Nature-Studie:
Wissenschaftsjournalismus verlagert sich in Blogs

Eine Studie des Magazins Nature zum Wissenschaftsjournalismus zeigt: Ressorts werden geschlossen, Stellen gestrichen. Dafür werden Blogs immer wichtiger – und was ist mit der Qualität?


“Die unabhängige Wissenschaftsberichterstattung ist vom Aussterben bedroht.” – Das ist ein Zitat des Wall Street Journal-Wissenschaftsjournalisten Robert Lee Hotz und zugleich die Quintessenz einer Studie, die das britische Wissenschaftsmagazin Nature gerade veröffentlicht hat. Immer mehr Wissenschaftsressorts werden demnach geschlossen, die Wissenschaftsberichterstattung verlagert sich in die Blogosphäre, und Kritiker bezweifeln, dass die oft hochwissenschaftlichen Themen dort mit ausreichender Distanz und dem notwendigen kritischen Blick betrachtet werden.

Schenkt man der Studie Glauben, sind viele Arbeitsplätze im Wissenschaftsjournalismus bei klassischen Medien verloren gegangen – allerdings nicht erst aufgrund der weltweiten Rezession. Der Boom des Wissenschaftsjournalismus endet vielmehr bereits in den Neunzigern, seither wurden immer mehr Ressorts geschlossen, zuletzt zum Beispiel beim Boston Globe. Entsprechend schauen Redakteure immer mehr auf das, was in wissenschaftlichen Blogs diskutiert wird – die nicht nur immer mehr werden, sondern auch eine immer größere Leserschaft erreichen. Gleichzeitig sehen sich die Wissenschaftsjournalisten mit einem immer größeren Arbeitspensum konfrontiert. Zudem verlassen sich die Journalisten der Studie zufolge sehr auf PR-Material, was wiederum dazu geführt hat, dass im Bereich der Wissenschafts-PR mehr Chancen für Wissenschaftsautoren liegen.

Der Nature-Artikel nennt einige interessante Beispiele, wie die Zukunft des Wissenschaftsjournalismus aussehen könnte. So versteht sich das Londoner Science Media Centre etwa als Mittler zwischen Wissenschaftlern und Journalismus. Sie verschicken mehrmals am Tag E-Mails mit Zitaten bekannter Wissenschaftler, stellen Infokästen und News zur Verfügung – nicht hundert Prozent Public Relations, aber eben auch nicht wirklich journalistisch. Ein anderes Modell ist ScienceBlogs, eine Website vom Herausgeber des Wissenschaftsmagazins Seed. Über 100 wissenschaftliche Blogs werden dort aggregiert gesammelt – und die Blogger pro Klick bezahlt.

Aber wie das so ist im Online-Zeitalter, kritisieren die Blogger den Wissenschaftsjournalismus in klassischen Medien – und umgekehrt die Wissenschaftsjournalisten ihre bloggenden Kollegen. Robert Lee Hotz vom Wall Street Journal etwa gibt zu bedenken, dass Blogger die Gatekeeper-Funktion nicht so wahrnehmen könnten wie die klassischen Medien. Damit könnte er insofern Recht haben, als dass natürliche viele Blogs, so ist es im Nature-Artikel zu lesen, überhaupt erst von Wissenschaftlern aus Eigeninteresse heraus gestartet werden. Weiter wird kritisert, wenn Wissenschaftsjournalisten im Print ungeprüft wissenschaftliche PR-Meldungen an die Öffentlichkeit geben – in Deutschland gerade erst geschehen im Fall einer angeblichen neuen Potenz-Wunderpille -, überziehen Blogger die Zeitungsredakteure mit Hohn und Spott. Auf der anderen Seite sagen die Blogger, namentlich der Biochemie-Professor Larry Moran: “Das meiste, was als Wissenschaftsjournalismus durchgeht, ist so schlecht, dass wir ohne besser dran sind.”

In Deutschland: Alles gut, solange die FAZ ihr Wissenschaftsressort behält

In Deutschland scheint es einen Trend, wie ihn die Nature-Studie ausmacht, noch nicht zu geben. So, wie generell Blogs hierzulande noch nicht einen solchen Einfluss haben wie beispielsweise in den USA, ist auch die Wissenschaftsberichterstattung vor allem die Domäne der Printmedien. Erst kürzlich hat eine Studie der Technischen Uni Dortmund erstmals Zahlen geliefert, die eine in den letzten Jahren gerne geäußerte These unterstützen: Der Wissenschaftsjournalismus boomt. Wir sprechen hier nicht von pseudo-wissenschaftlichen TV-Magazinen wie “Galileo”, sondern von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Süddeutschen Zeitung und der Welt (letztere zwei sind übrigens auch auf den oben genannten Potenzpillen-Coup reingefallen). Diese drei überregionalen Tageszeitungen haben sich die Dortmunder Forscher vorgenommen und festgestellt: Zwischen 2003/2004 und 2006/2007 hat die wissenschaftsjournalistische Berichterstattung besagter drei Printmedien um knapp 50 Prozent zugenommen. Auch außerhalb von Wissenschaftsseiten wurde im Untersuchungszeitraum mehr als doppelt so häufig über Wissenschaft-, Medizin- und Technikthemen berichtet.

