Sechsmal um den Blog:
Neues vom Kinderspielplatz

Klaus Jarchow, 27. März 2009 13:11 Uhr, 2 Kommentare Kommentare

Unbekannter Alltag, literarisch aufpoliert: In unserer regelmäßigen Blogschau auf medienlese.com stellen wir sechs Blogs vor, auf denen es einfach gute Geschichten gibt.


Was soll das sein – Relevanz? Da schreiben sich die Autoren der meisten FAZ-Blogs einen Wolf über weltbewegende Fragen, über Finanzkrise und Nahost-Missionen – aber den Vogel beim Interesse und bei den Verlinkungen schießt diese kleine Geschichte über einen Kinderspielplatz am Tegernsee ab. Prompt schließt sich eine erbitterte Debatte über – tätä! – Kinderpädagogik und Klassenkampf an. Nicht zum ersten Mal erweisen sich hier eher kleine, randständige Geschichten als die erfolgreicheren.

Es triumphiert beim Interesse jene lilliputhafte Welt, die abseits der staatsmännischen Trampelpfade liegt. Wo der etablierte Journalismus sich seine ‘großen Stories’ mangels Publikum in die Haare schmieren darf, weil ein Thema beim zweiten Lesen ja schon nicht mehr ‘neu’ ist, da gewinnt der unbekannte Alltag, sofern er nur richtig aufpoliert wird. Was uns zugleich zeigt, ‘what blogging is all about’: Ein guter Blogger muss ein x-beliebiges Thema so betrachten können, dass es auf neue Art interessant erscheint – und er muss zweitens ‘erzählen’ können, er muss also das ‘Narrative’ und Literarische beherrschen. Um einige ‘Blogs der kleinen Geschichten’ soll es in der heutigen Folge gehen.

Zynaesthesie: Bekanntlich ist ereignet sich die altbekannte ‘Synästhesie’ in jener sinnverwirrenden Welt, wo man Farben riechen kann oder Töne fühlen, so zum Exempel samstags den großen Wumm beim Disco-Bass. Das ’syn’ steht dabei fürs ‘mit’, alles ist durch diese zweite Wahrnehmungsebene gewissermaßen ‘mit’ kontaminiert. Das ‘Zyn’ im hier genannten Blog steht natürlich für den ‘Zynismus’, der jeden der Beiträge aus der Welt von TV, Show und schrägem Alltag ‘mit’ einfärbt, manchmal mehr, manchmal minder gelungen. Zum Beispiel hier, wo’s schlicht um Brötchen geht

Die Vorspeisenplatte muss uns natürlich von einer Kaltmamsell serviert werden, die als bloggendes Urgestein ungewohnte Perspektiven zu ihrem Sujet gemacht hat. Immer ist sie ihrem Thema gegenüber mehr Kellner als Gast – mit anderen Worten: Wir dürfen den ganzen Salat dann aufessen. Kurzer Rede langer Sinn – auf eine solch amputatorische Art bspw. habe ich über die weibliche Brust noch nie nachgedacht …

Schwemmland heißt diese virtuelle Wundertüte – und viele haben es sicherlich auf Anhieb erraten, es kann bei einem solch schlickhaften Wort nur um meine alte Heimat Bremerhaven gehen. Eigentlich zieht an uns nur der Alltag einer erfahrenen Frau vorbei, es ereignet sich wenig bis nichts, Ausflüge nach Cuxhaven sind Gipfel der Rasanz, aber ihre Bilder sind bemerkenswert, diese stilvolle Perspektive fern aller Knipserei – und wir spüren, dass diese Frau ‘ihre Heimat liebt’ – was jetzt ganz ohne Kitschverdacht bewusst so formuliert ist. Ein schönes Beispiel für ein gelungenes Regionalblog … vielleicht aber sage ich das als geborener Fischkopp auch nur aus blanker Empathie heraus.

In unserer Reihe Sechsmal um den Blog stellen wir regelmäßig sechs lesenswerte Sites vor. Alle bisher erschienen Ausgaben gibt’s in unserem » Archiv
Querschussdas Blog für den ambitionierten ökonomischen Katastrophismus wird von Stephen Bogs erstellt. Wem der tägliche Grusel bei Weissgarnix noch nicht weit genug geht, der sollte sich hier mal einlesen: Gründe genug, weshalb das ganze derzeitige kapitalistische Schaulaufen uns ein wenig ‘gothic’ erscheinen darf, scharrt unser Stagflationist nahezu täglich im Übermaß zusammen. Allein wegen der Links – auch zu entlegeneren Info-Quellen – und wegen der konsequenten Armageddon-Perspektive ist dies Blog für ökonomisch Interessierte immer einen Besuch wert, auch dann, wenn sie anderer Ansicht als der Besitzer dieser Geisterbahn sind.

Der Rationalstürmer gibt allen, die ihm in die Quere kommen, ordentlich was auf die Glocke. In der Kategorie ‘Motzblogger’ ist der Don Alphonso gegen ihn ein verschüchtertes Mauerblümchen. Wer also einer derben Pöbelei gelegentlich nicht abgeneigt ist, wer es goutiert, wenn die hochverehrte Frau Merkel als “erbärmlichste Kanzlerdarstellerin aller Zeiten” verunglimpft wird (wozu statistisch betrachtet ja gar nicht viel gehört), dem sei dieses wahrhaft degoutante Blog empfohlen. Abschließend noch ein Tipp für die geneigte Journalistenschar: Alle Vorurteile über Blogger werden Ihnen hier prompt bestätigt. Wenn Sie also mal wieder übers ‘böse Internet’ schreiben sollen, so dass alle alten Tanten im Publikum empört-verzückt aufseufzen: ‘Wie issses denn nur mööchlich’ … da werden Sie hier trefflich mit unflätigen Zitaten bedient.

Das Fahrtenbuch ist vor allem ein Blog mit beeindruckenden Bildern – zur Zeit vor allem solchen aus Island. Aber es lohnt sich auch, zurückzublättern. Ein echtes Schau- und Staun-Blog, hervorragend geeignet als Abschluss meiner diesmaligen Reihe fernab vom Mainstream …

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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2 Kommentare

  1. Raventhird
    schrieb am 28. März 2009 um 23:31 Uhr (#)

    Ich danke wieder einmal für diese Übersicht :). Euere Blogvorstellungen haben mich schon diverse Blogs entdecken lassen, die ich inzwischen regelmäßig lese.

  2. Klaus Jarchow
    schrieb am 29. März 2009 um 09:53 Uhr (#)

    Der Verfasser dankt zurück … ;-)

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