Wie man Social Networks für Recherchen nutzt

Carolin Neumann, 25. Februar 2009 14:14 Uhr, 6 Kommentare Kommentare

Communities wie Facebook oder Xing sind Fundgruben für Journalisten. Wir zeigen, wie man Social Networks effektiv für die Recherche nutzen kann und was man dabei beachten muss.

Social Networks werden immer wichtiger für die journalistische Recherche – sagt auch eine aktuelle Studie der Technischen Universität Dortmund. Zwar ist das für im Internet aktive Journalisten längst keine Neuigkeit mehr, doch viele Medienschaffenden haben die Möglichkeiten der Facebooks dieser Welt noch längst nicht erkannt. Das hat auch Medienberater Ewald Wessling im Interview auf medienlese.com. Hier sind einige Ansätze, wie ihr das Social Web für eure Recherche nutzen könnt:

  • Informationen suchen
    Wer sich heute ein umfassendes Bild von einer Person machen will, der kann auch ihr Profil in einer Online-Community zu Rate ziehen, obwohl diese Informationen natürlich mit Vorsicht zu genießen sind. Ein Blick aufs StudiVZ-Profil kann nicht den direkten Kontakt zu einer Person ersetzen. Gleiches gilt für Profilseiten in professionellen Netzwerken wie LinkedIn oder Xing, obwohl hier dargestellte Lebensläufe grundsätzlich glaubwürdiger sind als Profile in privaten Communities. Bei LinkedIn gibt es außerdem die Kategorie Fragen und Antworten, die euch ermöglicht, direkte Fragen an das Expertennetzwerk zu stellen.
  • Kontaktpersonen finden
    Wer für eine Geschichte eine bestimmte Person sucht, wird in Social Networks fündig: Grundsätzlich trifft man bei Facebook oder StudiVZ natürlich eher auf Studenten, für die Expertensuche hingegen eignen sich Xing oder LinkedIn. Davon abgesehen gibt es in der heutigen Zeit für beinahe jede Randgruppe, jede Nische – von der Feuerwehr bis zu Mallorca-Fans – ein Netzwerk, das es bloß zu finden gilt. Dabei wiederum hilft, so banal es auch klingen mag, Google am besten.
  • Experten finden
    Den richtigen Fachmann für ein Thema zu finden, ist ein immer währender Kampf – für feste wie für freie Autoren.
    Die US-Journalistin Penelope Trunk schreibt, mit der erweiterten Suche von LinkedIn ließe sich ein Experte für beinahe jedes Thema finden. LinkedIn eignet sich wohl am ehesten für internationale Kontakte, in Deutschland genügt auch ein Blick zu Xing. Der Nachteil dabei: Weil nicht zahlende Nutzer die Profile von Premium-Mitgliedern nicht sehen können, endet die Suche womöglich sehr schnell in einer Sackgasse.
  • Themen generieren
    Wer regelmäßig durch seine Gruppen bei StudiVZ oder Facebook und die seiner Freunde surft, kann hier ständig neue Themen finden. Denn sobald den Nutzern etwas unter den Nägeln brennt, wollen sie darüber diskutieren. Das fördert interessante Gedanken zu Tage. Bei LinkedIn gibt es außerdem die schon erwähnte Kategorie Fragen und Antworten, wo ihr in Kategorien wie Umwelt oder Gesetz nach aktuell besprochenen Themen suchen könnt Bei Xing gibt es neben Gruppen außerdem einen Eventkalender.
  • Social Networks und Google
    Wie sich die Operatoren der Google-Suche am besten für die Suche in Communities instrumentalisieren lassen, könnt ihr auf journalism.co.uk lesen.

