Bankster und Spießgesellen:
Wer ist hier denn unpolitisch?
Allmählich gehen den Printjournalisten noch die letzten verbliebenen Maßstäbe verloren. Eine “Graswurzelverwilderung” wirft der Kollege Gregor Dotzauer im ‘Tagesspiegel’ anlässlich der re:publica der Online-Gemeinde vor.
“Es geht um den Aufstand eines um Hipness bemühten Lebensstils von digital natives gegen ein System, das selbst in seinen namhaftesten Qualitätsprodukten manchmal nicht mehr vermitteln kann, wo die intellektuelle Latte liegt und der Unterschied zwischen einer professionellen und einer amateurhaften Äußerung. Die im Namen radikaler Demokratie gegen die Autorität der Institutionen aufbegehrende Blogosphäre mit ihren in der Masse entpolitisierten, zumeist pseudonymen Existenzen hat da leichtes Spiel”. (Quelle)
Halten wir fest – selbst der professionelle Kollege Dotzauer kann nicht umhin, ein systemisches Totalversagen der Presse festzustellen (‘kann nicht mehr vermitteln’). Er nimmt sich aber daraufhin nicht die schreibende Zunft oder die werte Verlegerschaft zur Brust, er prügelt lieber auf den Boten aus der Blogosphäre ein, den er ‘unpolitisch’ und ‘pseudonym’ nennt. Dieser depperte Vorwurf der ‘Anonymität’ aus einer selbst zumeist namenlosen Journalistenschar heraus ist hier schon oft genug glossiert worden. In diesem Fall mag daher der Hinweis auf die Kritik von Jules van der Ley an diesem journalistischen Dauerlutscher genügen. Bleibt die Frage: Wer ist denn hier apolitisch?
Der Print hätte ja durchaus Chancen, wäre er noch meinungsfroh und ideologisch wie einst im Mai. Das zeigte uns justamäng Thomas Knüwer am Beispiel des britischen Observer: Eine dicke Zeitung voller Anzeigen und Kommentare, ein wahrer Verlegertraum, stets auf der Seite ihrer Leser zu finden, eine Mixtur, die hierzulande kein Herausgeber wagen würde, auf den Markt zu bringen, aus Angst vor den indigniert hochgezogenen Augenbrauen seiner Anzeigenkunden.
Daher leben wir auch nicht in Großbritannien, sondern im Land des niedergehenden Kuscheljournalismus: Hierzulande dürfte ein Journalist noch nicht einmal einen Investmentbanker einen ‘Bankster’ nennen, obwohl doch seine Leserschaft den Sachverhalt in ihrer überwiegenden Mehrheit längst exakt so sieht. Wir haben es mit einer ebenso apolitischen wie kastrierten Herde schreibender Wallache zu tun, die allenfalls noch einem Beck, einem Bohlen oder einer Ypsilanti gegenüber mal auskeilen darf – und ansonsten so kreuzbrav ist wie eine Tanzmaus in ihrem Laufrad.
Nehmen wir zur Illustration einfach mal das genannte Beispiel – ‘den Bankster’: Das Maximum an Vorwurf, das sich ein deutscher Journalist gegenüber unserer geldgewährenden Zunft trotz galoppierender Finanzkrise derzeit erlaubt, lautet: Die Banker dort in ihren Mammonstempeln hätten die eigenen Produkte selbst nicht mehr verstanden – womit die Schreiber dann ganz auf jener Linie wären, die uns unsere oberste Sinngebungsinstanz, der Horst Köhler, vorgegeben hat: Zwar sei der Finanzmarkt in die Hände überbezahlter und inkompetenter Trottel gefallen, das sagte – von mir hier nur höchst sinngemäß persifliert – unser Bundespräsident: “Die Banken kauften und verkauften immer mehr Papiere, deren Wirkung sie selbst nicht mehr verstanden“. Das seien also Menschen gewesen, die in ihrer Hybris sich selbst als Finanzgötter sahen, aber ihre eigenen Waren gar nicht mehr begreifen konnten, was aber deswegen auch so bleiben müsse, weshalb jetzt alles darauf ankäme, ihnen zu verzeihen, kollektiv und brav steuerzahlend in die Hände zu spucken und unentwegt nach vorn zu schauen, wo ganz sicher doch vielleicht irgendwann eine rosige Zukunft auf den unveränderten Fundamenten der sozialen Marktwirtschaft erblühen müsse. Im übrigen: Woher sollten wir auch neue inkompetente Trottel nehmen, wenn wir die alten jetzt alle rausschmeißen?
