Wie man Social Networks für Recherchen nutzt

Communities wie Facebook oder Xing sind Fundgruben für Journalisten. Wir zeigen, wie man Social Networks effektiv für die Recherche nutzen kann und was man dabei beachten muss.

Visualisierung digitaler Freundeskreise (matmorrison, cc-Lizenz)

Visualisierung digitaler Freundeskreise (matmorrison, cc-Lizenz)

Social Networks werden immer wichtiger für die journalistische Recherche – sagt auch eine aktuelle Studie der Technischen Universität Dortmund. Zwar ist das für im Internet aktive Journalisten längst keine Neuigkeit mehr, doch viele Medienschaffenden haben die Möglichkeiten der Facebooks dieser Welt noch längst nicht erkannt. Das hat auch Medienberater Ewald Wessling im Interview auf medienlese.com. Hier sind einige Ansätze, wie ihr das Social Web für eure Recherche nutzen könnt:

  • Informationen suchen
    Wer sich heute ein umfassendes Bild von einer Person machen will, der kann auch ihr Profil in einer Online-Community zu Rate ziehen, obwohl diese Informationen natürlich mit Vorsicht zu genießen sind. Ein Blick aufs StudiVZ-Profil kann nicht den direkten Kontakt zu einer Person ersetzen. Gleiches gilt für Profilseiten in professionellen Netzwerken wie LinkedIn oder Xing, obwohl hier dargestellte Lebensläufe grundsätzlich glaubwürdiger sind als Profile in privaten Communities. Bei LinkedIn gibt es außerdem die Kategorie Fragen und Antworten, die euch ermöglicht, direkte Fragen an das Expertennetzwerk zu stellen.
  • Kontaktpersonen finden
    Wer für eine Geschichte eine bestimmte Person sucht, wird in Social Networks fündig: Grundsätzlich trifft man bei Facebook oder StudiVZ natürlich eher auf Studenten, für die Expertensuche hingegen eignen sich Xing oder LinkedIn. Davon abgesehen gibt es in der heutigen Zeit für beinahe jede Randgruppe, jede Nische – von der Feuerwehr bis zu Mallorca-Fans – ein Netzwerk, das es bloß zu finden gilt. Dabei wiederum hilft, so banal es auch klingen mag, Google am besten.
  • Experten finden
    Den richtigen Fachmann für ein Thema zu finden, ist ein immer währender Kampf – für feste wie für freie Autoren.
    Die US-Journalistin Penelope Trunk schreibt, mit der erweiterten Suche von LinkedIn ließe sich ein Experte für beinahe jedes Thema finden. LinkedIn eignet sich wohl am ehesten für internationale Kontakte, in Deutschland genügt auch ein Blick zu Xing. Der Nachteil dabei: Weil nicht zahlende Nutzer die Profile von Premium-Mitgliedern nicht sehen können, endet die Suche womöglich sehr schnell in einer Sackgasse.
  • Themen generieren
    Wer regelmäßig durch seine Gruppen bei StudiVZ oder Facebook und die seiner Freunde surft, kann hier ständig neue Themen finden. Denn sobald den Nutzern etwas unter den Nägeln brennt, wollen sie darüber diskutieren. Das fördert interessante Gedanken zu Tage. Bei LinkedIn gibt es außerdem die schon erwähnte Kategorie Fragen und Antworten, wo ihr in Kategorien wie Umwelt oder Gesetz nach aktuell besprochenen Themen suchen könnt Bei Xing gibt es neben Gruppen außerdem einen Eventkalender.
  • Social Networks und Google
    Wie sich die Operatoren der Google-Suche am besten für die Suche in Communities instrumentalisieren lassen, könnt ihr auf journalism.co.uk lesen.