Besonderen Bedingungen im Social Web

So gut und hilfreich Communities auch für die journalistische Recherche sein können, es gelten dabei immer besondere Bedingungen. Das Durchsuchen der Online-Profile kann zum einen keinesfalls den direkten Kontakt mit einer Person ersetzen. Zum anderen weist das amerikanische Poynter-Institut darauf hin, dass die Onliner immer noch nur einen bestimmten Teil der Bevölkerung abdecken. Das heißt im Klartext: Verlasst euch nicht nur auf im Internet gefundene Quellen, wenn ihr ein umfassendes Bild erhalten wollt – wie es im Journalismus ohnehin üblich ein sollte. Und habt bei eurer Recherche stets die Besonderheiten des Social Webs im Kopf.

Der Fall eines Journalisten, der sich für eine Recherche unter falschem Namen bei StudiVZ anmeldete, zeigt außerdem, wie schnell sich im Social Web journalistischen Grundsätze überschreiten lassen. Und für die Bild-Zeitung ist die Freizügigkeit der Menschen im Internet ein gefundenes Fressen. StudiVZ sei eine große, kostenlos zugängige Datenbank potentieller Opfer für Boulevardmedien wie die Bild, schrieb die taz im vergangenen Jahr.

Communities ergeben ganz neue berufsethische Herausforderungen für Medienschaffende: Sind Web-Inhalte überhaupt mehr wert als ein Gerücht, das man irgendwo aufschnappt? Und wie geht man mit der Fülle an Informationen um, die User ins Netz stellen, ohne sich darüber im Klaren zu sein, dass auch Journalisten diese Dinge lesen und nutzen können? “Man muss die Community-Mitglieder vor sich selbst schützen”, sagt Manfred Redelfs, Leiter der Recherche-Abteilung bei Greenpeace in Hamburg und Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche.

Nur in Ausnahmefällen überwiege das öffentliche Interesse das Persönlichkeitsrecht. Ein Fall, in dem die Publikation von Details aus einem Online-Profile gerechtfertigt war, sei der Schwiegersohn von Ex-Vize-Präsidentschaftskandidatin Sarah Palin, erzählt Redelfs. “Auf dem Parteitag der Republikaner wird er von den Parteistrategen in bestem Licht präsentiert, also als Muster-Schwiegersohn, während die Informationen auf seiner MySpace-Seite ein ganz anderes Bild ergeben”, so Redelfs. Einige Tipps für den sensiblen Umgang mit Rechercheergebnissen aus Communities findet ihr auf telegraph.co.uk.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Weiterempfehlen

Mehr lesen

7.5.2009, 30 KommentareG wie Google:
"Wenn wir nur noch die Hälfte der Journalisten hätten, wären es immer noch zu viele"

Das Magazin der Süddeutschen Zeitung widmet sich am 8. Mai 2009 der Zukunft der Medien. In Kooperation mit dem SZ-Magazin stellen wir hier ein Interview mit Jeff Jarvis zur Diskussion.

5.5.2009, 14 KommentareJournalismus 2.0:
Die Diskussion mitgestalten

Die Digitalisierung verändert mehr als das Medium. Was Journalisten tun können.

Biographien im Web 2.0: Niemand ist ein unbeschriebenes Blatt

7.4.2009, 23 KommentareBiographien im Web 2.0:
Niemand ist ein unbeschriebenes Blatt

In Zeiten des Web 2.0 entkommt man seiner Biographie nicht mehr. Es heißt, wie das im Dorf nun mal so ist, wieder mit der eigenen Vergangenheit zu leben - statt gegen sie.

Überarbeitete Homepage: Facebook versteckt Link zum Abmelden

6.2.2010, 20 KommentareÜberarbeitete Homepage:
Facebook versteckt Link zum Abmelden

Facebook hat seine Homepage überarbeitet. Und dabei kurzerhand den Link zum Abmelden in ein Untermenü abgeschoben.

Social Networks: Facebooks Einfluss auf zwischenmenschliche Beziehungen

12.1.2010, 29 KommentareSocial Networks:
Facebooks Einfluss auf zwischenmenschliche Beziehungen

Facebooks Auswirkung auf Dating und Beziehungsleben können nicht überschätzt werden. Eine Bestandsaufnahme.

