Die wenigsten Politiker haben das Internet in ihr eigenes Leben integriert.”
Für Stefan Niggemeier ist ein Blog eine Möglichkeit, a) sehr schnell zu sein, aber b) auch etwas zu schaffen, das Bestand hat und das man auch in einem Jahr noch lesen kann. Twitter-Diskussionen sind ihm zu kurzatmig, zu flüchtig. Und haben Suchtpotential: Niggemeier fürchtet, es könnte ihm zu sehr gefallen, so dass er nicht mehr aufhören könnte.
Zitate:
“Wir brauchen keine Rechtsschutzversicherung für Blogger, wir brauchen klare Gesetze.”
“Es ist erschütternd, wie wenig eigenen Content die deutsche Blogospähre produziert.”
Die Medienwelt im Wandel
Jakob Augstein lobt die unheimlich intelligenten Leser des “Freitag”: Es mache ihm “wahnsinnig viel Spass”, Inhalte aus den Blogs zu fischen und nach vorne zu bringen. “Freitag” sei Journalismus 2.0. Jeder solle das machen, was er am besten kann. Es gelte das Subsidiaritätsprinzip.
Augstein:
“Ich kann mir gut vorstellen, dass vom ‘Freitag’ nur Online überlebt. Aber ich will das gar nicht. Zeitungen können Sachen, die das Netz nicht kann. Am besten macht man beides und setzt die jeweiligen Vorteile ein.”
“Wir gehen am weitesten damit, die Grenzen zwischen Redaktion und Leser zu verwischen.”
“Es braucht Institutionen und investigativen Journalismus. Mit Spassblogs kontrollieren sie keine Behörden.”
“Politiker interessiert, wenn Heribert Prantl etwas sagt, aber nicht, wenn Don Alphonso etwas sagt.”
Peter Hogenkamp, Blogwerk-Chef, ist Chef von Journalisten, obwohl er BWLer ist. Für uns arbeiten etwa 60 Leute – die meisten als freie Autoren, die unterschiedlich viel schreiben. Wir bezahlen alle Autoren seit Anfang an.
Zitate:
“Die Worte ‘Blog’ und ‘bloggen’ sind überschätzt, das ist nichts mehr als eine Software.”
“Rückkanal ist ein toller Wert. Wenn ich einen Blödsinn veröffentliche, weiss ich, dass es in fünf Minuten Kommentare gibt, die mich berichtigen.”
“Konferenzen haben enorm dadurch gewonnen, dass man den Leuten auf der Panel sagen, was man von der Diskussion hält.”
“Man kann dem Netz doch nicht vorwerfen, dass Politiker nicht darin lesen.”
Radiomann Helmut Lehnert glaubt, dass es sinnvoll ist, die ganze Medienvielfalt zu erhalten. Zitat:
“Alles ist explodiert, jeder darf mal, man muss sich durch einen Berg Müll arbeiten, damit man auf etwas essentielles stösst.”
Oliver Passek glaubt, dass sich der aktuelle Medienwandel genau hier und jetzt abspiele. Die Gegensätze zwischen Bloggern und Journalisten lösen sich auf, es ist und wird eine gegenseitige Bereicherung sein. Thomas Knüwer – im Publikum – kritisiert schiesslich noch, dass Medien heute oft kein Filter mehr, sondern nur noch ein Hallraum sind. Journalisten würden sich zu wenig als Ansprechspartner der Leser zur Verfügung stellen.
Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.
















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Oh je, habe ich “erschütternd” gesagt? Ich wollte “ernüchternd” sagen. “Erschütternd” ist dann doch noch mal eine andere Kategorie ;-)