Amok-Berichterstattung:
Wie viel Twitter darf es sein?

Ole Reißmann, 12. März 2009 22:36 Uhr, 1 Kommentar Kommentare

Dürfen und sollen sich Reporter zum Gegenstand ihrer Berichterstattung machen – und wenn ja, wann wird es pietätlos? Ein Blick auf die aktuelle Diskussion.


Neben allem, was man an der Amok-Berichterstattung kritisieren kann – Fotos unverpixelter Kinder, Interviews mit Minderjährigen, die unter Schock stehen, vollkommen hanebüchene Comic-Zeichnungen der Tat, die Nennung des vollen Namens des Täters, der Adresse seines Elternhauses, auf Kinderköpfe grafisch montierte Fadenkreuze – konzentriert sich die aktuelle Diskussion vor allem um den Einsatz von Twitter. Genauer: Um das, was Focus Online mit Twitter gemacht hat, nämlich Reporter von ihrem Weg zum Unglück bloggen zu lassen. Wo sind die Journalisten gerade, wo fahren sie hin, was haben sie gehört – Medienjournalist Stefan Niggemeier findet dafür in seinem Blog deutliche Worte:


“Es geht um Pietät, Prioritäten und Perspektive. Ich finde es falsch, angesichts des Unglücks so vieler Menschen über die eigene Anreise zu schreiben. Ich finde es falsch, in der Hektik dieser Berichterstattung noch über die Hektik dieser Berichterstattung zu berichten, auch wenn es nur zehn Sekunden dauert. Und ich finde es falsch, die Aufmerksamkeit vom Gegenstand der Berichterstattung auf den Berichterstatter zu lenken.”

Rückendeckung bekommt er von Michael Konken, dem Vorsitzenden des Deutschen Journalisten-Verbandes, der die Live-Berichterstattung über die Reporter-Befindlichkeiten auf netzeitung.de verurteilt:

“Eine Berichterstattung, die den Journalisten in den Vordergrund rückt und gezielt die Sensationslust eines Teils der Nutzer bedient, ist pietätlos gegenüber den Opfern und ihren Angehörigen. Sie geht über die Informationspflicht der Medien weit hinaus und birgt die Gefahr, die Glaubwürdigkeit der Medien nachhaltig zu beschädigen.”

Eine wichtige Diskussion, die zeigt, wie sich die herkömmlichen Medien und die Web-2.0-Welt längst nicht mehr klar voneinander trennen lassen, wie sich das Rollenverständnis von Journalisten verändert. Journalisten, die zum Teil nicht länger nur als Gatekeeper auftreten, als Filter, sondern ihre Erfahrungen, Eindrücke, Erlebnisse, den Entstehungsprozess einer Geschichte mitliefern. Das kann man verwerflich finden. Aber abgesehen davon, dass sich Journalisten niemals wichtiger als die Geschichte nehmen sollten: Nehmen sich Journalisten, wenn sie zum Beispiel Twitter nutzen, “ich” sagen, ihre Arbeit transparent machen, damit automatisch zu wichtig? Schmälern sie das Ereignis? Bedient es nicht die wachsende Medienkompetenz der Leser, dass man ihnen deutlich macht: Ich fahre da hin, ich berichte für dich, mit diesen Problemen werde ich konfrontiert?

Ich glaube nicht, dass die Antwort hierauf nicht so einfach ist. “Pietätlos” fiel mir tatsächlich auch spontan ein, als ich vom @amoklauf-Twitter erfuhr, dem Account, den Focus Online für die Berichterstattung aus Winnenden erst angelegt, dann schnell wieder gelöscht hatte. Focus-Online-Chef Jochen Wegener stellt sich der Kritik, schreibt in seinem Blog in.focus.de:

“Wer sich an Neues wagt, macht hin und wieder Fehler. Die Alternative, weiterhin nichts zu machen, sehe ich langfristig nicht und auch Standards lassen sich vorab nicht beliebig fein definieren.”