Webdienste: Apps, die wir täglich nutzen (Teil 1)

8.1.2010, 18 KommentareWebdienste:
Apps, die wir täglich nutzen (Teil 1)

Webdienste gibt es Tausende. Doch nur wenigen nutzen wir täglich. Hier kommt eine Übersicht über die Anwendungen, die wir Tag für Tag einsetzen (Teil 1).

Übernahmen im Web: Drei Beispiele für verpasste Chancen

5.1.2010, 20 KommentareÜbernahmen im Web:
Drei Beispiele für verpasste Chancen

Während sich manch eine Akquisition im Web als Flop herausstellt, wäre an anderer Stelle ein Zusammengehen zweier Dienste wünschenswert gewesen. Drei Beispiele für verpasste Chancen.

Kommunikations- und Publikationsnetzwerke: Die 2 Klassen von Social Networks

9.6.2009, 6 KommentareKommunikations- und Publikationsnetzwerke:
Die 2 Klassen von Social Networks

Zwei Klassen von sozialen Netzwerken kristallisieren sich heraus: Auf private Interaktion spezialisierte Netzwerke und auf die Distribution von Inhalten spezialisierte Netzwerke.

Businessnetzwerke: LinkedIn startet deutsche Version

4.2.2009, 9 KommentareBusinessnetzwerke:
LinkedIn startet deutsche Version

Konkurrenz für Xing: Das weltweit größte Businessnetzwerk LinkedIn startet seine deutsche Version.

11.5.2009, 2 KommentareLong Hello and Short Goodbye

Was für ein Spaß. Fast zwei Jahre habe ich, die eckige schwarze Hornimitatbrille auf der Nase, was mit Medien gemacht. Gegen Geld aus der Schweiz.

7.5.2009, 30 KommentareG wie Google:
"Wenn wir nur noch die Hälfte der Journalisten hätten, wären es immer noch zu viele"

Das Magazin der Süddeutschen Zeitung widmet sich am 8. Mai 2009 der Zukunft der Medien. In Kooperation mit dem SZ-Magazin stellen wir hier ein Interview mit Jeff Jarvis zur Diskussion.

5.5.2009, 14 KommentareJournalismus 2.0:
Die Diskussion mitgestalten

Die Digitalisierung verändert mehr als das Medium. Was Journalisten tun können.

Social Web: Über Konkurrenz und den Nutzen  für die User

25.1.2010, 16 KommentareSocial Web:
Über Konkurrenz und den Nutzen für die User

Wettbewerb belebt das Geschäft und ist im Interesse der Verbraucher, so heißt es meist. Doch trifft das, was in der traditionellen Wirtschaft seine Gültigkeit hat, auch im Social Web zu?

Soziale Netzwerke als Distributoren von Medieninhalten

12.8.2009, 6 KommentareSoziale Netzwerke als Distributoren von Medieninhalten

Social Networks und ihre zunehmende Bedeutung für Online-Medienangebote.

Mobile Social Networks: foursquare begeistert die  US-Webgemeinde

26.7.2009, 5 KommentareMobile Social Networks:
foursquare begeistert die US-Webgemeinde

Mit seiner spielerischen Komponente animiert foursquare zum Wettkampf mit den eigenen Kontakten um die "Herrschaft" an seinen Lieblingsorten. Schon ist vom "nächsten Twitter" die Rede.

Übernahmen im Web: Drei Beispiele für verpasste Chancen

5.1.2010, 20 KommentareÜbernahmen im Web:
Drei Beispiele für verpasste Chancen

Während sich manch eine Akquisition im Web als Flop herausstellt, wäre an anderer Stelle ein Zusammengehen zweier Dienste wünschenswert gewesen. Drei Beispiele für verpasste Chancen.

studiVZ-CEO Markus Berger-de León: \

7.12.2009, 6 KommentarestudiVZ-CEO Markus Berger-de León:
"studiVZ Connect" kommt

Am heutigen Montag öffnet sich studiVZ für externe Applikationen. CEO Markus Berger-de León im Interview.