Der Dortmunder Professor Holger Wormer, einer der Autoren eben jener Erhebung, kommt auch im Nature-Artikel zu Wort. Wissenschaftsressorts würden in Deutschland für relativ wichtig erachtet, sagt er – und liefert eine interessante Erklärung gleich mit: Weil sich große Tageszeitungen wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung nach wie vor eigene Wissenschaftsressorts leisten, unterstützen selbst kleinere Zeitungen die Berichterstattung über wissenschaftliche Themen.

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Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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9 Kommentare

  1. Fischer
    schrieb am 23. März 2009 um 17:14 Uhr (#)

    Gegenüber den Blogs hat der klassische Wissenschaftsjournalismus vor allem den Vorteil, dass er im großen Stil Themen setzen kann. Wenn so ne große Zeitung ein Thema aufgreift, werden gleich zehntausende Leser damit konfrontiert. Das schafft natürlich eine Sichtbarkeit die Blogs nicht erreichen, und das ist eine sehr zentrale Funktion des Journalismus: Öffentlicher Druck entsteht durch Masse.

    Möchte ansonsten mal ganz zaghaft gegen den doch sehr laxen Einsatz des Begriffs “Studie” protestieren…

  2. Schreibt hier auf dem Blog Carolin Neumann
    schrieb am 23. März 2009 um 17:17 Uhr (#)

    Hierzulande erreichen sie vielleicht keine solche Masse, aber einige der im Nature-Artikel erwähnten Blogs haben angeblich Hunderttausende Klicks im Monat.

  3. H. Steinhau
    schrieb am 24. März 2009 um 09:19 Uhr (#)

    Es wird ist doch gar nicht mehr die Frage sein, ob einzelne Blogs hunderttausende Klicks im Monat haben, um ein Wissenschaftsthema im großen Stil zu setzen. Das wäre „Massenmedium“ 1.0, das war gestern. Heute und morgen inszeniert sich ein Thema in hundert Blogs mit je tausend Zugriffen oder in tausend Blogs mit je hundert Zugriffen. Allein die Aussage „… wurde in über 600 Blogs leidenschaftlich kontrovers diskutiert … “ dürfte für Agenda-Setter ebenso viel mehr Kraft haben, wie als ein Artikel im Wissenschaftsteil der FAZ. Klar, diese 600 (mitunter ineinander greifenden) Mikro-Diskussionen gilt es zu aggregieren, technisch wie inhaltlich. Doch genau das geht schon: im Internet und mit dessen originären Stärken (Links, Tags, Pings, Twitterings). „Wisdom of the crowds“ hat auch für Wissenschaftsthemen seine wissenschaftliche Berechtigung.

  4. Medienexperte
    schrieb am 24. März 2009 um 10:05 Uhr (#)

    Apropos Journalismus, lesetechnisch ist auch dieser unstrukturierte Textbeton leider ein Beispiel dafür, wie Onlinejournalismus NICHT aussehen sollte.

  5. Fred David
    schrieb am 24. März 2009 um 13:35 Uhr (#)

    @) ja, Fischer und H.Steinhau: Aber irgendwo müssen die hunderten von oft sehr spannenden Mikro-Diskussionen und die hundertausenden überallhin verteilten Klicks zusammengeführt werden, damit sie Wirkung entfalten.

    Und das dürfte im guten, alten Print passieren. Dort müssen diese unzähligen Stränge und Fäden zusammengeführt werden. Das kann gerade im Wissenschaftsbereich in anerkannten Qualitätsmedien wie FAZ, SZ, NZZ usw. geschehen und ebenso in international renommierten Fachmedien.

    Die entsprechenden Ressorts müssen dort also aus- statt abgebaut werden, wenn man nicht sinnlos Substanz verschleudern will, die irgendwann fehlen wird und kaum noch rückholbar ist.

    Wichtig ist die Vertrauenswürdigkeit und Professionalität. Diese “Endmedien” müssen auch einigermasen transparent und für den user/Leser greifbar bez. haftbar sein, was im web, das andere Qualitäten hat, ja kaum der Fall ist. Und darum wird man das “Papier” noch lange brauchen.

    So dürfte das ideale Zusammenspiel von web und Holzmedien aussehen. Keine schlechten Aussichten, finde ich.