Klar: Einerseits wird von Journalisten gefordert, doch bitte mit der Zeit zu gehen, sich dem Internet nicht zu verschließen, sie sollen plötzlich mit ihren Lesern interagieren, am besten noch nebenbei ihre Leser-Community pflegen und nicht nur ansprechbar sein, sondern auch in Blogs und Co. mit den Lesern auf Augenhöhe kommunizieren. Nun bieten sich einige Themen vielleicht eher für das Testen neuer digitaler Möglichkeiten an als andere. Dass man sich dabei verheben kann, dass es vielleicht gar keine einfachen Antworten gibt, schreibt Wegener selber.

Trennen sollte man die Diskussion um das Selbstverständnis von Journalisten von einem anderen Thema, das in den Kommentaren von Stefan Niggemeiers Blogeintrag, aber auch in den zahlreichen Twitter-kritischen Artikeln, die derzeit nicht nur online erscheinen, abgehandelt wird. Hier wird ein Unbehagen gegenüber Twitter ausgedrückt, dass es dem Pöbel ermöglicht, einfach so Meinungen kund zu tun. Blödsinn zu verbreiten. Zum Beispiel schreibt Gert Blank auf stern.de:

“Während ausgebildete Journalisten eigentlich wissen, wie mit Namen, Adressen und Bildern umgegangen werden darf, erfährt man bei Twitter schnell, wie der mutmaßliche Täter heißt. Das Elternhaus wird in aller Pracht gezeigt, und damit man es auch findet, gibt es den Link zur Adresse dazu. Der Pressekodex gilt halt für die Presse, und nicht für ein Medium, welches von vielen fälschlicherweise als die Zukunft des Journalismus betrachtet wird.”

Abgesehen davon, dass einige Journalisten lieber bei Twitter im Minutentakt Details verkünden und in einigen Redaktionen der Pressekodex offenbar nicht ganz so wörtlich ausgelegt wird, steckt dahinter eine diffuse Angst. Denn dass jetzt jeder der Welt alles mitteilen darf und muss – vielen scheint es ein Graus zu sein. Aber ist Twitter an der Sensationsgier schuld? An den Unwahrheiten, Entgleisungen, Geschmacklosigkeiten? Felix Schwenzel entgegnet in seinem Blog wirres.net:

“hm. das gegenteil von der welt etwas mitzuteilen ist schweigen. wäre die welt besser, wenn alle schwiegen? sollte der mitteilungsdrang reguliert werden, so dass sich nur noch zertifizierte meinungs-, befindlichkeits- und denk-experten mitteilen dürfen?”

Und verteidigt Twitter gegen den Blödsinn, der dort dann doch manchmal steht. Das sei schließlich das Medium, nicht die Botschaft. Zurück zu Niggemeier: “Es geht um Pietät, Prioritäten und Perspektive.”

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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1 Kommentar

  1. Fred David
    schrieb am 13. März 2009 um 11:15 Uhr (#)

    Es müssen ja nicht gleich so gravitätisch-staatsmännisch “Pietät, Priorität, Perspektiven” eingefordert werden, wie von Herrn Niggemeier. Solides, sauberes journalistisches Handwerk tut’s bei so einem komplexen Ereignis fürs erste auch.

    Neben all dem hektischen, widersprüchlichen Gezwitscher auf Twitter und wichtigtuerischen Mikrophonhaltern fielen mir ein paar gute, alte Holzmedien auf, allen voran die “Stuttgarter Zeitung”, die souverän, unaufgeregt , aber auch unerbittlich ihren Lokalvorteil ausspielte – und ihre offenbar auch vorhandene journalistische Professionalität.

    Nirgendwo sonst habe ich z.B. ein so differenziertes Täterprofil gelesen, von dem ich den Eindruck hatte, es habe Hand und Fuss und sei nicht nur per Ferndiagnose von schlecht informierten Experten zusammengeschwätzt.

    Die Berichte der “Stuttgarter”, zumindest die, die ich zu Gesicht bekam, waren nicht reisserisch, aber auch nicht übertrieben zurückhaltend, professionell eben und auch vertrauenswürdig.

    Das ist schon eine ganze Menge.

    Das Gravitätisch-Staatsmännische können Journalisten in solchen Situationen getrost anderen überlassen …

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