Sicherheitsleck bei SchuelerVZ: Über 1 Million Datensätze im Umlauf

16.10.2009, 7 KommentareSicherheitsleck bei SchuelerVZ:
Über 1 Million Datensätze im Umlauf

Gleich mehrere Datenlecks scheint es bei dem auf Minderjährige spezialisierten Social Network schuelerVZ zu geben. Über 1 Million Datensätze mit detaillierten Profilinformationen wurden netzpolitik.org zugespielt.

Linkwertig: verwandt.de, Datenschutz, Nexus One, Open Data

3.2.2010, 0 KommentareLinkwertig:
verwandt.de, Datenschutz, Nexus One, Open Data

MyHeritage übernimmt verwandt.de, das Nexus One erhält noch diese Woche Multitouch, O’Reilly Radar über Open Data und mehr.

Webdienste: Apps, die wir täglich nutzen (Teil 1)

8.1.2010, 18 KommentareWebdienste:
Apps, die wir täglich nutzen (Teil 1)

Webdienste gibt es Tausende. Doch nur wenigen nutzen wir täglich. Hier kommt eine Übersicht über die Anwendungen, die wir Tag für Tag einsetzen (Teil 1).

Übernahmen im Web: Drei Beispiele für verpasste Chancen

5.1.2010, 20 KommentareÜbernahmen im Web:
Drei Beispiele für verpasste Chancen

Während sich manch eine Akquisition im Web als Flop herausstellt, wäre an anderer Stelle ein Zusammengehen zweier Dienste wünschenswert gewesen. Drei Beispiele für verpasste Chancen.

6 Kommentare

  1. Felix
    schrieb am 25. Februar 2009 um 14:33 Uhr (#)

    schönes bild, sehr hilfreicher text!

  2. rp__
    schrieb am 25. Februar 2009 um 23:55 Uhr (#)

    In dem erwähnten “Telegraph”-Blog gibt es dazu noch folgenden wichtigen Hinweis, den man nicht vergessen sollte:

    “Be aware that if you are reporting via a social network or online site your conversation may be visible to others. If you add a source, for example, as a Facebook friend, be aware that you may be ‘outing’ your source to others in your network. If you leave a comment on a blog asking for an interview remember that you may be tipping others off about the story you’re writing.”

    Der Recherchierende wird eventuell selbst sichtbar.

  3. Che Guvara
    schrieb am 26. Februar 2009 um 05:18 Uhr (#)

    Social Networks sind etwas Feines. Damit kann man euch Lackaffen von Journalisten und Möchtegern-Wichtigtuern endlich demontieren. Ein paar Klicks und man weiss, wer mit wem schläft und kungelt.

    Soso, Carolin, du recherchierst also? Ich auch. Ich habe über dich einiges Interessantes gefunden. Backst du Apfelkuchen? Ich hoffe es für dich, wenn ich dich bald besuche.

  4. Schreibt hier auf dem Blog Carolin Neumann
    schrieb am 26. Februar 2009 um 07:58 Uhr (#)

    Ich steh nicht so auf Apfelkuchen und backen kann ich im Übrigen nicht besonders gut. Das kannst du gerne auf deine Liste setzen, wenn’s dir Spaß macht. :-)

  5. Schreibt hier auf dem Blog Carolin Neumann
    schrieb am 26. Februar 2009 um 09:39 Uhr (#)

    Nachtrag: Ich kann zm Thema “Online-Ethik” außerdem diesen Artikel empfehlen

  6. Medienpirat
    schrieb am 5. März 2009 um 15:52 Uhr (#)

    Also ich hab schon sehr gute Erfahrungen mit

    http://www.wer-weiss-was.de

    gemacht!

Pingbacks

Pingbacks anzeigen...

Diesen Artikel kommentieren

Wir sind sehr an einer offenen Diskussion interessiert, behalten uns aber vor, beleidigende Kommentare sowie solche, die offensichtlich zwecks Suchmaschinenoptimierung abgegeben werden, zu editieren oder zu löschen. Mehr dazu in unseren Kommentarregeln.

             

 
vgwort