Attac fälscht Die Zeit:
Fröhlicher Medienstunt
Weil die deutschen Medien in der Krise zu pessimistisch berichten, haben Attac-Aktivisten sich ihre eigene Zeitung gefälscht – eine Ausgabe der Zeit voller überraschender Meldungen.
Nicht nur, dass die Wochenzeitung Die Zeit erschreckend dünn geworden ist und neuerdings am Samstag kostenlos auf der Straße verteilt wird. Auch die Nachrichtenlage wird heute sicher den einen oder anderen stutzig machen: Die Nato will sich auflösen, armen Ländern werden Schulden erlassen, die Verantwortlichen des Klimawandelns werden angeklagt, und Opel fabriziert fortan nur noch umweltfreundliche Autos. Ach ja: Herausgegeben wird Die Zeit jetzt von den Globalisierungsgegner von Attac.
Keine Sorge, liebe Zeit-Leser: In eurer Zeitung ist natürlich alles beim Alten geblieben, auch wenn es erst auf den dritten Blick zu erkennen ist. Bei der Ausgabe, die heute 150.000fach in über 100 deutschen Städten verteilt wird, handelt es sich um eine sehr gut und clever gemachte Fälschung. Die globalisierungskritische Organisation Attac will mit ihrer Version “den Horizont der Leute” etwas öffnen, sagt Fabian Scheidler von Attac auf taz.de. In der Krise müsse die Zeitung zeigen, dass eine positive Zukunft möglich ist. Bei Attac scheint man der Meinung zu sein, dass die deutschen Medien das nicht ausreichend leisten.
Die Aktivisten haben übrigens nicht nur die Zeitung gekapert, auch die Website von Zeit Online haben sie beeindruckend detailliert und originalgetreu nachgebaut, obwohl hier die Fälschung schneller auffällt als beim Betrachten der gedruckten Titelseite. Es gibt Ressorts, die Klima oder Frieden heißen, Barbara Schöneberger wirbt: “Ich habe mich verkauft an Nestlé.” Vergleicht selbst: Das Plagiat die-zeit.net – und das Original. Im Impressum gibt sich Attac zu erkennen – und dankt der Zeit dafür, die Domain die-zeit.net nicht registriert zu haben.
Auf der Internetseite kann man sich die Fake-Ausgabe übrigens als PDF herunterladen, und laut Attac-Website wird das gedruckte “Original” außerdem 100.000 Exemplaren der Montagsausgabe der taz beiliegen.
Inspiration von US-Fälschern
Die Idee mit der ungewöhnlichen Zeit-Ausgabe haben sich die Mitglieder von Attac bei den US-Aktivisten von The Yes Men abgeguckt, die im letzten November eine gefakete Ausgabe der New York Times – schön patriotisch vordatiert auf den 4. Juli 2009 – mit lauter guten Nachrichten vom Ende des Krieges bis zur Hochverratsklage gegen George W. Bush. Wie jetzt die gefälschte Zeit wurde auch die NY Times seinerzeit in zahlreichen amerikanischen Metropolen verteilt, 1,2 Millionen Exemplare sollen so an den US-Bürger gekommen sein. Die Original-Times hat die Aktivistentruppe übrigens nicht angeklagt.
Und wie wird’s die echte Zeit aufnehmen? Der Siegener Medienwissenschaftler Marcus S. Kleiner rät auf taz.de, die Fälschung als Eigen-PR zu nutzen. Durch die Auswahl der Zeitung werde diese schon geadelt. Jede Kritik würde Attac in die Karten spielen.
Link:
Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.


















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Das wird sicherlich noch ein juristisches Nachspiel haben
Wenn die Zeit klug ist, dann wahrscheinlich eher nicht. Mit der Aktion adelt Attac die Wochenzeitung doch irgendwie zum deutschen Pendant der New York Times. Ist doch eine nette Auszeichnung.
Mich hat die Aktion sehr beeindruckt, weshalb ich sie heute auch in meinem Blog thematisiert habe:
http://tonwertkorrekturen…009/03/21/falschung/
Godwi
Nicht, dass ich orthografische Fehler normalerweise anspräche, aber: Zur Vermeidung unfreiwilliger Komik empfehle ich, die Yes-Men-Ausgabe der New York Times als “gefaket” und nicht als “gefakt” zu bezeichnen.
Wohl wahr. Merci.
Und das heisst doch nebenbei auch: Der print lebt – noch! Und wahrscheinlich noch ziemlich lange…
Die Zeit hat heute “Stellung dazu bezogen” – wie es aussieht, nimmt sie es mit Humor:
http://motzmeyer.wordpres…-prominenter-stelle/