Wem der präsidiale Vorwurf der ‘Trotteligkeit’ in Richtung Geldwirtschaft zu hart erscheint, dem bliebe streng denklogisch nur eine einzige Alternative: Die Banker hätten dann nämlich ihre Produkte sehr wohl verstanden – sie aber trotzdem auf den Markt gebracht. Sie wären dann zu ‘Bankstern’ im Wortsinn geworden, die andere bewusst mit Schrott leimen wollten. So etwas aber würde wohl ein Deutscher angesichts eines wandelnden Armani-Anzuges in Ewigkeit nie vermuten. In Großbritannien, wo die Leute mit der Dummheit anderer weniger rechnen als wir, zählt dagegen der Ausdruck ‘Bankster’ längst zum Straßenjargon – ja, er kursiert sogar schon in der Presse und in den Sendemedien. Nur der deutsche Journalist betet weiter an und schweigt …
Das zweite Argument aller Ursachenforscher in dieser Finanzkrise ist keines der Inkompetenz, sondern moralischer Natur: Wenn es einer Bank schlecht ginge, wenn die in Milliardenhöhe unser Steuergeld schlucke, so wie der Walfisch das Plankton, dann dürften sich diese moralisch leicht schmuddeligen Banker nicht auch noch Jahresboni in Millionenhöhe gönnen. So kläfft es uns aus der Journalistenschar quer durch alle Bekenntnisse entgegen. Was wiederum im logischen Umkehrschluss hieße, dass diese Banker dann wiederum, wenn die Bank irgendwann mal wieder Gewinne macht, sich sehr wohl die Taschen erneut füllen dürften. Selbst dann, wenn diese Gewinne, so wie in den vergangenen Jahren, aus wiederum schöngerechneten ‘Wertpapieren’ und Derivaten resultierten, die von Geburt an nichts anderes waren als jene ‘junk bonds’, ‘Schrottpapiere’ und ‘toxic assets’, als die sie zu recht heute verteufelt werden.
Mit anderen Worten lautet das Argument: Solange die große ‘Rosstäuscherei’ klappt, solange dürfen Banker auch Gratifikationen in Millionenhöhe einstreichen, nur sollten vielleicht die ‘Laufzeiten’ des Erfolgsmaßstabs zukünftig etwas prolongiert werden. Wenn’s aber anfängt schief zu gehen, dann muss man betreten gucken, zerknirscht daherreden und seinen Bonus öffentlichkeitswirksam spenden. Das in etwa illustriert die ‘moral world’ des durchschnittlichen Wirtschaftsjournalisten von heute: We’re only in it for the money …
Nur das diffamierende Wort ‘Bankster’ für diese Mentalität unserer Banker zu verwenden, das würde wirklich zu weit führen, das dürften wir alle angesichts der Sachlage – die doch so schon schlimm genug sei – doch niemals schreiben, um eine arglose Öffentlichkeit nicht noch weiter aufzuhetzen, wo die doch schon alles mit ihrem Geld ausbaden muss. Und deswegen liest man das Wort auch nur in diesen respektlosen Blogs, wo die Ehrfurcht vor italienischen Maßanzügen, Palisandermöbeln, Öchsperten und ökonomistischem Blubbersprech nicht so weit gediehen ist wie in den Gartenlauben des deutschen Journalismus.
Bitte schön, wer ist hier denn apolitisch?
Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.













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Gut auf den Punkt gebracht. Ich war z.B. ja bass erstaunt, daß ich in der FR in einem Kommentar (offizieller Kommentar) das Wort “asozial” mal lesen durfte in Bezug auf die Abzocker der Dresdner Bank, die trotz völligem Versagen sich fette Bezüge genehmigten. Absolute Ausnahme im weichgespülten Abnick- und Kotau-Journalismus.