Besonderen Bedingungen im Social Web

So gut und hilfreich Communities auch für die journalistische Recherche sein können, es gelten dabei immer besondere Bedingungen. Das Durchsuchen der Online-Profile kann zum einen keinesfalls den direkten Kontakt mit einer Person ersetzen. Zum anderen weist das amerikanische Poynter-Institut darauf hin, dass die Onliner immer noch nur einen bestimmten Teil der Bevölkerung abdecken. Das heißt im Klartext: Verlasst euch nicht nur auf im Internet gefundene Quellen, wenn ihr ein umfassendes Bild erhalten wollt – wie es im Journalismus ohnehin üblich ein sollte. Und habt bei eurer Recherche stets die Besonderheiten des Social Webs im Kopf.

Der Fall eines Journalisten, der sich für eine Recherche unter falschem Namen bei StudiVZ anmeldete, zeigt außerdem, wie schnell sich im Social Web journalistischen Grundsätze überschreiten lassen. Und für die Bild-Zeitung ist die Freizügigkeit der Menschen im Internet ein gefundenes Fressen. StudiVZ sei eine große, kostenlos zugängige Datenbank potentieller Opfer für Boulevardmedien wie die Bild, schrieb die taz im vergangenen Jahr.

Communities ergeben ganz neue berufsethische Herausforderungen für Medienschaffende: Sind Web-Inhalte überhaupt mehr wert als ein Gerücht, das man irgendwo aufschnappt? Und wie geht man mit der Fülle an Informationen um, die User ins Netz stellen, ohne sich darüber im Klaren zu sein, dass auch Journalisten diese Dinge lesen und nutzen können? “Man muss die Community-Mitglieder vor sich selbst schützen”, sagt Manfred Redelfs, Leiter der Recherche-Abteilung bei Greenpeace in Hamburg und Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche.

Nur in Ausnahmefällen überwiege das öffentliche Interesse das Persönlichkeitsrecht. Ein Fall, in dem die Publikation von Details aus einem Online-Profile gerechtfertigt war, sei der Schwiegersohn von Ex-Vize-Präsidentschaftskandidatin Sarah Palin, erzählt Redelfs. “Auf dem Parteitag der Republikaner wird er von den Parteistrategen in bestem Licht präsentiert, also als Muster-Schwiegersohn, während die Informationen auf seiner MySpace-Seite ein ganz anderes Bild ergeben”, so Redelfs. Einige Tipps für den sensiblen Umgang mit Rechercheergebnissen aus Communities findet ihr auf telegraph.co.uk.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

 

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7 Kommentare

  1. schönes bild, sehr hilfreicher text!

  2. In dem erwähnten “Telegraph”-Blog gibt es dazu noch folgenden wichtigen Hinweis, den man nicht vergessen sollte:

    “Be aware that if you are reporting via a social network or online site your conversation may be visible to others. If you add a source, for example, as a Facebook friend, be aware that you may be ‘outing’ your source to others in your network. If you leave a comment on a blog asking for an interview remember that you may be tipping others off about the story you’re writing.”

    Der Recherchierende wird eventuell selbst sichtbar.

  3. Social Networks sind etwas Feines. Damit kann man euch Lackaffen von Journalisten und Möchtegern-Wichtigtuern endlich demontieren. Ein paar Klicks und man weiss, wer mit wem schläft und kungelt.

    Soso, Carolin, du recherchierst also? Ich auch. Ich habe über dich einiges Interessantes gefunden. Backst du Apfelkuchen? Ich hoffe es für dich, wenn ich dich bald besuche.

  4. Ich steh nicht so auf Apfelkuchen und backen kann ich im Übrigen nicht besonders gut. Das kannst du gerne auf deine Liste setzen, wenn’s dir Spaß macht. :-)

  5. Nachtrag: Ich kann zm Thema “Online-Ethik” außerdem diesen Artikel empfehlen

  6. Also ich hab schon sehr gute Erfahrungen mit

    http://www.wer-weiss-was.de

    gemacht!

  7. Tatsächlich ist doch jeder selbst dafür verantwortlich was er von sich Preis gibt. Etwas Selbstreflektion wäre sicher nicht falsch bevor man seine Angaben in den virtuellen Äther haut.

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  1. [...] Neumann: Wie man Social Networks für Recherchen nutzt. In: medienlese vom [...]

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