Media Coffee Blog:
Zum Abschied leise Servus

Klaus Jarchow, 11. März 2009 11:31 Uhr, 2 Kommentare Kommentare

Die geballte Dialog-Power von rund 40 Autoren verstummt: Das Media Coffee Blog der dpa-Tochter news aktuell wird eingestellt. Haben sich Public Relations und Dialog nicht verstanden?

Mit zuletzt drei Postings im Monat bei knapp 40 Autoren war das media coffee blog sicherlich kein Durchlauferhitzer unserer Informationsgesellschaft. Trotzdem ist es schade, dass dieses Projekt der news aktuell/dpa-Gruppe eingestellt wird. Zukünftig wird das Blog nur noch “eine Begleitseite für die Offline-Veranstaltungsreihe gleichen Namens sein“.

Im media coffee blog schrieben immerhin Professoren für Kommunikationsmanagement wie Ansgar Zerfass (oder aber auch nicht), der Geschäftsführer von Publicis Axel Wallrabenstein (oder auch nicht), der Chefredakteur des PR-Report Sebastian Vesper (oder auch nicht), der Präsident der GPRA Dietrich Schulze van Loon (oder auch nicht), der Präsident der Deutschen Public Relations Gesellschaft (DPRG) Ulrich Nies (oder auch nicht), der Direktor der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit von Microsoft Deutschland Thomas Mickeleit (oder auch nicht), oder aber die CEO von Edelman Deutschland, Cornelia Kunze (oder auch nicht).

Trotz dieser geballten ‘Dialog-Power’ und bei all der versammelten Expertenmacht aus Deutschlands Kommunikationswirtschaft kam das Blog nie recht ins Laufen, obwohl allen Beteiligten die Bedeutung des Web 2.0 laut Selbstbekundung einsichtig gewesen sein soll. Weshalb aber ist das so? Meine These: Public Relations und Dialog stehen nach wie vor im Widerspruch, insofern wissen PR-Berater mit der Blogform beim Texten noch nichts Rechtes anzufangen.

Diese Aussage reibt sich natürlich mit der Selbstauskunft von immerhin zwei Autoren (und einem Leser), die auf das Abschiedsposting von Jens Petersen überhaupt reagiert haben (Stand 10. März): Zu wenig Zeit zum Schreiben hätte er gehabt, sagt Alexander Gerber (Fraunhofer-Verbund); für ihn sei das Blog eine tolle kommunikative Fahrschule fürs Web 2.0 gewesen, sagt Stephan Fink (Fink und Fuchs Public Relations AG).

Abgesehen von wirtschaftlichen Gründen, die im Mutterkonzern dpa nach dem Ausstieg der WAZ-Gruppe zu Einschränkungen des publizistischen Engagements geführt haben mögen, sind sicherlich auch andere Gründe für den Rückzug maßgebend: Denn die PR-Szene zeigte sich in diesem Blog nicht von ihrer Schokoladenseite, sie bekundete gewissermaßen öffentlich, dass sie es nicht kann. In jenen wenigen Fällen, wo es überhaupt zu längeren Diskussionen kam, wurde vor allem gegeneinander gestichelt und wechselseitig auf die Flecken auf der Weste des anderen verwiesen.

So schrieb zuletzt Frank Roselieb vom Institut für Krisenforschung einen Beitrag über ‘rüde Sitten beim Pressesprecherverband (BDP)‘ – ein Artikel, der das letzte nennenswerte Echo auslöste, das in der Thread-Leiste des media coffee blogs Widerhall erfuhr.

Roselieb glossiert in seinem Beitrag das Verhalten eines PR-Verbandes, der zahlungsunwillige Mitglieder der eigenen Organisation im Verbandsorgan öffentlich an den Pranger stellt, ein im Grunde mittelalterliches Verfahren, das durchaus Kritik verdient hat. Zumindest aber ist es ein PR-Thema von einiger Blogrelevanz, bedenkt man die beteiligte Berufsgruppe, die doch wegen einiger ausstehender Mitgliedsgroschen sicherlich nicht gleich mit bluttem Mors auf den Jahrmarkt der Öffentlichkeit geschickt werden will.

Statt aber jetzt die Schachtel mit den Invektiven und Sarkasmen hervorzukramen, um diesem abwegigen Verband eine gesalzene Antwort zu stricken, empfiehlt gleich der erste Beitrag das Einschalten eines Rechtsanwalts – die juristische Fremdhilfe also statt der kommunikativen Selbsthilfe. Der zweite Beitrag von Gerhard A. Pfeffer (Chefredakteur PR-Journal) attackiert derweil auf einem Nebenkriegsschauplatz, dort, wo sich dessen Steckenpferde tummeln, wo es also um die umstrittenen Pfründen in der PR-Ausbildung geht. Vier Zentimeter darunter taucht dann wie Kai aus der Kiste schon der Justitiar des BdP auf, der in arroganter Manier und in schönster Rechtfertigungspose mit ‘Satzungswidrigkeiten’ und anderem Gedöns wie Kamelle um sich schmeißt. Diskussionen unter ausgebildeten Kommunikationsprofis, die sehen realiter so aus, denkt sich da der Leser – sie finden aber oft auch gar nicht statt: dann dröhnt das Schweigen des betroffenen Lämmchens in den kahlen Wänden seines Kommentarthreads …

Das führt mich zurück zu meiner These – denn mir fiel in den zwei Jahren des media coffee blogs oft auf, wie sehr doch die PR-Zunft buchstäblich ‘aufs Maul gefallen’ ist, wenn sie gefragt wird: Das Selbstlob eigener Aktivitäten steht beim Bloggen im Vordergrund, das Nutzen einer unbezahlten Werbefläche, aber keineswegs die Reflexion der eigenen Tätigkeit, der Austausch, die Diskussion. Auf jedes Kratzen am Lack reagierten die Verfasser entweder gar nicht oder beleidigt, hinzu kam in einigen Fällen ein Beschreiten jeder Eskalationstufe in Sichtweite, zum Beispiel bei der Diskussion um Prof. Klaus Merten und seine ‘Wahrheitsthese’, was wiederum in einem völligen Widerspruch zu Festtagsbegriffen wie ‘Dialogbereitschaft’, ‘offener Diskussion’ und ‘Transparenz’ steht, welche PR’ler sonst so gern als Modeschmuck tragen. Kurzum: Die Public Relations genügen ihren eigenen Ansprüchen bisher nicht – die Blogs machen dies nur deutlich.

Das darüber hinaus ein ‘bloggish spirit’ dieser Szene erst einmal beigebimst werden müsste, wo dann auch ein Profi in Diskussionen mal ‘verlieren’ muss, was übrigens andere Leute schlicht ’sich überzeugen lassen’ nennen würden, das steht auf einem weiteren Blatt.

Du aber, kleines media coffee blog, du ruhe sanft: Du warst zwei Jahre lang eine Bereicherung und eine anregende Lektüre, wenn man dich nur quer genug las …

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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2 Kommentare

  1. Felix
    schrieb am 11. März 2009 um 14:18 Uhr (#)

    da fehlt ein “der” im teaser. sonst wird`s unleserlich

  2. Klaus Jarchow
    schrieb am 11. März 2009 um 15:00 Uhr (#)

    Done.

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