  6. H. Steinhau
    schrieb am 24. März 2009 um 13:52 Uhr (#)

    @Fred David: „Aber irgendwo müssen die hunderten von oft sehr spannenden Mikro-Diskussionen und die hundertausenden überallhin verteilten Klicks zusammengeführt werden, damit sie Wirkung entfalten. Und das dürfte im guten, alten Print passieren.“

    Im Print, Nein. In Leitmedien, Ja.

    Und weil die Redaktionen die Zusammenführung nicht schaffen werden, erledigen auch dies die PR-Heerscharen. Und die Blogger. Und die Medienexperten ;-) Sie alle verbreitern, erneuern und verändern die Zulieferer-Branche für die Leitmedien-Industrie, jenseits der mächtigen Agenturen, die derzeit Aufträge und an Einfluss verlieren.

  7. Fred David
    schrieb am 24. März 2009 um 14:03 Uhr (#)

    @) H.Steinhau: Was verstehen Sie unter Leitmedien?

    Mein Ansatz ist, dass die Vertrauenwürdigkeit und Tranparenz stimmen muss und dass das letztlich über das user/Leser-Verhalten entscheiden wird , wenn wir jetzt mal beim Thema Wissenschaftsjournmalismus bleiben. Es passt auch auf den Wirtschaftsjournalismus.

    Eben gerad deswegen, um die PR-Heerscharen einigermassen unter Kontrolle zu halten. Diese Gefahr, das sehe ich wie Sie, ist gerade im Wissenschafts- , und noch viel mehr im Wirtschaftsjournalismus, sehr gross

  8. Carsten Könneker
    schrieb am 25. März 2009 um 08:57 Uhr (#)

    Die Frage, wie sich die Ausbreitung von Wissenschaftsblogs auf den Wissenschaftsjournalismus auswirken, sollte sich jeder stellen, der in diesem Bereich tätig ist. Denn es wird Veränderung geben, auch in Deutschland. Auf der letzten Ff. Buchmesse habe ich darüber mit den Kollegen Volker Stollorz und Kathrin Zinkant diskutiert. (Die Links führen zu den vorab abgegebenen Statements der beiden Kollegen. Eine weitere Diskussionsrunde, ebenfalls von der Buchmesse, ist als gestückelter Videostream hier abrufbar.)

    Ich prognostiziere, dass die Existenz von gut gemachten Wissenschaftlerblogs (und solche gibt es) den Wissenschaftsjournalismus in der Tat herausfordert. Im günstigsten Fall wird sich der Wissenschaftsjournalismus genau deswegen weiter profilieren, sich seiner Besonderheiten bewusst werden und diese im guten Sinne pflegen. Dazu benötigt er freilich zeitliche und finanzielle Ressourcen, sonst wird im Extremfall tatsächlich nur noch jede eintrudelnde PR-Meldung gedruckt oder freigeschaltet. Eine üble Vorstellung.

    Die Diskussion um Wissenschaftsblogs und Journalismus krankt leider oft an falsch gewählten Benchmarks. Blogger halten gern hervorragend gemachte Blogsposts hoch, in denen mitunter sogar gestandenen Wissenschaftsressorts Fehler nachgewiesen wurden. Und Journalisten rümpfen die Nasen ob irgendwelcher schlecht gemachter Blogs von selbst ernannten „Experten“, die bei Lichte besehen z.B. nur Selbstinszenierung darstellen oder vor Fehlern nur so strotzen. Besser, man orientierte sich häufiger mal an den positiven Beispielen der jeweils „anderen Seite“!

  9. H.Steinhau
    schrieb am 25. März 2009 um 11:52 Uhr (#)

    @Fred David: „Was verstehen Sie unter Leitmedien?“

    > Jene, deren Themen-/Agenda-Settings und -Diskurse Einfluss auf die breite Medienlandschaft, auf Politik und Gesellschaft ausüben können, weil sie gross, etabliert und vertrauenswürdig (geworden) sind.

    @Carsten Könneker: „Dazu benötigt er freilich zeitliche und finanzielle Ressourcen, sonst wird im Extremfall tatsächlich nur noch jede eintrudelnde PR-Meldung gedruckt oder freigeschaltet. Eine üble Vorstellung.“

    > In der Tat. Wie sehr die PR-Heerscharen bereits jetzt das Tagesgeschäft der (allermeisten) Journalisten bestimmen, haben diese dem PR-Transporter DJD zu Umfrageprotokoll gegeben: http://djd.de/files/chart…alistenbefragung.pdf

    Hier lauern Glaubwürdigkeits- und Vertrauens-Probleme für die Medien. Doch immun ist die Wissenschaft gegen derlei Krisen nun auch gerade nicht:
    http://tagesspiegel.de/ma…euben;art304,2758861

    Von daher gebe ich Carsten Könneker recht, dass „die Existenz von gut gemachten Wissenschaftlerblogs (und solche gibt es) den Wissenschaftsjournalismus in der Tat herausfordert“.

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